Grosse Ferien 14 – Intermezzo

Der erste Teil der Grossen Ferien 2018 liegt hinter mir. Ich war in den Bergen unterwegs, wanderte mit Fermer, schwamm in Waldseen und versteckten Freibädern, las Bücher von Knausgård, Joubert und Silke Scheuermann (Gerade noch dunkel genug. Frankfurter Poetikvorlesungen), schrieb kurze Texte zu Bildern von Edward Hopper, sah Trifonov spielen, hörte Klaviermusik von Henning Schmiedt und korrigierte die 640 Seiten meines im November 2018 erscheinenden Buches Die Mittelmeerreise.

Für eine Woche lege ich nun ein kleines Intermezzo (Sechs Intermezzi, op.4, von Robert Schumann, gespielt von Andrea Padova) ein, um danach aus den Bergen an eine Küste zu reisen und den zweiten Teil der Grossen Ferien einzuleiten.

Tag für Tag werde ich im Meer schwimmen, neue Bücher (Nachtleuchten!) lesen, selber Klavier spielen und mich für den Herbst präparieren, wenn am 18. September 2018 in der Agnes-Kirche von Köln meine Lesereisen erneut beginnen.

Am 21. Oktober 2018 steht dann die Premierenlesung von Die Mittelmeerreise in meinem westerwäldischen Heimatort Wissen/Sieg an, an einem Sonntagmorgen als Matinée um 11 Uhr – wie ich mich darauf freue! (Es wird eine ganz besondere Lesung …)

Grosse Ferien 13 – Longlist

Die Longlist mit zwanzig Romanen (dieses Frühjahrs oder Herbstes) für den Deutschen Buchpreis 2018 ist erschienen. Mein Gott – jedes Jahr wird rund um diese Liste ein immenses Theater gemacht, als gäbe es im jeweiligen Herbst keine anderen guten Bücher, die nicht auf dieser Liste stehen. Natürlich gibt es sie, und natürlich ist die Liste immer nur das Ergebnis des zähen Verteilungskampfes von Stimmen, die von sieben Jurorinnen oder Juroren abgegeben werden. Mich interessiert diese Longlist daher nicht besonders, ich habe sie nur einmal kurz überflogen, vielleicht präsentiert sie zumindest einige Titel, die ich hätte übersehen können.

Der erste, an dem ich hängen geblieben bin, ist Nachtleuchten von María Cecila Barbetta (S.Fischer Verlag). Von dieser aus Argentinien stammenden, seit vielen Jahren in Berlin lebenden Schriftstellerin habe ich bereits ihren Debütroman Änderungsschneiderei Los Milagros gelesen, der mich sehr beeindruckt hat. In Nachtleuchten werde ich mich auf jeden Fall bald vertiefen – und ich habe bereits damit begonnen, mich darauf einzustimmen.

Der Roman spielt in einer meiner „Lieblingsstädte“ (in der ich noch nie gewesen bin), nämlich in Buenos Aires. Den Raum des Romans habe ich durch viele mir bekannte Fotografien und Bilder der Stadt bereits schemenhaft vor Augen. Die Musik des Romans wiederum hat die Autorin in einer „Playlist“ zusammengestellt: Man klickt den Romantitel über „fischerverlage.de“ an und trifft auf die fünfundzwanzig Musikstücke, die den Roman begleiten. Und los geht es, mit El Cuartetazo …

Grosse Ferien 12 – Ein Sommer mit Joubert

Joseph Joubert (1754-1824) hat sein Leben lang kein Buch veröffentlicht, aber unaufhörlich notiert und geschrieben. Maurice Blanchot hat behauptet, dass Joubert auf diese Weise „Vorbereitungen, eins zu schreiben“, getroffen habe – aber das glaube ich nicht. Die Entscheidung, den fortlaufenden Strom des Nachdenkens für sich zu behalten, ist radikal. Er hat mit dem Entschluss, sich diesem Strom ganz anheim zu geben und keine Verfestigungen oder Abspaltungen zu dulden, zu tun.

Bis zu Jouberts Tod waren die unendlich vielen Notizen seines Lebens (zweihundertfünfzig kleine, gebundene Notizbücher) nicht nur ein Teil dieses Lebens, sondern sein Träger, sein Element, seine Dynamik. Hätte er ihnen etwas für die Veröffentlichung entnommen, hätte sein Schreiben eine zweite oder gar dritte Funktion (und unbestimmte Wirkungen) erhalten. Das aber wollte Joubert nicht, er wollte eins bleiben mit dem Geschriebenen – und so dichtete er es für immer nach außen hin ab: „Ich will nichts zu Papier bringen als das, was ich mir selber sagen möchte.“

Freunde (wie Denis Diderot, Restif de la Bretonne oder François-René de Chateaubriand) wussten natürlich von diesem Schreiben – und einige von ihnen kümmerten sich später um diese Texte und veröffentlichten sie in Auszügen. So wurde Joubert schließlich doch noch ein zwar nicht sehr bekannter, bis in die Gegenwart aber (vor allem von Literaten – wie etwa Elias Canetti oder Paul Auster) hoch geschätzter Schriftsteller.

Ein ganzes Leben lang nichts zu veröffentlichen und doch im Schreiben zu leben – das ist für Schriftsteller eine eminent verführerische Fantasie. Sie kokettiert mit dem Glück des Einsamen, der sich ein Weltreich der Schrift erbaut, ohne nach rechts und links zu schauen und mit dem schalen Schimmer des literarischen Lebens zu liebäugeln. Franz Kafka hatte den Traum von dieser Fantasie immer wieder vor Augen, erlag aber den Gespenstern um ihn herum, die ihn zum Druck seiner Arbeiten und sogar zu Lesungen einluden.

Eine neue Auswahl aus Jouberts Notizen ist jetzt wieder auf Deutsch erschienen (Joseph Joubert: Alles muss seinen Himmel haben. Aus seinen Notizen. Auswahl, Übersetzung und Vorwort Martin Zingg. Nachwort Paul Auster. Jung und Jung 2018). Natürlich kann man diese kurzen, extrem verdichteten Texte jederzeit, immerzu, ja, ein Leben lang lesen. Im Sommer wirken sie aber besonders stark. Als schluckte man scharfe Pastillen gegen die Hitzeblödigkeit, als nähe man kleine Drogen gegen Lethargie, als ermunterte man sich, ein gewisses Niveau um keinen Preis zu unterschreiten. Also: Joubert lesen! Tag und Nacht: „Werk, das nach Sonne riecht, Werk, das nach Kerze riecht“ …

Grosse Ferien 11 – Hitzestich

Mit Hitzestich in eine öffentliche Toilette einer angesehenen Grünanlage, den Text am Eingang fiebrig überflogen – und sofort (in brutaler Kindsköpfigkeit, nahe dem Schwachsinn) umgedichtet:

Bitte nicht die Toiletten betretten,

Stattdessen sind gute Etiketten erbetten,

Sie sollten die Klos einfach gar nicht betrampeln,

Während sich unsere Reinigungskräfte gerade abstrampeln!

 

Grosse Ferien 10 – Begegnung mit Trifonov

Heute habe ich eine Aufnahme vom Verbier Festival 2016 (in 3sat) gesehen. Daniil Trifonov saß am Flügel, das war der Grund. Er spielte, begleitet von einem Cellisten, und es wäre ein Fest gewesen, hätte Trifonov nicht so merkwürdig ausgesehen. Er trug nämlich eine schwere Brille mit Gott weiß was für großen Gläsern – und außerdem noch einen dezenten Bart. An Brille und Bart war richtig hart gearbeitet worden – anscheinend wollte Trifonov nach Irgendwas aussehen und diesem gewollten Aussehen entsprechen – das Problem war nur, dass er ganz schrecklich aussah. Wie ein frühzeitig gealterter russischer Klavierlehrer aus der Provinz. Oder wie eine Figur aus einem Drama von Tschechow.

„Warum sieht er schon wieder so merkwürdig aus?“ fragte ich A., die das Konzert mit mir verfolgte. – „Tut er das?“ antwortete sie. – „Ja, leider“, sagte ich, „alle paar Wochen sieht er anders aus. Mal mit starkem Bart, fast bis über die Ohren, mal ganz ohne, mal mit großer Brille, mal mit wenig Haaren, sorgfältig gekämmt, mal mit Wuschelkopf.“ – „Er kann sich halt noch nicht entscheiden“, meinte A. – „Er ist aber Siebenundzwanzig“, sagte ich, „da könnte er sich langsam mal entschieden haben.“ – „Unsinn“, antwortete A., „mit Siebenundzwanzig hat man noch Träume.“ – „Auf dem Klavier kann er alles“, sagte ich, „er gehört zu den besten zehn Pianisten der Welt! Aber er kann sich nicht für eine Frisur und einen passenden Bartwuchs entscheiden?! Das ist doch zum Lachen!“ – „Ist es nicht“, antwortete A., „warst Du mit Siebenundzwanzig bereits entschieden? Nein, warst Du nicht! Du trugst die falschen Schuhe, die falschen Hemden und Strickjacken wie aus einer Werbung für Senioren! Du sahst aus wie eine Figur aus einem Stück von Gogol!“ – „Wie bitte?! Wieso denn Gogol? Warum nicht wenigstens Tschechow?“ – „Meinetwegen auch Tschechow!“ – „Tschechow mit Seniorendarstellern für ein Seniorenpublikum?!“ – „Exakt, genau so!“

Ich mag A.s Analysen, obwohl sie gnadenlos sind. Man kommt mit ihnen rasch voran und findet zu den Tiefen der Dinge. Ich schaute das Verbier-Konzert weiter. Daniil Trifonov schämte sich anscheinend für seine Jugend, in der er trotz seines noch jugendlichen Alters bereits alle Stücke der Welt perfekt beherrschte. Deshalb hatte er sich das bescheidene Aussehen eines alten Klavierlehrers aus der russischen Provinz verpasst, der in einem Stück von (immerhin!) Tschechow die Hauptrolle für ein Seniorenpublikum spielte.

Grosse Ferien 9 – Mit dem Patenkind unterwegs

Mein Patenkind (12 Jahre, weiblich) hat große Ferien und ist zu Gast. Es schläft gründlich aus, frühstückt lange und sagt, wenn wir zu einer Unternehmung aufbrechen wollen, „bloß keinen Stress!“ Steigen wir aus, um zum Beispiel einen Waldspaziergang zu machen, atmet es tief durch und sagt „Puuh, das wird hart!“

Ziehen wir trotzdem los, erinnert es an die Liegewiesen rund um den Waldsee: „Da zu chillen, ist toll!“ Wir folgen ihrer Sehnsucht und breiten unsere Decken in der Nähe aus: „Schön langsam, bloß keine Hektik! Ich gehe später hinein!“ Baden wir nach anderthalb Stunden Chillen zusammen, findet sie gleich die Stellen, wo man „tote Frau“ spielen und auf dem Rücken im Wasser liegen kann.

Zwischendurch werden Unmengen an Mineralwasser getrunken, frisches Obst und Trockenobst gegessen und vegane Schokoladen verspeist. Mahlzeiten anderer Art sind nicht nötig, so dass auch wir darauf verzichten. Gemeinsam mit unserem Patenkind werden wir langsamer und langsamer, verzehren fast nichts, meiden Alkohol und trinken vier Liter Wasser am Tag. Am frühen Abend gratuliert es uns: „Ihr seid zwar nicht mehr die jüngsten und auch nicht mehr die schnellsten – aber Ihr habt Euch top gehalten!“

Grosse Ferien 8 – Ein Sommer mit Edward Hopper

Kaum ein Maler hat seine Bilder so auf sommerliche Atmosphären fokussiert wie Edward Hopper (1882-1967). Seine oft einsam oder allein auftauchenden Figuren erleben einen Sommerabend, flüchten ans Meer, sitzen in Sommernächten in Hotelräumen oder unauffälligen Imbissstuben – und brüten dabei meist (in typisch sommerlichen Posen des Brütens: nackt, über ein Buch gebeugt, sich dem Licht entgegen reckend) vor sich hin. Genau diese Bildmomente (Isolation, Nachdenklichkeit, Erwartung) erwecken beim Betrachter den Eindruck, dass sie sich inmitten von (noch nicht abgeschlossenen, offenen) Geschichten befinden.

Es war also ein guter Gedanke von Lawrence Block, siebzehn bekannte amerikanische Autorinnen und Autoren einzuladen, ein Hopper-Gemälde auszuwählen und zu diesem Gemälde eine Geschichte („story“) zu erfinden. Keine Bildbetrachtung, keine Bildanalyse! Sondern: Das szenische Material des Bildes zu einer Erzählung verlängern – so das Projekt!

Die Ergebnisse findet man in Nighthawks. Stories nach Gemälden von Edward Hopper. Hrsg. von Lawrence Block. Aus dem amerikanischen Englisch von Frauke Czwikla. Droemer 2017). Und hat damit eine gute Vorlage für das eigene Schreiben: Indem man sich ein Gemälde von bekannten Malerinnen und Malern auswählt und dazu eine Geschichte schreibt.

 

 

Grosse Ferien 7 – Unerwartete Phantasien am frühen Morgen

Ich stand sehr früh auf, um den Regionalzug in die Großstadt zu bekommen. Auf dem Ortsbahnhof war kein Mensch zu sehen, ich stieg in den fast leeren Zug, der erste Sonnenschein machte sich breit. Ich hatte nur eine kleine, schwarze Aktentasche mit wenigen Unterlagen dabei, und ich fühlte mich plötzlich – mitten im ruhig dahingleitenden Zug – vollkommen zufrieden. Langsam vertiefte sich das, und der frühe Morgen verwandelte mich in einen mit sich selbst einverstandenen Menschen, der gerade zur Büroarbeit fuhr und keine unnötig großen Ansprüche an das Leben stellte …

In der Großstadt würde ich meine Arbeit tun und danach mit einem Kollegen zwei Kölsch trinken. Ich wäre unverheiratet und kinderlos, und ich hätte auf dem Land eine Zwei-Zimmer-Wohnung, minimalistisch eingerichtet, perfekt aufgeräumt, ohne einen einzigen überflüssigen Gegenstand. Am frühen Abend führe ich dorthin zurück und ginge zum Schwimmen.

Ich wäre schlank, gut gebaut und sehr gesund, und ich würde außer den beiden Kölsch (dann und wann) keinen Alkohol trinken. Spätabends würde ich jeden Tag eine kurze Tagebuchnotiz in einer Kladde machen: „5.45 Uhr auf. Fahrt mit dem RE nach K. – Arbeit an …“

Nichts könnte mir etwas anhaben. Einmal in der Woche wäre ich im Kino. Keine Konzerte, kein Theater, kein Museum. In der anbrechenden Dunkelheit würde ich joggen, 50 Minuten lang.

Ich würde mich fleischlos von Gemüse und Früchten ernähren. Urlaub im Ausland käme nicht in Frage. Ich wäre im Süden (in den Bergen) oder ganz im Norden (an der See) unterwegs. Einmal im Jahr würde mich ein befreundeter Arzt von Kopf bis Fuß untersuchen. Seine Prognose: Ich würde über hundert Jahre alt werden.

Grosse Ferien 6 – Im Freibad, französisch

Die strenge Dichotomie von „Schwimmer“ und „Nichtschwimmer“ fußt auf den beharrlichen Entitäten von „Bodenlosigkeit“ und „Boden“. Im Bewegungsraum des Schwimmers entwickelt der Freiraum des Wassers nämlich jene kreativen Impulse, die vom Bodenentzug herrühren, während der Nichtschimmer die Flächen des Bodens als statisch aufgeladenes Energiemoment der Erdenhaftung empfindet.

Beide Pole der sommerlichen Bewegung im nicht zufällig „Freibad“ genannten Raum bewegen sich unaufhörlich aufeinander zu und voneinander weg. Die dadurch auftretende Spannung zirkuliert im Rettungsring, dessen Farben (weiß und rot) die Momente von Offenheit (weiß) und Bedrohung (rot) symbolisieren.

Der Rettungsring entstammt den Welten der Schifffahrt. Eng ist er einerseits mit der Schiffsreling, andererseits aber auch mit dem Meer verbunden. Indem er ausgeworfen wird, fängt seine kreisrunde Form den hilflos treibenden Körper auf, rahmt ihn und übergibt ihn einer Struktur.

Seine Präsenz im „Freibad“ erinnert symbolisch an die nur scheinbar gegensätzlichen Welten von Erde und Wasser sowie ihre Durchdringung und mögliche Rettung. Deshalb baumelt er zwischen den künstlichen Polen von „Schwimmer“ und „Nichtschwimmer“ als kreatives Drittes, tertium datur, empfänglich, spielerisch und doch ernsthaft, ein verdinglichtes Zeichen des todesmutigen Torerospiels mit den Wellen.

(Aus Jean-Claude Orteil: Métamorphoses de l’eau. Metamorphosen des Wassers. Aus dem Französischen von Hanns-Josef Ortheil. Druck in Vorbereitung)

Grosse Ferien 5 – Fermers Wanderungen 18

Fast zugleich mit dem Sonnenaufgang löste sich ein schwacher, aber anhaltender Wind aus den Höhen und senkte sich auf die Wiesen. Schon bald aber brach das Sonnenlicht durch und erstickte die Landschaft Partie für Partie. Die Wälder erstarrten reglos, die Fichten ermattet, mit hängenden, zerfurchten Zweigen, die Eichen verloren mitten im Sommer das Blattlaub, und die Buchen klammerten sich mit ihren hellgrauen Stämmen in den Wust des olivfarbenen Sands der früher noch dunkel schimmernden Erde.

Auch die Wiesen waren längst von einem nachdunkelnden Braun überzogen, und die Maisstauden ausgedorrt bis in die Spitzen, im letzten Wind strohig raschelnd. Die Rinderherden verloren bis zum Mittag alle Orientierung und standen in verlassen wirkenden Gruppen unter wenigen Bäumen, einzelne Tiere hatten es bis dahin nicht mehr geschafft und blickten, isoliert, verlassen, ins Leere.

Er huschte von Wald zu Wald, legte sich manchmal ins nachfedernde Moos, folgte den ausgetrockneten Bachläufen und suchte nach dem geeigneten Platz für den ausgedehnten, schwere Stille ankündigenden Mittag.