Muschelessen

Es ist Muschelzeit, jetzt, kurz vor Weihnachten esse ich sie am liebsten. Es gibt unzählige Varianten, sie zuzubereiten, ich mag nur die sehr puristische: Olivenöl, klein gehackte Knoblauchzehen, Chili und Petersilie, dazu etwas trockenen Weißwein – fertig. Bloß keine Butter, keine Zwiebeln, kein Gemüse, nix von alldem!

Wenn sie serviert werden, sollten sie unter sich sein, ein kleiner Berg, der nicht im Sud schwimmt, sondern ihn überragt. Am besten schmecken die orangenen, kräftigen, leuchtenden (und eben nicht die hellen oder beigen). Kurz nach dem Öffnen der Schalen ist das Muschelfleisch lauwarm und schmeckt sehr intensiv.

Ist der Berg abgegraben, bleibt das eigentliche Vergnügen: der ausschließlich nach Muscheln schmeckende Weißweinsud, zu dem man getoastete Weißbrotscheiben isst. Dazu kühlen, trockenen, französischen Weißwein!

Extreme Schlichtheit! Ein Gericht, das in fünf Minuten fertig vor einem steht! Das Meer in nuce, wie ein Schriftsteller es in einem Roman über das Meer einmal genannt hat.

Santa Lucia

Heute ist der Tag der heiligen Lucia, an dem mir so vielerlei durch den Kopf geht: Die Erinnerung an die Märtyrerin und Heilige, die in Syrakus lebte und starb (283-304). Die Erinnerung an das Luciafest in Schweden und die jungen Frauen in weißen Gewändern mit roten Gürteln. Die Erinnerung an die neapolitanische Canzone „Santa Lucia“, die nicht die Heilige, sondern den nach ihr benannten Hafen von Neapel besingt. Die Erinnerung an die Reliquien der Heiligen, die in einer eher unbekannten und unauffälligen Kirche Venedigs (nahe dem ebenfalls nach ihr benannten Bahnhof) zu finden sind (Santa Geremia e Lucia).

Vor allem aber die Erinnerung an viele, viele Kerzen, die zu den unterschiedlich ausgelegten Festen in halb Europa umhergetragen werden. So gesehen, ist dieses schöne Fest eine weitere Annäherung an den bevorstehenden Heiligen Abend, der auch ein großer Lichterzauber ist, ein mächtiges Strahlen in das tiefe, frühe Dunkel dieser Tage hinein, mit dem Ziel, es zu brechen und zu wenden.

Romanfiguren

Den kleinen Laden in der unauffälligen Seitenstraße unter einem Vorwand betreten und behaupten, dass ich ein Geschenk für eine Freundin suche. Mich in Wahrheit den Kleidungsstücken an der Wand zuwenden, die mir wie Andeutungen von Romanfiguren erscheinen. Mir anhand dieser Kleidung (extrem zurückgenommen, ein Schlender-, kein Auftrumpfungslook) Komponenten der neusten Modetrends erklären lassen (privat-intimer Gestus, das Unterlaufen des weihnachtlichen Barock, Schlichtheit, Freundlichkeit). Fragen, ob ich Platz nehmen und mir die neusten Kollektionen auch ohne Beratung, rein aus Interesse, anschauen darf. Einen Tee serviert bekommen. Mich bedanken. In dem kaum besuchten Laden wie ein Geschichtenfinder verharren und Notizen machen. Ein Schwesternpaar? Zwei Freundinnen? Unterwegs ohne männliche Begleitung? In ein langes Gespräch verwickelt, das schließlich in Flussnähe (am Fluss entlang) verläuft. Und ich höre die eine der beiden sagen: „Wenn ich bloß wüsste, wie ich aus dieser Sache wieder herauskommen soll…“

Und nun schreiben Sie ein paar Sätze weiter, liebe Leserinnen und Leser, und schicken Sie mir die Fortsetzung: ortheil.hannsjosef@gmail.com

Stadt im Dezember

Jetzt, im Dezember, sind in die sonst weiten Stadtarchitekturen viele Nebenschauplätze eingepasst. Kleine Dörfer mit Schaubuden, Essständen und Spielwiesen besetzen die freien Räume, und der Verkehr rückt zusammen und überlebt nur noch als Fragment.

Die Ströme der Spaziergänger spielen Ping Pong und wechseln die Bahnen, mal nach links, mal nach rechts – bis sie ruckartig geradeaus schlingern, den lockenden Angeboten folgend.

Kleine Karussells erinnern daran, dass es sich insgesamt um eine Verkindlichung handelt, um Orgien für kindlich gestylte Existenzen, mit roten Backen und Zipfelmützen.

Das zweite Leben ist voll simplem, direktem Genuss, etwas für kleine gefräßige Gruppen, die trinkfreudig umherziehen, hier und da kosten, sich in den Abend verträumen und sich nicht mehr erinnern, um was es in all diesen Träumen letztlich wohl ging.

Später im Dunkel gondeln die kleinen Eisenbahnen mit längst müden Kindern dampfend durch schmale Tunnels – und die beste Eisläuferin weit und breit malt einsam lächelnd ihre gleißenden Figuren aufs strahlende Eis.

Die Dinge des Lebens 6

Olinka Vištica und Dražen Grubišic waren mehrere Jahre ein Paar. Dann zerbrach die Liebesbeziehung allmählich, und die beiden standen vor der Trennung. Viele gemeinsam erworbene Gegenstände hatten sich in ihrem Haushalt angesammelt – über jeden einzelnen musste gesprochen werden: Wer nimmt/bekommt ihn, wer meldet einen Anspruch, wer gibt im Streitfall nach?

Nach einigem Hin und Her spürten die beiden, dass mancher geliebte und vertraute Gegenstand als Opfer der Trennung für immer zu verschwinden drohte. Und so kamen sie nach manchen Überlegungen auf die imponierende und gute Idee, besonders geliebte Gegenstände in einen Aufbewahrungs- und Ausstellungsraum zu verlagern, wo sie für beide (und schließlich auch für die Öffentlichkeit) zugänglich blieben.

So entstand das Museum der zerbrochenen Beziehungen in Zagreb, dessen Ausstellungen mit der Zeit auch durch viele Gegenstände und Erinnerungsstücke anderer getrennter Paare bestückt wurden: durch einen Geldschein, einen Stöckelschuh, einen kleinen Zettel, einen Fallschirm, einen Pulli, einen alten Spielzeugsoldaten…

Jedes Teil enthält eine Geschichte in konzentrierter Form. Nähme das dazu gehörende Paar ihn wieder in die Hand, würde man zwei Versionen einer Erzählung zu hören bekommen. Die der Liebesanbahnung, die der Liebestrennung. Nachzulesen in: Olinka Vištica/Dražen Grubišic: Das Museum der zerbrochenen Beziehungen. Was von der Liebe übrig bleibt – Geschichten und Bilder. Aus dem Englischen von Marcus Gärtner. Rowohlt 2018.

Sala Ortheil

Für das Neue Jahr 2019 habe ich ein schönes Projekt ins Auge gefasst. Ich werde in einem momentan noch leerstehenden Ladenraum im Zentrum des Westerwaldortes Wissen an der Sieg (wo meine Eltern geboren wurden und aufgewachsen sind und ich selbst meine Kindheit verbracht habe) einen Ausstellungsraum zu meinen Westerwald-Büchern eröffnen. Er wird Sala Ortheil heißen und mehrere interessante Raumkomplexe und Installationen enthalten.

So etwa das Berliner Wohnzimmer meiner Eltern aus dem Jahr 1939 (komplette alte Inneneinrichtung mit Bildern, Fotografien, Bibliothek und Möbeln). Daneben aber auch Fotoausstellungen zur Geschichte der Stadt Wissen (in den letzten hundert Jahren) sowie zur Geschichte meiner mütterlichen und väterlichen Vorfahren. Schließlich Bilder und Fotografien aus der eigenen Kindheit neben den ersten Formaten des Schreibens, Klavierspielens und Nachdenkens (Vitrinen mit den Schreibwerkzeugen, Handschriften aus der Kinderzeit).

Im Januar 2019 beginnen die Renovierungsarbeiten, dann wird der 70 qm große Raum Schritt für Schritt eingerichtet. Im Frühjahr (Mai/Juni?) werde ich ihn eröffnen und alle Leserinnen und Leser dieses Blogs herzlich dazu einladen. Das gibt ein Fest!

Feuer machen

Im Dezember haben wir in der Kindheit die ersten Feuer gemacht. Wir haben das trockene, aufgelesene oder geschnittene Holz vom vergangenen Jahr gesammelt und daraus einen kleinen Stapel gebaut. Sobald es dunkelte, zündeten wir einige Hölzer an und wachten darüber, dass die züngelnden Flammen ihren Fraß fanden. Sie breiteten sich aus und schlugen gen Himmel, und wir warteten, bis sie sich nach dieser Streckung rasch wieder senkten. Dann dehnten sie sich von Ast zu Ast und ummäntelten jedes einzelne Holz.

Ein richtiges Feuer loderte bis tief in die Nacht. Manchmal legten wir kleinere Hölzer nach und sahen, wie die erste Asche zerfiel. Eine kompakte Glut wurde genährt und setzte sich fest, und wir bekamen den Blick nicht weg von diesem Expressionismus in Rot und wollten gar nicht mehr fort.

Wir waren Meister im Feuermachen, aber wir ahnten nicht, welche noch größeren Meister es gibt. Daniel Hume ist so einer und hat darüber ein Buch geschrieben (Die Kunst, Feuer zu machen. Aus dem Englischen von Christoph Trunk. S. Fischer 2018). Wenn man es liest, flammen die Kindheitsbilder wieder auf, und wir haben den alten Rauchgeruch in der Nase, der sich im Winter so wunderbar zwischen den nahen Bäumen verfängt und hält. So dass wir einen nachdenklichen Blick auf all die Holzstöße werfen, die in unserem Garten momentan noch überwintern.

 

 

 

Kölsch, mal so richtig

(Heute auch als Kolumne im „Kölner Stadt-Anzeiger“, S. 4)

Selten hat das Motto einer Kölner Karnevalssession so viel Aufmerksamkeit erregt wie das dieses Jahres: „Uns Sproch es Heimat“. In einem Interview über diesen Volltreffer stellte sich heraus, dass Festkomitee-Präsident Christoph Kuckelkorn sich längst in einen brillanten Linguisten verwandelt hat. Losgelegt hat er mit einer Tiefenanalyse des Kölschen Schwadens, wie sie ein Linguistik-As vom Rang eines Noam Chomsky nicht besser hätte hinbekommen können.

„Kölsch“, hat der Präsident theoretisiert, ist eine verbindende, warme, ja umarmende Sprache. Jeder, der sich mit einem anderen Dialekt an den Karnevalstagen nach Köln bewegt, wird das zu spüren bekommen. Der distanzbedachte Schwabe wird seine Distanz schrumpfen lassen, der erdbetonte Bayer wird sich hohe Luftsprünge zutrauen, und den kühlen Hamburger wird die Vollwärmstufe des Kölsch zu einer selten regen Erscheinung machen. An den heiligen Tagen werden an zentralen Plätzen Lilliput-Ausgaben des Wörterbuchs „Kölsch-Hochdeutsch/ Hochdeutsch-Kölsch“ in Massen mit zusätzlichen Begleitkamellen verteilt.

Gesprochen, hat Kuckelkorn weiter ausgeholt, wird dann aber hoffentlich kein Lexikon-Kölsch, sondern das vertraute, aber längst zu selten gewagte Straßenkölsch! Die Kölner sollen sich etwas trauen, angeblich wird alles toleriert, was nach Rheinisch oder Kölsch klingt. Bloß kein akademisches Kölsch, sondern das knubbelige, wie es im Veedel geflüstert wird!

Üben kann man, indem man Kölsche Lieder singt, in jeder guten Kölsch-Kneipe läuft Kölsche Musik, schon aus Einladungs- und Aufwärmgründen. Auch wenn man kein Wort versteht, sollte man mitsummen und mitmachen, das ist die Hauptsache.

Noch geheim gehalten hat Kuckelkorn, dass Kölsche Literatinnen und Literaten eingeladen werden, auf dem Festkomiteewagen am Rosenmontagszug mitzufahren. Während des Umzugs werfen sie eigens angefertigte Taschenbuchausgaben von Adam Wredes Meisterwerk Neuer Kölnischer Sprachschatz unters jubelnde Volk. Die dreibändige, grellrote Ausgabe früherer Tage dagegen erhält jede Kölsche Schule zusätzlich als Geschenk.

Hemingway dichtet

Liebe P, Du weißt, wie gerne ich Gedichten lausche, vorgetragen von guten Sprecherinnen und Sprechern. Hörbücher mag ich sehr, sie sind ein Segen – häufig setze ich sie abends ein und höre ein oder zwei Gedichte mehrmals. Für einen Prosaschriftsteller ist es gut, solche konzentrierten Sachen zu kennen, der Lyrik gilt seit ewigen Zeiten mein größter Respekt, und wenn es mir schon nicht gelingt, ein einziges Gedicht zu schreiben, so kenne ich doch wenigstens viele auswendig und betrachte sie von daher als Teil meines eigenen Sprechens.

Seit einiger Zeit ist „The Poet’s Collection“ englischsprachiger Lyrik (im Originalton der Dichterinnen und Dichter samt deutscher Übersetzung) mein größtes Vergnügen. Fast zweihundert Gedichte auf dreizehn CDs – das macht beinahe fünfzehn Stunden Laufzeit. Es ist eine wunderbare Sammlung, und jedes Mal, wenn ich ein gutes Gedicht gehört habe, möchte ich den eigenen Griffel hinschmeißen und selber ein paar Zeilen dichten. Gut, dass ich es nicht tue, es würde grausam enden. Und so belasse ich es dabei, zu spüren und zu erleben, dass große Dichtung die weiten Räume unseres Vokabulars absteckt und vorgibt, auf welch kleinen Pfaden wir Prosahelden uns dann bewegen.

Gestern hörte ich Hemingway dichten, eine Prosanatur durch und durch. 1944 hat er – als Kriegsreporter in Deutschland und Frankreich in gefährlichem Einsatz – mehrere Monate lang (u.a. in der Eifel und schließlich in Paris) an einem Langgedicht gearbeitet, schubweise und in Reaktion auf das Grauenvolle um ihn herum. Es ist wie ein Brief, geschrieben an Mary Welsh, die Frau, die er damals liebt und nach dem Krieg heiraten wird. Ich hörte Hemingways verwundetes Sprechen wie von einem fernen Planeten – er lässt das Lyrische unmittelbar aus der Prosa entstehen: durch den Briefcharakter, durch Techniken des Selbstgesprächs und mit den Mitteln der verblüffenden Repetition (Litanei).

Wäre das eine Lösung? Nein, dieser Weg ist nichts für mich. Vorerst lausche und höre ich weiter und weiter – und empfehle Dir, liebe P, es genauso zu tun. Gedichte hören im Advent – das findet zusammen, glaub mir. Dein O

Allerletzte Ernte

Die allerletzte Ernte dieses Jahres ist die Eiswein-Ernte. Die Traubendolden sind gefroren, und jede Traube hat ein spezifisches, unverwechselbares Winter-Format: pralle Kugeln mit sehr süßem Saft, faltige Mantelträger, zu Mini-Rosinen geschrumpfte, ausgepresst erscheinende Spätlinge. Vor den Vögeln wurden sie durch Netze geschützt, die jetzt beiseite geschlagen und abgenommen werden. Ich lese die Dolden aus und versenke sie in Gläser, gefüllt mit Amaretto oder Portwein. An jedem Adventssonntag sind sie das winterliche Dessert.