Der Schwimmer

Immer, wenn ich zum Schwimmen in ein größeres Gewässer gehe, denke ich an John von Düffel. John ist der beste Schwimmer unter den deutschsprachigen Gegenwartsautoren – und nicht nur das. Auch sein literarisches Werk fußt ausschließlich auf dem Schwimmen, seit seinem Debüt (Vom Wasser) ist das so, und es ist mit den Jahren immer mehr und deutlicher geworden. John hat auch das beste Sachbuch über dieses Thema geschrieben (Schwimmen), und wer als naiver Leser und Schwimmer denkt, er selbst habe irgendeine Ahnung vom Schwimmen, täuscht sich gewaltig, wenn er dieses Buch noch nicht gelesen hat. Natürlich habe ich es längst mehrmals studiert, denn ich möchte ja kaum etwas lieber sein als ein Schwimmer. Schwimmen enthält sehr gute Hinweise und Tipps für die richtige Ausübung der bekannten vier Grundschwimmarten. Jedes Mal, wenn ich in ein größeres Gewässer gehe, erinnere ich mich daran und versuche, diese Ratschläge in die Praxis umzusetzen. Es gelingt aber nie, niemals, noch nie ist es gelungen. Wer John von Düffel in dem Film Houwelandt einmal als Schwimmer gesehen hat, weiß dagegen genau, wie Schwimmen geht. In Houwelandt erholt sich John von Düffel von seiner harten schriftstellerischen Arbeit durch konzentriertes Laufen und danach durch Schwimmen. Er tritt, nur mit einer Badehose bekleidet, vor ein kleineres Gewässer und rauscht schwimmend einfach davon, bis ihn die Kamera aus dem Blick verliert. Gutes Laufen und perfektes Schwimmen hält John von Düffels Schriftstellerleben zusammen, darum beneide ich ihn. All die Joghurts und Müslis, die er sich nach Laufen und Schwimmen rasch reinhaut, sind allerdings nicht so mein Ding. Könnte ich jedoch einmal so gut laufen und so perfekt schwimmen wie John, würde ich sogar dieses Opfer bringen.

Kleine Breviere

Eine Leserin hat mich vor einiger Zeit auf den Gedanken gebracht, aus meinen Büchern kleine, handliche Breviere zusammenzustellen, die sich jeweils auf ein einziges Thema konzentrieren. Begonnen habe ich mit dem Thema „Glück“ (Glücksmomente. München 2015). Danach habe ich mich dem Thema „Glauben“ gewidmet (Glaubensmomente. München 2016). In diesem Jahr ist das Thema „Musik“ dran (Musikmomente. München 2017). Wie gehe ich dabei vor, welche Konzeption/Idee steckt dahinter? Ich wähle Passagen mit eindeutig autobiografischem Hintergrund aus meinen Romanen, Erzählungen und Essays aus und kommentiere sie. Dadurch wird sichtbar, wie sich „das reale Leben“ (mit seinen „realen Bezügen“) in Erzählung („das erzählte Leben“ mit seinen „erzählten Bezügen“) verwandelt. Die Leserin oder der Leser können diese Verwandlung studieren und ihre Schlüsse daraus ziehen. Angeordnet sind die Breviere chronologisch, so dass jeder Band zugleich auch die Biografie des jeweiligen Themas erzählt: Mein Glaube/Mein Umgang mit Musik etc. So entwickelt sich ein ganz eigenes Erzählgeflecht: Durch die chronologische Mixtur aus autobiografischem Text und Kommentar entsteht die doppelbödige Erzählung einer bestimmten Passion: die ihrer Wurzeln, ihres Wachstums und ihrer Ausprägungen.

Fischen

Ich fische des Nachts mit den Fischern der Stadt, die seit einem Jahrhundert ununterbrochen fischen. Ich schaue zu, packe mit an und erhalte am frühen Morgen, nach der Rückkehr in den rettenden Hafen, meine kleine Tagesration cozze e vongole. Ich bade sie in Weißwein, lasse sie aufspringen und beobachte, wie sie es sich in der Schalung bequem gemacht haben. Dann schlozze ich sie nacheinander in meinen Mund, lasse sie dort einen Moment ruhen und schicke sie in meinen Magen, wo sie für einen Moment glauben, das ewige Meer wiedergefunden zu haben.

Chief Design Officer

Als neuer Chief Design Officer des Luchterhand-Literaturverlages (München) habe ich für die Taschenbuchausgabe von Terezia Moras Die Liebe unter Aliens ein superpassendes Wahnsinnsmotiv entdeckt, das viel über meine neue Linie verrät: Streng und skurril, mit zartweichen Untertönen.

Von wegen

Neinnein, tut mir leid, ich bleibe als Juror für den regionalen Miss Italia-Wettbewerb unbestechlich… Höchstens auf einen Sprizz lasse ich mich mit Ihnen ein. Am frühen Abend? Oder doch eher in später Nacht?!

Stabile Dialektik

Angesichts der Weite des Meeres wirkt die stabile Dialektik von lettini und sede dauerhaft und verlässlich. Während der ombrellone im Flattern des Winds als Schiedsrichter fungiert und die Schatten gerecht verteilt.

Unsere kleine Stadt 2

In der kleinen Stadt, die wir von Heinrich Mann geerbt haben, fallen an den Abenden die Schauspieler ein. Sie spielen stundenlang, und die Bewohner des Ortes lachen dazu, was das Zeug hält. Das Lachen bereitet sie auf die Nacht vor, in der die Schauspieler die Herrschaft über den Ort übernehmen. Es geht drunter und drüber, die Bewohner werden zu Laienschauspielern, und die Schauspieler geben sich als Bewohner aus. Frühmorgens begreift niemand mehr, wohin er gehört. Dann vertreiben die lauten Glockenschläge der zentralen Kirche den Spuk – und ich rezitiere auf dem Kirchplatz einige Kapitel Heinrich Mann: Die kleine Stadt.

Der Dorfwächter

Der Dorfwächter ist ein kleiner, aufmerksamer Mann mit relativ großem Kopf. Gegen acht Uhr in der Früh verlässt er sein Haus und durchstreift den Ort. Er scheucht die Tauben vom Kirchplatz und geht geduckt durch die schmalen Gassen, um nach dem Rechten zu sehen. Zehn Minuten später umrundet er die mittelalterliche Burg, beseitigt den Unrat vom Kinderspielplatz und flucht vor sich hin. Dann steigt er eine lange Treppe zur Durchfahrtstraße hinab und kehrt in einem der drei Cafés ein. Er durchblättert die Morgenzeitungen im Stehen und ruft buon giorno!! buon giorno!!, so laut, dass es die junge Frau hinter der Theke graust. Warum bestellt er nichts, warum nicht einmal einen winzigen schwarzen Caffè, mit einer Haube aufgeschäumter Milch? Nichts da, er übertreibt die Kontaktaufnahme nicht, er rüttelt hier und da an den Fensterstäben und Gittern und flucht weiter. Dann kauft er in der Bäckerei zwei Brötchen und trägt sie wie einen Schatz zurück in sein Haus, wo er sie gegen neun Uhr mit krachendem Zubiss verzehrt. Dazu ein Glas Wasser – bevor der zweite, radikalere Rundgang beginnt, der den Ort endgültig aufschrecken lässt.

Unsere kleine Stadt

Die Ländereien unserer kleinen Stadt haben wir von Heinrich Mann geerbt und übernommen. Sie ist nicht besonders schön, eher wohltuend schlicht. Es gibt eine zentrale Kirche mit Kirchplatz, einige schmale Gassen und eine mittelalterliche Burg als Ausguck. Die meisten Bewohner treffen sich tagsüber auf der niedriger gelegenen Durchfahrtstraße. Dort locken drei verschiedene Cafés und ein ländliches Restaurant. Es handelt sich um eine typische italienische Kleinstadt auf einer Hügelkuppe, besiedelt schon seit der Bronzezeit. Man kann sie nicht mehr großartig verändern, im Grunde ist sie auch nie verändert worden. Über alles, was sie braucht, verfügt sie seit endlosen Zeiten. Sie gibt sich den Sonnen hin, wartet geduldig auf den Abend und leidet in Maßen darunter, dass ihren Bewohnern zu ihr nichts Rechtes mehr einfallen will.

Fermers Wanderungen 7

Als er aus den Wäldern auf die Lichtung trat und hinab auf die Stadt (war es denn eine Stadt?) blickte, war der Anfang des großen Gedichts wieder da, das der einzige Sänger dieses weiten Raums erträumt hatte. Und er hörte und sah es summen:

Wieder ein Glück ist erlebt. Die gefährliche Dürre geneset,
Und die Schärfe des Lichts senget die Blüte nicht mehr.
Offen steht jetzt wieder ein Saal, und gesund ist der Garten,
Und von Regen erfrischt rauschet das glänzende Tal,
Hoch von Gewächsen, es schwellen die Bäch und alle gebundnen
Fittige wagen sich wieder ins Reich des Gesangs.
Voll ist die Luft von Fröhlichen jetzt und die Stadt und der Hain ist
Rings von zufriedenen Kindern des Himmels erfüllt.
Gerne begegnen sie sich, und irren untereinander,
Sorgenlos, und es scheint keines zu wenig, zu viel.