Eine Botschaft für Frau Merkel

(Am 30. Oktober 2020 auch als Kolumne im „Kölner Stadt-Anzeiger, S. 4)

Guten Tag, Frau Merkel, ich melde mich aus meiner einsamen Klause: Häuschen, Garten und ein Stückchen Wald. Ich bin gesund, ich habe die neusten Beschlüsse zur Kenntnis genommen und handle entsprechend.

Der Morgen beginnt mit einem Blick auf das Alpenpanorama von 3sat, minutenlange Bilder von Alpengletschern und weiten Tälern. Der Wilde Kaiser, das Nebelhorn. Kein Mensch ist zu sehen, kein Tier, keine Bewegung, selbst die Sessellifte stehen still – das ist ein wunderbarer Auftakt für den weiteren Tag, an dem nichts so sehr geboten ist wie das Vermeiden von Kontakten oder intensive Bewegung.

Ich tröste mich mit dem Blick auf die hochaktiven Eichhörnchen, sie planen den Winter und sammeln momentan eine unvorstellbare Zahl von Nüssen und anderen Delikatessen. Ich selbst vermeide Delikatessen, schon das Wort ist mir fremd geworden, lieber gehe ich in mich gekehrt und selbstverständlich allein durch den Garten, ernte Äpfel, Birnen und Quitten und verspeise sie morgens, mittags und abends.

Ich denke nicht mehr daran, meine nächsten Kreise längere Zeit zu verlassen, schon bei der bloßen Vorstellung sehe ich Sie vor mir, wie Sie ihr strenges Pokerface aufsetzen oder genervt mit den Augen rollen. Wenn Sie Putin, Trump oder Boris Johnson begegnen, lassen Sie diesen Merkelroller kreisen, ich träume bereits davon, und wenn ich einen Schritt hinaus ins freiere Leben mache, begleitet er mich, und ich blicke verschämt zu Boden. Wie konnte ich nur daran denken, mich mit meinen Freunden zu treffen? Wie kam es mir bloß in den Sinn, meinen baldigen Geburtstag fröhlich und in großer Runde zu feiern?

Ich werde natürlich darauf verzichten, liebe Frau Merkel, ich werde allein bleiben, nur meine Frau wird mir als einzige Live-Gratulantin ein Ständchen singen. Nein, sie wird mich nicht umarmen, auch einen Kuss ersparen wir uns. Wir werden sprachlos durch die herbstlichen Wälder tappen und schnüffelnden Hunden ebenso ausweichen wie kinderreichen Familien. Sollte es uns dennoch für ein Stündchen zum Einkauf in die Stadt verschlagen, werden wir unser markantes Maskendeutsch intonieren: Knappe Ansagen, keine Adjektive und Verben, Ausrufezeichen nach jedem Substantiv!

Hehre Mutter des Landes, ich werde gehorsam sein und mich so wenig regen wie möglich. Das ferne Leben werde ich über Webcams verfolgen und mir den Angsttraum eines Grabsteins verbieten, auf dem stehen könnte: „Er war mit allem einverstanden.“

Beethoven 5

Das Beethovenjahr geht auf sein Ende zu. Mitte Dezember wird man seinen 250. Geburtstag feiern. Auf dieses Datum möchte ich (nach mehreren Blogeinträgen in diesem Jahr) abschließend hinführen – durch einige weitere Vorschläge, sich mit diesem gewaltigen Musikkontinent zu beschäftigen. Bewusst wähle ich Verblüffendes, wenig Bekanntes, das noch einen starken Überraschungscharakter hat:

Ludwig van Beethoven ist neunzehn Jahre alt, als er sich – noch in seiner Geburtsstadt Bonn – eine Kompositionsaufgabe stellt: Ein kurzes musikalisches Motiv durch alle Dur-Tonarten zu führen. So entstehen zwei Präludien (op. 39), hier geht es um die Nr.1.

Die folgende Videoprojektion macht den Wechsel der Tonarten gut nachvollziehbar. Man hört (und sieht), wie Beethoven die verschiedenen Tonarten charakterisiert, welches Tempo er für sie wählt und wie er insgesamt jeweils mit einer bestimmten Tonart umgeht und ihr zu einem eigenen Ausdruck verhilft.

So gehört (und gesehen) erlebt man ein Kompositionstraining als Hörtraining.

Viel Vergnügen!

Thomas Oppermann ist gestorben

Gestern erfuhr ich, dass Thomas Oppermann, Vizepräsident des Deutschen Bundestages, unerwartet und plötzlich in Göttingen gestorben ist. Von 1998 bis 2003 war er in Niedersachsen Minister für Wissenschaft und Kultur. In dieser Zeit spielte er in meinem Leben eine wichtige Rolle, denn er war es, der mich auf eine Professur an der Universität Hildesheim berief.

Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich auf einer Autobahnraststätte einen plötzlichen Handy-Anruf von ihm erhielt. Dabei fragte er mich, ob ich bereit sei, diese Professur zu übernehmen und den Studiengang „Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus“ weiter zu entwickeln und zu profilieren. Ich sagte sofort zu.

Nach meiner Berufung hat er mich dann und wann erneut angerufen und mit mir über diese Aufgabe gesprochen. Er war ein kluger, sensibler und humorvoller Politiker mit einem starken Interesse an Literatur und den Künsten, so dass jedes Gespräch viel mehr war als eine blosse Information über universitäre Angelegenheiten. Bis zu seinem Tod habe ich ihn immer im Auge behalten, so, wie man einen alten, sympathischen Bekannten im Auge behält, mit dem man sich irgendwann wieder treffen und unterhalten wird.

Er hatte mitgeteilt, dass er nicht erneut für den Bundestag kandidieren und aus politischen Ämtern ausscheiden werde. Wie gerne hätte ich ihn in Göttingen wiedergesehen, um nicht nur über das Hildesheimer Schreibinstitut, sondern über viel mehr zu sprechen. Ich werde mich mein Leben lang an unsere Gespräche erinnern.

Herbst – in meinen Gärten und Wäldern

Der Baumhimmel der Äste und Zweige schüttelt sich in den herbstlichen Wettern und flieht zu Boden, wo er sich zu dicht gewebten Teppichen ausbreitet, in Erwartung der graueren Tage.

Die Saat der Flut – jedes Blatt eine Nuance verblassender Farbe, aufeinander geschichtet zu einem späten Tanz, der im Regen und in der zunehmenden Kälte der Tage langsam abnimmt und in den dunklen Erdtönen versiegt.

Nachts leuchten diese Szenen noch einmal auf, als zündeten die glimmenden Wirbel dieser späten Kombinationen einen kaum erwarteten Spuk. Dann beginnen die Stunden der wispernden Geister, die sich brütend und schwer mit dem Atem der Erde verbünden und darüber wachen, dass niemand die Ruhe der Szenen stört.

(Das Buch In meinen Gärten und Wäldern ist gerade erschienen, dieser Text aber ist neu und wird irgendwann in einer erweiterten zweiten Auflage auftauchen.)

Bin ich etwa (auch) ein japanischer Schriftsteller?

In früheren Zeiten haben viele Dichter und Schriftsteller sich an fernen Kulturen orientiert, die sie oft weder gesehen noch (in heutigem Sinn) tiefer erforscht hatten. Johann Joachim Winckelmanns Griechenland ist ein gutes Beispiel. Seine epochemachenden Worte von der „edlen Einfalt und stillen Größe“ griechischer Kultur hatte er vor allem nach dem Studium von Kopien griechischer Plastiken in Rom erfunden, sie waren die ästhetische Grundformel für den Klassizismus und die Griechenlandbegeisterung, die deutsche Dichter, Philosophen und Forscher in den folgenden Jahrhunderten weiter entwickelten (ich denke an Goethe, Hölderlin, Nietzsche und viele andere).

Neben Griechenland waren es vor allem Italien und Frankreich, um die solche kulturellen Fernfantasien kreisten. Da diese beiden Länder von Deutschland aus nicht so schwer zu erreichen waren, galten ihnen zumindest längere Exkursionen, die das freie Fantasieren dann mehr oder minder fundiert erweiterten.

Schon seit einiger Zeit habe ich die seltsame Vermutung, dass ich selbst eine starke Ferneuphorie für das empfinde, was ich unter der alten japanischen Kultur zu verstehen glaube. Ich war nie in Japan, und ich kenne diese Kultur auch nicht aus längeren Abhandlungen. Es sind eher einige wenige Texte, die mich sehr faszinieren und beschäftigen: So etwa Matsuo Bashōs Reisetagebuch Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland oder – noch stärker – Sei Shōnagons Kopfkissenbuch. Daneben habe ich nach der Lektüre des Japanbuches von Roland Barthes (Das Reich der Zeichen) die Vorstellung entwickelt, an seiner Seite in Japan gewesen zu sein.

Dass ich mit meinen inneren Bildern und Fantasien, vor allem aber auch mit bestimmten Formen meines Sehens, Denkens und Handelns in einem imaginären Japan lebe, wird mir im kommenden Jahr auch der Japanische Taschenkalender für das Jahr 2021 bestätigen. Er wird mich animieren, die Jahreszeiten mit den Augen der japanischen Haikumeister im Umkreis von Matsuo Bashō zu sehen. Woche für Woche werde ich ein auf die jeweiligen Jahreszeiten bezogenes Haiku lesen, dessen tieferer, für uns Europäer unzugänglicher Sinn sich vor allem dadurch erschließt, dass der Japanologe Ekkehard May es eingehend und verblüffend erläutert. Hinzu kommen schließlich noch Zeichnungen aus der Japan-Sammlung des Metropolitan Museums in New York, die den Text verlebendigen.

Eingefügt in diese Text-Bild-Natur-Rhythmen sind außerdem auch leere Seiten, die sich zum eigenen Notieren eignen. Das habe ich mir immer gewünscht: Ein altjapanisches Wander- und Dichterleben zu führen und es (handschriftlich) im Verlauf eines ganzen Jahres zu dokumentieren. Schon in etwa zwei Monaten geht es los, der Kalender liegt bereits auf meinem Arbeitstisch…

Ilex – in meinen Gärten und Wäldern

Meine Eltern kannten die Namen der Pflanzen, Sträucher und Bäume in unseren Westerwälder Gärten genau. Fragte ich danach, erhielt ich meist eine Auskunft, konnte mir die Namen aber oft nur unvollständig oder in kindlich veränderter Version merken.

„Ilex“ dagegen war ein Name, den ich nie vergaß, denn er passte genau zu dem leuchtend-gefährlichen Rot der in dichten Trauben versammelten kleinen Früchte und den dornigen, aufflammenden Zacken der ledrigen Blätter.

Ich wagte nie, sie zu berühren, aus Angst, gestochen oder vergiftet zu werden, ja, selbst die Vögel hätte ich am liebsten gewarnt, auf keinen Fall von ihnen zu kosten.

Dabei gefiel mir ihr Leuchten doch sehr, und ich musste in den herbstlichen Tagen oft hinschauen: auf den Kranz der grellgrünen Blätter mit ihren fein ausgemalten, hellen Umrandungen und auf die Nestfülle des Rot, das sich so lange hielt und selbst bei kälteren Temperaturen nicht vergehen wollte.

„Ilex“ war für mich der Name einer magischen Pflanze, die etwas Märchenhaftes hatte und zu Schneewittchen passen würde: Stechend und schwere Blutstropfen vergießend, die das Rot der Früchte mit einem nachdunkelnden Ton überzogen hätten.

(Das Buch In meinen Gärten und Wäldern ist gerade erschienen, dieser Text aber ist neu und wird irgendwann in einer erweiterten zweiten Auflage auftauchen.)

Lydia Davis erzählt

Seit einigen Jahren erscheinen die Stories der amerikanischen Schriftstellerin Lydia Davis im Droschl Verlag – und ich kann sagen, dass ich jede Neuerscheinung sofort gelesen habe und beinahe zwanghaft mit den Augen von Lydia Davis durch die unheimlichen Welten unseres Alltags gewandert bin.

Erzählt wird von vielen kleinen, unauffälligen Dingen und manchen großen Gefühlen, die aber nicht laut oder dominant ausbrechen, sondern von einer klugen Erzählerin meisterhaft im Zaum gehalten werden. Sie macht das mit äußerster Raffinesse, jede Story ist ein singulärer geschliffener Murmel, der einem vor die Füße kollert, die Schieflagen des Fußbodens auslotet und in einem vorher nie gesehenen schwarzen Loch verschwindet.

So erlebt man fasziniert mit, auf wie eigene und noch nie so gelesene Weise man einen Erzählstoff behandeln und formen kann. Nach der Lektüre jeder Erzählung bin ich aufs Neue verblüfft: So geht das also auch, so elegant und originell!

Legt man das Buch beiseite, friert es einen ein bißchen, und man überlegt, was sich hinter dem minimalen Riß in der Tapete alles verbergen könnte.

Lydia Davis: Es ist, wie’s ist. Stories. Aus dem Amerikanischen von Klaus Hoffer. Literaturverlag Droschl 

In meinen Gärten und Wäldern – ist erschienen

(In dieser Woche ist mein Buch In meinen Gärten und Wäldern erschienen. Hier das Motto und das Vorwort.)

Die stille, reine, immer wiederkehrende, leidenlose Vegetation tröstet mich oft über der Menschen Not…“

(Goethe an Lavater, 9. April 1781)

Vor einem halben Jahr hatte ich eine komplizierte Herz-Operation zu überstehen, deren nicht nur gesundheitliche Folgen mich lange beschäftigt haben. Während meiner Erkrankung begann ich, Texte und Fotografien aus den Jahren vor der Operation wieder anzuschauen. Sie porträtierten Mikrokosmen jener Gärten, in denen ich seit Jahrzehnten lebe. 

Sie liegen in einem großenteils steilen früheren Weinberggelände im Stuttgarter Süden, von dem aus ich auf die Stadt blicken kann. Auch in den angrenzenden Wäldern sowie in den Waldlandschaften in der Umgebung meines Westerwälder Elternhauses bin ich fündig geworden.

Die Fotografien (mit dem Smartphone) sind beiläufig entstanden, immer dann, wenn ein wenig Zeit vorhanden und die Anziehung eines bestimmten Motivs stark genug war. Große Vorbereitungen habe ich für sie also nicht getroffen, während ich an den Texten gefeilt und sie oft überarbeitet habe.

Sie gelten Pflanzen, die in meinen Gärten wild gewachsen sind und keineswegs eigens angepflanzt wurden. Ein typischer Gärtner bin ich nicht, sondern eher (wie es in einem der Texte heißt) „ein Gartengeselle“, der vor sich hin summend durch das Gelände geht und über viele oft unerwartete Erscheinungen staunt.

Die kleinen Wohnhäuser, die dazu gehören, gehen direkt in die Gartenlandschaften über. Sie haben nichts Festes, Abgeschlossenes, Dominantes, sondern sind zu den Gärten hin offen. Ein kleiner Schritt hinaus – und man steht im Grün, so dass die verschiedensten Pflanzen, Sträucher und Bäume wie Lebewesen erscheinen, die sich um einen scharen. Daher sehe, spüre und rieche ich die Jahreszeiten aus der Nähe und kann das allmähliche, kontinuierliche Vergehen von Zeit täglich verfolgen.

Die Gärten sind zugleich die Zonen der vielen Lebewesen in meiner Nähe. Keines von ihnen bewohnt das Haus (es gibt keine „Haustiere“), die meisten sehe ich dennoch fast Tag für Tag (Vögel, Katzen, Füchse, Feuersalamander, Schmetterlinge, Mäuse, Eichhörnchen, Schlangen).

Die aufmerksame Konzentration auf die Details von Pflanzen, Bäumen und Waldbeständen habe ich in der Kindheit durch meinen Vater kennengelernt. Er war es auch, der mir beigebracht hat, derart genau und geduldig über solche Details zu schreiben (in meinem Buch Der Stift und das Papier habe ich von diesen kreativen Stunden erzählt).

Später habe ich Texte von Dichtern und Schriftstellern gelesen, die mich weiter auf diesen meditativen Wegen begleitet haben. So etwa der französische Schriftsteller Francis Ponge, dessen Prosagedichte Le parti pris des choses (Im Namen der Dinge) ich ebenso bewundert habe wie die Haiku-Dichtung, die der japanische Dichter Matsuo Bashō auf seinen Schmalen Pfaden durchs Hinterland bereits im 17. Jahrhundert notierte. Die Traditionen der Prosagedichte und der Haiku-Lyrik leben denn auch in meinen Texten weiter.

Das erneute Studium der in den letzten Jahren entstandenen Texte und Fotografien hat mir den vertrauten natürlichen Kreislauf zweier Garten- und Waldlandschaften wieder nahegebracht und Lust gemacht, meinen Blick auf ihre Besonderheiten weiter zu schulen.

Ich veröffentliche sie als einen Zyklus, von dessen Lektüre ich mir für die Leserinnen und Leser ähnlich gute Wirkungen erhoffe.

 

Klaus Siblewski wird siebzig

(Dieser Glückwunsch für Klaus Siblewski erscheint heute auch auf www.boersenblatt.net.)

Es ist neun Uhr, in wenigen Minuten wird mich mein Lektor Klaus Siblewski anrufen. Alle paar Tage telefonieren wir kurz nach neun miteinander. Nicht nur über den Fortgang meiner literarischen Arbeiten, sondern auch über Neuerscheinungen, die Frankfurter Eintracht, Bergtouren in Bayern oder gerade erschienene Jazz-CDs. Bevor wir in den Tag starten, befreien wir uns von einigen Aufdringlichkeiten und kreisen über den kulturellen Feldern.

Mit niemandem kann ich das so gut wie mit Klaus. Er ist nicht nur der ideale, verschwiegene Zuhörer, sondern auch ein brillanter Returner, der auf bestimmte Stichworte mit mindestens einer noch nie gehörten Geschichte antwortet. Oft hat sie eine humoristische Komponente, denn Klaus Siblewski hat mit vielen Autorinnen und Autoren zusammengearbeitet, die sich auch darauf verstehen: Günter Grass, Ernst Jandl, Franz Hohler, Peter Bichsel, Terézia Mora, um nur einige zu nennen.

Über sich selbst erzählt er in diesem Ton dagegen nur zurückhaltend, obwohl er genau weiß, dass mindestens ein großer humoristischer Roman in ihm schlummert. Es ist der Roman über einen Mann, der seit vierzig Jahren für einen einzigen Verlag als Lektor gearbeitet und alles miterlebt hat, was so ein Lektorenleben an Skurrilem bietet. Ein Roman über ein Urgestein in der deutschen Lektorenriege, das mit den Jahrzehnten selbst zu einer großen literarischen Figur geworden ist.

Klaus ist Frankfurter, das aber nicht nur. Sein Vater kam aus Danzig, seine Mutter aus München, beide begegneten sich nach dem Krieg halbwegs in der Mitte, wo sie mit dem 1950 geborenen Sohn ein Frankfurt-Leben führten, ohne sich jemals wieder nach Danzig oder München auf den Weg zu machen. All diese Welten spielen jedoch weiter in Siblewkis Leben hinein, und wenn es ihn packt, fährt er an die Ostsee, schwimmt dort bei 13 Grad in den Fluten und schafft danach die Elternkehre nach München, in dessen Nähe er auf dem Land lebt und die Berge besteigt.

Im Luchterhand-Verlag hat 1980 alles angefangen, und Klaus erzählt manchmal von seiner ersten Lektorenbegegnung mit einer Autorin. Da saß er bei Gabriele Wohmann in deren Wohnung auf dem Sofa, trank Tee und harrte der Dinge, die da kommen mochten: Was erwartete man von ihm? Wie genau konnte er helfen? Ging es um kleinere Korrekturvorschläge oder um eine eingreifende Mitarbeit an einem in Entstehung befindlichen Text? Und welche Rolle spielte bei alledem Herr Wohmann, der den Tee servierte?

Klaus hatte in Frankfurt Germanistik studiert, sich aber auch in den anderen akademischen Milieus dieser Stadt umgetan. In der Philosophie (nach Adorno), in der Soziologie (nach Habermas), aber auch in der Musikhochschule, wo er Freunde unter den jüngeren Pianisten hatte. Die stärksten Anregungen erhielt er aus den Veranstaltungen und Seminaren des Sigmund-Freud-Instituts. Wenige wissen es, ich aber weiß es genau: Klaus Siblewski ist ein so erfolgreicher und brillanter Lektor geworden, weil er sich jederzeit in Sigmund Freud verwandeln kann. Dann hört er einem ruhig zu, stellt Fragen, urteilt nie und wertet nicht. Er verwandelt das Gespräch über einen Text vielmehr in das Gleiten eines schmalen Bootes auf einem Fluss, der sich seinen Weg durch eine Ebene bahnt. An einer Stromschnelle wird ein Hindernis beseitigt, kleinere Äste werden aufgelesen und beiseite geräumt, und wenn die Fahrt zu langsam wird, verwandelt er sich in einen behutsamen Steuermann und reicht einem ein zweites Ruder.

Wer so mitdenkt, spricht und mitspielt, wird ein Teil des Textes, der entstehen soll. Der fremde Text lebt in ihm und fordert ihn insgeheim auf, das Fremde zu überschreiben. Wie aber wäre das möglich? Indem man sich korrigierend und gestaltend in ihn einschreibt, aber auch, indem man sich aus ihm herausschreibt – in einem eigenen Text. Genau an dieser Stelle lauert die Hürde, mit der sich Klaus Siblewski ein Leben lang beschäftigt und die er umkreist hat wie kein anderer. Sie besteht aus Antworten auf die Frage, wie und was Lektoren eigentlich schreiben. Einen Kontext? Paratexte? Oder lautlos bleibende und versickernde Paraphrasen zu dem, was die Autorinnen und Autoren ihnen anbieten?

Um das auf vielerlei Wegen zu erforschen, konnte Klaus Siblewski nicht nur Lektor bleiben. Er musste Wege und Institutionen finden, die es erlaubten, etwas so wenig Erforschtes wie die Methoden und Techniken des Lektorierens zum Thema zu machen. Nach seiner Promotion hat er Bücher dazu geschrieben und sich später sogar habilitiert. Seit vielen Jahren lehrt er das Lektorieren als Gastprofessor am „Institut für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft“ der Universität Hildesheim und betreut junge Studentinnen und Studenten, die an ihrem Debüt arbeiten. Dort hat er auch die „Deutsche Lektorenkonferenz“ ins Leben gerufen, ein jährliches Treffen von Lektorinnen und Lektoren bekannter Verlage, das er zehn Jahre geleitet hat.

Wohin sollte das führen? Dahin, die traditionell schweigsame Zunft zum Sprechen über ihr Arbeiten zu bringen und darüber nachzudenken, was Lektoren eigentlich tun, wenn sie lektorieren. Das Spektrum dieser Tätigkeiten hat er selbst in seinem Buch „Die diskreten Kritiker“ in Form einer biografischen Bestandsaufnahme fixiert und in anderen Formaten die nächsten Schritte getan. So als Herausgeber von Einzel- und Gesamtwerken seiner Autoren, so als passionierter Biograf (etwa von Ernst Jandl), aber auch als Literaturkritiker („Der Gelegenheitskritiker“) und als Autor eines hinreissend komischen Zwei-Personen-Stücks, indem er sich (konsequent den Lektorenimpuls aufgreifend) in Ernst Jandl versetzte und einen Lektor im Gespräch mit einem seiner Lieblingsautoren inszenierte („Telefongespräche mit Ernst Jandl“).

Daneben hat er Grundlagenforschung betrieben. In drei Büchern („Wie Gedichte entstehen“, „Wie Dramen entstehen“ und „Wie Romane entstehen“) hat er zusammen mit den Schriftstellern Norbert Hummelt, John von Düffel und mir selbst die einzelnen Schritte von Entstehungsprozessen literarischer Werke minuziös aus Autoren- und Lektorenperspektive erläutert. Sie gehören, viel gelesen und besprochen, inzwischen zu den Standardwerken der Forschungen über die ästhetischen Anforderungen des Lektorenberufs.

Heute wird Klaus Siblewski siebzig. Ich bin sicher, er wird einmal mindestens hundert, klug, gescheit, vital und humorvoll, wie er geblieben ist. Irgendwann wird er mir während unserer Telefonate vorsichtig andeuten, dass er an einem biografischen Roman schreibt. „Biografisch“ wird er sagen und nicht „autobiografisch“, um mir nicht in die Quere zu kommen. Ich werde hellwach hinhören und ein paar Fragen stellen. Und dann werde ich, so Gott will, mit meinen wenigen Kräften versuchen, den großen Roman von Klaus Siblewski beratend zu begleiten. Wird mir das gelingen? Ich habe meine Zweifel.

Bis es soweit ist, sage ich vorerst: Mein lieber, guter Freund, ich danke Dir von Herzen für über zwanzig wunderbare Jahre gemeinsamen Tuns, Nachdenkens und Sprechens! Lass uns bitte nicht damit aufhören! Und lass uns schon heute weiterreden: über die Gedichte von Louise Glück, über die neue CD von Michael Wollny und über das nächste Auswärtsspiel der Frankfurter Eintracht (am Samstag, ausgerechnet beim FC in meiner Heimatstadt Köln…).