Der (noch) leere Saal

In etwa einer Stunde wird dieser Saal bis auf den letzten Platz gefüllt sein. Du wirst hinter dem schlichten Tisch auf dem schwarzen Klavierhocker sitzen und versuchen, den Raum zum Klingen zu bringen. Nach weniger als einer Minute wirst Du wissen, ob es gelingt…

Der japanische Taschenkalender

Ich liebe kleine Kalender, die ich mit mir herumtragen und während des Jahres (auf ihr Jahresthema bezogen) vollschreiben kann. Diesmal ist der „Japanische Taschenkalender für das Jahr 2017“ mein Lieblingskalender. Jetzt, Mitte April, bietet er Texte zur Kirschblütenzeit, darunter die Verse des Dichters Ôshima Ryôta:

So ist diese Welt:

Drei Tage mal nicht hingeschaut –

o, diese Kirschblüten!

Manchester by the Sea

Ich sah den Film Manchester by the Sea und überlegte bereits, während ich ihn sah, warum er mich mit seinen einfachen Mitteln derart fesselte und in keinem Moment zur Ruhe kommen ließ. Während seines gesamten Verlaufs konzentriert er sich auf einen einzigen Menschen, Lee Chandler (mitreißend gespielt von Casey Affleck). Man erlebt ihn zunächst als introvertierten, mürrischen Typ, für den man nicht besonders viel Sympathie aufbringt. Je länger man ihn begleitet, umso klarer wird einem jedoch, dass er einigen unglaublichen Katastrophen gerade noch entkommen ist und an der Grenze zum Selbstmord lebt. Drei Kinder hat er (beim Brand seines Hauses, an dem er nicht ganz unschuldig war) verloren, die Mutter der Kinder hat sich von ihm getrennt, sein Bruder Joe ist an Herzversagen gestorben. Lee Chandler hat kein eigenes Leben und längst keine Gefühle mehr, die er an andere Menschen verschwenden könnte. Der Film erzählt diese Katastrophen sehr langsam, nacheinander, in Rückblenden, während er weiter nicht nachlässt, sich auf das Mienenspiel seiner Hauptperson zu konzentrieren. Und so geht eine Bombe nach der andern hoch, und man beginnt, um diesen Mann zu fürchten und alles Verständnis für seine manchmal aggressiven Attacken gegen andere aufzubringen. Beinahe zwanghaft zieht einen der Film dann weiter hinein in das Innenleben der vereinsamten Gestalt, die es nicht einmal mehr schafft, sich ein paar Minuten mit einer anderen Person zu unterhalten. Am Ende starrt man auf ein fassungslos machendes starkes Schlussbild des (scheinbaren?) Friedens: Lee Chandler sitzt mit dem Neffen, den man ihm anvertraut hat, am Wasser und angelt. Danach kann man sich nicht rasch von diesen Bildern lösen und denkt: Meine Herren, was habe ich in den letzten zwei Stunden nicht alles erleben müssen?! Und, meine Herren, wie habe ich diese zwei Stunden überstanden, ohne selbst verrückt zu werden (wie Lee Chandler es beinahe geworden wäre)?! Das sich rekreierende Leben (an dessen Kraft man während des Films in keinem Moment glaubt) ist wieder da, aber der Film erlaubt niemandem, der ihn gesehen hat, darüber noch viele Worte zu machen.

Im Garten 6

Auf die Signale der hellgelben, den Frühling herbeiordernden Forsythien reagieren zaghaft die Polster der Primeln und die sich ins noch matte Wiesengrün hineinhäkelnden Gänseblümchen. Sie nehmen keinen Kontakt miteinander auf und beanspruchen jeweils ein eigenes, kleines Terrain. Aber sie fühlen sich miteinander verwandt und streuen sich aus, hinterlassen minimale, dekorative Farbflecken und bestehen auf ihrem kleinteiligen Impressionismus. Nur als Ensemble bekommt man sie jeweils in den Blick. Kneift man aber die Augen zusammen und fixiert sie einzeln – springen sie aus dem Blickfeld, wenden sich ab, drehen sich in ihrem Kinderübermut auf eine andere Seite und ziehen, fremde Lieder summend, davon…

Im Garten 5

Schneeglöckchen und Scharbockskraut – sie sind die ersten Zeichen des Aufbruchs nach einem langen Winter in Richtung Frühling. Richtig los geht es aber erst mit den Forsythien-Blüten. Von einem Tag auf den andern brennen die Sträucher in einem malerisch nicht zu übertreffenden Hellgelb und halten diese kräftige, exzessive Farbe Tag und Nacht. Ein Flammenwurf, ein Fanal für alle anderen Rundumblüher, sich endlich ins Freie zu wagen. Aufschäumend und rasend vor Verlangen nach den Blaus und den Sonnen hoch droben beherrschen die Forsythien den gesamten Raum, ziehen alle Blicke auf sich und verlangen nach rascher Ausdehnung. Die Ränder des Gartens wollen sie dicht besetzen, die Grenzen markieren und sich in jedem Jahr noch um einige Hundert Blüten vermehren. Sie erinnern daran, dass der Garten nicht nur seine stillen, sondern auch dionysische Zonen hat. „Es soll hoch hergehn im Frühjahr und erst recht dann im Sommer“, jubeln sie, knalljung wie sie sind. Sie haben Ansprüche, sie sind nicht bescheiden, und so verstecken sich manche anderen Pflanzen so lange, bis die Blüten dieser gelben Dramatiker sich zusammenrollen und ihren Rausch langsam beenden.