Das Gegenüber

Beim Verlassen des Kölner Bahnhofs richtet sich der Blick (nach rechts) auf das Gebäude, in dem der Verlag „Kiepenheuer & Witsch“ untergebracht ist. Und (nach links) auf den Dom – auf  seine Pfeiler und seine  Unendlichkeit. Der Doppelblick bewahrt auf, was geschehen ist: Die Domszenen meines neuen Romans („Der Typ ist da“)  sind – über eine schmale Straße hinweg – eingezogen in das Gebäude genau gegenüber. Zur Verbreitung – und um weitere Straßen zu überspringen.

Potsdamer Literaturfestival

Auf den „writer in residence“ des Potsdamer Literaturfestivals 2017 wartet ein stattliches Privatschiff, das ihn durch Seen und Kanäle rund um Potsdam fährt. Am Ende darf er das Steuer selbst halten und sich die besten Anlegeplätze aussuchen. Aus den Villen am Ufer erhält er einladende Zeichen, denn fast alle Villenbesitzer wünschen sich, dass er zumindest für einen Abend oder sogar eine Nacht ihr Hausdichter werde. Er entscheidet sich für ein Ufer, in dessen Nähe Schriftsteller der früheren DDR kampierten und fabulierten. Die Eltern von Christa Wolf sollen in dieser exklusiven Lage sogar die Herbergseltern gewesen sein. Und schon bewegt sich der „writer in residence“ tranceartig inmitten eines großen Romans der letzten Jahrzehnte, und es fehlen nur noch ein paar Schritte durch einige Villengelände, bis er mit seiner Niederschrift beginnen könnte.

Max Frisch

Ich las einige Interviews und Gespräche mit Max Frisch (Max Frisch: „Wie Sie mir auf den Leib rücken!“ Interviews und Gespräche. Ausgewählt und herausgegeben von Thomas Strässle. Berlin 2017). Und ich dachte, dass dieser Schriftsteller als einer der ersten überhaupt die Selbstbefragung zu seinem zentralen Thema und seiner ureigensten Methode gemacht hat. Sich selbst befragen, von anderen befragt werden, das gesamte Fühlen und Denken der Befragung unterwerfen. Morgens aufstehen und beim ersten Blick in den Spiegel schon eine Frage mitdenken. Die Seife in der Hand als etwas betrachten, das den Körper befragt. Das Frühstück minimieren, weil Brötchen, Marmelade und Joghurt unangenehme Morgenfragen stellen. Pfeife rauchen, unablässig, weil man beim Pfeife rauchen den Mund weitgehend geschlossen hält und höchstens vorsichtig oder verkniffen fragt. Aber: Warum das alles? Wer ist hinter ihm her? Was treibt und verfolgt ihn? Es muss eine seltsame, noch kaum erforschte Spielart des schlechten Gewissens gewesen sein, nichts Religiöses, nichts Philosophisches, sondern etwas ganz Schlichtes. Die Empfindung, immerzu am falschen Ort zu sein, nicht da, wo man hingehört – und das außerdem noch mit den falschen Menschen, also nicht mit denen, zu denen man gehört. So dass er sich vorgehalten haben könnte, eigentlich woanders leben und sich rasch dorthin verändern zu müssen – das schlechte Gewissen als Form einer unstillbaren Sehnsucht, die fortwährend an ihm nagte und immer wieder diese starken Wellen der Selbstbefragung auslöste.

 

Rukurukuku

Frühmorgens: Wie viele Vögel in der grünen Wildnis ringsum zu hören sind!! Singen oder schreien, rufen oder schlagen sie – oder wie soll ich ihre Laute sonst nennen? Peter Krauss hat ein „Handwörterbuch der Vogellaute“ geschrieben und ist darin den „Lautäußerungen“ der Vögel nachgegangen, so wie sie in alten Enzyklopädien, Lexika oder Vogelbüchern festgehalten wurden. Die Goldammer (emberiza schoeniclus) zirpt oder ruft (zipzizi zizizizi). Die Amsel (turdus merula) pfeift und flötet, kann aber auch schnirpen, schackern und zetern. Der Bussard (buteo buteo) bust, hiäht oder miaut, während die Elstern (pica pica) eindeutig zetschen oder schättern. Mit Hilfe einer App, die mir diese Vogelstimmen präsentiert, kann ich das Lautorchester aus dem Grünen noch weiter durchdringen. Nach und nach erkenne ich wahrhaftig einzelne Stimmen und kann noch genauer entscheiden, ob etwa der Buchfink gerade an diesem heutigen Morgen pinkt, binkt oder finkt oder (vor zu erwartendem Regen oder Sturm) doch eher schirkt oder schilkt. Ich verstehe die Kompositionen besser und weiß sie sogar ein wenig zu deuten. Einige handeln vom Wetter, andere von Zuneigung, und manche sind auf Parodie und Nachahmung anderer Stimmen aus. Und nun sag: Welche sind Dir am liebsten?

Fermers Wanderungen 4

In den Traumbildern kehrte das helle Maigrün zurück. Er verließ die schmale Landstraße und bog ab auf die Felder und Wiesen. Sie streckten sich bis zum Horizont, und der blaue Himmelsquerstrich erschien wie ein Meer in sehr weiter Ferne. Er stand still und schaute…

Teetrinken

Pfefferminztee war der einzige Tee, den ich in der Kindheit getrunken habe. Meine Eltern dagegen haben gar keinen Tee getrunken, die näheren Verwandten auch nicht, ich habe überhaupt niemanden in unserem Umfeld gekannt, der Tee trank oder ein einziges Wort über das Teetrinken verloren hätte. Tee existierte eigentlich gar nicht, und wenn jemand in ein Kölner Brauhaus ging und Tee bestellte, schickte ihn der Köbes in die nächste Apotheke. Noch immer trinke ich fast keinen Tee, höchstens manchmal ein oder zwei Tassen. In diesen seltenen Momenten erinnere ich mich an die vielen passionierten Teetrinker, die ich in meinem Leben kennengelernt habe. Sollte ich nicht auch in einen guten Teeladen gehen, mich beraten lassen, eine Teekanne, ein Sieb und viele seltene Sorten kaufen und mich damit auf den Teeweg begeben? Seit einigen Tagen lese ich Christoph Peters Buch „Die wunderbare Bitterkeit. Leben mit Tee“, für mich genau die richtige Lektüre. Peters hat als Kind und vermehrt als Jugendlicher viel Tee getrunken. Er ist auf den Teegeschmack gekommen und hat sich schon früh in den großen Teegegenden der Welt (Orient, Asien) umgesehen. Sein Buch vermittelt mir den Glauben, dass meinem Leben ohne Teegenuss etwas fehlt. So könnte Christoph Peters mein Teemeister werden, ich sollte nur noch den nächsten Teeladen betreten und mit meiner neu erworbenen Teepassion Ernst machen. Bald wird es soweit sein, sehr bald, ich bin drauf und dran…

Das schottische Hochlandrind

Wir kennen uns nun schon seit einiger Zeit, wir kommunizieren. Ich ahne nicht, was Du von mir hältst, ich jedenfalls halte viel von Dir und habe schon daran gedacht, über Dein Landleben eine Erzählung zu schreiben. Du sollst die Hauptperson sein, ich nur eine Nebenfigur: Der Wanderer, der oft lange vor Deinem Zaun stehenbleibt, Dich anschaut und versucht, in Deinen stillen Träumen zu lesen…

Fermers Wanderungen 2

Fermer blickte hinüber zu der alten Abteikirche, die er seit den Kindheitstagen kannte. Die kleine Glocke läutete. In wenigen Minuten würden sich die Mönche im Chor versammeln und mit ihrem Vespergesang beginnen.