Manchester by the Sea

Ich sah den Film Manchester by the Sea und überlegte bereits, während ich ihn sah, warum er mich mit seinen einfachen Mitteln derart fesselte und in keinem Moment zur Ruhe kommen ließ. Während seines gesamten Verlaufs konzentriert er sich auf einen einzigen Menschen, Lee Chandler (mitreißend gespielt von Casey Affleck). Man erlebt ihn zunächst als introvertierten, mürrischen Typ, für den man nicht besonders viel Sympathie aufbringt. Je länger man ihn begleitet, umso klarer wird einem jedoch, dass er einigen unglaublichen Katastrophen gerade noch entkommen ist und an der Grenze zum Selbstmord lebt. Drei Kinder hat er (beim Brand seines Hauses, an dem er nicht ganz unschuldig war) verloren, die Mutter der Kinder hat sich von ihm getrennt, sein Bruder Joe ist an Herzversagen gestorben. Lee Chandler hat kein eigenes Leben und längst keine Gefühle mehr, die er an andere Menschen verschwenden könnte. Der Film erzählt diese Katastrophen sehr langsam, nacheinander, in Rückblenden, während er weiter nicht nachlässt, sich auf das Mienenspiel seiner Hauptperson zu konzentrieren. Und so geht eine Bombe nach der andern hoch, und man beginnt, um diesen Mann zu fürchten und alles Verständnis für seine manchmal aggressiven Attacken gegen andere aufzubringen. Beinahe zwanghaft zieht einen der Film dann weiter hinein in das Innenleben der vereinsamten Gestalt, die es nicht einmal mehr schafft, sich ein paar Minuten mit einer anderen Person zu unterhalten. Am Ende starrt man auf ein fassungslos machendes starkes Schlussbild des (scheinbaren?) Friedens: Lee Chandler sitzt mit dem Neffen, den man ihm anvertraut hat, am Wasser und angelt. Danach kann man sich nicht rasch von diesen Bildern lösen und denkt: Meine Herren, was habe ich in den letzten zwei Stunden nicht alles erleben müssen?! Und, meine Herren, wie habe ich diese zwei Stunden überstanden, ohne selbst verrückt zu werden (wie Lee Chandler es beinahe geworden wäre)?! Das sich rekreierende Leben (an dessen Kraft man während des Films in keinem Moment glaubt) ist wieder da, aber der Film erlaubt niemandem, der ihn gesehen hat, darüber noch viele Worte zu machen.

Im Garten 6

Auf die Signale der hellgelben, den Frühling herbeiordernden Forsythien reagieren zaghaft die Polster der Primeln und die sich ins noch matte Wiesengrün hineinhäkelnden Gänseblümchen. Sie nehmen keinen Kontakt miteinander auf und beanspruchen jeweils ein eigenes, kleines Terrain. Aber sie fühlen sich miteinander verwandt und streuen sich aus, hinterlassen minimale, dekorative Farbflecken und bestehen auf ihrem kleinteiligen Impressionismus. Nur als Ensemble bekommt man sie jeweils in den Blick. Kneift man aber die Augen zusammen und fixiert sie einzeln – springen sie aus dem Blickfeld, wenden sich ab, drehen sich in ihrem Kinderübermut auf eine andere Seite und ziehen, fremde Lieder summend, davon…

Im Garten 5

Schneeglöckchen und Scharbockskraut – sie sind die ersten Zeichen des Aufbruchs nach einem langen Winter in Richtung Frühling. Richtig los geht es aber erst mit den Forsythien-Blüten. Von einem Tag auf den andern brennen die Sträucher in einem malerisch nicht zu übertreffenden Hellgelb und halten diese kräftige, exzessive Farbe Tag und Nacht. Ein Flammenwurf, ein Fanal für alle anderen Rundumblüher, sich endlich ins Freie zu wagen. Aufschäumend und rasend vor Verlangen nach den Blaus und den Sonnen hoch droben beherrschen die Forsythien den gesamten Raum, ziehen alle Blicke auf sich und verlangen nach rascher Ausdehnung. Die Ränder des Gartens wollen sie dicht besetzen, die Grenzen markieren und sich in jedem Jahr noch um einige Hundert Blüten vermehren. Sie erinnern daran, dass der Garten nicht nur seine stillen, sondern auch dionysische Zonen hat. „Es soll hoch hergehn im Frühjahr und erst recht dann im Sommer“, jubeln sie, knalljung wie sie sind. Sie haben Ansprüche, sie sind nicht bescheiden, und so verstecken sich manche anderen Pflanzen so lange, bis die Blüten dieser gelben Dramatiker sich zusammenrollen und ihren Rausch langsam beenden.

Kleine Erinnerung an Lukas Podolski

Ich erinnere mich genau an den Tag, an dem ich Lukas Podolski „im wirklichen Leben“ einmal zufällig begegnet bin. Es war der 20. Dezember 2012, und die Begegnung fand ausgerechnet in der Feinkostetage des Londoner Kaufhauses Harrods statt. Ich erkannte ihn plötzlich und beobachtete, wie er (geduckt, vorsichtig, tastend) durch die Gänge schlich, um die vielen traumhaften Waren zu beiden Seiten zu inspizieren. Er „inspiziert“ sie, dachte ich sofort, „er ist nicht als Käufer hier, sondern wie ein Bub, der sich in einem Wunderland umschaut und dabei überlegt, was er sich zu Weihnachten wünschen könnte“. Ich habe mich nicht entblödet, ihn anzusprechen, und als ich ihm die Hand gab, verstärkte sich der Eindruck, einen Buben vor sich zu haben, weil er mir viel kleiner als erwartet erschien. Ich versuchte, uns eine Brücke zu bauen, indem ich ihm erzählte, dass ich Kölner sei, und er lächelte kurz und antwortete erleichtert: „Aus Köln sind Sie? Na ja, normalerweise würden wir jetzt zusammen ein Glas trinken. Aber wo gibt es hier schon was Gescheites zu trinken?“ Wir lachten, wünschten uns ein frohes Fest und trennten uns wieder, als wären wir sicher, dass wir uns an Heiligabend im Kölner Dom wieder begegnen und danach gleich um die Ecke das ersehnte Glas trinken würden.

Abschiedsspiel für Lukas Podolski

Lukas Podolski war bereits bis zu seinem gestrigen Abschiedsspiel kein gewöhnlicher Nationalspieler. Er war vielmehr ein Spieler mit einer starken Biografie und mit einem leuchtend offensiven Charakter, der schwerer, als viele Beobachter annahmen, zu fixieren war. Natürlich war er der meist gut gelaunte Spaßmacher, daneben aber auch eminent fleißig, treu und von einem manchmal fast rohen, trockenen Ernst. Das alles hätte genügt, seine Geschichte in guter Erinnerung zu behalten. Der gestrige Abend hat jedoch die Ebene der guten Erinnerung weit übertroffen. Jerome Boateng hat dieses Übermaß als einer der wenigen gleich erkannt und benannt: Der Auftritt von Podolski und sein unglaubliches Tor in der 69. Minute des Spiels erschienen ihm als szenisches Bestandteil einer „Legende“. Und genau das ist geschehen: Mit diesem Tor verwandelte sich der Abschied, konzentriert auf den einen blitzartigen Moment, in die Darstellung von etwas Wunderbarem. Dass Podolski der Ball auf ideale Weise vorgelegt wird und er ihn so trifft, dass mit diesem Schuss die Erinnerungen an all seine Torschüsse mit dem linken Fuß abgerufen werden, ist mit Vernunft oder einem kleinen Staunen nicht zu begreifen. Das Ganze hat vielmehr den Charakter eines besonderen „Erscheinens“ und damit einer „Legende“. Als Erzählform berichtet die Legende nicht nur von guten Momenten, schönen Stunden und einem sinnvoll verbrachten Leben. Sie erzählt darüber hinaus von jenen seltenen Augenblicken, die das Gute, Schöne und Sinnvolle ins Wunderbare drehen. So gesehen, bleibt der Nationalspieler Lukas Podolski keine gute Erinnerung, sondern eben eine legendäre. Jeder, der das Wunder gesehen und erlebt hat, wird von ihm berichten und es niemals vergessen.

 

Martin Walser

Auf 3sat lief aus Anlass von Martin Walsers 90. Geburtstag ein Film von Frank Hertweck (Mein Diesseits – Unterwegs mit Martin Walser), den ich als einen sehr gelungenen Film der Sparte „Literatur im TV“ empfand. Das Konzept war ebenso einfach wie einleuchtend: Denis Scheck begleitete Martin Walser durch dessen Kindheits- und Jugendgelände am Bodensee. Er stolzierte aber nicht fragend neben ihm her, sondern fuhr ihn in einem ehrenvoll in die Jahre gekommenen Mercedes durch Dörfer und Landschaften. Hier und da stiegen die beiden aus und schauten sich etwas Konkretes an, Walser geriet nicht nur ins Plaudern, sondern eher ins Nachdenken und Erinnern. So wurde er durch das Gesehene und oft lange Betrachtete (die Zimmer des Elternhauses, das Innere einer Kirche, das Ufer des Bodensees) hypnotisiert und langsam zum Sprechen gebracht. Die von Lesungen und anderen Auftritten her bekannte Walser-Suada kam nicht zum Zuge, stattdessen erlebte man einen aufmerksamen und sich in das Gegenüber vertiefenden Menschen, der die Worte erst sucht und sammelt. Denis Scheck war dabei der ideale Begleiter: von immenser Höflichkeit, zurückhaltend, niemals darauf aus, die Sahne alter Zeiten noch einmal anzurühren und steif zu schlagen. So spürte man förmlich die wachsende Zuneigung, die den wachsamen Moderator und den sich an dieser Wachsamkeit erfreuenden Schriftsteller immer stärker miteinander verband. Von Drehtag zu Drehtag fanden die beiden Reisenden mehr zueinander, und die stärksten Szenen waren genau die, in denen Denis Scheck sich an jedem Drehtagmorgen Walsers Überlinger Wohnhaus näherte: Die Tür öffnete sich einen Spalt, und Scheck begrüßte die kaum  sichtbare (und während des gesamten Films auch nicht deutlicher erkennbare) Dame des Hauses. Und später, an jedem Abend: Walser wurde vor diesem Haus wieder verabschiedet und tastete sich durch die Dunkelheit langsam zur Haustür zurück. Das war groß, ganz groß!  Ungeplant – und wie „vom Leben“ erfunden… – und damit ergreifender als fast alles, was in diesen Tagen über Martin Walser geschrieben und gesagt wird.

Regen und Pariser Zauber

Es regnet den ganzen Tag, als ich zurück bin. Aber wie dankbar bin ich diesem Regen, dass er die gesamte Umgebung verschleiert! Denn ich habe den Kopf und das Herz noch so voll von Paris, dass ich mich vor der Zumutung einer anderen Umgebung am liebsten verkriechen würde. Das vitale Leben dieser so aufreizend gebliebenen Stadt ist nicht abzuschütteln, es sitzt tief im Körper. Die einzige Notlösung angesichts dieser Emphase besteht darin, sich Fotografien oder Filme anzuschauen, die ebenfalls von Paris erzählen und handeln. Und so sehe ich denn am Abend Eric Rohmers Rendezvous in Paris, einen Film aus dem Jahr 1995, der aus drei Episoden besteht, in denen jeweils ein Paar ein Segment von Paris auf sehr eigene Weise erkundet. All diese Paare unterhalten sich ununterbrochen, und das in einem schwindelerregenden Tempo. Unaufhörlich fragend und antwortend, hetzen die Liebenden sich durch Straßen, Gärten und Parks, und Rohmers Kamera verfolgt sie dabei ohne einen einzigen Schnitt. Die schnellen Dialoge halten die Körper in vehementer Bewegung, so dass sie durch die Straßen geweht und gedreht werden, bis sich die Erschöpfung einstellt und einer der beiden Liebenden allein in irgendeine Ferne verschwindet: Ende der Passion, ein neues Spiel (mit anderen Konstellationen) beginnt! Wie anstrengend ist hier die Liebe! So anstrengend, dass die Liebenden gar nicht dazu kommen, sie wirklich zu empfinden. Sie bereiten das starke Gefühl durch ununterbrochene Konversation vor, sie heizen es an, sie werden ganz toll bei den vielen Perspektiven, die sich laufend von neuem eröffnen – dann aber erkalten sie angesichts der erzielten Hochtemperatur. Es geht nicht mehr weiter, es ist alles gesagt, und mehr als alles zu sagen, entspricht nicht ihrer Vorstellung von dem vagen Großen, das die Liebe für diese Liebenden sein soll und (leider) für immer bleiben wird.

 

Paris, Place Contrescarpe

Kein Platz von Paris ist so sehr mit einem einzigen Schriftsteller verbunden wie der Place Contrescarpe. Wenige Meter von ihm entfernt, hatte der junge, gerade frisch verheiratete Hemingway seine erste Pariser Wohnung, in jedem Lokal dieses Platzes hat er gesessen und über jedes geschrieben. Seine Verbindung mit diesem Platz ist so stark, dass man sich auch mühelos jede Tageszeit mit einem Hemingway-Auftritt vorstellen kann: er umrundet ihn, er steht vor einem der vielen Cafés, er trinkt ein Glas Wein im Freien, er umarmt seine junge Frau. Lange Zeit sitze ich mit einem Freund vor dem geheimen Zentrum des Ganzen, dem Café Contrescarpe. Wir imaginieren die vielen Geschichten und können uns nicht von diesem Platz trennen.  Ich bin so verrückt, dass ich dem odeur dieser Szenen noch bis in den Keller folge, und plötzlich sehe ich mich als einen Teil der alten Patina, die längst auf ihnen liegt: Scout in Hemingways Keller, Place Contrescarpe.

Paris, École des Beaux Arts

Das Gelände der École des Beaux Arts am linken Seineufer ist ein geschlossener Burgbezirk, in den ein Fremder nicht eingelassen wird. Heute aber findet dort ein kleines Fest statt, daher habe ich Glück und werde ohne langes Theater durch den schmalen Kontrolleingang geschleust. Das Sicherheitspersonal, das gegenwärtig in Paris vor jedem Staatstempel steht, hält mich für einen der Gäste, und so darf ich passieren. Die Studenten haben sich in ihre Studios verzogen und lassen sich angesichts des steifen Festaufgebots nicht blicken. Und auch ich habe keine Lust auf langweilige Reden und spaziere lieber auf dem Gelände herum, neugierig auf jede eigentlich unerlaubte Entdeckung. Eine junge Studentin bekommt diese Neugierde anscheinend mit, sie kommt auf mich zu und erkundigt sich danach, was ich suche und woher ich komme. Sie verlangt, dass wir Deutsch sprechen, unbedingt, sie möchte sich Deutsch unterhalten, um sich in dieser Sprache zu üben. Was sie studiert? Inszenierung! Und was umfasst das? Malerei, Fotografie, Film, Architektur! Also studiert sie im  Blick auf eine Performance? Aber nein, im Blick auf Inszenierung! Ihre Augen leuchten, als sie davon spricht, als brächten ihre „Inszenierungen“ ganz Paris zum Leuchten und Glimmen. Ich glaube ihr sofort, denn ich sehe es ja direkt vor mir: große Inszenierung, völlig uneitel, aus dem Ärmel geschüttelt, improvisiert, mit einer vom Pariser Schwung getränkten Leidenschaft, die ihresgleichen sucht.

Vermeer in Paris

Die „große Ausstellung“ dieser Tage, die alle Welt anzieht, ist die Vermeer-Ausstellung im Louvre. Es gibt sie erst seit kurzem, und sie ist jeden Tag überfüllt, daher wäre es nicht klug, sie schon jetzt zu besuchen. An den Vermeer-Plakaten, die ganz Paris schmücken, komme ich jedoch nicht vorbei, man bleibt stehen und schaut länger hin, selbst ein Vermeer-Plakat wirkt stärker als alle realen Bilder ringsum. Und so imprägniert sich das Auge mit lauter Vermeer, und als ich allein in einem kleinen Café sitze, fotografiere ich eine junge Frau und habe auch gleich einen Titel für diese Fotografie in den Farben des alten Meisters: Die Lesende (nach Vermeer).