Kleine Erinnerung an Lukas Podolski

Ich erinnere mich genau an den Tag, an dem ich Lukas Podolski „im wirklichen Leben“ einmal zufällig begegnet bin. Es war der 20. Dezember 2012, und die Begegnung fand ausgerechnet in der Feinkostetage des Londoner Kaufhauses Harrods statt. Ich erkannte ihn plötzlich und beobachtete, wie er (geduckt, vorsichtig, tastend) durch die Gänge schlich, um die vielen traumhaften Waren zu beiden Seiten zu inspizieren. Er „inspiziert“ sie, dachte ich sofort, „er ist nicht als Käufer hier, sondern wie ein Bub, der sich in einem Wunderland umschaut und dabei überlegt, was er sich zu Weihnachten wünschen könnte“. Ich habe mich nicht entblödet, ihn anzusprechen, und als ich ihm die Hand gab, verstärkte sich der Eindruck, einen Buben vor sich zu haben, weil er mir viel kleiner als erwartet erschien. Ich versuchte, uns eine Brücke zu bauen, indem ich ihm erzählte, dass ich Kölner sei, und er lächelte kurz und antwortete erleichtert: „Aus Köln sind Sie? Na ja, normalerweise würden wir jetzt zusammen ein Glas trinken. Aber wo gibt es hier schon was Gescheites zu trinken?“ Wir lachten, wünschten uns ein frohes Fest und trennten uns wieder, als wären wir sicher, dass wir uns an Heiligabend im Kölner Dom wieder begegnen und danach gleich um die Ecke das ersehnte Glas trinken würden.

Abschiedsspiel für Lukas Podolski

Lukas Podolski war bereits bis zu seinem gestrigen Abschiedsspiel kein gewöhnlicher Nationalspieler. Er war vielmehr ein Spieler mit einer starken Biografie und mit einem leuchtend offensiven Charakter, der schwerer, als viele Beobachter annahmen, zu fixieren war. Natürlich war er der meist gut gelaunte Spaßmacher, daneben aber auch eminent fleißig, treu und von einem manchmal fast rohen, trockenen Ernst. Das alles hätte genügt, seine Geschichte in guter Erinnerung zu behalten. Der gestrige Abend hat jedoch die Ebene der guten Erinnerung weit übertroffen. Jerome Boateng hat dieses Übermaß als einer der wenigen gleich erkannt und benannt: Der Auftritt von Podolski und sein unglaubliches Tor in der 69. Minute des Spiels erschienen ihm als szenisches Bestandteil einer „Legende“. Und genau das ist geschehen: Mit diesem Tor verwandelte sich der Abschied, konzentriert auf den einen blitzartigen Moment, in die Darstellung von etwas Wunderbarem. Dass Podolski der Ball auf ideale Weise vorgelegt wird und er ihn so trifft, dass mit diesem Schuss die Erinnerungen an all seine Torschüsse mit dem linken Fuß abgerufen werden, ist mit Vernunft oder einem kleinen Staunen nicht zu begreifen. Das Ganze hat vielmehr den Charakter eines besonderen „Erscheinens“ und damit einer „Legende“. Als Erzählform berichtet die Legende nicht nur von guten Momenten, schönen Stunden und einem sinnvoll verbrachten Leben. Sie erzählt darüber hinaus von jenen seltenen Augenblicken, die das Gute, Schöne und Sinnvolle ins Wunderbare drehen. So gesehen, bleibt der Nationalspieler Lukas Podolski keine gute Erinnerung, sondern eben eine legendäre. Jeder, der das Wunder gesehen und erlebt hat, wird von ihm berichten und es niemals vergessen.

 

Martin Walser

Auf 3sat lief aus Anlass von Martin Walsers 90. Geburtstag ein Film von Frank Hertweck (Mein Diesseits – Unterwegs mit Martin Walser), den ich als einen sehr gelungenen Film der Sparte „Literatur im TV“ empfand. Das Konzept war ebenso einfach wie einleuchtend: Denis Scheck begleitete Martin Walser durch dessen Kindheits- und Jugendgelände am Bodensee. Er stolzierte aber nicht fragend neben ihm her, sondern fuhr ihn in einem ehrenvoll in die Jahre gekommenen Mercedes durch Dörfer und Landschaften. Hier und da stiegen die beiden aus und schauten sich etwas Konkretes an, Walser geriet nicht nur ins Plaudern, sondern eher ins Nachdenken und Erinnern. So wurde er durch das Gesehene und oft lange Betrachtete (die Zimmer des Elternhauses, das Innere einer Kirche, das Ufer des Bodensees) hypnotisiert und langsam zum Sprechen gebracht. Die von Lesungen und anderen Auftritten her bekannte Walser-Suada kam nicht zum Zuge, stattdessen erlebte man einen aufmerksamen und sich in das Gegenüber vertiefenden Menschen, der die Worte erst sucht und sammelt. Denis Scheck war dabei der ideale Begleiter: von immenser Höflichkeit, zurückhaltend, niemals darauf aus, die Sahne alter Zeiten noch einmal anzurühren und steif zu schlagen. So spürte man förmlich die wachsende Zuneigung, die den wachsamen Moderator und den sich an dieser Wachsamkeit erfreuenden Schriftsteller immer stärker miteinander verband. Von Drehtag zu Drehtag fanden die beiden Reisenden mehr zueinander, und die stärksten Szenen waren genau die, in denen Denis Scheck sich an jedem Drehtagmorgen Walsers Überlinger Wohnhaus näherte: Die Tür öffnete sich einen Spalt, und Scheck begrüßte die kaum  sichtbare (und während des gesamten Films auch nicht deutlicher erkennbare) Dame des Hauses. Und später, an jedem Abend: Walser wurde vor diesem Haus wieder verabschiedet und tastete sich durch die Dunkelheit langsam zur Haustür zurück. Das war groß, ganz groß!  Ungeplant – und wie „vom Leben“ erfunden… – und damit ergreifender als fast alles, was in diesen Tagen über Martin Walser geschrieben und gesagt wird.

Regen und Pariser Zauber

Es regnet den ganzen Tag, als ich zurück bin. Aber wie dankbar bin ich diesem Regen, dass er die gesamte Umgebung verschleiert! Denn ich habe den Kopf und das Herz noch so voll von Paris, dass ich mich vor der Zumutung einer anderen Umgebung am liebsten verkriechen würde. Das vitale Leben dieser so aufreizend gebliebenen Stadt ist nicht abzuschütteln, es sitzt tief im Körper. Die einzige Notlösung angesichts dieser Emphase besteht darin, sich Fotografien oder Filme anzuschauen, die ebenfalls von Paris erzählen und handeln. Und so sehe ich denn am Abend Eric Rohmers Rendezvous in Paris, einen Film aus dem Jahr 1995, der aus drei Episoden besteht, in denen jeweils ein Paar ein Segment von Paris auf sehr eigene Weise erkundet. All diese Paare unterhalten sich ununterbrochen, und das in einem schwindelerregenden Tempo. Unaufhörlich fragend und antwortend, hetzen die Liebenden sich durch Straßen, Gärten und Parks, und Rohmers Kamera verfolgt sie dabei ohne einen einzigen Schnitt. Die schnellen Dialoge halten die Körper in vehementer Bewegung, so dass sie durch die Straßen geweht und gedreht werden, bis sich die Erschöpfung einstellt und einer der beiden Liebenden allein in irgendeine Ferne verschwindet: Ende der Passion, ein neues Spiel (mit anderen Konstellationen) beginnt! Wie anstrengend ist hier die Liebe! So anstrengend, dass die Liebenden gar nicht dazu kommen, sie wirklich zu empfinden. Sie bereiten das starke Gefühl durch ununterbrochene Konversation vor, sie heizen es an, sie werden ganz toll bei den vielen Perspektiven, die sich laufend von neuem eröffnen – dann aber erkalten sie angesichts der erzielten Hochtemperatur. Es geht nicht mehr weiter, es ist alles gesagt, und mehr als alles zu sagen, entspricht nicht ihrer Vorstellung von dem vagen Großen, das die Liebe für diese Liebenden sein soll und (leider) für immer bleiben wird.

 

Paris, Place Contrescarpe

Kein Platz von Paris ist so sehr mit einem einzigen Schriftsteller verbunden wie der Place Contrescarpe. Wenige Meter von ihm entfernt, hatte der junge, gerade frisch verheiratete Hemingway seine erste Pariser Wohnung, in jedem Lokal dieses Platzes hat er gesessen und über jedes geschrieben. Seine Verbindung mit diesem Platz ist so stark, dass man sich auch mühelos jede Tageszeit mit einem Hemingway-Auftritt vorstellen kann: er umrundet ihn, er steht vor einem der vielen Cafés, er trinkt ein Glas Wein im Freien, er umarmt seine junge Frau. Lange Zeit sitze ich mit einem Freund vor dem geheimen Zentrum des Ganzen, dem Café Contrescarpe. Wir imaginieren die vielen Geschichten und können uns nicht von diesem Platz trennen.  Ich bin so verrückt, dass ich dem odeur dieser Szenen noch bis in den Keller folge, und plötzlich sehe ich mich als einen Teil der alten Patina, die längst auf ihnen liegt: Scout in Hemingways Keller, Place Contrescarpe.

Paris, École des Beaux Arts

Das Gelände der École des Beaux Arts am linken Seineufer ist ein geschlossener Burgbezirk, in den ein Fremder nicht eingelassen wird. Heute aber findet dort ein kleines Fest statt, daher habe ich Glück und werde ohne langes Theater durch den schmalen Kontrolleingang geschleust. Das Sicherheitspersonal, das gegenwärtig in Paris vor jedem Staatstempel steht, hält mich für einen der Gäste, und so darf ich passieren. Die Studenten haben sich in ihre Studios verzogen und lassen sich angesichts des steifen Festaufgebots nicht blicken. Und auch ich habe keine Lust auf langweilige Reden und spaziere lieber auf dem Gelände herum, neugierig auf jede eigentlich unerlaubte Entdeckung. Eine junge Studentin bekommt diese Neugierde anscheinend mit, sie kommt auf mich zu und erkundigt sich danach, was ich suche und woher ich komme. Sie verlangt, dass wir Deutsch sprechen, unbedingt, sie möchte sich Deutsch unterhalten, um sich in dieser Sprache zu üben. Was sie studiert? Inszenierung! Und was umfasst das? Malerei, Fotografie, Film, Architektur! Also studiert sie im  Blick auf eine Performance? Aber nein, im Blick auf Inszenierung! Ihre Augen leuchten, als sie davon spricht, als brächten ihre „Inszenierungen“ ganz Paris zum Leuchten und Glimmen. Ich glaube ihr sofort, denn ich sehe es ja direkt vor mir: große Inszenierung, völlig uneitel, aus dem Ärmel geschüttelt, improvisiert, mit einer vom Pariser Schwung getränkten Leidenschaft, die ihresgleichen sucht.

Vermeer in Paris

Die „große Ausstellung“ dieser Tage, die alle Welt anzieht, ist die Vermeer-Ausstellung im Louvre. Es gibt sie erst seit kurzem, und sie ist jeden Tag überfüllt, daher wäre es nicht klug, sie schon jetzt zu besuchen. An den Vermeer-Plakaten, die ganz Paris schmücken, komme ich jedoch nicht vorbei, man bleibt stehen und schaut länger hin, selbst ein Vermeer-Plakat wirkt stärker als alle realen Bilder ringsum. Und so imprägniert sich das Auge mit lauter Vermeer, und als ich allein in einem kleinen Café sitze, fotografiere ich eine junge Frau und habe auch gleich einen Titel für diese Fotografie in den Farben des alten Meisters: Die Lesende (nach Vermeer).  

Ankunft in Paris

In Paris komme ich auch diesmal zunächst in der Vergangenheit an. Es ist die der siebziger Jahre, in denen ich mich fast ausschließlich in der Gegend um die alte Kirche Saint-Germain-des-Prés bewegte. „Mon village“ nannten die Einwohner damals noch dieses Gelände, und so verhalten wie in einem Dorf bewegten sich die meisten tatsächlich durch die Straßen mit den halbhohen, schmalen Häusern. Ich benutze weder die Metro noch den Bus, selbst ein Fahrrad gehört nicht in dieses Terrain. Langsam gehe ich durch seine Gassen, als müsste ich jedes Bistro, jedes Café, jeden Laden einzeln begrüßen und etwas Vertrautes entdecken. Mitten in einer Weltstadt und in ihrem uralten Zentrum entsteht ein typisches Dorfgefühl: ah, das gibt es noch, und, ah ja, der kleine Markt „existe“ auch weiterhin, gleich gegenüber dem legendären Hotel, in dem Tarantino das Drehbuch zu Pulp fiction schrieb. Eine Stadt zu lieben, heißt auch: ein kleines Segment dieser Stadt seit langem so gut zu kennen, dass man bei seiner erneuten Ankunft lauter Verwandte begrüßt. Und wo isst man mit ihnen zu Mittag? Draußen, im Freien, auf dem Bürgersteig vor einem Bistro, während die Nachbarn aus ihren Häusern kommen und den kleinen Tisch schließlich plaudernd umlagern.

Im Garten 4

5

Scharbockskraut stirbt nach ausgiebiger Lüftung, denn es nistet sich ein im Gehölz und verliert nie den Kontakt mit dem Boden. Seine gelben Sternblüten verweilen geduckt und sehen aus wie vom Wind herbei geweht. Keine Horde, sondern eine kleine, mutige Schar, verdeckte Ermittler mit Sonnen- und Windsignalen, Heimlichtuer, Agenten in besonderem, königlichem Auftrag. Unbemerkt ziehen sie nachts weiter und tauchen auf, wo sie niemand vermutet. Manchmal werden sie eitel und ranken und recken sich auf. Sie flüstern und bilden Geheimsprachen aus, sie haben keinerlei Kontakt zu den Vorfrühlingsblühern ringsum. In fremden Ländern verwandeln sie sich in Margeriten, aber erst spät im Frühjahr, wenn das Gras hoch steht und der Wind sanfter weht.

Im Garten 3

Schneeglöckchen brauchen nicht ausgesät oder gelüftet zu werden, sie sind jedes Jahr einfach da. Fantastisch, wie sie in Horden lagern, dicht gedrängt, Seite an Seite, in engster Berührung. Frühmorgens öffnen sie ihre Blüten und singen Sopran, halblaute Madrigale der Frührenaissance. Und am Mittag sind sie sonnenbesoffen und lassen die Blütenköpfe schwer hängen. Kommt Wind, zittern sie ein wenig und stehen steif bis in den frühen Abend auf einem Fuß. Sie sind Schnee und Kälte gewohnt, und ein wenig sehnen sie sich noch im schönsten Vorfrühling danach zurück. Rückwärtsgewandt sind sie, beharrlich, utopiefern. Wenn die Sonne im Frühling Ernst macht, klappen sie in sich zusammen und geben sich auf. Spätestens dann sind im TV Übertragungen von Wintersportarten verboten. So bestimmt es das Schneeglöckchendiktum.