Wohin in den Ferien 2

Baptiste Morizot ist ein französischer Philosoph, der ungewöhnliche Wege zurückgelegt hat. Statt einfach nur „ins Freie“ oder „nach draußen“ zu gehen, sucht er nach versteckten Pfaden und den Geheimnissen des Zusammenlebens von Pflanzen und Tieren. So bricht er mit der naiven Vorstellung, wir seien als Menschen in der Natur meist allein, indem er anhand vieler Beweise und Indizien deren Terrainleben erkundet.

Morizot nennt das „sich einwalden“ und meint damit eine „ökosensible Spurensuche“. Wir sollen unsere Wälder und Gärten nicht einfach stur durchlaufen (und uns dabei letztlich nur langweilen), sondern die vielen, meist nicht beachteten Spuren unserer Umgebung lesen: Man könnte so jede Aufmerksamkeit eines Lebewesens gegenüber Zeichen anderer Lebewesen benennen, gegenüber jeglichen immateriellen Strukturen, die sie beherrschen, gegenüber jeder Spur, die sie betrifft. Wie wohnen sie, wie kohabitieren sie? All dies lädt zur Erforschung ein…

Morizots Fallstudien einer diskreten Kunst der Spurensuche sind ein großes Vergnügen. Sie verführen dazu, das übliche Geher- oder Wandererdasein (stur geradeaus, bestimmte Ziele im Auge, zurückgelegte Kilometer im Kopf…) aufzugeben und sich für die Welten um uns herum zu interessieren.

Spurenlesen heißt lernen, wieder zu einer bewohnbaren und gastlicheren Welt zurückzufinden, schreibt Vinciane Despret in ihrem Nachwort – und folgert weiter: Wenn wir uns dort „zu Hause“ fühlen, sind wir deshalb keine geizigen und missgünstigen Eigentümer mehr…, sondern Mitbewohner, die über die Qualität des Lebens in Gegenwart andersartiger Wesen staunen.

Baptiste Morizot: Philosophie der Wildnis oder Die Kunst, vom Weg abzukommen. Aus dem Französischen übersetzt von Ulrich Bossier. Reclam Verlag

Wohin in den Ferien 1

Ich mag keinen „Urlaub“ – das Wort wirkt steif, kalt und grob. Als sollte man zu einem Freizeit-Dienst antreten. Seine Herkunft leitet sich von dem Verb „erlauben“ her. Wer „Urlaub“ machte, dem wurde „erlaubt“, sich vom normalen Dienst und Alltag für eine bestimmte Frist zu entfernen. Abtreten, Urlaub antreten! – dieser rigide Akzent klingt in dem Substantiv nach.

Besser ergeht es mir mit den „Ferien“. Dieses Wort hat einen lateinischen Ursprung („feriae“), womit jene Ruhetage gemeint waren, an denen viele öffentliche Einrichtungen geschlossen waren. In den „Ferien“ überließ man die Menschen sich selbst. Um was zu tun? Um zur Ruhe zu kommen, zu träumen, sich zu verlieren, den Pflichtprogrammen aus dem Weg zu gehen.

Man „geht“ also „in die Ferien“ (anstatt „Urlaub zu machen“). Dafür möchte ich in loser Folge einige Sommerideen skizzieren. Sie könnten zu freien Tagen animieren, an denen man von guten Einfällen, Improvisationen sowie überraschenden Pfaden und Wegen lebt.

Was ist dabei behilflich? Natürlich inspirierende Bücher, erregende Musik, nachwirkende Bilder und Filme – allesamt Initiationen, denen wir folgen könnten. In solche „Ferien“ sollten wir uns „verabschieden“, um am Ende aus einem anderen Leben (dem „Ferienleben“) wieder aufzutauchen. Für einen gewissen Zeitraum leben wir dann in einer anderen Zeit als der üblichen, alltäglichen: Zeitenwechsel, Zeitentransformation!

Als Einstieg schlage ich die Lektüre eines schmalen Reclambandes über das Thema Was ist Zeit? vor. Der norwegische Autor und Philosoph Truls Wyller hat diesen Essay geschrieben und führt uns darin durch die verschiedensten Zeitperspektiven: denen der Uhr, der Physik oder der Philosophie, bis hin zum „menschlichen Jetzt“. Dieses Jetzt, ja, das ist es, damit haben wir in den „Ferien“ in besonderer Weise zu tun!

Und als „hätten wir sonst nichts zu tun“, hören wir zur Einstimmung auf Sabine Devieilhe und Alexandre Tharaud, die sich in Rachmaninoffs Vocalise vertiefen:

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Neunhundert Einträge sind in mehr als drei Jahren in diesem Blog entstanden. Das machte mir viel Vergnügen, war aber auch eine immense Arbeit.

Zur täglichen Vorbereitung der Blogeinträge gehören die Lektüre mehrerer Zeitungen und Zeitschriften, viele Recherchen im Netz, die Auswahl von Musikvideos, das Bestellen von Rezensionsexemplaren bei Verlagen, das Ausleihen älterer Titel in Bibliotheken, der Kauf von neuen Büchern in meinen „Hausbuchhandlungen“.

All diese auch organisatorisch reichlich Zeit beanspruchende Arbeit mache ich ausschließlich allein.

Viele Leserinnen und Leser haben mir dafür in einer nicht mehr überschaubaren Zahl von Mails gedankt. Darüber habe ich mich jeweils sehr gefreut.

Ich vermute aber, dass es manche nicht nur bei einigen freundlichen Worten bewenden lassen, sondern die Arbeit an diesem Blog auch finanziell unterstützen und damit nicht zuletzt ihre Dankbarkeit beweisen wollen.

Das ist ab heute gut und leicht möglich. Überweisen Sie bitte einfach einen Euro-Betrag Ihrer Wahl auf mein Konto bei der Commerzbank Wissen:

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Natürlich ist die finanzielle Unterstützung eine freiwillige Anerkennung meiner Arbeit und keine Pflicht. Auch In Zukunft können Sie diesen Blog weiterhin kostenlos lesen, wie bisher.

Neunhundert

Der gestrige Eintrag in diesen Blog war der neunhundertste!

Willkommene Gelegenheit, einen Moment innezuhalten, sich Zeit zu nehmen, einige Einträge erneut zu lesen, dem dokumentarischen Gestus dieses Zeitromans nachzuspüren und sich bewusst zu machen, dass es etwas Vergleichbares in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nicht gibt!

In diesem Sinne, liebe Leserinnen und Leser: genießen Sie eine kurze Pause des Erinnerns und Nacherlebens!

Italienische Momente

Mein neues Buch Italienische Momente (btb) ist heute erschienen. Aus diesem Anlass habe ich für einige deutsche Zeitungen einen Artikel über die Entstehung meiner Italien-Bindungen geschrieben. Hier ist er:

Vor fünfzig Jahren bin ich zum ersten Mal nach Italien gereist. Ich hatte das Abitur am Mainzer Rabanus Maurus-Gymnasium hinter mir und fuhr nach Rom, um mich dort um ein pianistisches Stipendium am berühmten Conservatorio zu bewerben. Damals sprach ich noch kein Wort Italienisch, ich hoffte, mit meinem Schulenglisch durchzukommen, doch das erwies sich schon in meiner ersten römischen Nacht, in der ich bis zum Morgengrauen durch die Ewige Stadt lief, als Illusion. Die Römer, denen ich in vielen kleinen Bars bei einem Caffè oder Drink begegnete, sprachen höchstens ein paar Brocken Englisch und wechselten danach rasch wieder ins Italienische.

Nicht nur die Sprache war aber dominant, sondern auch alles, was einen umgab, war voller italienischer Symbole und Zeichen: Die Gebäude, Straßen, Plätze, ja, selbst die Speisen waren ausschließlich italienisch. Ausländische Lokale konnte man lange suchen, niemand schien sich dafür zu interessieren. Stattdessen kreisten die vielen Unterhaltungen um die Nuancen der italienischen Küche: Wo gab es die beste Pasta, wo das frischste Gemüse, wo den freundlichsten Wirt?

Freundlichkeit schien überhaupt das höchste Gebot zu sein: Den Gast so zu empfangen, als habe man seit Wochen gerade auf ihn gewartet, ihm Komplimente zu machen, ihn nach seinen Sonderwünschen zu befragen. Schon bald erkannte ich, dass die italienische Gastronomie eine Art Urbild der italienischen Lebensformen war. Während einer gemeinsamen Mahlzeit mit Freunden ging es um ein paar Stunden des Glücks, um das Vergessen von Problemen und Sorgen, um gut gelaunte Konversation, um die neusten Geschichten vom Leben der Nächsten.

Diese geradezu närrische Freude an Gesprächen und Unterhaltungen kannte ich bis dahin nicht. Sie zeigte sich schon am frühen Morgen, wenn man den ersten Cappuccino in seiner Lieblingsbar trank, und sie setzte sich den ganzen Tag bis in die Nacht fort. Immer, wenn ich mit Italienern in Kontakt kam (und wie leicht war das möglich!), begann das Gespräch wie eine Erzählung: Ecco!, heute hätte ich fast verschlafen, zum Glück hat mich mein Nachbar geweckt, gegen Sieben hat er bei offenem Fenster gesungen, gegen Sieben, stell Dir das vor!

Mit so einem Erzählfragment ging es los – und wehe, man verpasste den Einstieg und hatte keine eigene Geschichte auf Lager! Dann war man langweilig oder ideenlos und wurde allein zurückgelassen. Stattdessen ging es darum, das richtige Maß zu finden: Bitte keine ausführlichen Monologe, bitte aufmerksames Zuhören bei den klangvollen Soli der anderen und bitte eine einfallsreiche Erwiderung, am besten als eine Variation des gerade Gehörten: Ah, ja, manchmal singe ich auch bei offenem Fenster und merke es dann selbst nicht, der Gesang bricht einfach so aus mir heraus, und seltsam – meist sind es Opernarien, obwohl ich noch nie in einem Opernhaus war!

Die Oper konnte nur in Italien erfunden werden. Sie ist die Übersetzung des unermüdlichen Erzählens und Berichtens in die extremste Form der Mitteilung: Den leidenschaftlichen, eruptiven Gesang! Zwei oder drei Personen entwerfen eine hoch emotionale Szene, und aus dem Hintergrund raunt irgendwann dazu der Chor der Vielen. Der Chor – das ist das Bild der Gemeinschaft, die mitreden und alles kommentieren will, denn alles Gesagte will besprochen, fortgeführt und von allen nur erdenklichen Seiten betrachtet werden. Niemand darf und möchte allein sein – das lernte ich schnell, und so wurde mein erster römischer Aufenthalt zu einer Schule der Konversation: Mit so vielen Römern wie möglich über möglichst viele Themen zu sprechen.

Nach einiger Zeit begegnete ich immer denselben Menschen, die sich bis auf die Minute genau an bestimmten Orten einfanden. Viele Male am Tag betraten sie eine kleine Bar und nahmen immer denselben Platz an der Theke ein. Ein solcher Aufenthalt dauerte meist eine halbe Stunde, dann verschwanden sie, um zwei Stunden später wieder an eben demselben Platz zu stehen. Hatte man einander etwas besser kennengelernt, wurde man bei jeder Begegnung umarmt. Kannte man einander sehr gut, wurde man auf beide Wangen geküsst. Hatte man schließlich sogar Freundschaft geschlossen, wurde man zu einem Drink eingeladen und hatte die Einladung danach unverzüglich zu erwidern.

Ich lernte begreifen, wie stark das italienische Leben von solchen, seit Jahrhunderten tradierten, stark familiären Ritualen bestimmt wird. Mit ihrer Hilfe gibt man dem Leben eine Struktur, einen Verlauf und entwirft es als einen Lebensroman, der aus lauter kleinen Geschichten besteht. Das Erzählen wiederum wird von allen Seiten gespiegelt: Italien ist nicht nur das Land der Oper, sondern auch das der Malerei, der Architektur, des Films und nicht zuletzt der Mode. All diese Künste setzen das private, im öffentlichen Raum inszenierte Erzählen fort, porträtieren es in typischen Gestalten und Figuren und entwerfen lauter Lebensszenen, deren Teilnehmer sich in jedem Moment bewusst sind, Teil einer durch und durch theatralischen Darstellung zu sein.

Die Gemeinsamkeit der Rituale besteht darin, dass sie sich wie auf einer Bühne vollziehen. Auf ihr gilt es Haltung, Witz und Eleganz zu beweisen, das aber unaufdringlich und so, als wäre man bereits als eine interessante Kunstfigur zur Welt gekommen. Das höchste Ideal des Umgangs miteinander verbinden die Italiener mit dem nicht übersetzbaren Begriff der „Sprezzatura“. Er kam zur Zeit der Renaissance bereits in Umlauf und meinte: Leichtigkeit, Lockerheit – die Fähigkeit, selbst das Mühsamste so zu tun, als kostete es nicht die geringste Mühe und wäre ein geselliges Spiel.

Im Norden hat man diese enormen Tugenden oft für Lässigkeit oder Leichtfertigkeit gehalten, das sind sie aber ganz und gar nicht. Auf Raffaels Meisterwerk der „Schule von Athen“, jenem großen Fresko der italienischen Lebensformen in den Vatikanischen Museen, ist die „Sprezzatura“ in ihrer reinsten Form zu bewundern. Über zwanzig bekannte Gestalten der Weltgeschichte sind dort in ihre Gespräche vertieft. Leidenschaftlich widmen sie sich dem Disput und erweisen sich als Kenner eines bestimmten Metiers. Was sie vereint, ist die Freude an Philosophie, dem Klang der Worte sowie den Farben und Gesten der Mimik.

Nach meinem ersten römischen Aufenthalt habe ich immer wieder viele Monate in Italien verbracht und bin in seine „Schulen“ gegangen. Heute kann ich sagen: Sie haben einen anderen Menschen aus mir gemacht. Unglaublich. Aber wahr.

Interludium – Italienische Tage 3

Morgen erscheint im Buchhandel mein neues Buch Italienische Momente (btb).

Aus diesem Anlass ein Interludium der Vorfreude:

  • Eine Reise durch Venetien:

https://www.3sat.de/dokumentation/reise/venetien-dokreise-100.html

  • Der Park der Villa Borghese in Rom:

https://www.3sat.de/dokumentation/natur/europas-schoenste-parks-2-5-100.html

  • Zu Tisch in Kampanien:

https://www.arte.tv/de/videos/069095-004-A/zu-tisch/

Italienische Tage 2

Nur noch zwei Tage – dann erscheint im Buchhandel mein neues Buch Italienische Momente (btb). Ein Schwerpunkt der Texte ist Venedig, das ich seit 1971 bereist habe.

Seit diesen ersten Tagen habe ich die Stadt, die Lagune und ihre Bewohner immer in derselben Weise kartographiert: Den ganzen Tag zu Fuß unterwegs, unterbrochen von vielen Stationen, an denen ich mit der Hand in einem schlichten Notizbuch festhalte, was ich eben noch gesehen und erlebt habe und was ich genau in diesem Augenblick des Notierens erkenne.

Ich bleibe streng bei dem, was mir auffällt: Den Bewegungen und Ritualen der Bewohner, ihrer Kleidung, ihrer Gestik und Mimik, dem, was sie mit sich herumtragen. Mit all diesen Beobachtungen verbinde ich vorerst nichts weiter als das dokumentarische Erfassen meiner Umgebung. Ob und wann ich sie später einmal in einem anderen Zusammenhang verwenden werde, weiß ich nicht. Ich denke keine Sekunde daran, sondern überlasse mich dem Fluss der Zeit, indem ich in ihm mit jeder Aufzeichnung einen Halt (und damit ein Konzentrat des Zur-Ruhe-Kommens) fixiere.

Auf dieser Fotografie sitze ich in einer venezianischen Enoteca (Osteria al Ponte), ich schaue über einen schmalen Kanal auf den Campo Santi Giovanni e Paolo und ich nippe ab und zu an einem Glas Merlot aus dem Veneto. Etwas Wein beflügelt das Notieren und nimmt ihm die Steifheit. Ausschließlich Wein erreicht in meinem Fall diese Wirkung. Sehr in Maßen, aber in regelmäßigen Schlucken, während der Stift Seite für Seite füllt.

Foto: © Lotta Ortheil

Italienische Tage 1

Am kommenden Montag (13.07.) erscheint im Buchhandel mein neues Buch Italienische Momente (btb). Seit zwei Tagen liegt das Erstexemplar auf meinem Schreibtisch – und als wüsste ich nicht, was drinsteht, blättere ich alle paar Stunden darin und lese mich jedes Mal fest…

Das Erscheinen dieses Buches ist für mich ein besonderes Ereignis. Es erlaubt mir den Rückblick auf die letzten fünfzig Jahre meines Lebens, von denen ich fast jedes Jahr einige Zeit in Italien verbracht habe.

Alles begann 1970 mit meinem ersten römischen Aufenthalt, der sich dann über längere Zeit hinzog. Kurz nach meinem Abitur bewarb ich mich um ein pianistisches Stipendium am römischen Conservatorio. Tagsüber spielte ich in der Kirche der deutschen Rom-Gemeinde (Santa Maria dell’Anima) zum Frühgottesdienst die Orgel. Daneben half ich meiner Pensionswirtin (einer älteren, allein lebenden Dame aus Südtirol) bei ihren Pensionsverpflichtungen (Einkaufen, Post, Erledigungen).

Es folgten viele weitere kürzere Romaufenthalte, bis ich 1991 und 1993 jeweils wieder für einige Monate in der Ewigen Stadt lebte, diesmal als Stipendiat der Deutschen Akademie Villa Massimo.

Als zweiten Lebensraum hatte ich Anfang der siebziger Jahre (1971) aber auch Venedig entdeckt. Auch dort verbrachte ich in den folgenden Jahren längere Zeit und konnte die Angebote eines venezianischen Mäzens nutzen, der mir für meine Aufenthalte eine Wohnung im Sestiere Dorsoduro zur Verfügung stellte.

Mitte der siebziger Jahren begannen dann auch meine Reisen nach Sizilien, das ich auf längeren Busfahrten und Wanderungen durchfahren und genau kennengelernt habe.

Und zuletzt fuhr ich seit Anfang der neunziger Jahre in den Sommer- und Herbstmonaten oft in einen kleinen Fischerort am adriatischen Meer, um dort längere Zeit in Meeresnähe zu leben.

Fünfzig Jahre Italien also, fünfzig Jahre Erlebnisse und Geschichten, die ich als ein (um Kommentare von heute geweitetes) Panorama in den Italienischen Momenten wie eine Erzähl- und Bildergalerie, die man durchwandern kann, komponiert habe.

Und, ach ja…: Ich kann das Buch nicht aus der Hand legen. Heute nehme ich es während meiner Spaziergänge mit. Genau, es wird mich den ganzen Tag weiter begleiten…

Anekdoten (nach Heinrich von Kleist 7)

In den Jahren 1810/1811 hat Heinrich von Kleist eine fast täglich erscheinende Zeitung, die „Berliner Abendblätter“, herausgegeben. In ihr veröffentlichte er viele seiner Anekdoten, in denen er bereits vorliegende Nachrichten und Fakten mit Abgewandeltem oder Erfundenem mischte.

Manchmal stoße ich in Kurznachrichten von Zeitungen auf skurrile Meldungen. Ich lese sie als Geschichten und schreibe sie zu Erzählungen um – auf diesem Weg entstehen Anekdoten im Gestus und Ton des großen Heinrich von Kleist. Hier das siebte Beispiel:

Spanisches Intermezzo

Ein spanischer Privatsammler von alten Gemälden gab bei einem Restaurator die Ausbesserung eines Bildes aus dem siebzehnten Jahrhundert in Auftrag, auf dem ein Brustbild Mariens zu sehen war. Der junge Mann vertiefte sich wochenlang in jedes Detail, studierte die schwungvoll geformte Nase, die weichen, geöffneten Lippen sowie den schräg gehaltenen Hals. Am meisten beeindruckten ihn die helle, breite Stirn und die langen in der Mitte gescheitelten, braunen Haare, die sich seitlich auf beide Schultern legten. Je länger er das Marienbild aber betrachtete, umso mehr erschien es ihm wie ein Porträt seiner eigenen Liebschaft, deren Eigenheiten Stück für Stück in seine Restaurierungsversuche eingingen, so dass der Marienkopf sich allmählich in die Abbildung seiner Geliebten verwandelte. Als man das Ergebnis der Bemühungen dem Privatsammler zeigte, erkannte der sein Gemälde nicht mehr wieder und veranlasste sofort einen zweiten Versuch. Der junge Restaurator machte sich auch sofort an die Arbeit, ohne allerdings zu begreifen, was er hätte verändern oder anders machen können. Vielmehr vertiefte er sich erneut so lange in das Gemälde, bis sich das Brustbild seiner Geliebten in deren Kindheitsporträt verwandelt hatte. Von dem entsetzten Sammler erneut zur Rede gestellt, antwortete er, er habe die Jungfrau Maria ihrer Pflichten als Mutter Jesu entledigen und sie zu einem Kind machen wollen, das in Zukunft im Haus eines fürsorglichen Paares eine neue Heimat finden werde. Dieses Paar aber bestehe aus niemand anderem als ihm selbst sowie aus seiner Geliebten, deren Kinderwunsch er ganz nebenbei auf diese Weise befriedigen könne.

(Nach einer dpa-Meldung in der FAZ vom 24. Juni 2020)