Karwoche – Die Klausur

Johann Sebastian Bach: Matthäus Passion. Berliner Philharmoniker. Sir Simon Rattle. Ritualisierung Peter Sellars. 2 DVD (Berlin Phil Media GmbH BPH 120011-2)

Zeit für Stille. Regie: Patrick Shen. DVD (ASIN B077RL8T68)

Die große Stille. Regie: Philip Gröning. DVD (ASIN B000F3C6NC)

Karwoche – Meditation 5

Die Sieben letzten Worte Jesu am Kreuz hat man aus den vier Evangelien extrahiert und zu einem Ensemble des Abschiednehmens zusammengestellt. Jedes dieser „Worte“ (oder besser: Fragmente) richtet sich an bestimmte Personen, akzentuiert ein bestimmtes Thema und ergibt im Ensemble ein letztes Testament mündlicher, auf das Ereignis des Kreuzestodes bezogener Rede.

Waren die Überlegungen, Gedanken und Reden Jesu vor seiner Gefangennahme und vor seinem Prozess „Testamente“ in fundamentaler Absicht (grundlegend, erörternd, fixierend), so sind die Sieben letzten Worte die intensivsten und menschlichsten Ausdrucksformen des langsamen Sterbens.

Sie lauten: 1) Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. (An Gottvater gerichtet, auf all jene bezogen, die an Jesu Tod direkt oder indirekt mitwirken …); 2) Amen! Ich sage dir, heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein! (An den ‚guten‘ Schächer gerichtet, der ebenfalls gekreuzigt wird, auf die Jenseitserwartung bezogen …); 3) ‚Frau, siehe, dein Sohn!‘ und: ‚Siehe, deine Mutter!‘ (An Jesu Mutter, Maria, gerichtet, die mit Jesu Tod keinen lebendigen Sohn mehr hat (und daher mit ‚Frau‘ angeredet wird) … – sowie an den Lieblingsjünger Johannes gerichtet, der nun eine ‚Mutter‘ (Maria) zugewiesen erhält und sich von diesem Augenblick an um sie zu kümmern und sie zu versorgen hat …); 4) Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen? (Sicher der erschütterndste Text der Sieben Worte, gerufen im Moment der stärksten, extrem menschlichen Verzweiflung, gerichtet an einen Gottvater, der sich nicht zeigt und den Tod Jesu zeichenlos zulässt …); 5) Mich dürstet. (Der Versuch, eine letzte, menschliche Geste der Zuwendung oder Anteilnahme bei den Umstehenden zu erwirken); 6) Es ist vollbracht. (Die Passion findet ihr Ende, der Kreuzweg ist gegangen.); 7) Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist. (Der allerletzte Satz, an Gottvater gerichtet, ein Satz der erwarteten Erlösung und stillen Hoffnung.)

Joseph Haydn hat zu den Sieben letzten Worten Jesu am Kreuz eine Musik geschrieben, die er in mehreren Fassungen hinterlassen hat. Als Orchesterwerk, als Streichquartett, in einer Fassung für Klavier. In konzertanten Aufführungen werden die Sieben Worte jeweils einzeln gelesen, worauf das auf den jeweiligen Text bezogene Musikstück gespielt wird. Alle Stücke erfüllen den Anspruch der meditativen Versenkung in den Text.

Die Fassung für Streichquartett ist mir die liebste. Ich höre sie in der Interpretation durch das Cuarteto Casals

Karwoche – Meditation 4

Das Geschehen des Abendmahls erzählen die drei Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas mit geringen unterschiedlichen Akzenten. Alle Drei halten sich aber an die besondere Dramaturgie: Das Abendmahl ist das Ende von Jesu Selbstbefragung und Philosophieren vor seiner Passion. Und das Abendmahl ist gleichzeitig deren Auftakt. So dass drittens im Hintergrund schon die Aktionen anlaufen, die zur Gefangennahme Jesu führen (Judas nimmt Kontakt mit den Hohenpriestern auf und verhandelt die Geldsumme für den Verrat).

Der Verräter sitzt mit am Tisch (!), als das Abendmahl beginnt. Die Ungeheuerlichkeit dieser Szene kehrt Jesus bewusst hervor, indem er diese Tatsache anspricht: Einer von Euch (der in diesem Moment unter uns sitzt) wird mich verraten! Die großen abendländischen Maler (Leonardo da Vinci, Jacopo Tintoretto) fanden gerade an diesem dramatischen Moment Gefallen. Anders als die Teilung des Brotes und das Trinken des Weins ist es kein stiller Moment, sondern einer, der es erlaubt, jede einzelne Apostelfigur in einer besonderen Gebärdensprache einzufangen: Meint Jesus mich? Bin ich‘ s? Aber er spricht doch nicht von mir! Aber doch nicht ich! Es gibt daher zweierlei Formen von Abendmahl-Bildlichkeit: Die des gemeinsamen, konzentriert und ruhig eingenommenen Mahls (von Brot und Wein). Und die des erregten, aufgebrachten und äußerst unruhigen Debattierens der Jünger, wer der Verräter sein könnte.

Das Mahl (und gemeint ist anfangs noch lediglich das jüdische Festmahl zum Passafest und damit das Verzehren des Passalamms) ist in vollem Gang, als Jesus selbst die beiden entscheidenden, endgültigen, den neuen Glauben begründenden Akzente setzt: Das Brechen des Brots, das ebenso wie der Kelch mit Wein an die Jünger weitergereicht wird, damit sie davon essen und trinken. Mit diesen beiden Gesten und den besonderen Deutungen, die Jesus ihnen verleiht, existiert der Bund eines neuen Glaubens. Das Abendmahl ist kein Mahl mehr wie viele andere zuvor, die Jesus mit den Jüngern eingenommen hat. Es ist vielmehr das Mahl, das die Mitglieder der neuen Glaubensgemeinschaft von nun an gemeinsam begehen werden, um sich von neuem als gläubige Christen (an Christus Glaubende) zu beweisen und zu verstehen.

Die Gemeinschaft des Mahls ist daher die Urszene der christlichen Liturgie. Sie verwandelt jeden Gottesdienst (anstatt bloß Szene=Drama=Theater zu sein) in die Szenerie einer inneren Anteilnahme. Nicht mehr draußen, auf den Bühnen der Welt, spielt „das neue Geschehen“, sondern innen, in jedem einzelnen Gläubigen. Johann Sebastian Bachs große Matthäus-Passion (die Musik der letzten Tage vor Ostern) beginnt mit dieser Verwandlungsszene und erzählt, von ihr ausgehend, die Passion: Da sie aber aßen, nahm Jesus das Brot, dankete und brach’s, und gab’s den Jüngern und sprach …

Karwoche – Meditation 3

Mit dem Einzug Jesu in Jerusalem wird seine (bisher noch halbwegs versteckte) Konfrontation mit den Pharisäern und Schriftgelehrten ganz offen und deutlich sichtbar. Die beiden Fronten verhärten, nehmen Kontur an und treiben die gegenseitigen Provokationen exzessiv bis zum öffentlichen Prozess.

Matthäus, Markus und Lukas erzählen diese Phase der sich beschleunigenden Auseinandersetzungen ganz ähnlich (und manchmal sogar mit demselben Vokabular). Sie beginnt damit, dass Jesus die Verkäufer und Geldwechsler aus dem Tempel treibt, setzt sich fort in den harten Worten, die Jesus während der Folgetage für die Pharisäer und Schriftgelehrten findet, führt zu deren Entschluss, Jesus den Prozess zu machen, und endet damit, dass Jesus seine Jünger zum gemeinsamen Abendmahl versammelt (Matthäus 21,1-26,30; Markus 11,1-14,26; Lukas 19,28-22,20).

Diese Partien der drei Evangelien gehören zum Wunderbarsten (und für das Verständnis Schwierigsten) des ganzen Neuen Testaments. Sie beziehen ihre große Schönheit gerade daraus, dass es in ihnen nicht um konkrete Zeichen, Aktionen oder Wunder geht, sondern eher darum, dass Jesus dazu aufgefordert wird, sein Dasein, seine Botschaft und deren Aufgabe genauer zu bestimmen. Zum einen erwarten die Jünger mehr Klarheit über die Konturen der prophetischen Sendung, zum anderen aber (und das ist das Außerordentliche, Besondere, Einzigartige) macht Jesus sich selbst daran, seine Herkunft, sein Dasein, seine Stellung und deren Bedeutung für die Menschen (und für welche, bitte schön?) zu erkunden.

Kurz bevor das Geschehen endgültig eskaliert und es zum Prozess kommt, ist Jesus ununterbrochen mit diesen Themen und möglichen Antworten (auf Probe) beschäftigt. Er hält keine langen Predigten, sondern er befragt sich selbst, ja, er gerät ins Philosophieren über seine eigene Existenz und deren Beziehung zu dem, den er mal Vater, mal Gott oder auch den Herrn des Himmels nennt. Dieses Philosophieren bleibt in der Schwebe, es greift nach  immer neuen Gleichnissen, es stellt sich selbst zur Rede, aber es ergibt keinen abgerundeten Sinn. Eins fügt sich keineswegs ins andere, sondern Jesus beginnt immer wieder von neuem, die eigene Botschaft zu hinterfragen und zu konturieren.

Wenige Tage vor dem Prozess, der ihm dann mit aller Härte gemacht wird, entwickelt er sich zum Existenzphilosophen – herausgefordert dadurch, dass im drohenden Prozess jedes seiner Worte sitzen muss und es keine vagen Umschreibungen seiner Sendung mehr geben darf. Als baldiger Angeklagter muss er wissen, wer und was er ist. Weil er das vor Augen hat, treibt es ihn derart um, und es entsteht jene ungeheure innere Unruhe, von der er zuvor noch nie in einem solchen Ausmaß befallen war.

Und wie ist es bei Johannes (12,12-17,26)? Johannes intensiviert das Philosophieren Jesu, bis hin zu den dunkelsten Worten über seine Existenz und deren Aufgabe. Dabei werden die elementaren Themen seiner Mission nacheinander (wie Schwergewichte der Nachdenklichkeit) in großem Stil behandelt: Der Weg zum Vater, die Werke des Heiligen Geistes, die Bedeutung des Friedens, der Sinn der Liebe – und schließlich das alle diese Momente vereinende, weit ausholende Gebet. Neben diesen Bohrungen in den Tiefen von Religion und spiritueller Emphase hat kein anderes „Geschehen“ mehr Platz – und so wundert es einen nicht, dass der Evangelist Johannes das Abendmahl nicht in seine Leidenserzählung aufnimmt, sondern auslässt.

Für die anderen drei Evangelisten ist das Abendmahl aber jene starke Szenerie, in der Jesus zusammen mit seinen an einem gemeinsamen Tisch versammelten Jüngern endlich zur Ruhe kommt. Das Philosophieren schlägt um in Gestaltmetamorphose – und damit in „Verwandlung“ und „Wandlung“ … (Fortsetzung folgt)

Karwoche – Meditation 2

Mit dem Einzug Jesu in Jerusalem beginnt die eigentliche Leidensgeschichte. Jesus selbst scheint das genau zu wissen, denn sonst hätte er sich nicht für eine derart auffällige Inszenierung entschieden: Der Herrscher (der kein weltlicher Herrscher sein will) zieht auf einem Eselfüllen in die große Stadt ein, wo er den weltlichen Herrschern entgegen treten wird. Sie werden ihm den Prozess machen, auch das weiß er längst. Damit die Inszenierung glaubwürdig wirkt und „die Bilder stimmen“, ist Jesus auf Menschenscharen angewiesen, die am Wegrand stehen oder ihn sogar begleiten.

Im Matthäus-Evangelium geht dem Einzug die Heilung von zwei Blinden voraus. Sie lockt ganze Scharen von Neugierigen an. Diese folgen dem Wundertäter und begleiten ihn schließlich sogar bis in die Stadt: Mal schauen, was er noch alles tun wird! Es ist vor allem die Landbevölkerung, die so etwas sehen will und sich Jesus anschließt. Als er den ersten Städtern begegnet, sind die skeptisch: Was will dieser Mann, der auf einem Esel in unsere Stadt einreitet? (Sie haben keinerlei Verständnis für eine derart massive Inszenierung, und sie verstehen die Anspielungen nicht …)

Im Markus-Evangelium geht dem Einzug in Jerusalem nicht die Heilung von zwei Blinden, sondern nur die Heilung eines einzigen Blinden (eines Bettlers) voraus. Das Ergebnis ist aber ähnlich: Die Landbevölkerung schließt sich Jesus an und bricht in Jubelrufe aus: „Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn!“

Im Lukas-Evangelium begeistert Jesus die Menschen ebenfalls durch die Heilung eines Blinden. Danach reitet er aber nicht sofort in Jerusalem ein, sondern widmet sich zuvor noch Zachäus, einem reichen Zöllner, der ihn in sein Haus einlädt und in ein Gespräch verwickelt (einige Gleichnisse, die Jesus während dieses Gesprächs erzählt, wirken an dieser Stelle gefährlich retardierend). Anscheinend hat die dadurch entstehende, etwas längere Unterbrechung zur Folge, dass die Jesus begleitenden Scharen nun erheblich kleiner sind als in den Schilderungen von Matthäus und Markus. Bei Lukas ist nämlich fast nur noch von den Jüngern die Rede, die Jesus begleiten, Scharen sind es jedenfalls nicht. Also muss der kleine Kreis der Jünger die Jubelgesänge übernehmen: „Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn!“ (Die Jünger singen vom „König“, sie malen das Bild aus, sie halten sich nicht mehr zurück. Prompt wenden sich die Pharisäer an Jesus: „Meister, weise doch deine Jünger zurecht!“)

Der Evangelist Johannes schließlich erzählt (wie so oft) die dramatischste und komplizierteste Version vom Einzug in Jerusalem. Jesus heilt bei ihm keine Blinden, sondern erweckt den toten Lazarus zum Leben. Einen solchen Wundertäter wollen viele Menschen sehen. Johannes erzählt aber nicht sofort von den Scharen, die Jesus sehen wollen, sondern blendet (völlig überraschend und mit einem großen Sinn für Effekte) über zum Rat der Hohenpriester und Pharisäer. Sie sind in hellem Aufruhr über die vielen Gerüchte, die sich über Jesu Wundertaten verbreiten. Da das Passafest nahe ist, fürchten sie seinen Auftritt in Jerusalem. Wird er wirklich kommen? Wird er alles aufs Spiel setzen und die Auseinandersetzung suchen? Johannes lässt einige Tage vergehen, und er lässt Jesus noch einmal zu Lazarus zurückkehren, den er von den Toten auferweckt hatte. Als sich die Kunde von diesem Wiedersehen in Jerusalem verbreitet, sind es nun die Städter (!), die Jesu aus der Stadt entgegen (!) gehen. Und es sind genau diese gebildeten, die Anspielungen des Eselsritts verstehenden Städter, die (noch klarer und überschwänglicher als die Jünger) das Loblied singen: „Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König von Israel!“ Die Formulierung vom „König von Israel“ spitzt alles auf extreme Weise zu. Jetzt wird es darauf ankommen, ob und wie sich Jesus zu dieser Zuschreibung (oder anderen Zuschreibungen) verhält. Welche Rolle (oder Rollen) wird er in Jerusalem übernehmen? Wie wird sein persönliches Bekenntnis aussehen? (Fortsetzung folgt)

Karwoche – Meditation 1

Vor ziemlich langer Zeit war die Karwoche auf dem Land noch eine sehr besondere Woche. Schon am Palmsonntag hatte man Ostern im Blick, wusste aber gleichzeitig, dass die Tage bis dahin sich dehnen würden wie keine anderen des Jahres. Am Montag nach Palmsonntag gingen die Erwachsenen zwar noch zur Arbeit, hörten damit aber früher als sonst auf, weil sie am zweiten Tag der Karwoche bereits endgültig auf Ostern und den sich bis dahin enorm dehnenden Weg fixiert waren. Die meisten aßen auch schon nicht mehr normal, sondern viel weniger, und selbst die mäßig Gläubigen reduzierten den Alkohol dramatisch und tranken statt mindestens zwei Gläsern Bier täglich höchstens ein einziges kleines Gläschen.

Alle, ob gläubig oder nicht, wussten genau, dass sie von diesem Montag an immer weniger und weniger essen und trinken und sich am Karfreitag nur noch von Heringen und Pellkartoffeln ernähren würden (an Alkohol war gar nicht mehr zu denken). Die vielen Gläubigen und die wenigen Ungläubigen hörten allmählich aber auch mit dem Sprechen, Reden und Quasseln auf, das sie sonst doch über alle Maßen liebten und täglich vor allem im Freien betrieben.

Ich erinnere mich noch sehr gut an dieses unheimliche Stiller-und-stiller-Werden, selbst die Vögel stellten allmählich ihren Singsang ein, und spätestens am dritten Tag der Karwoche standen die Kühe so schwer und erstarrt auf den Feldern, als hätten die schleichenden Depressionen sie auch erwischt. Im Radio gab es nur noch schwere Trauermusik zu hören, und wer auf der Straße „lauthals“ lachte, galt schon fast als Atheist.

An die Stelle der sonst üblichen Vergnügungen trat der Kirchenbesuch – und das so reichlich, dass es selbst uns Kindern zuviel wurde. Am Gründonnerstag blieben die spitzenmäßig Gläubigen sogar die ganze Nacht in der Kirche, während am Karfreitag selbst von den mittelmäßig Gläubigen dort einige Stunden verbracht wurden. Spätestens an diesem Tag sollte man an kaum noch etwas anderes denken als an Das Leiden und Sterben unseres Herrn Jesus Christus, das in Form einer langen Erzählung in den Evangelien Station für Station ausgebreitet worden war. Jeder Evangelist hatte eine ganz eigene Version dieser Stationen, wir Kinder lernten aber meist nur einzige kennen, damit die Varianten uns nicht durcheinander brachten.

Die Neugier auf diese Varianten kam in meinem Fall erst mit Vierzehn, also in einem (damals) so genannten „kritischen Alter“, bei Betrachtung eines Gemäldes, das Jesus während seines Einzugs in Jerusalem darstellen sollte. Jesus ritt auf einem Esel in die große Stadt ein … – was mich zum ersten Mal in meinem Leben irritierte. Jesus auf einem Esel?! Musste das wirklich unbedingt sein? War das Ganze nicht zu theatralisch, wo Jesus doch sonst das allzu Theatralische klug gemieden hatte? Erst mit Vierzehn las ich die vier Fassungen der Evangelien vom Einzug Jesu in Jerusalem (Matthäus 21,1-11; Markus 11,1-10; Lukas 19, 28-40; Johannes 12, 12-15) und versuchte, mir ein eigenes Bild von dem zu machen, was in der Karwoche alles passiert sein mochte … (Fortsetzung folgt)

Palmsonntag

Am Palmsonntag des Jahres 1714 (der damals wie in diesem Jahr auf den 25. März fällt) dirigiert der gerade zum Hofkonzertmeister des Weimarer Hofes ernannte (noch nicht einmal dreißigjährige) Komponist Johann Sebastian Bach die erste Kantate, die er für den  Hof geschrieben hat. Sie heißt (dem besonderen Festtag entsprechend) Himmelskönig, sei willkommen und erhielt im Bachwerkverzeichnis später die Nummer einhundertzweiundachtzig.

Die Kantate beginnt mit einer Sonata, in der das Duo von Violine und Blockflöte einen Gehweg intoniert. Ein Näherkommen, mit langsamen Schritten, ein Sich-Einfinden. Die Violine liefert das strahlende, noble Moment, die Blockflöte das dunklere, verhaltenere. Bis heute streitet die Forschung darüber, welches Instrument der junge Komponist Bach am 25. März 1714 während der ersten Aufführung gespielt haben könnte. Lassen wir sie debattieren – und hören wir stattdessen hin: Die Sonata ist ein Introitus zur Karwoche … – danach meldet sich der Chor: Himmelskönig, sei willkommen, lass auch uns Dein Zion sein …

Dreißig Jahre

Dreißig Jahre haben Martina & Moritz im WDR (immer samstags, 17.45 Uhr) gekocht, heute war die Jubiläumssendung! Es gab einige meiner Lieblingsgerichte, darunter (unbedingt!) Calamaretti oder auch Kalbsleber oder auch schwäbischen Kartoffelsalat, und wir Fernsehzuschauer durften zuschauen, wie Dietmar Bär vor jedem Festgang mit Moritz (Neuner-Duttenhofer) in dessen hauseigenen Weinkeller pilgerte. Zu jedem Gang wurde ein frisches Glas Wein (aus Spanien oder Griechenland oder der Pfalz …) ausgeschenkt, und Dietmar Bär hatte einen Rosé fu (ebenfalls aus der Pfalz) mitgebracht, dessen Namen er nicht verriet. Ich ahnte aber sofort, welchen Rosé fumé aus der Pfalz er genau meinte, denn dieser Wein gehört auch zu meinen Lieblingsweinen.

Ja, so ist das bei Martina & Moritz. Von Woche zu Woche lebt man im natürlichen Rhythmus der Jahreszeiten mit den beiden Erfindern und ihren klug und mit viel Sachverstand komponierten Gerichten. Dass sie in ihrer Hausküche ans Werk gehen, erkennt man an jedem Handgriff und daran, wie wohl sich die beiden fühlen. Kein Studio, keine künstlich herausgeputzten Atmosphären, keine Haute Cuisine (nichts dagegen, aber sie braucht sehr viel Zeit), sondern: Über das, was Garten und Markt gerade an Frischem bieten, machen die beiden sich tiefe Gedanken und luchsen selbst den bekanntesten Zutaten die bestmögliche Herstellung eines Gerichts ab. Ein scharfer Blick auf jede einzelne Zutat, Erfahrung bei der Kombination von Gewürzen und im Anmachen von Saucen und Zitronetten (!) sowie eine Freude am unkomplizierten, zupackenden und ergebnislüsternen Kochen – das macht ihre ganz besondere Kunst aus!

Und: Dass sie zu zweit kochen, Hand in Hand – und doch mit dem (manchmal durchaus ironischen) Blick auf den anderen! Ironie, Humor – niemand versteht diese beiden Tugenden so sehr als perfekte Kochzutaten wie die beiden, die auf einem großen Gut in  der Nähe von Stuttgart leben. Ich gratuliere und danke für all die Lebensfreude, die durch diese beste Kochsendung im deutschen Fernsehen bei uns Zuschauern „einziehen“ kann (so hätte man vor dreißig Jahren noch ganz richtig gesagt). Und ich empfehle (neben den vielen Mitschnitten ihrer Sendungen in der WDR-Mediathek) den Grundkurs. Nein, er heißt nicht Mit dem Schreiben anfangen, aber doch ganz ähnlich (Martina Meuth  & Bernd „Moritz“ Neuner-Duttenhofer: Unsere 111 besten Küchentipps. Edition Essentials 2017).

 

Die Speisen des Lebens 1

Die amerikanische Autorin Cara Nicoletti ist in einer Metzgersfamilie groß geworden. Zwei starke Passionen hat sie in ihrem Leben entwickelt und es geschickt verstanden, beide miteinander zu verbinden: Lesen und Kochen, Kochen und Lesen.

Ihr wunderbares Buch Yummy Books! In 50 Rezepten durch die Weltliteratur (Suhrkamp Verlag 2017) ist das Resumé dieser Verbindungen. Konsequent folgt sie darin starken Kochimpulsen und in Erinnerung gebliebenen Lesespuren, indem sie in der Kindheit beginnt und sich über die Jugend- und Studienzeit bis ins Erwachsenenalter fortbewegt. Was habe ich wann am liebsten gegessen und gekocht – und warum? Und welche Speisen oder gar Kochrituale tauchten in jenen Büchern auf, die ich gleichzeitig gelesen habe?

Cara Nicoletti liest also mit gastrosophischer Perspektive und kocht wiederum mit dem Blick einer Leserin, die Speisen literarische Auftritte erleben und feiern lässt. Was verbindet Pippi Langstrumpf mit Buttermilchpfannkuchen (Kindheit), was den Fänger im Roggen mit Malzmilch-Eiscreme (Jugend) und was Emma mit einem perfekt weichgekochten Ei? (Erwachsenenalter)

Das besonders Schöne an Cara Nicolettis Buch ist aber letztlich ihr Temperament. Sie schreibt schwungvoll, leicht berauscht und vom Kochen und Lesen so hingerissen, dass man am liebsten zusammen mit ihr in einer Küche arbeiten und (in den freien Stunden) lesen würde. So nämlich hat sie selbst es vorgemacht, in vielen New Yorker Restaurants und später zu Hause, wenn sie sich mit ihren Freunden darüber unterhielt, welche Bücher sie gerade beschäftigten. Ohne lange darüber zu reden, zeigt sie, dass ein Leben ohne Passionen grau und fad bleibt. Cara, Meisterin – längst sind wir Dir gefolgt und schreiben an unserem eigenen KochLektürePassionsDing!!