Fermers Wanderungen 25

Der Schnee lag in schmalen Schichten auf den Waldwegen, am frühen Morgen von kristallinen, blitzenden Lichtern überzogen. Im Laufe des Tages gruben sich die Spuren der Waldgänger ein – die Gitter der Radfahrer, die Bahnen der Skiläufer, die Linien der Schlitten, die Maserungen der Schuhsohlen, die Graphismen der Vogelkrallen, die Cluster der Hundepfoten.

All diese Zeichen zogen die Blicke an, so dass er das weithin gelagerte Weiß als eine große Leinwand empfand. Keine Farben, nichts Gegenständliches, sondern nur die Präsenz der aktiven Leiber und Geister, ornamentartige Figuren, erfunden vom vitalen Leben, mehr als „Kunst“.

Das Gehen in diesen sich imaginär öffnenden Zonen machte ihm Freude, und er begann, angetörnt von seinen wachen Beobachtungen, leise zu summen. Ein Hund bemerkte ihn, hielt inne und schaute ihn an. Ein Vogel wippte auf einem Ast, als sollte das Wippen seine Schaulust kommentieren. Und weit oben, über den Baumwipfeln, kreiste ein Raubvogel, aufmerksam, hoch konzentriert – und rührte mit seinen Schwingen das Himmelsblau an, einen blassen, fasrigen Nebel, der sich allmählich herab auf die Erde senkte.

(Kurze Erläuterung: Fermer ist die männliche Hauptfigur in meinem Debütroman Fermer aus dem Jahr 1979. In Fermers Wanderungen schreibe ich diesen Roman in der Gegenwart segmentartig weiter. Es handelt sich um detailreiche Mikroskopien von kleinen Naturräumen und Beobachtungen der Wirkungen, die sie bei einem gehenden, aufmerksamen Beobachter hinterlassen.)

 

 

Rosenmontag ohne Kölle

Rosenmontag ohne Kölle, ohne Zug, ohne Straßenkarneval, ohne die Freundinnen und Freunde, mit denen ich jetzt unterwegs wäre… – geht das überhaupt? Ach nein, das geht nicht.

Ich werde mich verkriechen und ab 14 Uhr im WDR-Fernsehen den „ausgefallensten Zoch“ sehen – mit dem Ensemble des Hänneschen Theaters und dreißig Wagen, die durch die Altstadt ziehen.

Abends werde ich den Stabsmusikzug der Nippeser Bürgerwehr durch die Stadt begleiten – vor dem Golde Kappes in Nippes werden sie landen, wo ich…, nein, ich darf nicht daran denken… – Du bess die Stadt, op die mer all he stonn/ Du häs et uns als Pänz schon aanjedonn…

Warm-Ups mit Isabelle Graw

Isabelle Graw ist Mitbegründerin des Magazins Texte zur Kunst und heute seine alleinige Herausgeberin. Seit 2002 ist sie auch Professorin für Kunstgeschichte und Kunsttheorie an der Städelschule in Frankfurt/Main.

Das ist gut zu wissen, weil man so eine Ahnung davon haben könnte, welche Themen sie interessieren und wie sie diese Themen behandelt. Sie hat bereits viele Bücher veröffentlicht, ihr neustes ist jedoch kein Buch über ihre bisherigen, eher professionellen Themen, sondern ein privates, persönliches. Mit anderen Worten ist gleichwohl vom lebenslangen Umgang mit Kunst und Ästhetik deutlich erkennbar geprägt, gerade diese Hintergrundfolie macht das Buch so interessant.

In den Jahren von 2014 bis 2017 hat Isabelle Graw den Tag mit kurzen Texten begonnen, „Warm-Ups“, wie sie schreibt – Notizen und Überlegungen vor der „eigentlichen Schreibarbeit“. Jede dieser Aufzeichnungen schlägt ein Motiv oder Thema an und kreist es auf wenigen Seiten ein.

So liest man Texte über Rollkoffer, Schlittschuhlaufen, Sneakers oder Krankenhausbetten, aber auch über  Sexual Harassment, Biopolitik, Skypen oder Coaching. Die intimste aller Themenlinien ist die Trauer über den Verlust ihrer Eltern, die im genannten Zeitraum sterben.

Ein sehr anregendes, hellwaches, von einer präzisen Neugierde geleitetes Buch! Man möchte sich sofort hinsetzen und eigene „Themen des Tages“ mit sich selbst diskutieren – und diese kurzen Debatten wie Isabelle Graw zum Nacherleben in die Welt streuen.

     Isabelle Graw: Mit anderen Worten. Notizen 2014-2017. Dr. Cantz’sche Verlagsgesellschaft 2020

Zeder im Schnee – in meinen Gärten und Wäldern

Nach starkem Schneefall zeigt die große Zeder in meinem Garten ihr ganzes Können. Die längsten Zweige sammeln den Schnee wie ausholende Schaufeln, die mittleren halten ihn als weiße Spur, während die kleinen mit ihm spielen, in den verschiedensten Variationen und Gruppen.

Das derart gelungen verteilte Weiß lässt die Zeder strahlen und leuchten. Ihr wunderbar gerader Wuchs macht aus dem zum Himmel hin schmaler werdenden Stamm einen dunklen Docht, ähnlich dem einer Kerze.

Betrachtet man ihr Aufgebot von Zweigen, mit dem Blick von oben nach unten, wirkt es wie ein gelassen zelebriertes Gymnastikprogramm: lauter Arme und Körperteile, in gerader Haltung oder ausgreifend, abwinkend, sich schüttelnd, ins Blau tippend.

Der großen Zeder gehört nicht nur meine Zuneigung, sondern mehr noch meine Verehrung. Ich stelle mir vor, dass sie ein Gruß aus den Regionen des Mittelmeeres ist: duftend, sonnenbesessen, von spärlichem Regen ausreichend genährt.

(Das Buch In meinen Gärten und Wäldern ist vor kurzem erschienen, dieser Text aber ist neu und wird irgendwann in einer erweiterten zweiten Auflage erscheinen.)

Kölle Alaaf!

Heute früh habe ich mit meinem Freund Ansgar (er wohnt in Göttingen) telefoniert.

Ansgar: Was ist los, Du klingst so belegt… – Ich: Heute ist ein trauriger Tag, kaum zu ertragen. A.: Was ist denn passiert? Ich: Heute ist Wieverfastelovend in Köln, und kein Mensch darf so richtig feiern. Alkoholverbot, stell Dir das vor, Alkoholverbot in Köln!! Kein Mensch auf dem Alten Markt, keiner auf dem Wilhelmplatz in Nippes. Da habe ich viele Jahre lang gefeiert, gesungen, getanzt, vom Wieverfastelovend bis Aschermittwoch. Sechs Tage. Und jeder Tag mit eigenen Riten und Bräuchen. Normalerweise ist es ein Traum! A.: Ein Traum von sechs Tagen? Ich: Ja, unbedingt. Man verschwindet aus dem sonstigen Leben, ist unerreichbar, ist außer sich, verstehst Du? A.: Nicht so richtig. Du hast wirklich getanzt? Ich: Ja, hab ich. A.: Im Ernst?! Kann ich mir schlecht vorstellen. Ich: Wer Köln nicht von innen her kennt, kann sich Köln sowieso nicht vorstellen. A:. Ist das ein Vorwurf? Ich: Ach was. Köln ist eben keine Stadt wie jede andere. Köln ist eine Prägung mit einer sehr starken Lebenslust. Absolut, radikal. Die steckt ein ganzes Leben lang in Dir. A.: Darüber solltest Du mal schreiben. Ich: Warte ab! Darüber schreibe ich. A.: Und was machst Du nun heute, an diesem traurigen Tag? Ich: Singen, feiern, im Stillen. A.: Das hört sich ja grausam an. Ich: Das ist es auch. Grausam. Und verdammt traurig. Hör mal zu… – und schau…

Un mir singe Alaaf, villeich e betzje stiller
Un dat, wat do wor, kütt janz bestimmp baal widder
Kumm, mer singe Alaaf, denn süns sin mir verlore
Un mir singe janz hösch för e besser Morje

Bin ich etwa (auch) ein japanischer Schriftsteller 2?

Am 24.10.2020 habe ich in diesem Blog über meine Fernverbindungen zur japanischen Kultur (oder besser: den Themen und Motiven, die ich für japanisch halte) nachgedacht. Gestern fiel mir diese Nähe wieder auf, als mir ein Freund das Rezept eines „japanischen Omelettes“ schickte.

Eigelb, Eiweiß, etwas Salz, etwas Zucker – mehr Zutaten braucht es nicht. Alles sehr einfach, schlicht, reduziert, aber mit einem hoch ästhetischen Ergebnis: Ein Omelette als schimmerndes Duo zweier Farben!

Zubereitung und Ergebnis empfand ich als „japanisch“. Und dass dies alles in französischer Sprache erläutert wurde, empfand ich als perfekte Zutat: als wären die französischen, hochpreziösen Formeln (vorgetragen von einem melodischen Koloratursopran) mit dem japanischen Gestus liiert…

Arturo spielt Galuppi

Mal etwas Staunenswertes, Rares, Entlegenes, Befreiendes… – Arturo Benedetti Michelangeli (1920-1995) ist zweiundvierzig Jahre alt, als er, perfekt rasiert, mit Lackschuhen und Frack, an seinem Hausflügel eine kleine, unscheinbare Sonate in C-Dur von Baldassare Galuppi (1706-1785) spielt.

Galuppi kam auf der Laguneninsel Burano zur Welt, auf dessen zentralem Platz heute sein Denkmal steht. Er schrieb mehr als dreißig Opern, die er auch in London oder Petersburg aufführte, lebte sonst aber vor allem in Venedig.

Seine Opern werden kaum noch gespielt, unsterblich ist er nicht durch sie, sondern durch kurze Klavierkompositionen geworden, die etwas erkennbar Venezianisches haben, etwas Leichtes, Luftiges, hingesäuselt und beiseite gesprochen.

In C-Dur wirkt ein solches Temperament beinahe provokativ unschuldig und schlicht. Arturo Benedetti Michelangeli widmet sich ihm mit der Noblesse eines Mannes, der mit diesem C-Dur so umgeht, als hätte Galuppi persönlich es ihm in einer stillen Stunde angetragen.

Gärten und Wälder – signiert

Damit die Wälder des Stuttgarter Südens wenigstens in Gedanken und leuchtenden Bildern erhalten bleiben (siehe den gestrigen Eintrag!), verweise ich auf Buch im Süden von Beate Hiller.

Nur über diese Buchhandlung sind signierte Exemplare meines Buches In meinen Gärten und Wäldern telefonisch (0711-6493852) oder per Mail (buchimsueden@t-online.de) zu bestellen.

Frau Hiller schickt Ihnen auch gerne ein Exemplar zu, alles kein Problem.

Brutale Waldvernichtung

Seit voriger Woche läuft im Stuttgarter Süden eine brutale Waldvernichtung. Im Rahmen von Stuttgart 21 lässt die Deutsche Bahn auf großen Hangflächen, die vom Gleisverlauf bis zu den Höhen reichen, den gesamten Baumbestand entfernen. Hunderte Eichen und Buchen werden gefällt, um eine sogenannte „Ausgleichsfläche“ für jene Naturzonen zu schaffen, die im Stadtzentrum bereits für Stuttgart 21 draufgegangen sind.

Und was soll auf den kahlen „Ausgleichsflächen“ geschehen? Man fasst es nicht: Eidechsen sollen dorthin gebracht, ausgesetzt und angesiedelt werden! Hätte die DB sich bei den Bürgerinnen und Bürgern in der Nachbarschaft erkundigt, hätte sie wissen können, dass dort längst Eidechsen in Fülle vorhanden sind.

Was kann man zu solchem Irrsinn noch sagen?! Ist der BUND Stuttgart von dieser Aktion informiert? Wenn ja – wie ist er aktiv geworden? Und weiter: Wer wird überhaupt noch aktiv, um wenigstens die letzten noch stehenden Bäume (in der kommenden Woche geht das Baumschlachten weiter) vor dem Kahlschlag zu bewahren?!

Die DB hat eine private Firma (zynischerweise eine für „Landschaftspflege“) mit der Aktion beauftragt. Die Arbeiter fassen sich an den Kopf und können selbst nicht begreifen, dass sie für eine solche Vernichtungsaktion herhalten müssen. Einige sagten, dass sie am liebsten ihre Geräte hinschmeissen würden.

Der Blick auf die kahlen Flächen ist für die vielen Spaziergänger ein Schock. Sie bleiben stehen, bewegen sich nicht mehr von der Stelle, es sind traurige Momente, die man beobachten kann. Beschäftigt so etwas die DB? Keine Sekunde.

Corona als Serie

(Am 9.2.2021 auch als Kolumne im „Kölner Stadt-Anzeiger“, S. 4)

Mein Freund Jürgen ist Filmproduzent. Ich fragte ihn, wie er die Coronazeiten aus dem Rückblick dramaturgisch umsetzen würde. Er zögerte keinen Augenblick, sondern hatte bereits ein Drehbuch im Kopf. Die Coronazeiten, sagte er, sind eine Netflix-Serie. Das Virus wäre das unsichtbar Böse, aggressiv, mächtig, gefährlich. Seine Gegenspieler bildeten eine zerstrittene Mannschaft, angeführt von einer sich mütterlich gebenden Direktorin und geltungssüchtigen Abteilungsleitern. Ihnen unterstünden Riegen von unauffälligen Mitarbeitern, die sich um die Detailprobleme kümmern und den Chefinnen und Chefs die großen Auftritte im TV überlassen müssten.

Dramaturgisch reizvoll wäre die Rolle der hoch informierten Agenten, die den Kampf mit dem Virus in ihren Speziallabors aufnähmen. Jeder von ihnen schreibe an seiner eigenen Geschichte und führe den Kampf mit einer Spezialwaffe. Sie arbeiteten bestimmten Abteilungsleitern zu und vernachlässigten andere, die ihnen nicht recht trauten, sondern eher auf die Ratschläge der Kommentatoren setzten. Alle strebten jedoch danach, in den Hallen der Direktorin auftauchen und ein paar Worte mit ihr wechseln zu dürfen. Filterkaffee und Apfelkuchen aus ihrer Küche wären höchste Auszeichnungen und den Orden alter Zeiten vergleichbar.

Das Virus selbst wäre der entscheidende Spannungsträger und absolut professionell in seinen Methoden. In jeder Staffel der Serie gäbe es ein neues Aggressionsmoment, das von den Kommentatoren unverzüglich in allen Kanälen verbreitet würde. Mal droht es mit Mutationen, mal mit fehlendem oder wirkungslosem Impfstoff, mal aber auch schlicht mit dem Wetter oder schlecht sitzenden Masken. An Wintertagen zeigt es sich auf Rodelstrecken oder windigen Skipisten und sitzt zynisch grinsend auf den leeren Rängen der Fußballarenen. Mühelos gelingt es ihm, seine Fortsetzungsgeschichte ewig weiter zu schreiben, wofür Tag für Tag die bekannt gegebenen Infektionszahlen sowie undurchsichtige R-Werte herhalten müssten.

Abend für Abend schleiche es dann durch die leeren Straßen der Städte und schaue durch die Fenster der Wohnungen, in denen die Menschen angsterfüllt vor den unermüdlich laufenden Fernsehern säßen. Als Begleitmusik ließe es Verdis Gefangenenchor laufen, während es sich über die Yogaübungen der zum Sitzen und Ausharren Verurteilten amüsiere. Seine Wirkung verfolge es auch anhand der gestreamten Bilder, die laufend zusammenbrächen und menschliche Körperteile in herumschlingernde Luftballons verwandelten.

Auf die kulturellen und mentalen Besonderheiten der Weltregionen gehe es auf besonders infame Weise ein und liefere einen jeweils spezifischen Nachrichtenstoff. Mal konzentriere es sich auf asisatische Tiermärkte, dann wieder auf westfälische Fleischfabriken, Berliner Hochzeiten oder venezianische Vaporetti. Es liebe pathetische Metaphern wie „Das Licht am Ende des Tunnels“ oder „Die Glutnester des Coronatsunami“ und erscheine spöttisch in dichten Aerosolen-Wolken über nicht mehr lieferfähigen Impfstoffherstellern.

Du redest so forsch, als hättest Du für die Zukunft sogar schon bestimmte Hauptdarsteller im Blick, sagte ich zu Jürgen. Natürlich, antwortete er, das Virus arbeitet längst mit. Es hat die kommenden Wahlen, einschließlich der Bundestagswahl, fest im Griff. Da wird es um nichts anderes gehen als Coronacorona,  und das Virus wird uns Möchtegernhauptdarsteller en masse präsentieren! Aber Achtung! Erfolgreiche Serien haben fast immer zweite und dritte Staffeln. Und die haben nicht selten zig Episoden. Kapiert?!