Die Ankömmlinge des Frühsommers 3

In seiner Fotoserie Die Ankömmlinge des Frühsommers porträtiert der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil die aus den lederig grünen Blättern ausbrechenden Blüten der Rhododendren, die sich nach starken Regengüssen mit großen Rachengebärden öffnen. Als Maiblüher dominieren sie an den Waldrändern die schattenreichen Partien unter hohen Bäumen, wo sie ein schutzbedürftiges Leben führen. Gierig nach Wasser entnehmen sie den löslichen Bodenschichten jeden verfügbaren Tropfen und leiten ihn durch ihr brüchiges Holzgeäst, das die Last der Blätter und Knospen mit letzter Kraft durch Herbst und Winter stemmt.

Katholikentag in Münster (und weit darüber hinaus)

Sonntag, 12. Mai 2018, 13.18 Uhr. Nach dem Abschlussgottesdienst des 101. Katholikentages auf dem Schlossplatz in Münster gelingt Chefreporter Canonicus O ein zu Herzen gehendes Foto. Er fängt jenen schlichten, gerade deshalb aber umso rührenderen Moment ein, in dem die weißen und roten Gewänder der feiernden Mitgestalter des Gottesdienstes heimgeholt werden. Auf den prunkvollen, zeremoniellen Gottesdienst folgt eine puristische Szene lauterer, bescheidenster Dienerschaft.

Und das alles an jenem Wochenende, als im New Yorker Metropolitan Museum of Art die große Ausstellung Heavenly Bodies: Fashion and Catholic Imagination (bis 8. Oktober 2018, Katalog in zwei Bänden by Andrew Bolton) eröffnet wurde. Die gezeigten Objekte diskutieren genau jene Spannung: zwischen hoch ästhetischem Modebewusstsein und elementar einfacher Gestik katholischer Zeichensprachen.

Und das alles auch noch an genau jenem Tag, als bei den Filmfestspielen in Cannes der neue Film von Wim Wenders über einen Mann gezeigt wurde, der während seines Pontifikats die Kontraste von Reichtum und Armut, Zeremoniellem und Seelischem unablässig neu auslegt: Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes (ab 14. Juni in den deutschen Kinos).

Tierbilder

Vor einigen Jahren hat die in Köln lebende und lehrende Pianistin Marie Luise Hinrichs eine wunderbar kontemplative CD mit von ihr selbst bearbeiteten Kompositionen der großen Hildegard von Bingen veröffentlicht (Vocation – unbedingt hören, immer wieder!).

Nach weiteren CDs überrascht sie nun mit einer Einspielung eigener Stücke. Es handelt sich um Tierbilder, die auf nachdenkliche, sprunghafte, verdrehte und auch komische Weise Tierepiphanien in musikalische Rahmen setzen. Mücken tanzen in der Abendsonne, freche Ziegen verlachen den Beobachter, Katzen sind heimlichtuerisch unterwegs, Hundewelpen räkeln sich, aber auch Meeresschildkröten verfangen sich in Tönen und Klängen, die das Spezifische jedes Tiers in Bewegung, Rhythmik und Melodik aufgreifen und festhalten.

Solche Kompositionen können von Menschen aller Lebensalter wie träumerische Erinnerungen an jene Momente gehört und gedeutet werden, als man ein bestimmtes Tier länger beobachtete und seiner besonderen Art dadurch näher kam.

Als Zugabe gibt es die drei Sätze von Mozarts Klaviersonate D-Dur (KV 311). Seltsam, aber einleuchtend: plötzlich hört man Mozarts Musik, als bestünde auch sie aus lauter Tierbildern. Aber welche könnten das sein?

 

 

 

 

Die Ankömmlinge des Frühsommers 2

In seiner Fotoserie Die Ankömmlinge des Frühsommers porträtiert der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil die grellweiß sich zusammenballenden Blütenwolken der gemeinen Robinien.

 

Als Spätest- und Letztblüher unter den Baumkulturen ringsum versenden sie über das weite Gelände einen leicht süßlichen und schweren Duft, dessen besondere Essenzen an den Abenden und in sternendurchglühten Nächten einst sogar Johann Maria Farina zu speziellen Parfüms anregte. Im Stadium des Verblühens lösen sich die Doldengehänge allmählich auf, zerlegen ihre Bestände und schicken jedes einzelne Blütenblatt als Abschiedsgruß des jährlichen Baumblühens mit graziöser Leichtigkeit auf die Erde.

Und wie?!

Ashley Blom, Foodbloggerin aus Austin (Texas), hat einen kleinen, gut gelaunten Ratgeber für Menschen geschrieben, die vor dem Probieren einer Speise oder einer längeren Mahlzeit in Not geraten: „Und wie soll man das essen?“ lautet in solchen Fällen oft die Frage (und so deshalb auch der Titel des Buches im DuMont-Verlag).

Bei Wachteln zum Beispiel soll man zum Fixieren die Gabel in die Brustmitte stechen und danach Keulen und Flügel an den Gelenken abtrennen. Einen gekochten Schweinefuß dagegen könnte man durchaus komplett in die Hand nehmen und (bitte nicht zu laut schmatzend) abknabbern. Kumquats gehören flugs direkt in den Mund und werden mit Schale verzehrt. Bei Flusskrebsen trennt man den Kopf vom Rumpf, saugt den Sud heraus und wirft ihn dann weg, bevor man sich der Entdarmung des Krebses widmet. Und so weiter.

Im zweiten Kapitel geht es um Etikette bei komplizierteren Mahlzeiten. Mit welchem Käse beginnt man bei Verzehr einer Käseplatte? Wie isst man eine Suppe, ohne sich vollzuspritzen? Und in welcher Reihenfolge nimmt man verschiedene Sorten von Sushi zu sich?

Die ganz heißen Eisen kommen im letzten Kapitel dran: Wie esse ich ein Gericht tapfer weiter, wenn es zu scharf ist? Wie überstehe ich als Vegetarierin einen Grillabend? Und wie esse ich lässig und lächelnd etwas, vor dem ich mich eigentlich ekle?

Ashley Blom muss eine Menge durchgemacht haben, bevor sie ihre gute Laune wiedergefunden und ihre cleveren, hilfreichen Tipps aufgeschrieben hat.

Christi Himmelfahrt

Das heutige Fest Christi Himmelfahrt bedenkt den letzten Tag, an dem sich Jesus noch auf der Erde aufhält. Das Lukasevangelium endet mit der bekannten Szene: Jesus trifft sich noch einmal mit seinen Jüngern, und sie nehmen eine Mahlzeit zu sich (das „Abendmahl“ unmittelbar vor der Kreuzigung erhält eine Spiegelung durch das „Mahl“ kurz vor der Himmelfahrt).

Während dieses „allerletzten Mahls“ richtet sich der Blick in die Zukunft: Der Kreis der Jünger schließt sich, sie werden ab sofort diejenigen sein, die für die Verbreitung und die Deutung der Lehre zuständig sind. Jesus verabschiedet sich und verlässt sie – nun sind sie ganz auf sich selbst gestellt.

Weswegen die Apostelgeschichte nun wiederum genau mit dieser Szene, nämlich der von Jesu Abschied und Himmelfahrt, beginnt. Die Geschichten der Apostel und die ihrer Verkündigung werden folgen und den Raum sowie die Rituale der sich bildenden neuen „Kirche“ abstecken.

„Himmelfahrt“ ist also: Abschied, Trennung, Übergang in den Traum, die Wolke, das Andere, das den irdischen Blicken entzogen ist.

Johann Sebastian Bach hat zu den Evangelientexten ein eigenes, kleines Oratorium komponiert: Lobet Gott in seinen Reichen. Mehrere gute Aufnahmen sind auf Youtube abrufbar.

Abenteuer Pferd

Heute Abend um 21 Uhr beginnt im NDR-TV die dreiteilige Reihe Judith Rakers: Abenteuer Pferd. Wie wir gerade in einem brandheißen Interview mit mobil (5/2018), dem Magazin der Deutschen Bahn, erfahren haben, vermittelt Reiten der großen NDR-Moderatorin und Tagesschau-Sprecherin ein Gefühl von Freiheit. Mit hohem Tempo durch die Natur zu galoppieren, das habe etwas Archaisches und stille den für eine Tagesschau-Sprecherin besonders nahe liegenden „Hunger nach Leben“.

Frau Rakers wünscht sich demzufolge, dass das Leben eine große Wiese sein möge, auf der sie (im übertragenen Sinn) überlegt, wohin sie jeweils so galoppieren könnte. Inzwischen beherrscht sie neben dem Kutsche fahren und dem Baumstämme schleppen (mit Arbeitspferden im Wald) auch die Königsdisziplin: Westernreiten. Dafür musste sie schwierige Manöver mit Sturzhelm, Schutzweste und schließlich sogar mit Cowboyhut meistern. Was da für Grenzüberwindungen stattgefunden haben und wie viel Adrenalin ausgeschüttet wurde – unfassbar! Zur Erholung liegt Frau Rakers nach solchen Abenteuern gern auf dem Sofa, und ihr Gehirn verarbeitet auch ohne Yoga und Meditation all das Neue in Pferdeseile.

Auch wir lieben diese wunderbaren Tiere seit unserer Kindheit, als wir noch auf dem Rücken so manchen Wallachs über lauter Wiesen galoppiert sind und unseren ebenfalls nahe liegenden Hunger nach Leben gestillt haben. Wohin wir (im übertragenen Sinn) galoppieren sollten, brauchten wir allerdings nie zu überlegen, und auf dem Sofa haben wir anschließend auch nie länger ausgeharrt. Wir haben unsere Pferde einfach in die Pferdewaschbox geführt und stundenlang gestriegelt, da vergingen die Stunden so schnell, dass wir seelisch gar nicht mehr hinterher kamen.

Wir werden begeistert zuschauen heute Abend, denn Frau Rakers auf dem Rücken der Pferde zu sehen, wird auch uns einen Adrenalinschub sondergleichen bescheren. Bis das nächste Highlight für Pferde-Freunde im Herbst 2018 dann als Buch erscheint: Isabell Werths Vier Beine tragen meine Seele (Piper Verlag).

Der ökologische Fußabdruck

Julia Klöckner ist nicht nur unsere neue Landwirtschaftsministerin, sondern seit März 2018 auch unsere neue Ministerin für Ernährung. In dieser Funktion ist sie uns näher als alle anderen Ministerinnen und Minister, das ist klar. Fast wöchentlich lauschen wir ihren Kommentaren zu Fragen der Ernährung und folgen (so gut es geht) ihren Anweisungen und Empfehlungen.

Vor ein paar Tagen hat sie sich vehement dagegen ausgesprochen, eine Zuckersteuer auf besonders zuckerhaltige Speisen und Getränke zu erheben. Julia Klöckner plädiert dagegen für eine „bessere Ernährungsbildung von der Kita an, theoretisch wie praktisch“. Außerdem empfiehlt sie uns „saisonale und regionale Produkte“, mit ihnen stehen wir, was unseren „ökologischen Fußabdruck“ betrifft, fantastisch da.

Noch deutlicher und ausführlicher wird Julia Klöckner aber in den inspirierenden Büchern, die sie zu Ernährungsfragen (und zu unserem ökologischen Genussabdruck) geschrieben hat. Mit Hilfe dieser ausführlichen Anleitungen zum fußabdruckarmen und genussfreudigen Leben sollten wir uns umfassend und kompetent informieren. Wir empfehlen: Julia Klöckner: 1) Der Wein erfreue des Menschen Herz (Paulusverlag) und 2) Irdischer Wein – Himmlischer Genuss (Paulusverlag).

Shortlist und Empfehlungen der Leserinnen und Leser Frühjahr 2018

Ich habe die Rückmeldungen von über hundert Leserinnen und Lesern auf meine vor einigen Tagen (in drei Folgen) verschickte Longlist meiner Lesefreuden im Frühjahr 2018 ausgewertet.

Die fünf meistgenannten Titel (und damit die Titel der Shortlist meiner Leserinnen und Leser sind):

  1. Karl Ove Knausgård: Im Frühling. Aus dem Norwegischen von Paul Berf. Luchterhand 2018
  2. John Lewis Stempel: Ein Stück Land. Mein Leben mit Pflanzen und Tieren. Aus dem Englischen von Sofia Blind. DuMont 2018
  3. Kai Vahland: Ansichtssachen. Alte Bilder, neue Zeiten. Insel Verlag 2018
  4. Johanna Romberg: Federnlesen. Vom Glück, Vögel zu beobachten. Bastei Lübbe 2018
  5. Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann. DuMont Verlag 2017

Die drei meist genannten, eigenen Empfehlungen meiner Leserinnen und Leser von Lesefreuden des Frühjahrs 2018 sind:

  1. Elena Ferrante: Die Geschichte des verlorenen Kindes. Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Suhrkamp Verlag 2018
  2. Monika Maron: Munin oder das Chaos im Kopf. S. Fischer Verlag 2018
  3. James Baldwin: Von dieser Welt. Aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow. dtv 2018

Wie Romane entstehen

Auch in diesem Semester betreue ich sechs Studierende des Masterstudiengangs Literarisches Schreiben und Lektorieren an der Universität Hildesheim. Jede/jeder von ihnen arbeitet seit Jahren an einem Roman. Ich habe die Funktion eines Mentors/Lektors, der mit ihnen all jene Details bespricht, auf die es bei der Romanarbeit ankommt: Figuren, Handlung, Raum, Zeit, Erzähler, Stil und Dramaturgie.

In regelmäßigen Abständen bekomme ich einen Romanauszug vorgelegt, und wir gehen ihn fast Satz für Satz durch. Es ist eine Arbeit, auf die keine/keiner der Studierenden vorbereitet war. Ein einmaliges Schreibabenteuer, spannend und aufschlussreich.

Ab kommender Woche trete ich mit den sechs Studierenden (Salvatore Calabrese, Silvie Lang, Nils Nußbaumer, Milena Röthig, Alexander Rudolfi, Jana Schrader – alle im vierten Semester des Masterstudiengangs) nacheinander in vier Literaturhäusern auf. Dann stellen wir Ausschnitte aus ihren Romanen vor und diskutieren die Probleme ihrer Entstehung.

Hier die genauen Termine und Orte: 1) 8. Mai: Literaturhaus Freiburg, 19.30 Uhr, 2) 15. Mai: Literaturhaus Stuttgart, 20 Uhr (außer Haus, im Westquartier, Elisabethenstraße 26), 3)  24. Mai: Literaturhaus Wiesbaden (Villa Clementine), 19.30 Uhr, 4) 19. Juni: Literarisches Zentrum Göttingen, 20 Uhr.

Alle Leserinnen und Leser dieses Blogs, die sich dafür interessieren, wie Romane entstehen, sind herzlich eingeladen. Kommet zuhauf!