Bärlauchsuppe mit Spargel zur Nummer 600

Dies hier, liebe Leserinnen und Leser, ist der sechshundertste Eintrag in diesen Blog! Ich danke Ihnen allen weiter für die aufmerksamen Lektüren (es gibt Leserinnen, die mir jeden Tippfehler melden!) sowie die zahlreichen Anregungen (ich habe erfahren, wo es in Köln die beste Blutwurst gibt …, wo ich im Westerwald Rehfilets erstehen kann …, wo ein Schuster auf mich wartet, der mir Schuhe zum Tragen eigens bei Lesungen anfertigen will… etcetc.)!

Lassen Sie uns den besonderen Tag gemeinsam mit einer Bärlauchsuppe begehen, die wir mit Spargel verfeinern:

Den Spargel schälen und in kleine Stücke schneiden. Wasser (mit den Schalen und Spargelenden) kochen lassen, bis es einen intensiven Spargelgeschmack angenommen hat. Olivenöl in einem Topf erhitzen, Knoblauch, Schalotten und Chili sehr klein schneiden und hineintun. Danach den geschnittenen Bärlauch hinzufügen. Knoblauch, Schalotten, Chili, Salz und Pfeffer eine Verbindung mit dem Bärlauch eingehen lassen. Das Spargelwasser (natürlich ohne Schalen und Enden) hinzugießen und den Bärlauch nach einigen Minuten pürieren. Eine nicht zu große Kartoffel mit feiner Reibe zerkleinert hinzufügen. Danach den geschnittenen Spargel hinzugeben und alles simmern lassen, bis die Spargelstücke zartweich sind. Etwas Zitronensaft. Ein Glas Rosé von der Ahr.

4:0 für Liverpool!

Heute ist der große Tag des Jürgen Klopp! Hingerissen haben wir gestern seine Meisterleistung, den 4:0 Sieg Liverpools gegen den FC Barcelona, verfolgt und sind, im seligen Rausch der Feier, in die Erinnerungen an unsere Mainzer Jahre abgedriftet, als Kloppo noch Spieler und später Trainer von Mainz 05 war. Wie haben wir schon damals bei so manchem verpassten Aufstieg in die Erste Bundesliga mit ihm gelitten – und wie haben wir ein Bier nach dem andern auf dem weiten Halbrund vor dem Mainzer Theater geleert, als es dann doch vollbracht war. Hat unser Jürgen denn Mainz je verlassen? Ach was, niemals! Wir haben alles Weitere (Dortmund, Liverpool) mit ihm geteilt, jedes Spiel haben wir an seiner Seite verfolgt und uns gefreut, wenn er mit seiner Frau Ulla auf Sylt in Reetdachnähe breit lächelnd entspannt wie so oft unterwegs war. Begegnet sind wir ihm auch in Gunsenum, einem Mainzer Vorort, wo er noch immer ein hübsches Häuschen besitzt, in das er irgendwann einmal ganz zurückkehren will, um nirgendwo anders als in der Stadt seiner ersten großen Erfolge ruhigere Zeiten zu verbringen. Jürgen, wir werden warten, und nach Deiner endgültigen Rückkehr laufen wir mit Dir durch den Gunsenumer Wald bis runner nach Budenum, wo es kopfüber zur Erfrischung ab in den Rhoi geht und rübber nach Walluf. Dort erwartet uns niemand anderes als Hans-Josef Becker (ja, genau der, sei gegrüßt, Hans-Josef!) mit einer Flasche seines kostbaren Wallufer Walkenberg (Riesling Spätlese Alte Reben), und wir haben wieder einmal etwas Großes zu feiern …

Highland Cathedral 2

Aus Köln zurück …

Da habe ich etwas angerichtet! Mein Hinweis auf das Highland Cathedral-Video, das frühmorgens im Kölner Dom aufgenommen wurde, hat Scharen von Leserinnen und Lesern mobilisiert, die mir geantwortet (und Fragen gestellt) haben. Einigen Köln-Freunden sind beim Sehen und Hören die Tränen gekommen, andere haben versucht, die Melodie auf dem Klavier, der Flöte oder der Violine nachzuspielen – so sehr ist ihnen dieser Ohrwurm nicht mehr aus dem Kopf gegangen, ja, es gab sogar eine Leserin, die ihn auf den Höhen des Westerwaldes während eines Spaziergangs mit ihrem Hund immer wieder gesummt hat, so oft, dass sich selbst die kalten westerwäldischen Höhen ergriffen zeigten.

Die meisten Fragesteller erkundigten sich nach dem (oder den) Komponisten der Melodie. Die soll aus den frühen achtziger Jahren stammen? schrieb ein Leser – nein, das kann nicht sein, die ist viel älter, vielleicht stammt sie sogar aus dem Mittelalter. Eine Leserin tippte darauf, dass sie von Joseph Haydn und die Bearbeitung eines schottischen Liedes sei, die er während einer seiner London-Reisen geschrieben habe. Wiederum andere wussten, dass es ursprünglich eine Dudelsack-Melodie sei, die noch heute von vielen Dudelsackbläsern in aller Welt gespielt werde.

Ich hätte genauer sein und die Namen der beiden Komponisten nennen sollen. Michael Korb und Uli Roever haben diese anscheinend unsterbliche Melodie (wahrhaftig zunächst für den Dudelsack und wahrhaftig in den achtziger Jahren!) komponiert. Seit dieser Zeit hat sie ihren Siegeszug durch die Welt angetreten und ist von vielen Interpreten aufgegriffen und neu arrangiert worden. Das aber ist eine eigene, schöne Geschichte – und wer sie genauer kennenlernen will, kann sie hier studieren, um sich sehr zu wundern und nicht zuletzt auch darüber zu freuen: www.highlandcathedral.com

 

Highland Cathedral

Samstagnachmittag. Und ich erhalte eine Mail mit einem Hinweis auf ein Video, das man sich seit kurzem auf Youtube anschauen kann: https://www.youtube.com/watch?v=GSgPiDrh518

Ein Kind steht im leeren Kölner Dom und spielt auf der Blockflöte Highland Cathedral, eine Melodie (zunächst für Dudelsack), die in den frühen achtziger Jahren komponiert worden ist.

Die Kamera zieht sich von der Vierung zurück zum Haupteingang und steigt wenig später an den Pfeilern empor – während die Orgel (es spielt Domorganist Winfried Bönig) die Orgelfassung der Melodie intoniert.

Dann umrundet die Kamera die Vierung, und …, mein Gott …, ich sehe genau die Bilder, die ich als Kind hunderte Male gesehen habe: die Stufen, den Altar, das Stehpult (im Roman Die Erfindung des Lebens (Hardcover-Ausgabe), S. 56ff.).

Die Kamera (Kameramann Marcus Laufenberg) erfasst den Chor aus der Nähe und von weitem – gleitet am Domfenster Gerhard Richters entlang und sinkt hinab, zwischen die Pfeiler der Seitenschiffe, wo sie sich – langsam, animiert, wie in Trance – am Boden bewegt, um immer wieder in die Höhen zu schweben. Schließlich erfasst sie aus der Nähe auch den Dreikönigenschrein, zielt durch die Höhe des Langschiffs, studiert die Mosaikmuster des Bodens, tanzt unter der Decke, kommt zur Vierung zurück und endet dort wie betäubt …

Ich sehe mir das gleich noch ein zweites und drittes Mal an – und dann wechsle ich hinüber zu jener Version von Highland Cathedral, mit der die Bläck Fööss einmal alle wahren (und sentimentalen) Kölner glücklich gemacht haben: https://www.youtube.com/watch?v=Xf9BEUuoOx0

Geht es noch?! Es ist Samstagnachmittag, und morgen ist Sonntag, und ich packe den kleinen Rucksack und summe Highland Cathedral – und nehme den erstbesten Zug – und werde am frühen Abend in Köln sein.

Ärztliche Untersuchung

8.20 Uhr. Über eine Sprechstundenhilfe lasse ich mich mit meinem Hausarzt verbinden. Er soll mir mitteilen, wie ihm meine gerade ermittelten Blutwerte gefallen. Da ich die Werte noch nicht kenne, bin ich etwas nervös und lege los …

Einen schönen guten Morgen, Herr Doktor! – Guten Morgen! Wie geht es Ihnen? – Prachtvoll! Ich möchte mich nach meinen Blutwerten erkundigen. Die Werte müssten doch jetzt vorliegen, oder? – Ja, die liegen jetzt vor. – Wunderbar! Ich vermute nämlich, dass es die besten Werte seit langem sind, ich ahne so etwas nicht nur, sondern spüre es. Lange habe ich nicht mehr so gesund gelebt wie zuletzt, viel frisches Gemüse und Obst, kaum Fleisch, eher Fisch, kaum Pasta, eher Reis – ab und zu mal ein kleines Glas Wein, nie zuviel, maßvoll. Und dazu natürlich intensive Bewegung, morgens mindestens zehn Minuten lockere Gymnastik und jeden Tag ein langer Gang durch die Wälder und Auen, bester Laune, weil … – Herr Ortheil, sollen wir die Werte einmal durchgehen? – Gern, ja, das wird ein richtiges Vergnügen, denke ich, nichts motiviert einen ja so wie gute Werte, dann arbeitet man gleich doppelt so leicht und beschwingt wie zuvor, denn … – Also gut, dann fangen wir am besten mal an … – Das können wir gerne, zumal Sie ja den Überblick über die letzten Jahrzehnte haben, das ist stark, so ein Überblick, so eine Chronik meiner Werte, die würde ich gerne mal ausgedruckt sehen, daraus ließe sich bestimmt etwas gestalten, eine Art Installation meiner arbeitsbegleitenden Blutexistenzen, keine schlechte Idee, man könnte ermitteln, wie sich welcher Roman und welche sonstigen Schreibarbeiten bluttechnisch niedergeschlagen haben. In letzter Zeit habe ich übrigens kaum etwas Nennenswertes geschrieben, sondern mich an Ihre Vorgaben gehalten: stundenlanges Gehen durch Wälder und Auen, frische Luft, Gemüse und Obst, brutale Schreibreduktion, alles habe ich umgesetzt, wie gewünscht, das reduzierte Schreiben ist mir fantastisch bekommen, hätte ich vorher nie gedacht, ist aber so, ich schreibe im Grunde kaum noch, eher lese ich, aber auch das höchstens in Maßen und im Gehen und zwischendurch immer mal ein paar gymnastische Einlagen, vorzugsweise am Wasser, wegen der guten Luftwerte … – Herr Ortheil, ich rufe Sie am Mittag zurück, sollen wir es so machen? – Aber sehr gerne, Herr Doktor, warten wir bis zum Mittag auf die Blutwertoffenbarung, dann wird es mir noch besser schmecken als …, ich meine, das wird … also am Mittag wäre die Verkündung der Werte geradezu ideal platziert und auch integriert … – Auf Wiederhören! – Auf Wiederhören, Herr Doktor, bis die Tage …

Gestern, am 1. Mai

Ist es am 1. Mai sonnig, sind an diesem Tag so viele Menschen auf dem Höhenweg unterwegs wie sonst nie. Sie ziehen in Kolonnen an den alten Mauern und Zäunen entlang, bleiben laufend stehen, schauen herunter auf die Stadt und sagen: „Schau Dir das neue Parkhaus an!“ – „Wo?“ – „Dort oben, hinter der Siedlung!“ – „Das ist kein Parkhaus, sondern der Megatower des neuen Einkaufszentrums.“

Ich halte mich, so gut es geht, unten im Gartenhaus versteckt, irgendwann muss ich aber doch einmal die lange Treppe hinauf zur Höhe, um zum Beispiel etwas aus dem Auto holen. „Da ist jemand …“, höre ich die Stimmen von oben. – „Wo?“ – „Da unten, an der Treppe …“ – „Da ist niemand, das sieht nur so aus.“

Ich gehe nicht weiter die Treppe hinauf, sondern schlage mich zur Seite, in die Büsche, wo es einen kleinen Unterstand gibt. „Da ist doch jemand …“ – „Wo?“ – „Dort unten am Hang!“ – „Wahrscheinlich ein Hund oder eine Katze oder der Gärtner.“ – „Welcher Gärtner?“ – „Keine Ahnung, sicher sind an diesen Hängen auch Gärtner unterwegs.“ – „Aber doch nicht am 1. Mai!“ – „Und wieso nicht?“

Ich verweile ein wenig im Unterstand, bis es oben auf der Höhe für einen Moment ruhiger wird. Dann schleiche ich zurück zur Treppe und haste sie mit raschen Schritten hinauf. „Da ist er!“ – „Wer?“ – „Na, der Gärtner oder sein Gehilfe oder der Paketbote.“ – „Paketboten am 1. Mai?“ – „Na klar, die armen Teufel müssen auch an Feiertagen arbeiten.“ – „Aber nicht am 1. Mai.“ – „Hast Du eine Ahnung!“ – „Fragen wir ihn doch einfach.“

Ich komme oben auf der Höhe an. „Hallo! Wer sind Sie? Wohnen Sie hier? Sind Sie der Paketbote? Oder vielleicht der Gärtner?“ – „Hallo! Nichts von alledem!“ – „Aber wer sind Sie denn?“ – „Warum wollen Sie das wissen?“ – „Einfach so, interessehalber.“ – „Also gut, ich bin Hydrologe.“ – „Was sind Sie?“ – „Ich messe die Feuchtigkeitsfrequenzen auf dieser Höhe an überlaufenen Tagen wie diesen.“ – „Aha. Und wie misst man so etwas?“ – „Durch Bohrungen im Erdreich und gezielte Pflanzenproben.“ – „Interessant!“ – „Wie man´s nimmt …“

Ich öffne mein Auto und entnehme ihm zwei Flaschen Mineralwasser, die dort noch herumliegen. „Jetzt brauchen Sie wohl selbst mal einen Schluck, oder?“ – „Sieht so aus, ist aber kein Mineralwasser.“ – „Sondern?“ – „Nitratstarkes Ephtamalin, aufgelöst!“ – „Und was macht man damit?“ – „Man reibt die Pflanzen damit ein, dann speichern sie das Wasser länger.“ – „Sehr interessant.“ – „Ja, finde ich auch …“

Als ich die lange Treppe wieder herunterschleiche, klingen mir die Stimmen der Spaziergängerchöre nach: „Er ist also nicht der Gärtner!“ – „Jetzt ist er wieder verschwunden.“ – „Wo?“ – „Unten, in dem kleinen Haus.“ – „Dort ist gar kein Haus.“ – „Kein Haus?“ – „Nein, nur eine winzige Forschungsstation, mit Sender, Antenne und so.“ – „Kann ich nicht erkennen.“ – „Ist aber so. Hydrologische Stationen befinden sich immer im Tal.“ – „Aha. Ja, wenn das so ist.“

Glyzinien

Wohin aber sollen wir eigentlich schauen? Auf die zentrale, hängende Traube mit den blau-weißen Blütenhauben, die an einem dünnen, biegsamen Strang hinauf- und hinabklettern, indem sie ihn wie ein Bergsteigerseil benutzen? Oder auf die schmal und spitz zulaufenden Blätter, die sich von den auffälligen Blüten fernhalten und ihren Glanz wie ein schlichtes, asiatisch-grünes Dekor untermalen? Oder auf die starken, hartnäckigen Holztriebe, die sich um die Gerüstgitter ranken und sich schwer an sie pressen, massive Schlingen bildend?

Glyzinien suchen die Nähe von Mauern, Wänden und Zäunen – und damit scheinbar auch die Nähe von Menschen. Sie bilden mit ihrer Dreiheit von Blütengesicht, Blattbegleitung und hölzernem Strang jedoch eine eigene, strenge Einheit. Es ist die einer dekorativen Schutztruppe oder Garde, die Haus und Hof in ihren Außenbezirken beherrscht und alles auf Abstand hält, was sich unerlaubt einschleichen will.

Sala Ortheil 2

In einem Blogeintrag vom 9.12.2018 habe ich das Projekt eines „Ausstellungsraums“ beschrieben, den ich den vielen Westerwald-Bezügen in meinen Romanen, Erzählungen und Essays widmen will. Seinen konkreten Ort wird er in einem bisher leerstehenden Ladenlokal in Wissen/Sieg, der Herkunftsstadt meiner Eltern, finden.

Gegenwärtig blickt der Vorübergehende nur durch einen schmalen, offenen Spalt eines ärmlichen Vorhangs ins Innere. Die Wände und Decken sind frisch gestrichen, der Boden renoviert, momentan sind die Elektriker bei der Arbeit. Im Sommer werde ich Zeit finden, den Raum zu möblieren und dem Ganzen eine vorläufige Struktur zu geben.

Bereits heute aber steht der herbstliche Eröffnungstermin fest: Am Sonntag, 13. Oktober 2019, führe ich um 16.30 Uhr durch die Ausstellung (Mittelstraße 16). Anschließend lese ich (um 18 Uhr) im Kulturwerk der Stadt Wissen (direkt gegenüber dem Bahnhof) aus meinem aus diesem Anlass erscheinenden, neuen Buch: Im Westerwald.

 

Die Höfe und Häuser des Thomas Bernhard

Der Schriftsteller Thomas Bernhard war vierunddreißig Jahre alt, als ihm 1965 für seinen Roman Frost der Bremer Literaturpreis zugesprochen wurde. Bernhard war damals wenig bekannt, er stand noch am Anfang eines Werks, das in den Folgejahren rasch immer größere Geltung erlangte und schließlich in den obersten Ruhmesetagen ankam. Mit dem Preisgeld finanzierte er den Kauf eines damals noch ruinösen Vierkanthofs in Ohlsdorf, den er nach und nach aufwendig renovierte und ausstattete.

André Heller hat nun in einem sehr schönen Buch (Hab & Gut. Das Refugium des Dichters, Christian Brandstätter Verlag, Wien) Fotografien von Hertha Hurnaus veröffentlicht, die das Äußere und Innere dieses Hofes einfangen. Verblüffend daran ist, dass Bernhard die Inneneinrichtung wie ein Bühnen- oder Theaterensemble von Einrichtungsgegenständen komponiert hat. Dabei zitiert er traditionelle Momente eines Bauernhofs (wie eine hölzerne Eckbank, einen viereckigen Esstisch, Kachelöfen etc.), die er mit modernen Elementen (wie einer kompletten Edelstahlküche mit Geschirr und Küchengeräten oder mit Fernsehgeräten sowie Transistorradios) kombinierte. Vollends mysteriös erscheinen schließlich Gegenstände, die auf mögliche Bewohner verweisen: ein Gewehr, vielerlei Schuhe und Stiefel, Hüte, Jacken und Hosen, akkurat in der Ankleide nebeneinander gereiht.

Unübersehbar sind die vielen Schreibtische, an denen Bernhard jedoch angeblich niemals geschrieben hat. Mit Hilfe der kompletten Edelstahlküche hat er auch nie gekocht, anscheinend hat er in dem gewaltigen Raumgelände des Hofes nur minimal oder fast unsichtbar „gelebt“. Gäste hat er nur selten empfangen und noch seltener beherbergt. Geschrieben hat er in Gmunden, wo er eine Wohnung besaß, geschrieben hat er auch in Wien oder auf Reisen.

Später hat Thomas Bernhard noch zwei weitere, große, einsam gelegene Höfe oder Häuser erworben, die er zu Illusionsräumen seiner poetischen Anschauung umgestaltete. Anscheinend hat er alle drei ausschließlich als Fantasiewelten verstanden, die nicht mit dem Schreibprozess in Verbindung gebracht werden sollten. So waren die Häuser „Ausstellungen“ von Werkideen und fiktiven Figuren, die sich in ihnen mit künstlichem Leben vollsaugten, sie dienten als Vampiranstalten für Einfälle, Atmosphären, Geschichten.

Mit den Jahren komplettierte Bernhard diese Szenarien durch lauter weitere Gegenstände, die er aus der Ferne mitbrachte, jedoch niemals selbst anrührte: Krawatten und andere Kleidungsstücke, alkoholische Getränke, Gemälde und Möbel. Noch zu Lebzeiten entwarf er statische Museen seiner Raumillusionen, die heute wie Prospekte und Ergänzungen zu seinen Texten wirken.

Hellers Buch hat mich sehr fasziniert. Seit langem denke ich darüber nach, wie ich aus dem großen Archiv meiner vielen Manuskripte und Texte Pfade und Wege in eine „Ausstellung“ ihrer Dokumente und Hintergründe entwerfen könnte. Ich bin dabei, diese Schritte zu planen. Ein Vierkanthof wäre schön, kommt aber für mich nicht in Frage. Ich möchte Schriften und Räume auch nicht (wie Bernhard) trennen, sondern aufeinander beziehen. „Mal sehen …“

Begegnung mit Andrea Pirlo

Andrea Pirlo ist einer jener seltenen Fußballspieler, deretwegen allein man jedes Spiel anschauen würde, in dem sie mitmachen. Er war der kluge Stratege und Architekt des Mittelfelds, in den Auftritten der italienischen Nationalmannschaft oder denen von großen Vereinen wie Inter Mailand, AC Mailand oder Juventus Turin. War Pirlo am Ball, schaute man einem Genie zu, das durch weite Pässe, elegante Freistöße oder Eckbälle verzauberte. Dabei wirkte er niemals aufdringlich, dominant oder eitel, sondern wie ein Hochbegabter im Dienst der Mannschaft: beinahe fürsorglich, klug und aufmerksam. Seiner Autobiografie gab er den Titel Ich denke, also spiele ich – und das sagt schon vieles über einen Fußballspieler, der Descartes mit dem eigenen Spiel auf ironische Weise verbindet.

In seiner Heimat Brescia hat Andrea Pirlo mit dem Fußballspielen begonnen, dort besaßen seine Eltern ein Weingut. Typisch für ihn ist, dass er vor kurzem, nach dem Ende seiner Karriere, wieder genau dorthin zurückgegangen ist, um wie die Eltern vor ihm Wein anzubauen. Gegenwärtig wirbt er auch in Deutschland dafür, so dass ich das große Vergnügen hatte, davon kosten zu dürfen.