Ankunft in Paris

In Paris komme ich auch diesmal zunächst in der Vergangenheit an. Es ist die der siebziger Jahre, in denen ich mich fast ausschließlich in der Gegend um die alte Kirche Saint-Germain-des-Prés bewegte. „Mon village“ nannten die Einwohner damals noch dieses Gelände, und so verhalten wie in einem Dorf bewegten sich die meisten tatsächlich durch die Straßen mit den halbhohen, schmalen Häusern. Ich benutze weder die Metro noch den Bus, selbst ein Fahrrad gehört nicht in dieses Terrain. Langsam gehe ich durch seine Gassen, als müsste ich jedes Bistro, jedes Café, jeden Laden einzeln begrüßen und etwas Vertrautes entdecken. Mitten in einer Weltstadt und in ihrem uralten Zentrum entsteht ein typisches Dorfgefühl: ah, das gibt es noch, und, ah ja, der kleine Markt „existe“ auch weiterhin, gleich gegenüber dem legendären Hotel, in dem Tarantino das Drehbuch zu Pulp fiction schrieb. Eine Stadt zu lieben, heißt auch: ein kleines Segment dieser Stadt seit langem so gut zu kennen, dass man bei seiner erneuten Ankunft lauter Verwandte begrüßt. Und wo isst man mit ihnen zu Mittag? Draußen, im Freien, auf dem Bürgersteig vor einem Bistro, während die Nachbarn aus ihren Häusern kommen und den kleinen Tisch schließlich plaudernd umlagern.

Im Garten 4

5

Scharbockskraut stirbt nach ausgiebiger Lüftung, denn es nistet sich ein im Gehölz und verliert nie den Kontakt mit dem Boden. Seine gelben Sternblüten verweilen geduckt und sehen aus wie vom Wind herbei geweht. Keine Horde, sondern eine kleine, mutige Schar, verdeckte Ermittler mit Sonnen- und Windsignalen, Heimlichtuer, Agenten in besonderem, königlichem Auftrag. Unbemerkt ziehen sie nachts weiter und tauchen auf, wo sie niemand vermutet. Manchmal werden sie eitel und ranken und recken sich auf. Sie flüstern und bilden Geheimsprachen aus, sie haben keinerlei Kontakt zu den Vorfrühlingsblühern ringsum. In fremden Ländern verwandeln sie sich in Margeriten, aber erst spät im Frühjahr, wenn das Gras hoch steht und der Wind sanfter weht.

Im Garten 3

Schneeglöckchen brauchen nicht ausgesät oder gelüftet zu werden, sie sind jedes Jahr einfach da. Fantastisch, wie sie in Horden lagern, dicht gedrängt, Seite an Seite, in engster Berührung. Frühmorgens öffnen sie ihre Blüten und singen Sopran, halblaute Madrigale der Frührenaissance. Und am Mittag sind sie sonnenbesoffen und lassen die Blütenköpfe schwer hängen. Kommt Wind, zittern sie ein wenig und stehen steif bis in den frühen Abend auf einem Fuß. Sie sind Schnee und Kälte gewohnt, und ein wenig sehnen sie sich noch im schönsten Vorfrühling danach zurück. Rückwärtsgewandt sind sie, beharrlich, utopiefern. Wenn die Sonne im Frühling Ernst macht, klappen sie in sich zusammen und geben sich auf. Spätestens dann sind im TV Übertragungen von Wintersportarten verboten. So bestimmt es das Schneeglöckchendiktum.

Im Garten 2

Heute ist der erste wirkliche Vorfrühlingstag. Die Sonne sticht schon sehr früh durch die Lamellen der Läden, wenig später hält sie alles besetzt. Überflutung, Durchtränkung, es gibt kein Versteck. Unmöglich, jetzt noch in einem Zimmer zu sitzen. Bewegung ist gefordert, aber kein blödes Gehen und Schreiten. Ich rufe P. herbei, der mir beim Umgraben des großen Beetes hilft. Das ist genau die richtige Arbeit, die meine Gartenhauszeitschrift („Eisenbahnerlandwirt, 100. Jahrgang, Heft 3, März 2017) für den Monat März verlangt. Sie nennt das „Bodenbearbeitung“ und empfiehlt den Einsatz eines Sauzahns. Ein Sauzahn ist eine „sichelförmig gebogene Ziehhacke mit einem Gänsefußschar“. Er gräbt den Boden nicht um, und er wendet ihn nicht, er lockert und lüftet ihn vielmehr. Später soll ich eine dünne Schicht Kompost und Gesteinsmehle einarbeiten (wie mache ich das?). Und noch später werde ich die Erde glatt harken und mit den ersten Aussaaten (von was?) beginnen. Vorfrühling ist große Zukunft, ohne wenn und aber. Verlangt wird: die Zustimmung zum Leben.

Klangmomente 1

Sie schlendert aus einem Wäldchen auf eine Lichtung, sie sagt (auf Englisch): Mein Name ist Katja Buniatishvili, ich wurde in Georgien geboren…Sie schlendert ein wenig weiter, und man beobachtet sie dabei und hört nicht mehr auf das, was sie sagt (würde sie doch bloß nichts mehr sagen!). Dann sieht man das kleine Podium, auf dem sie gleich hinter dem schwarzen Steinway Platz nehmen wird. Wir befinden uns weiter in einem Waldstück, es handelt sich um ein Waldkonzert, und ich bilde mir ein, es finde im Vorfrühling statt. Leider gibt es Publikum und Zuhörer, und sie sitzen da wie Konzertbesucher, wobei es sich eindeutig um einen Fehler des Regisseurs handelt. Wie schön wäre dieses Konzert (einer Anregung von Annette Pehnt folgend): ohne Publikum und stattdessen: Tiere und Pflanzen als Zuhörer, Märchenwaldstimmung, Entrücktheit, die Prinzessin, die aus dem Walddunkel tritt und die Lichtung erhellt…Sie trägt ein schwarzes Top und einen Glocken- oder Faltenrock, Kenner halten das für ein Modell von Yves Saint Laurent, mag sein, ich bin leider kein Kenner. Jedenfalls, sagte sie einmal, zeige sie während eines Konzerts gerne  viel Haut, Haut zu zeigen und eine gewisse Nacktheit zu spüren, das sei ihr wichtig. In Ordnung, man sieht jetzt die Nacktheit, dann aber schlägt sie den ersten Akkord an, und alles um Yves Saint Laurent, den Glockenrock und den Top, der die Nacktheit erlaubt, ist sofort verschwunden. Und man hört die Klavierfassung einer Aria aus Bachs Kantate BWV 208, und man lächelt noch über den Vorfrühlingstitel: „Schafe müssen sicher weiden“. Danach erstirbt aber das Lächeln, und man sitzt draußen im stiller werdenden Wald, und es ist so, als wäre man in den Vorräumen eines kleinen Himmels zu Gast: Katja spielt, und Bach schleicht langsam und beglückt durchs Gehölz, lauschend, selig – und weiter und weiter davon…, und schließlich, mit den letzten Klängen, wieder zurück in seine eigenen Sphären…

Lektürelisten

Was ich u.a. gerade lese und was mich beschäftigt:

Louis Aragon: Der Pariser Bauer. Aus dem Französischen von Lydia Babilas. Frankfurt am Main 1996

Walter Benjamin: Über Städte und Architekturen. Hrsg. von Detlev Schöttker. Dom publishers. Berlin 2017

John von Düffel: KL. Gespräch über die Unsterblichkeit. Dumont Buchverlag. Köln 2015

John  Fante: Little Italy. Stories. Deutsch von Kurt Pohl und Rainer Wehlen. MaroVerlag. Augsburg 2016

Friedrich Kittler: Baggersee. Frühe Schriften aus dem Nachlass. Wilhelm Fink. Paderborn 2015

Franco Moretti: Distant Reading. Aus dem Englischen übersetzt von Christine Pries. Konstanz University Press. Konstanz 2016

Elliot Paul: Das letzte Mal in Paris. Übersetzt von Ludovica Hainisch-Marchet. MaroVerlag. Augsburg 2016

Blanka Stolz (Hrsg.): Die Philosophie des Gärtnerns. Mairisch verlag. 2017