Das Lesetagebuch

In einem anregenden Gespräch mit Arno Widmann in der Berliner Zeitung (im Netz abrufbar) hat der Schriftsteller Wolf Wondratschek sich Leser gewünscht, die mit dem Bleistift lesen. Im Verlauf einer Romanlektüre sollen sie Sätze und Stellen anstreichen, bei denen sie innehalten und über die sie nachdenken. Der Ausstieg aus dem fortlaufenden Lesen hinterlasse Spuren, indem sich die angestrichenen Stellen einprägen und im Kopf des Lesers nachklingen.

Man könnte vom Leser aber noch viel mehr verlangen. Dabei denke ich an ein Lesetagebuch, in dem alle Lektüren in ihrem Verlauf notiert und ihre Reflexe in den Gedankengängen des Lesers fixiert werden. Eintragungen in ein solches Tagebuch würden mit den Lesezeiten und dem Ort der Lektüre beginnen und dann in bunter Reihenfolge jene Überlegungen (zu Figuren, zur Handlung, zum Raum etc.) aufzeichnen, die den Leser während einer Lektüre begleiten. So entstünde die „Geschichte einer Lektüre“, die sich in einem bestimmten Zeitraum entwickelt und weiterwirkt.

Das Lesetagebuch wäre ein eigenes Schreibformat (getrennt vom gelesenen Buch), das Auskunft über bestimmte Lektürephasen meines Lebens gibt. In ihnen habe ich mich mit vielen fremden Stimmen (und Klängen) beschäftigt, die genau zu charakterisierende Reaktionen hinterlassen haben. Diese Reaktionen könnte ich aber auch direkt ins gelesene Buch eintragen. Während ich lese, würden meine schriftlichen Aufzeichnungen den Text an den Rändern begleiten, in ihn eingreifen, ihn vielleicht sogar überdecken. Sie würden einen „Gegen- oder Ergänzungstext“ abbilden: den Text, den die Lektüre des Lesers angesichts eines vorgegebenen Textes aus freien Stücken schreibt.

Ist so etwas vorstellbar? – frage ich nun wiederum meine Leserinnen und Leser.

Kölsche Verblüffung

Mein Freund Herbert, 42 Jahre, Graphiker, in Leipzig geboren und dort lebend, ist zum ersten Mal in Köln bei mir zu Besuch. Und: Er fasst es nicht! Eine ganze Stadt trinkt Kölsch, überall, in den Kneipen und Brauhäusern, auf der Straße, auf ihren Plätzen, in allen Veedeln. Fast ausschließlich Kölsch wird getrunken, ein Meer von Kölsch wird täglich gelöscht – und getrunken wird es ebenfalls ausschließlich nur aus der Stange, dem schlanken, zylindrischen Glas, 0,2 Liter! Wo gibt es das sonst auf der Welt – diese Ausschließlichkeit, diese hochgradig ästhetische und kulinarische Disziplin, diese Hingabe einer Millionenstadt an ein einziges Getränk!

Ich versuche zu erklären, dass Kölsch die Wurzel des kulturellen Gesamtgebräus dieser Stadt ist. Ein Getränk, das Lieder, Songs, Musik, Texte, Theater und Filme hervorbringt, die von seinem leichten, sehr speziellen Charakter geprägt sind. In allem, was in Köln an Kulturellem geschieht, steckt Kölsch, so dass Friedrich Nietzsche seine berühmte Abhandlung (über die Geburt der griechischen Tragödie aus dem Geiste der Musik) im Blick auf Köln hätte umschreiben können: „Die Geburt der Kölschen Kultur aus dem Geiste des Kölsch“. Das ist es – und es ist für Außenstehende wirklich schwer zu begreifen.

Zum richtigen Kölschgenuss gehören, erkläre ich weiter, keine großen Mahlzeiten. Im Gegenteil, die großen Mahlzeiten löschen die Kölsch-Inspiration, sie passen in ihrer Fülle nicht zu seinem Elan und Schwung. Essen sollte man zu einigen Glas Kölsch (und drei müssen es mindestens sein, sonst bleibt die Inspiration flach und vor den Gehirnzonen dummherum abwartend stehen) wiederum ausschließlich die dazu gehörenden Kölsch-Minima. Essensandeutungen, die sich nicht aufspielen: Mett-Happen mit Zwiebeln und Schnittlauch, Tatar-Happen mit Zwiebeln und Gürkchen, Halver Hahn (Holländerkäse, lange gereift) mit Röggelchen und Butter, Kölscher Kaviar (Blutwurst) mit Röggelchen, Zwiebeln und Butter. Alles andere, behaupte ich, ist „Kappes“ und lenkt nur ab.

Zwei Tage lang sind wir meinem (was das Essen betrifft) minimalistischen Kölsch-Programm gefolgt und haben (was das Trinken betrifft) allerhand Kölsch-Stangen geleert. Herbert wird wiederkommen – und das schon sehr bald!

Krauses Denken

Ich bin Teil einer großen Festgesellschaft und sitze nach den ersten Begrüßungen auf dem für mich bestimmten Platz. Vor mir erkenne ich das kleine Schild, das ohne meinen Nachnamen auskommt. Für die (lange) Dauer des Festmahls bin ich (stelle ich erstaunt fest) wieder „Hanns-Josef“.

„Hanns-Josef“ ist der Junge, den alle anders nannten: Ich war der Hans, der Josef, der Johannes, der Jo, der Hanjo, der Hajo, der Jojo – das Kaleidoskop der Namen erinnert mich an die frühen Zeiten, in denen ich viele, verschiedene Identitäten besaß. Hans war der große, lange Typ, der Basketball spielte, Josef der langsame, verträumte, dem manchmal nicht die richtigen Worte einfielen, Johannes der fromme, der Kirchen und Kirchenmusiken mochte, Jo der verspielte, kindliche, der Drachen steigen ließ, Hanjo der gute Kerl für Tanten und Onkels, Hajo der pubertierende, der Artikel für die Schülerzeitung schrieb – und Jojo ein fremder, leicht unheimlicher Typ, der sich laufend neue Geschichten ausdachte.

So flattert mein krauses Denken, und mein Blick durchwandert das Banner der Speise, die man für mich bereithält: Roulade von der Mehrbachforelle an buntem Salat von Westerwälder Minilinsen mit Bärlauchschmand. Hans hätte die Forelle gemocht, Josef den Salat, Johannes das Westerwäldische, Jo die Minilinsen … – das geht hin und zurück, und ich höre nicht mehr auf die Reden und die Musik, sondern verschwinde im Unterholz der Erinnerungen, bis eine Schar von lauter kichernden „Hanns-Josefs“ durchs herbstliche Land zieht.

Fermers Wanderungen 19

An den Abenden wurde es frisch. Er ging viel schneller als noch vor Wochen, folgte den schmalen Straßen, bog ab auf die Felder und freute sich, wenn das rosarote Gewölk in breiten, hingepinselten Streifen aufzog und sich am Horizont ausdehnte. Die dicht gedrängt stehenden höher gewachsenen Sträucher schwankten im leichten Wind, die Hecken malten die Bodensphären tiefdunkel. Während aus den Wipfeln die helle Mondscheibe, vorsichtig kletternd, aufstieg, klar, frühherbstlich – vor dem metallen leuchtenden, duftenden Himmelsgrund …

Vom stummen Schreiber zum Sänger

Viele meiner Bücher habe ich für ein Hörbuch eingelesen. Der Ablauf ist dabei jedes Mal derselbe. Das Schreiben ist abgeschlossen, das Manuskript liegt dem Verlag vor, und es vergeht einige Zeit. Ich selbst bin schon mit einem anderen Text beschäftigt, wenn die Lesetermine in einem Studio anstehen. Drei bis sechs Tage sitze ich in einem schalldichten Raum und lese (bis auf eine kurze Mittagspause) ununterbrochen, sieben Stunden.

Für mich haben diese Lesungen einen großen Reiz. Das Manuskript habe ich schon teilweise vergessen, es erscheint mir zwar noch wie neu, andererseits aber auch bereits „erkaltet“. Mein Blick auf seine Seiten ist ein prüfender, abwägender, und ich achte darauf, ob der Text meine Stimme anzieht – und ob diese Stimme den Text nun wiederum belebt und aufschließt.

Ich lese die vor kurzem geschriebenen Sätze laut, ich höre auf sie, ich horche sie ab – und ich erwecke sie zu einem zweiten, jetzt klanglich-akustischen Dasein. Aus dem stummen Schreiber, der ich bisher war, werde ich zu einem „Sänger“, der den Text intoniert.

Diese Verwandlung ist ein außerordentlich intensives Erlebnis. Der Text wird zum Lied, er wächst in meinen Körper ein – erst jetzt erreicht er all die möglichen Dimensionen, die in ihm stecken: Als spielte ich – wie die Sänger Homers – mein Lied vor den Augen der Festgesellschaft, die nach dem Mahl hören wollen und sehen … (In Homers Odyssee im Achten Gesang, 40ff.)

Das Hörbuch

In diesen Tagen sitze ich viele Stunden in einem schalldichten Studio. Es ist dunkel, schwere Vorhänge vor den Fenstern, ein kreisrunder Tisch mit einer Lampe, etwas Wasser – und das Leseexemplar meines Romans „Die Mittelmeerreise“, der in wenigen Wochen erscheint. Das Mikrofon ist kaum zwanzig Zentimeter von meinem Mund entfernt, der Abstand darf sich nicht verändern, wie ich überhaupt darauf achten muss, mich nicht zu stark zu bewegen. Ich lese den Text des Romans für ein Hörbuch ein, im Nebenraum sitzt eine Regisseurin, der kein Versprecher oder Aussetzer entgeht.

Die Dunkelheit, die Isolation, die stundenlange Versenkung in den Text haben etwas Magisches. Die Welt draußen ist gelöscht, und vor meinem inneren Auge erscheinen die Figuren des Textes, sprechen, debattieren, bewegen sich auf einem Frachtschiff, betreten den Boden Griechenlands. Ich höre meine Stimme – es ist die Schiffe des Sechzehnjährigen, der ich einmal war. „Komm näher“, flüstert sie, „begleite uns, reihe Dich ein …“

 

 

Neue Mitbewohner

Ich habe ein Bild geerbt. Jetzt steht es neben meinem Schreibtisch auf dem Boden und wartet darauf, an einer Wand platziert zu werden. Es ist ein altes Bild mit zwei Figuren, einer Frau, einem Mann. Beide sind in bester Laune und feiern gerade, was das Zeug hält. Wenn ich das Zimmer betrete, lärmen sie noch mehr drauflos, und ich setze mich zu ihnen. Die Frau strahlt mich an, der Mann haut mir auf die Schulter. Ich hole uns etwas zu trinken, und wir sprechen eine fremde, nur für uns Drei erfundene Sprache. Ich überlege, ob es sich bei dem Bild wirklich um ein Bild im normalen Sinn handelt. Nein, ich glaube eigentlich nicht. Die beiden Figuren sind derart lebendig, dass ich ein wenig Angst um mich selbst habe. Unerwartet und plötzlich sind sie in mein Leben getreten und wollen bei mir wohnen. Wie wird sich das gestalten? Noch habe ich keine Ahnung, nur Befürchtungen vielfacher Art.

Das Glück des Lesens

Die Journalistin Sieglinde Geisel hat mit dem Literaturwissenschaftler Peter von Matt ein langes Interview geführt (im Netz nachzulesen in tell, dem Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft), in dem sie dem genialen Textinterpreten Fragen zum Thema „Lesen“ gestellt hat. Entstanden ist daraus ein packender Monolog, in dem Peter von Matt für seine Versionen der Lektüre wirbt und deren Hintergründe erklärt.

Anders als viele Literaturwissenschaftler, die mit den gängigen Themen (Ein Autor, ein Werk, eine Epoche, ein methodisches Problem etc.) arbeiten, interessieren Peter von Matt Konflikte, die einen Menschen in einer bestimmten Phase seines Lebens zentral (und bis hin zur Selbstaufgabe) beschäftigen können. Will ich wirklich mit Gerda zusammenleben? Wo will ich das tun? Wie unterstützt/stört/zerstört meine berufliche Tätigkeit das mögliche Zusammenleben?  – das wäre ein simples Beispiel (das ich mir selbst ausgedacht habe).

Peter von Matt liest Texte vergleichend auf solche Konflikte hin und untersucht das meist verborgene Wissen, das sie zu solchen Konfliktfragen enthalten. Darüber werden sie gleichsam zu Beratern, die einen Konflikt entwerfen, deuten, umpolen, neu formieren. Der Interpret gerät mit ihnen ins Gespräch, deutet selbst, debattiert, entnimmt ihnen weniger „Strukturen“ als „Lebenscluster“, mit deren Hilfe sich das individuelle Dasein sozial gestaltet. So entstehen ein „Aussehen“ (von Figuren), ein Handeln, ein Verweilen, ein Forcieren des Konflikts, der nun wiederum andere Figuren mit einbezieht und berührt.

Liest man die Bücher des Lebensdeuters Peter von Matt, entdeckt man eine aktuelle und hochgradig reizvolle Form von „Literaturwissenschaft“. Nicht das interpretierende Sich-Abstrampeln in Begriffskäfigen, sondern das nachfragende Sinnieren darüber, was unter den Oberflächen der Aktionen an Konfliktpotential steckt.

Von Matt spricht von dem „Begeisterungszustand“, in den ihn das Lesen oft versetzt. Das Interview mit Sieglinde Geisel vermittelt nicht nur viel davon, sondern hat mich selbst in einen solchen „Begeisterungszustand“ versetzt. Ich las es in einem Café, während ich auf einen Freund wartete. „Hoffentlich verspätet er sich“, dachte ich – und als hätte Peter von Matts Zauber sogar noch über das Interview hinausgewirkt, verspätete mein Freund sich wahrhaftig. „Ist was?“ fragte er, als er meine Erregung spürte. – „Ja, da war gerade was“, antwortete ich, „ich habe eben ein ganz vorzügliches Interview gelesen …“

Mein literarischer Herbst 2018 – Lesungen

Morgen beginnt mein literarischer Herbst 2018.

Hier die erste Staffel meiner Lesungen:

18.September 2018, Köln, Agnes-Kirche, 20 Uhr

19.September 2018, Siegburg, Servatiushaus, 19.30 Uhr

20.September 2018, Bonn, Kath. Familienbildungsstätte, Lennéstraße 5, 20 Uhr

27. September 2018, Darmstadt, Stadtkirche Darmstadt, 19.30 Uhr

02.Oktober 2018, Würzburg, Stadtbücherei, 20 Uhr