Die gestrige Lesung in Hamburg

Gestern Abend habe ich vor über fünfhundert (!) begeisterten Zuhörerinnen und Zuhörern im Rolf Liebermann-Studio des NDR in Hamburg aus meinem neuen Roman „Der von den Löwen träumte“ gelesen und über die Entstehungsgeschichte des Buches fast zwei Stunden mit dem brillanten NDR-Redakteur Alexander Solloch gesprochen.

Nachhören kann man das Ganze am Sonntag, dem 22.12.2019, ab 20 Uhr in der Sendung „Sonntagsstudio“ von NDR Kultur!

Hier eine erste Besprechung des Abends:

https://www.ndr.de/kultur/buch/Hanns-Josef-Ortheil-liest-aus-Der-von-den-Loewen-traeumte,ortheil162.html

 

Ortheils Abendmusiken

Am Sonntag, dem 24. November 2019, beginne ich in Wissen/Sieg, meinem westerwäldischen „Heimatort“, mit der neuen Reihe meiner Abendmusiken. Um 16.30 Uhr empfange ich meine Gäste in der Sala Ortheil (Mittelstraße 16), wo wir uns anhand von Material aus meinem Archiv zusammen auf das Thema Klavier/Klavierspielen einstimmen. Anschließend lese ich um 18 Uhr aus meinem Buch Wie ich Klavierspielen lernte (Insel Verlag) und zeige dabei auch ausgewählte Beispiele von pianistischen Auftritten und Hypnosen.

Die neue Reihe der Abendmusiken thematisiert Berührungen von Literatur und Musik und stellt originelle Beispiele für diese oft versteckten Szenarien vor.

https://www.ak-kurier.de/akkurier/www/artikel/84455-hanns-josef-ortheil-laedt-zu–abendmusiken-

Volodos spielt Schubert

In meinem Blogeintrag vom 25.10.2019 habe ich meinen schwierigen Umgang mit Franz Schuberts Klaviermusik erwähnt. Ich habe geschrieben, dass ich sie zwar gerne gehört, aber nicht habe spielen können. Wie gerufen kam daher der Hinweis einer Leserin dieses Blogs, die mich auf die Einspielung einer Schubert-Sonate und dreier Menuette durch Arcadi Volodos hinwies (gerade erst erschienen).

Oh ja! So sollte man Schubert spielen! Eine Musik, die sich immer wieder aus dem Singenden, Tänzerischen ins Pianissimo verflüchtigt: Als verschwinde ein nachdenklich gehender, herumstreunender Mensch in Waldesnischen. Das Streuen und Umschauen ist sehr gegenwärtig, aber eben auch die Waldumgebungen, geheime Fluchtorte, plötzlich sich auftuende Lichtungen – und eine Einsamkeit, die oft etwas schmerzhaftes hat, dann aber von kurzen, sehr tröstlichen Wendungen beruhigt wird.

Besondere Juwelen sind die drei Menuette. Das in Cis-Moll macht einem beinahe Angst: weil es von jemandem summt oder klingt, der sich in eine unendliche Ferne fortbewegt, wo er denn ganz alleine ist und uns nur noch einen letzten Abschiedsblick gewährt.

Schuberts letzte Sphären gehören zum Unheimlichsten, das die Musik hervorgebracht hat…

Tiepolo

Gestern in einer Ausstellung mit Bildern von Giovanni Battista Tiepolo (1696-1770), dem unverwechselbar venezianischen Maler. Ich liebe besonders seine Deckengemälde, deren größter Meister er war. Um sie angemessen zu betrachten, müsste man sich auf den Boden legen und das Schweben der offenen Himmel mit einem Fernglas studieren. Wo befinden sich eigentlich die Figuren? Angesaugt von der Fliehkraft eines fernen Blaus heben sie von ihren Bastionen zwischen Erde und Himmel ab. Einige kauern, lagern und genießen die Nachdenklichkeit, andere triumphieren, spielen ein Instrument, zeichnen, agieren. Die meisten erscheinen in kleinen Gruppen und sind der irdischen Fragen enthoben. Ihr Lebensstoff ist das Transzendieren, das Hinübergleiten von der Erdschwere der alten Themen hin zur Leichtigkeit des Jenseitigen. So umspielen sie Formen des Traums. Nicht mehr greifbar, aber auch noch nicht entschwunden, sind sie musikalische Wesen, lyrischen Klangwelten ausgesetzt, von deren Substanzen nur die größten Dichter etwas geahnt haben.

Wie es nun weitergeht

Am kommenden Samstag, dem 09. November 2019, lese ich um 20 Uhr aus meinem Buch „Wie ich Klavierspielen lernte“ in der Kulturkirche Köln in Köln-Nippes (Siebachstraße 85).

Und am Dienstag, dem 12. November 2019, lese ich um 19.30 Uhr im Rolf Liebermann-Studio des Norddeutschen Rundfunks in Hamburg, Oberstraße 120 (Moderation: Alexander Solloch) aus meinem Roman „Der von den Löwen träumte“.

Entzifferung eines aktuellen Werbeplakats

In den Seminaren von Roland Barthes (Mythen des Alltags) war die Entzifferung von Werbung oft ein Sport. Widmen wir uns also diesem Plakat, einem Fundstück auf einem beliebigen Bahnhof:

Sie fährt das schwerste und bekannteste Motorrad, eine (unverschämt) neue und glänzende Harley-Davidson, auf der sie niemanden zum Mitfahren einladen wird. Den Ebenen ist sie weit entrückt, wir befinden uns in den Bergen, dort, wo die Straßen nicht mehr asphaltiert sind. Sie legt eine Pause ein und strahlt gelassen mit einem Glücksblick hinauf zum Himmel. Die Haare offen, den Helm längst abgelegt. Sie trägt fingerlose Lederhandschuhe (wahrscheinlich aus Lammfell) und eine Lederjacke, die perfekt sitzt, sie aber nicht einengt (deshalb oben offen). Die erdbezogenen Stiefeletten sind gekonnt staubig. Das einzige Manko: Die klotzig wirkende Ledertasche mit den Utensilien für Tag und Nacht (gehört zu einem ganz anderen Lifestyle). Gerade öffnet sie eine Wasserflasche und gibt vor dem Schluck zu erkennen: Ich bin genau da, wo ich sein wollte. Allein, entrückt, dem Himmel nahe, auf niemanden angewiesen, mit nichts Weiterem beschäftigt als dem Genuss dieses Augenblicks.

Völlig überflüssig und dümmlich daher der Textkommentar: „Unabhängig ist einfach …“ (Ein gutes Bildarrangement spricht für sich selbst …)

Rückkehr ins normale Leben

„Welchen Eindruck hatten Sie denn von mir in den letzten Wochen?“ fragte ich beim Abschied die Sporttherapeutin. – „Och“, antwortete sie, „Sie waren motiviert, aufgeschlossen und fast immer gut gelaunt.“ – „Vielen Dank“, antwortete ich, „Sie wiederum waren geduldig, ideenreich und ebenfalls fast immer gut gelaunt.“ – „Wir sollten einmal in Ruhe einen Kaffee miteinander trinken“, sagte sie. – „Sehr gern“, antwortete ich, „aber bitte nicht heute, am Tag meiner Rückkehr ins normale Leben.“ – „Aber wann denn?“ – „Ich schlage mal vor: in einem Jahr, genau am heutigen Tag, gegen 17 Uhr. Wenn ich hoffentlich endgültig wieder ganz da bin.“ – „Okay, dann notiere ich mir den heutigen Tag, 17 Uhr.“ – „Einverstanden, behalten wir diesen Tag im Blick. Auf Wiedersehen und – großen Dank!“ – „Auf Wiedersehen – und machen Sie bloß weiter mit dem Schreiben!“ – „Keine Sorge, ich habe mich inzwischen selbst überzeugt …“

Neues aus dem Pianistenhimmel

Daniil Trifonow hat nun auch das erste und dritte Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow eingespielt, nachdem er im vorigen Jahr das zweite und vierte vorgelegt hat. Damit hat er sich allen vier Klavierkonzerten von Rachmaninow gewidmet.

In einem ausführlichen Interview in der FAZ (vom 14. Oktober 2019) hat er davon erzählt, dass er das zweite oft unter Wasser, im Swimmingpool, geübt habe. Unter Wasser treffen die Hände auf einen gewissen Widerstand, und die Neigung, aufs Ganze, Laute oder Extreme zu gehen, wird blockiert. Das Spiel lässt sich dadurch feiner nuancieren, was dem Hang Rachmaninows, seine Melodien über lange Distanzen zu führen, entgegenkommt.

Das zweite und dritte Klavierkonzert sind rare Schöpfungen, weil das Klavier in allen Sätzen dieser Konzerte dominant ist. Es gibt die Melodien vor, es führt sie weiter, es lässt das Orchester hinterher- oder nebenherlaufen. Die anderen Instrumente dürfen höchstens hier und da aufseufzen, wehklagen oder mitschwimmen im Strom eines wunderbaren Gesangs, der seine Wurzeln in der altrussischen Musik hat.

Rachmaninows Musik macht süchtig. Wenn ich diese Einspielungen mehrmals höre, bekomme ich sie nicht mehr aus dem Kopf. Sie singen in mir weiter und verdrängen jede andere Musik.

Trifonow hat sich für eine Gesamteinspielung der Konzerte entschieden. Das ist die traditionelle Variante eines Umgangs mit den großen Werken der Meister. Von Igor Levit hört man, dass er gerade die 32 Klaviersonaten Beethovens eingespielt hat, während Martha Argerich in einem Gespräch erläuterte, dass sie von den fünf Klavierkonzerten Beethovens nur wenige spielt, das bekannte fünfte zum Beispiel überhaupt nicht. So macht sie darauf aufmerksam, dass selbst die anerkanntesten und berühmtesten Werke Klavierstücke sind, die sich einem Interpreten entgegenstellen können. Er/Sie findet keinen Zugang zu ihnen, sie wirken auf ihn versperrt, wollen nicht klingen, passen nicht zum inneren Kosmos der Klangerwartungen.

(Ich erinnere mich gut, welchen Umweg ich früher um die Klaviersonaten Franz Schuberts machte. Ich hörte sie sehr gern, aber ich mochte sie einfach nicht spielen. Interessanter Fall, etwas für die „Analyse“ …)

Heute erscheint „Der von den Löwen träumte“

Heute erscheint mein neuer Roman Der von den Löwen träumte (Luchterhand Literaturverlag) – ich habe ihn bereits kurz in diesem Blog vorgestellt. Geschrieben habe ich große Teile dieses Buches in dem einsam gelegenen Lagunenort Torcello, in dem auch Hemingway im Winter 1948/1949 einige Zeit verbrachte, um dort aus einer großen Schreibkrise heraus und wieder zum Schreiben zurück zu finden. Nach mehreren Rücksprachen mit dem Besitzer der Locanda Cipriani, in der sich Hemingway zwei Zimmer gemietet hatte, konnte ich in diese Zimmer einziehen und (nach langer Zeit der Vorbereitung) mit dem Schreiben meines Romans beginnen. Während dieser Tage entstand ein kleines Video, das zumindest eine ungefähre Vorstellung von dem weiten Raum gibt, in dem ich schreiben und nachdenken durfte.

Dieses Video findet man auf der Amazon-Seite, die den Roman vorstellt – nach den üblichen Text-Informationen, unter dem Stichwort „Verwandte Medien“ (über Handy/Smartphone eventuell nicht möglich). Es ist etwa sechs Minuten lang.

 

Was ist die SALA und was nicht

Die SALA Ortheil, die ich vor wenigen Tagen in Wissen/Sieg eröffnet habe (Mittelstraße 16), ist kein Museum und auch kein Ausstellungsraum. Vergegenwärtigt man sich ihre Vergangenheit, so ist sie ein normaler Verkaufsladen im Zentrum von Wissen. Ich habe ihn entkernen und renovieren lassen, er strahlt heute an den Wänden in schlichtem Weiß und hat einen ochsenblutroten, glatten Boden. Keine Pfeiler und Pfosten, keinerlei Unterteilungen, sondern ein Raumganzes von etwa achtzig Quadratmetern.

An den Wänden befinden sich etwa fünfzig Fotografien aus der fotografischen Sammlung meiner Eltern, Fotos ihrer Geburts- und früheren Wohnhäuser (in Wissen), ältere Fotos von der Stadt, genealogische Fotos von den beiden elterlichen Familien, denen ich entstamme, Fotos von dem Kind, das ich einmal war. Es sind „Herzensbilder“, die ich ausgewählt habe, weil jedes von ihnen eine Anregung für mein Schreiben bedeutete und in einem meiner Bücher eine inspirierende Rolle spielt.

Daneben gibt es einige ältere Möbel aus dem Möbellager der Familie, so die Wohnzimmereinrichtung meiner Eltern aus dem Berlin von 1939/1940, ein Sofa, zwei Sessel, ein Tisch, ein Küchenbüffet, eine Uhr, ein Radio. Sie markieren eine Vergangenheit, der ich mich zum Beispiel in meinen Büchern Hecke, Blauer Weg, Die Berlinreise besonders ausführlich gewidmet habe.

Außerdem noch zwei Glasvitrinen: eine mit meinen Schreibmaschinen (seit den fünfziger Jahren) und eine mit Kinderspielzeug.

Schließlich noch zwei Regale: Eins mit Büchern der elterlichen Bibliothek, eins mit jenen meiner Bücher, die sich auf meine westerwäldische Herkunft beziehen.

Ein kleiner Schreibtisch steht zwischen ihnen, er ist das Zitat der vielen Arbeit, die all diese Materialien miteinander verbindet. Darüber hinaus ist er aber auch ein Möbelstück, das in die Zukunft verweist. An diesem Schreibtisch werde ich dann und wann sitzen und schreiben und den Raum dadurch in ein Arbeitszimmer verwandeln, dessen unterschiedliche imaginative Welten mich inspirieren.

Im Italienischen gibt es für all das ein schönes Wort: Studiolo …- was soviel meint wie „Studio“ oder „Imaginarium“ (hätte Roland Barthes gesagt). In einem Studiolo arbeitet ein Schriftsteller, umgeben von Bildern und Gegenständen, die er liebt, an seinen Werken. Dahin zieht er sich oft zurück, so dass der Raum den Charakter einer Klause erhält und sein dort stattfindendes Leben in eine Klausur verwandelt.

Ein solcher Raum wird dann und wann aber auch für Freunde, Gäste oder Gesprächspartner geöffnet. Dann lässt der Schriftsteller sie an seinen Arbeitsprozessen teilhaben. Genau darin bestehen die Aufgaben der SALA: ein privates Studio mit imaginativem Charakter zu sein, aber auch ein öffentlicher Salon, in dem ich Menschen empfange, die sich für meine Arbeit interessieren.