Der Bachmannwettbewerb in Klagenfurt – als Arbeit im Labor

Seit gestern kann man in 3sat die Übertragungen vom diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt verfolgen. Vierzehn Autorinnen und Autoren lesen eine halbe Stunde einen noch unveröffentlichten Text, und eine Jury von sieben Kritikerinnen und Kritikern unterhält sich darüber.

Ich empfehle allen, die an Schreiben, neuer Literatur und aktuellen Themen interessiert sind, das Gerede über das Für und Wider des Wettbewerbs zu ignorieren. Stattdessen sollten sie das Ganze als ein Labor betrachten, in dem man sich neugierig und forschend umschaut. Wie könnte das klugerweise geschehen?

Auf der Webseite des ORF (Stichwort „Bachmannpreis“) kann man die vorgetragenen Texte abrufen. Ich schlage vor, sie (über mehrere Tage verteilt) in Ruhe zu lesen und sich kommentierende Notizen zu machen. Erst n a c h der Lektüre eines Textes sollte man die (ebenfalls auf der Webseite abrufbare) Video-Aufzeichnung der jeweiligen Lesung anschauen, um die Lektüreeindrücke mit den Eindrücken von der Lesung zu vergleichen. Hat die Lesung den Texteindruck erweitert, hat sie ihn ruiniert etc.? Zuletzt sollte man sich die Kommentare und Deutungen der Jury ansehen, um genauer zu erkennen, wo und wie das eigene Urteil über das Gelesene, Gesehene und Gehörte im Spektrum der Meinungen zu verorten ist.

Zusammen genommen ergibt das eine „präzise Laborarbeit“ (von wahrscheinlich mehreren Tagen): entzerrt, sinnvoll abgestuft, mit großem Lern-, Übungs- und Erfahrungseffekt (auch für das eigene Schreiben). Schaut man sich dagegen Lesung auf Lesung wie einen pausenlosen Stream von Auftritten und Kritiken an, so bestraft einen zwar nicht das Leben, wohl aber der Tiefschlaf.

Kurze Auszeit

Liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs, etwa eine Woche werden Sie meine täglichen Texte vermissen. Ich bin dann in weiter Ferne unterwegs und habe keinen Zugang zu elektronischen Medien. Den nächsten Eintrag finden Sie am 06. Juli 2018!

Herzlich Ihr Hanns-Josef Ortheil

 

Aus Aus Aus

(Aus der Live-Reportage von Chefreporter Harald Windisch für Radio Endzeit ist unser Leben)

Özil passt nach links zu Hummels, Hummels passt zurück, Özil passt nach rechts zu Kroos, Kroos passt zu Hummels, Hummels passt zurück … – eine Augenweide ist das, liebe Fußballfreunde, wie die deutsche Mannschaft den Ball in den eigenen Reihen hält! 700 Pässe in einem einzigen Spiel sind das Ziel, da muss man zusammenrücken, vielleicht schafft man sogar mehr als 70 Prozent Ballbesitz! Unsere wilden Teufel haben sich so eine Taktik bei Pep Guardiola abgeguckt – aber sie machen es noch besser, viel besser! Hummels passt nach rechts zu Özil, neben ihm taucht wie erwartet und fast wie bestellt Müller auf, Müller passt zurück zu Neuer …, das ist genial, typisch Müller, auch der Torwart soll in Aktion bleiben – und was macht Neuer? Wahnsinn, er passt direkt zu Özil, der zurückpasst zu Kroos, ah ja, Kroos hält es jetzt auf der Stelle, er dreht sich um die eigene Achse – und passt nach links zu Goretzka, der direkt rechts neben sich nun wiederum Müller entdeckt, der nicht zu suchen braucht, denn links von ihm, direkt links taucht Jogi Löw auf, den es jetzt nicht mehr auf der Trainerbank hält. Na klar, Jogi möchte auch mitmachen, das Ganze war schließlich seine Idee, wie schön, dass er sich eingewechselt und Timo Werner herausgenommen hat, denn Timo ist für so ein Wahnsinnstempo vielleicht doch noch etwas zu jung. Nichts gegen Timo, liebe Fußballfreunde, seine Zeit wird noch kommen, gegenwärtig aber ist Endzeit, Endzeit auf dem Platz, im Kanzleramt, in aller Welt, und da spielt man genau so wie unsere Jungs, Hummels passt jetzt zu Jogi, und Jogi reibt sich die Hände und wechselt Bierhoff ein, der Mühe hat, seine kurzen Hosen zu finden, doch halt!, er hat sie gefunden, Özil muss leider raus, das macht aber nichts, denn dieses Spiel hat seinen eigenen Flow …

(Die deutsche Mannschaft schaffte in ihrem letzten WM-Vorrundenspiel 697 Pässe und kam auf 74 Prozent Ballbesitz. Gratulation!)

Papst Franziskus (von Wim Wenders)

Ich habe Papst Franziskus von Wim Wenders gesehen, und es ist ein Film, wie ich ihn in dieser Art noch nicht gesehen habe. Es ist keine Dokumentation, und es ist auch kein Gespräch – und doch gibt es beide Momente. Die dokumentarischen lagen Wenders anscheinend vor und kamen aus den Filmarchiven des Vatikans. Die Gespräche mit dem Papst wiederum hat er selbst gedreht, in den Vatikanischen Gärten und im päpstlichen Arbeitszimmer, aber so, dass er seine Fragen weggelassen hat und man nur Franziskus-Monologe sieht. Dabei blickt einen der Papst ernst, belustigt, nachdenklich oder auch traurig an – man bekommt die ganze Palette möglicher Emotionen mit und fragt sich laufend: Mit wem redet er eigentlich gerade? Mit den Gläubigen? Mit dem Menschenvolk ganz allgemein? Oder etwa mit mir?!! (Panik!)

Die Überraschung besteht darin, dass er wirklich mit dem einzelnen Zuschauer redet. Er schaut einem direkt in die Augen und will einen treffen, berühren, bewegen. Aber er tut das nicht von oben herab und auch ohne nennenswertes Moralisieren. Und doch redet er unverkennbar auf einen ein: Schlicht, verständlich, präzise, in mehreren etwa gleich langen Anläufen, die ganz nebenbei Kapitel des Films sind.

Jedes Kapitel hat ein Thema: Die Flüchtlingspolitik der (viel zu reichen) Staaten, die Umweltpolitik, den Umgang mit den Armen und Kranken, den Umgang mit der (oft arbeitslosen) Jugend, den Umgang der Menschen miteinander (in Familien, Freundschaften, in der Liebe), den Umgang mit anderen als christlichen Religionen, den Umgang mit Homosexualität. den Umgang mit pädophilen Priestern, den Umgang mit Reichtum allgemein, Geld, Prahlerei.

Jedes Thema wird anhand einer oder mehrerer Passagen aus der Bibel (oder aus den Texten des heiligen Franziskus) umkreist, ohne dass dieser Bezug aufdringlich wirken würde. Man bemerkt ihn sogar kaum, sondern muss – ha! – vielmehr hellwach und ein wenig erfahren sein, um die versteckte „Methode“ genau zu erkennen …

Durch den Bezug auf ältere, „wegweisende“ Texte erhalten die päpstlichen Monologe etwas von Predigten. Das aber nicht im langweiligen, herkömmlichen Sinn. Franziskus „predigt“ nicht mit „wohlgesetzten“ Worten, sondern resümiert, erläutert, fragt und orientiert sich an antiken Vorbildern: An Texten der Lebensklugheit, in denen antike Autoren darüber nachgedacht haben, wie man leben könnte/sollte. Die „Rede“ ist also vom „guten/richtigen“ Leben und damit von den Möglichkeiten des Einzelnen, so zu leben, dass er nicht nur für sich, sondern mit dem Blick auf die Sorgen und Ängste der anderen lebt. Und auf diesem Weg zu einem „eigenen“ Leben findet.

Christliche Selbstbefragung und antikes Philosophieren begegnen sich also, und genau diese Begegnung macht das besondere „Predigen“ in diesem Film aus.

Wim Wenders hat das alles geschickt und mit einem klug ausgedachten Konzept komponiert. Auch die dokumentarischen Teile sind nicht zum Gähnen, sondern zeigen die Lebenspraxis (der Zuwendung, der Anteilnahme) zum Philosophieren über das „richtige Leben“, das den Papst so beschäftigt. Natürlich, Franziskus bieten sich auf seinen Reisen und Audienzen große Möglichkeiten an, „gut“ und „weise“ zu sein. Solche Möglichkeiten haben wir nicht. Wenn man den Film gesehen hat, spürt man aber zumindest für einige Stunden das päpstliche Feeling –  und ist plötzlich so „gut“ und den anderen zugewandt und so zurückhaltend und einfach so „franziskanisch“ wie schon lange nicht mehr …

Musik aus dem Nichts

Zum Glück gibt es in den beiden Städten, in denen ich abwechselnd lebe, große Musikhochschulen. Ich gehe selten hinein, weil mir das Hineingehen (ich sage es jetzt mal pathetisch:) „das Herz bricht“. Und das vor allem, wenn ich junge Musiker üben höre. ‚So’, denke ich (in meiner Rolle als alter Versager), ‚hast Du auch mal geübt, Phrase für Phrase, zigmal hintereinander. Aber es ist nichts daraus geworden, Du hast es einfach nicht gepackt.’

Nun gut, das ist Vergangenheit. In der Gegenwart habe ich eine andere Methode gefunden, heimlich in die Werkstätten und Überäume zu schlüpfen. Ich gehe langsam außen am Gebäude der Hochschule vorbei und horche. Manchmal steht ein Fenster auf, und Musik dringt nach draußen.

Viele der Stücke, die ich zu hören bekomme, kenne ich gut, manche Takt für Takt. Unter ihnen gibt es in den schönsten Momenten ganz rare – und das sind Stücke von Schubert. Sie klingen, als kämen sie aus dem Nichts und würden von körper- und schwerelosen Menschen gespielt. Oder so, als würden sie von fernen Wesen geträumt. Eigentlich sollten sie gar nicht zur Aufführung kommen, sondern aus einem Versteck oder von einer entlegenen Insel her klingen. Materielos, transgalaktisch, nichts für Instrumente, Hände und Körper.

Wenn Du ein solches Stück (und am besten ein kurzes, für zwei Musiker) durch das geöffnete Fenster einer Hochschule hörst, fährst Du ab. Nach innen, nach oben, ins All. Bleib ganz still, höre zu und pass auf, dass Du das Klingen und Säumen eine Weile in Dir behältst. Es rettet Dir die nächsten, leichter gewordenen Stunden.

(Kurzes Beispiel – Franz Schubert: Fantasie in C-Dur (D 934), erster Satz: Andante molto, gespielt von Isabelle Faust  und Alexander Melnikov)

Der Kunstschuss zum 2:1

Der Schuss aufs Tor, den Toni Kroos in der 95. Minute des WM-Vorrundenspiels zwischen Deutschland und Schweden abgab, war ein „Kunstschuss“. Sofort nach dem spektakulären Ereignis war der Begriff in aller Munde. Natürlich, diesmal passte die Einordnung, denn ein Kunstschuss ist ein Tor, das nicht alle Tage gelingt, er gehört zu den nicht planbaren, unerwarteten und daher besonders hinreißenden Momenten in einer Sportart, die ausgesprochen arm ist gerade an solchen Momenten.

Analysieren wir das Ganze aber noch etwas genauer. Wie kam das Ereignis zustande?! Reus und Kroos stehen vor dem Freistoß halbrechts am Strafraumrand. Sämtliche Spieler der schwedischen Elf befinden sich im Strafraum und decken die wenigen deutschen Spieler, die vor dem schwedischen Tor auf die Möglichkeit zum Einköpfen einer Flanke warten. So gesehen, ist die Sache aussichtslos, denn diese schwedischen Spieler sind groß und haben während des Spiels gezeigt, dass sie jede Flanke wegfegen können.

Reus und Kroos müssen sich daher in wenigen Planungssekunden des Freistoßes für eine andere Variante entscheiden. Genau hier kommt die Klugheit der beiden ins Spiel. Sie sprechen sich ab und vereinbaren, dass Kroos den Ball um wenige Zentimeter vorlegt, Reus den Ball kurz und trocken stoppt und Kroos danach zum direkten Schuss auf das Tor ansetzt. Durch dieses kleine Manöver ist der Winkel zum Tor zwar etwas verbessert, es gibt aber nur noch eine Option. Kroos muss es hinbekommen, dass der Ball über sämtliche Spieler und den schwedischen Torwart hinweg ins linke obere Eck des Tores einschlägt. Die Herausforderung ist also enorm, es ist genau die eines „Kunstschusses“.

In dem Moment, in dem Kroos den (von Reus perfekt gestoppten und für den Schuss präparierten) Ball aufs schwedische Tor schießt, verwandelt er sich aus einem normalen Fußballer (mit während des Spiels nicht zu übersehenden Schwächen) in einen Virtuosen. Der Virtuose ist ein technisches Genie, das Kunststücke als mühelos und leicht erscheinende Präsentationen von sonst extrem unwahrscheinlichen Bewegungsabläufen zelebriert.

Kroos schneidet den Ball mit der richtigen Power an, und er fliegt exakt über alle anderen Spieler hinweg genau in das obere Toreck, das geradezu auf ihn gewartet zu haben scheint. In der 95. Minute des Vorrundenspiels Deutschland gegen Schweden wird aus einem stinknormalen Fußballspiel eine künstlerische Performance. Beteiligt sind zwei Spieler mit enormem Sachverstand und mit großer Erfahrung im Berechnen von Chancen.

Der Meister aber ist letztlich ein Einzelner, Kroos, der sich auf sein artistisches Können verlassen kann. Gratulation! (Ein Video der ARD-Sportschau, das den Kunstschuss aus verschiedenen Perspektiven zum Nachgenießen zeigt, ist auf Youtube (Dauer: 55 Sekunden) abrufbar. Man kann sich nicht satt daran sehen.)

 

Rückblick 3

Ich benutze weder Facebook noch Instagram, diese neuen Medien sind nichts für mich. Es liefe darauf hinaus, dass ich täglich unzählige kurze Meldungen oder Nachrichten schreiben oder lesen müsste, um halbwegs mitzuhalten. Entweder ich stürze mich rein in diese Flut (was viel Zeit kosten würde), oder ich lasse es ganz. Tertium non datur.

(Kurze Abschweifung: Ich mag diese Wendung, „tertium non datur“ ist einfach Klasse. Spricht man mich auf so etwas Politisches wie die unsägliche Merkel-Seehofer-Debatte an, sage ich: „entweder – oder, tertium non datur“ – und mein Gesprächspartner starrt mich an, als wäre ich nicht ganz bei Trost. Dabei habe ich insgeheim durchaus noch eine weitere Idee zu diesem Krampf: Frau Merkel sollte Herrn Seehofer bis zu den bayrischen Landtagswahlen beurlauben. Nach dem Motto: ‚Horst, mach Dir mal ein paar schöne Wochen. Entspann Dich! Nach den bayrischen Wahlen darfst Du wieder an den Kabinettstisch zurück!’ Geniale Lösung: Zeitgewinn/Raumgewinn!)

Darüber wollte ich jedoch gar nicht schreiben. Sondern darüber, was der Blog mir bedeutet. An Stelle von Facebook oder Instagram ermöglicht der Blog einen intensiveren und tiefergehenden Kontakt mit Leserinnen und Lesern. Seine Texte öffnen das, was ich immer etwas altmodisch „die Schriftstellerwerkstatt“ (und ihre Einsamkeit) nenne, sehr direkt hin auf die Welt. Endlich nicht mehr ganz allein! Endlich kommt Bewegung in die Askese! Und zwar so, dass ich mich nicht an Genrevorgaben halten muss. Freiheit! Emotion! Verrücktheit! – das ist es, denn, mein Gott: Ein Schriftsteller ist schließlich auch (nebenbei oder vor allem) ein etwas durchgedrehter Mensch, der nicht immer freiwillig und gern jahrelang an Hunderten von Seiten sitzt, die später „Roman“ genannt werden!

Kurze Texte also, spontan entstanden, der Einsamkeit entrissen (ich übertreibe heute ein bisschen …), in möglichst verschiedenen Stimmungslagen, je nachdem, wie ich gerade so drauf bin! Und: Nicht lange nachgedacht, sondern temporeich geschrieben und veröffentlicht! (Und das ohne Lektor, Verleger und Vertrieb – mache ich alles allein, niemand liest meine Texte vor der Veröffentlichung!)

Perfekt wird es dadurch, dass meine Leserinnen und Leser darauf jederzeit reagieren und mir antworten können (immer unter: ortheil.hannsjosef@gmail.com). Solche Antworten haben – anders als viele sonstige Kommentare in den „sozialen Medien“ – den Vorzug, nicht anonym zu sein (ich hasse diese Art von Anonymität …).  Und sie haben zweitens den Vorzug, mehr zu sein als eine Meldung in zwei Sätzen oder eine Nachricht in einem Halbsatz! Stattdessen erzählen mir die Leserinnen und Leser ihr halbes Leben, weit ausholend (ich übertreibe heute wirklich ein bisschen …, aber es ist was dran …)

Summa summarum: Diese Form der Blogtexte ist (für mich) ideal. So etwas habe ich mir immer gewünscht. Inzwischen klappt es und ist im Fluss – und ich habe es endlich geschafft, der mit reichlich Skepsis betrachteten „digitalen Kultur“ etwas Positives abzugewinnen.

Das war’s aber jetzt mit dem „Rückblick“. Ich musste das mal festhalten, um mich (wie sagt man trendbewusst?) „neu zu justieren“. Ab morgen geht es (ohne Trendbewusstsein) wieder um kleine Motive und Themen aus dem Stegreif…, versprochen!

Rückblick 2

Meist weiß ich frühmorgens noch nicht, worüber ich in meinem Blog schreiben soll. Ich warte einfach darauf, dass etwas (oft Minimales) „geschieht“, und bleibe aufmerksam – worauf sich irgendwann meist ein Detail zeigt, das „mich anspringt“.

Häufig ist es ein optischer Reiz (Blüten, Bäume, Tiere in meinen Gärten, die Gärten spielen eine herausragende Rolle), manchmal auch ein akustischer (klassische Musik/ Jazz … – fast immer solistisch und fast immer: Klavier …).

Dann entstehen kurze „Momentaufnahmen“, aber keine weit ausholenden „Rezensionen“ oder „Kritiken“. Ich schreibe „andeutungsweise“ und skizziere kurz, was mich überrascht und begeistert („Begeisterung“/„Enthusiasmos“ ist wichtig, für „Verrisse“ etc. ist die Lebenszeit zu schade …).

Auf die großen christlichen Feier- und Festtage gehe ich ausführlicher ein, nicht um meinen Glauben zu zelebrieren, sondern um nach den Bedeutungen dieser Tage zu fragen (ihr Bedeutungsverlust in der Öffentlichkeit ist eklatant). Ich predige also nicht, sondern lese Passagen des Neuen Testaments konzentriert und wie ein moderner Interpret, der sich aus heutiger Sicht klar zu machen versucht, was einmal geschehen und was „der tiefere Sinn“ dieses Geschehens sein könnte.

Lektüren (vor allem neuer Bücher) spielen ebenfalls eine bedeutende Rolle, manchmal streue ich längere Listen aktueller Titel ein, um den Stand dieser Lektüren festzuhalten (und in Kurzform Empfehlungen auszusprechen). Über Filme/Bilder/Fotografie/ Ausstellungen könnte ich häufiger schreiben (und will das auch tun), gute Theateraufführungen dagegen entgehen mir regelmäßig (da steckt etwas dahinter, genau weiß ich es nicht).

Auch Sport interessiert mich (meist aber nur Tennis und Fußball), während ich „die Politik“ mit Ausnahme meines weiblichen „Lieblingsobjekts“ Julia Klöckner (deren Auftritte und Interviews  ich gerne einem ironischen/selbstironischen Spiel unterziehe) aus Prinzip sehr vernachlässige.

Neben alldem gibt es schließlich die „Serien“, die in meinen Augen „starke Lebensthemen“ verfolgen (Dinge des Lebens/Speisen des Lebens/Wohnen des Lebens etc.) und damit an die Lebensfragen der Meister der Selbstbefragung seit der Antike (Günter Butzer: Soliloquium. Theorie und Geschichte des Selbstgesprächs in der europäischen Literatur. Wilhelm Fink 2008) anschließen.

Die kurioseste dieser Serien ist „Fermers Wanderungen“. Sie besteht aus fotografischen Bildmotiven meiner Spaziergänge und Wanderungen, die ich (im jugendlichen Geist) meiner ersten Romanhauptfigur (Fermer) eher zufällig unternehme. Der Roman (mit diesem Titel) ist vor bald vierzig Jahren (1979) als mein Debütroman erschienen – und noch immer wirken Spuren dieses jungen Deserteurs lebhaft in mir nach (ich werde das Kind/den Heranwachsenden/den jungen Mann, der ich war, einfach nicht los, zumindest Bruchstücke dieser Lebensalter hängen mir nach, aus biografischen Gründen …).

Der Blog ist – alles in allem – eine Fortsetzung der Motive und Themen meines Buchs Was ich liebe und was nicht. Statt aus längeren Essays (wie sie dort vorhanden sind) besteht er aus dichten „Meditationen“, die meine Leserinnen und Leser auf eine kurze Gedankenreise/Gedankenbewegung mitnehmen sollen. Im idealen Fall entsteht daraus ein neuer Text: der Text der Leserin/des Lesers (nach Motiven von O) …

 

 

Rückblick 1

Jetzt, etwa in der Mitte des Jahres, möchte ich den Blog einmal selbst zum Thema machen. Warum ist er so gut? (Bitte nicht wörtlich nehmen …) Könnte er noch besser sein? (Bitte wörtlich nehmen …) Ich werde an den nächsten Tagen (zusammen mit Ihnen, den Leserinnen und Lesern) darüber nachdenken. Zuvor einige Zahlen, zur Information.

Ich habe im Oktober 2016 mit diesem Blog begonnen und zunächst nur in größeren Abständen einen Text geschrieben. Vorsichtig und etwas zögernd habe ich losgelegt, und erst ab dem März 2017 relativ regelmäßig etwas veröffentlicht. Anfang Mai 2017 hatte meine Schreiblust den Blog dann aber vollständig erobert – und von da an wurden es immer mehr Einträge. Bis ich (ab dem Advent 2017) dazu überging, jeden Tag einen Text zu schreiben. Hinzu kamen die Fotos, die ich alle selbst gemacht habe, ohne viel Aufwand, meist nur mit einem Smartphone, nebenbei, im Vorübergehen. (Seit Oktober 2016 sind es nun immerhin 362 Einträge …)

Ich betrachte den Blog nicht als „Arbeit“, dazu macht er zuviel Freude. Insgeheim folgt er einem kleinen „Programm“: Aktuelles vom Tage (was mir eher zufällig auffällt) in Form einer kurzen „Meditation“ zu beschreiben/zu erzählen – und manchmal auch zu feiern. Im Rahmen dieses Programms gibt es mehrere durchlaufende „Zeitlinien“ (darüber später einmal mehr). Verstecktes Ziel der Eintragungen ist es, ein deutlicheres Bewusstsein von Zeit (Jahreszeiten/Religiöse Feste/Aktuelle Ereignisse etc.) zu erzeugen. Für die Dauer der Lektüre erleben die Leserinnen und Leser (im besten Fall) mit mir zusammen „vergehende und angehaltene Zeit“: in Form von „Zeitinseln“, die dem Innehalten, Vergegenwärtigen, Räsonieren, Denken und Träumen vorbehalten sind.

Was mich überraschte: Dieser Blog hat mit der Zeit erstaunlich viele Leserinnen und Leser gefunden. Die meisten leben in Deutschland, es gibt aber auch solche aus Österreich, der Schweiz, den Vereinigten Staaten (besonders zahlreich), Australien, Italien, Frankreich, Spanien, Großbritannien, Polen, Tschechien … – ja, der Blog wird sogar in Asien und Mittelamerika gelesen. Beinahe jeden Tag erhalte ich Antworten/ Reaktionen/ Kommentare (die ich leider nicht alle beantworten kann – sonst würde aus dem Blog wirklich „Arbeit“).

Meine Fragen für heute: Welche Einträge (zu welchen Themen) lesen Sie besonders gern? Welche halten Sie für entbehrlich? Welche fehlen Ihnen? Und (eher spielerisch gemeint): Warum macht ausgerechnet dieser Blog viele von Ihnen manchmal „glücklich“ (kein Witz – denn viele Leserinnen und Leser schreiben genau das …)?

Antworten/Reaktionen wie immer unter: ortheil.hannsjosef@gmail.com

21. Juni

Sommeranfang, o ja! – der längste Tag des Jahres! – stimmt auch. Seit Anfang Mai haben wir darauf hingelebt, bereits damals begann schon das sommerliche Dasein mit seinen immergleichen, hellen Tagen: Dem frühen Blinken des Lichts, dem Weiterlodern, dem Glühen am Mittag und dem langsamen Abwandern der Strahlung bis in den stillen Abend hinein.

Solche Regelmäßigkeit lässt uns leichter leben als sonst. Wir „kümmern“ uns nicht, wir streifen nur etwas über, wir leben „luftig“, ohne schweres Essen, mit selbst gemachten fruchtigen Getränken. Ein Leben fast ohne „Kleidung“ oder aufwändige „Mahlzeiten“, ein einziges Driften im Licht, und später grad da, wo die Schatten besonders aufmerksam sind.

Zum heutigen, besonderen Anlass haben wir Dominic Miller eingeladen, niemand begleitet das, was wir gerade erleben, besser und konzentrierter: Silent Light heißt seine neue CD (sehr passend), und wir hören sie immer wieder von vorn, bis in die Nacht, auf der alten Terrasse, wo kleine Feuer noch am frühen Morgen vor sich hin glimmen.