Fermers Wanderungen 7

Als er aus den Wäldern auf die Lichtung trat und hinab auf die Stadt (war es denn eine Stadt?) blickte, war der Anfang des großen Gedichts wieder da, das der einzige Sänger dieses weiten Raums erträumt hatte. Und er hörte und sah es summen:

Wieder ein Glück ist erlebt. Die gefährliche Dürre geneset,
Und die Schärfe des Lichts senget die Blüte nicht mehr.
Offen steht jetzt wieder ein Saal, und gesund ist der Garten,
Und von Regen erfrischt rauschet das glänzende Tal,
Hoch von Gewächsen, es schwellen die Bäch und alle gebundnen
Fittige wagen sich wieder ins Reich des Gesangs.
Voll ist die Luft von Fröhlichen jetzt und die Stadt und der Hain ist
Rings von zufriedenen Kindern des Himmels erfüllt.
Gerne begegnen sie sich, und irren untereinander,
Sorgenlos, und es scheint keines zu wenig, zu viel.

Der Fan auf Distanz

Natürlich bin ich ein Fan der 05er. Aber ich bin ein Fan auf Distanz. Gibt es so etwas? Aber ja: ein Fan, der mit Ungeduld schaut, beobachtet und (ob des mäßigen Spiels) seufzt, sich aber nach der Niederlage keine Kugel durch den Kopf jagt. Ein hellwacher Fan also, einer, der die scharfe Beobachtung über das Mitleiden stellt. Der Schritt zum Vollfan ist kein großer. Kann noch werden, würde ich sagen. Beobachten wir mal diese Saison.

Kölner Brauhaus Schwemme

Der schönste Raum in einem Kölner Brauhaus ist die Schwemme ganz vorne am Eingang. Die frische Luft von draußen durchströmt diesen Durchgangskanal zum eigentlichen Lokal, und nur wenige Meter, zum Greifen nahe, steht das schwere Fass, aus dem das frisch gezapfte Kölsch unablässig fließt. Hat man sein Glas geleert, fliegt ein gefülltes sofort heran, man wartet keine Sekunde, sondern wird von einer Mutterbrust unablässig versorgt. Man trinkt, saugt und bekommt den Blick nicht weg von dem sich immer schräger neigenden Fass, von seiner Rundheit und Massivität, aus dem der hellblonde Quell pausenlos in ein Glas nach dem andern schießt. In der Schwemme bin ich mit diesem Mutterstrom direkt verbunden, deshalb bin ich dort auch gerne allein, weil man ein so intimes Dasein mit der Mutter nicht gerne mit anderen teilt. Begleitet mich ein guter Freund, verhalten wir uns nicht zufällig wie zwei flapsige Brüder. Begleitet mich eine Freundin, gibt es meist leichte Spannungen, weil Freundinnen mit nahen Müttern nicht gut auskommen. Am liebsten trinke ich hier also ohne Begleitung, es gibt kaum einen Ort auf der Welt, an dem sich die Lebensverhältnisse wie von selbst, nur durch den regelmäßigen Zustrom der heimischen Muttermilch, wieder klären. (Aus: Was ich liebe und was nicht)

 

Pilze

Die ersten frischen Pilze in diesem Jahr! Nicht gegrillt, sondern in einer Weißweinsauce gedämpft und langsam geschmort. Die Flüssigkeit zieht in die porösen kleinen Leiber ein, besetzt sie und macht sie konstant.

Kölner Geistesblitze

Für mich hat Köln ein Fluidum, das auf der ganzen Welt einzigartig ist. Nirgends habe ich so viele Ideen wie in Köln. Und nirgends denke ich schneller. Meine Erklärung: Alles hier ist mir so vertraut, dass die Aufmerksamkeit durch nichts abgelenkt wird. Durch Köln gehe ich quasi schlafwandelnd, was in anderen Städten nicht so ist. In Berlin bin ich dauernd beschäftigt mit dem Beobachten. Der Kopf ist absorbiert, das Denken wie gelähmt. Hier in Köln muss ich mich überhaupt nicht orientieren, und das einzige Schlimme, was mir passieren kann, ist, dass ich versehentlich eine Station zu lang in der KVB sitzen bleibe. (Aus einem Gespräch mit Joachim Frank im Kölner Stadtanzeiger, 17. August 2017)

Mais

In den frühen Kindertagen wurde an den hohen Maisstauden Maß genommen: Um wie viel war ich gewachsen? Die grünen Stauden haben bis heute ihre geheimnisvolle Materialität behalten. Sie bilden eine eigene, unglaublich dicht bewachsene Zone. Nicht zu durchdringen, nicht zu übersehen. Geht man an ihnen entlang, wirken sie asiatisch fremd. Welche Texte haben sie jemals zum Leben erweckt?!

 

Fermers Wanderungen 6

In den Wäldern begegnete er merkwürdigen Zeichen von nahen oder auch fremden Stämmen . Wohin führten diese Spuren? Der Starkregen der letzten Zeit hatte das Pilzwachstum beschleunigt. So früh im Jahr hatte er noch selten derart große Pilzkulturen entdeckt. Sie verliehen dem frühen August bereits etwas tief Herbstliches.

Hochwasser in Hildesheim

Der Kulturcampus der Domäne Marienburg in Hildesheim, wo ich seit vierzehn Jahren unterrichte, wurde vom Hochwasser der Innerste überflutet. Die Landschaft ringsum erscheint wie eine Seenplatte, in der sich die Dämonen von Wilhelm Raabes Erzählung („Die Innerste“) herumtreiben. Das Wasser verwandelt diese Gegend in eine Urlandschaft, in der Menschen ein paar untergehende Behausungen errichtet haben. Man hat das Gefühl: Mit den nächsten Unwettern treibt alles davon und wandert weiter, aufs Meer zu, wo diesen Gewalten ein Ende gemacht wird.