Es weihnachtet sehr 4

Im vierten Teil seiner Fotoserie Es weihnachtet sehr porträtiert der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil die Perlenbildung an tropisch erscheinenden, parasitären Wildpflanzen, die ihren Wirten entrissen und auf freie Wanderschaft geschickt wurden. Das durchsichtig gallertartige Weiß der Perlen, die sich zu Paaren, Trauben oder Gesellschaften zusammentun, überwuchert mit seinen exzentrischen Andeutungen von Graupel und Schnee das ins Gelbliche changierende Grün der Äste und Blätter, das früher, in den vollmundigen Hochzeiten im Verein mit seinen Wirten, noch etwas geradezu Bissiges und Bezwingendes hatte.

Schenken 2

O weia, nun habe ich aber reichlich Kritik zu meinen altklugen Bemerkungen über das „Schenken“ erhalten. Und nicht nur Kritik, sondern lautstarken Protest. Man muss mir nichts schenken, mir nicht?! Und warum bin ausgerechnet ich oft so hingerissen, wenn ich beschenkt werde? Als mir vor kurzem gute Freunde eine Erstausgabe meines Lieblingsautors Jean Paul schenkten und nicht irgendein Buch ausgewählt hatten, sondern ausgerechnet (und absolut „treffsicher“, geradezu genial): den „Jubelsenior“?! Wer saß da freudenstumm und „überglücklich“ an seinem Freudentisch und blätterte und las einen halben Tag lang in dem Jean Paulschen Meisterwerk? Ganz zu schweigen von meinen Reaktionen auf die Köln-Fotos meiner Kölschen Lieblingsorte, die jemand eigens für mich fotografiert hatte! Und weiter: Wie war das mit der Konzertkarte für ein Konzert einer meiner Lieblingspianistinnen (Kathia Buniatishvili), in der sie als Zugabe Händels „Menuett“ aus der Suite in B-Dur so spielte, dass ich später die halbe Nacht davon erzählte? Waren das alles keine „Treffer“ und „Umspielungen“ in meinem Sinn?! Aber ja, genau das waren es: perfekte „Treffer“ und „Umspielungen“ meiner Passionen, ich gebe es sofort zu! Und schenke den Leserinnen und Lesern dieses Blogs reumütig die Empfehlung, sich auf Youtube Kathia Buniatishvili anzuschauen und anzuhören, wie sie Händels „Menuett“ aus der Suite in B-Dur (Händel-Werke-Verzeichnis 434) spielt. Damit wir gemeinsam beschenkt sind.

Schenken 1

Seit dem ersten Advent schicke ich verstärkt Karten, Briefe, Päckchen in alle Welt. Nicht unbedingt an sehr gute Freunde, sondern auch an Bekannte, die durch solche Grüße vielleicht überrascht werden. Für jede Adressatin oder Adressaten schreibe ich einen eigenen Text, meistens erzähle ich davon, wie ich auf das jeweilige Geschenk oder all das gekommen bin, was ich unbedingt mitteilen möchte. Seltsamerweise führt der Advent aber in meinem eigenen Fall zu einer gegenläufigen Bewegung und fortschreitenden Zurücknahme von Ansprüchen. Ich könnte gut und gerne auch ohne Geschenke auskommen, sie müssen wirklich nicht sein, manche sind nur hilflose Gesten oder haben etwas Peinliches, Aufdringliches. Man muss mir also nichts schenken – vor allem nicht in der Weihnachtszeit, wenn die meisten an Geschenke denken. Andererseits beschenke ich selbst aber gern andere Menschen, das ganze Jahr über,  jetzt aber (zugegeben) besonders intensiv. Ein gutes Geschenk ist im besten Fall ein gelingender kleiner „Treffer“. Ich habe ein Moment oder ein Detail an jemand anderem entdeckt, das mich fasziniert und beschäftigt. Darauf reagiere ich und denke mir etwas dazu aus, das diese Faszination anspricht oder umspielt. „Umspielt“ ist ein sehr passendes Wort: Geschenke sollten die Welten des Gegenüber umspielen, etwas davon zitieren, verwandeln und ihnen einen zusätzlichen, neuen Akzent verleihen. Nun gut, das alles ist vielleicht etwas abstrakt, ich sollte von Beispielen erzählen, dann kann man sich genauer vorstellen, was ich meine.

Aufbrüche und Reisen

Noch immer bin ich an einem Abend vor einer Reise nervös wie ein Kind. Ich stelle mir vor, wie hindernisreich der Aufbruch sich am nächsten Morgen gestalten könnte und woran ich unbedingt denken muss. Nachts schlafe ich unruhig und überlege bei jedem Aufwachen, ob ich nicht bereits aufstehen sollte. Habe ich noch einige Stunden Zeit und muss erst gegen zehn Uhr im Bahnhof sein, stehe ich doch spätestens gegen fünf Uhr auf, tue so, als ob ich unendlich viel Zeit hätte, packe langsam und überkonzentriert (bloß nichts vergessen!) – und durchstreife dann schon gegen neun Uhr den Bahnhof. Eine ganze Stunde habe ich noch, aber das frühe Eintreffen beruhigt mich. Ich schaue mich im Pressezentrum nach interessanten Zeitschriften oder Zeitungen um, ich gehe an den Verpflegungsstationen vorbei (die sich in Deutschland leider viel zu sehr ähneln), und ich kaufe ein paar Kleinigkeiten – einen Saft, etwas Wasser, eine Süßigkeit, aber nichts Größeres, Essbares -, wohl aber jedes Mal etwas anderes, nur nach Laune. Sitze ich endlich im Zug, ist es vorerst geschafft. Als erstes lese ich die neusten Zeitungen, dann kommen die Zeitschriften und Bücher dran. Wenn während der Lektüre Ideen oder andere Einfälle überspringen und ich etwas notiere, bin ich endgültig wieder bei mir selbst angekommen. Ich vergesse das Reisen, ich lese, schreibe, denke nach – und ich wechsle (wenn die Reise lang genug ist) in den Speisewagen, um dort (meistens) den einzigen Eintopf zu essen, den es im Angebot gibt. „Eintopf“ halte ich für das ideale Angebot in Speisewagen der Bahn. Man kann ihn gut präparieren (mit viel Gemüse), er brennt nicht an, er trocknet nicht aus, er ist eine leichte, abwechslungsreiche Kost. Es sollte viel mehr Eintöpfe im Speisewagenangebot der Deutschen Bahn geben, denke ich fast immer und gehe an meinen Sitzplatz zurück, überlegend, ob ich den Bahnoberen wegen dieser Sache eine Mail schreiben sollte. Wenn ich sitze, habe ich das Vorhaben jedoch schon wieder vergessen, ich träume eine Weile, indem ich aus dem Fenster schaue, ich bin jetzt eins mit dem Zuggleiten, und ich frage mich irgendwann, wo ich aussteigen sollte: Wirklich dort, wo ich erwartet werde? Oder nicht doch viel später? An der Endstation des Zuges zum Beispiel. Ich mag Endstationen, im Grunde reise ich am liebsten, um auf den Endstationen der jeweiligen Züge anzukommen. Endstationen runden eine Reise ab, auf Endstationen hat sich jede Unruhe vollkommen verflüchtigt.

Meditationskabine 2

 

In den neuen ICE-Zügen hat die Deutsche Bahn Modelle der Meditationskabinen des Künstlers Erwin Wortelkamp integriert, die ich bereits am 19. 11.2017 in diesem Blog vorgestellt habe. Nur zwei Positionen sind in diesen Kabinen für die Fahrgäste erlaubt: 1) Gerade stehend, mit geschlossenen Augen (Pappelstellung) oder 2) Angelehnt stehend, ebenfalls mit geschlossenen Augen (Eichenstellung). Der Gebrauch von Handys oder Smartphones ist in diesen Kabinen ebenso untersagt wie Zeitungs- oder Buchlektüren. Die Kabinen dienen ausschließlich der meditativen Introspektion.

Es weihnachtet sehr 3

Im dritten Teil seiner Fotoserie Es weihnachtet sehr porträtiert der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil die adventliche Performance der Kupferzuckerschmelze. In Aktion nähern sich Schöpfkellen dem kristallinen Zuckerberg, der unter dem Einfluss von reichlich Rum langsam taut, schmilzt und sich unter metallisch-hellem Tropfen im dunklen Rotweingewürzteich auflöst, dessen Essenz dann dem standfesten Trinker eingeschenkt wird.

Transsibirisches Kinderbild

Noch vor wenigen Jahren gehörte zum Winter die Fantasie einer transsibirischen Dampfeisenbahnfahrt, die durch tief verschneites Gelände verlief. Ich saß hinter dem Lokführer und Heizer, und ich fuhr viele Runden mit dieser Bahn, während ich meinen treuen, kleinen Begleitern von der sibirischen Steppe erzählte und davon, dass wir es schaffen würden, das ferne Wladiwostok noch vor Weihnachten zu erreichen.

Der Winterkopf

Ich mag keine Wollmützen, ich mag keine Ohrenwärmer, ich mag keine Winterschals, ich mag keine Winterhandschuhe, und erst recht mag ich keine Fäustel … – aber ich mag diese dichten Schneelagen auf Haar und Haupt, die bis zur Schädeldecke durchdringen und das Gehirn in eine Winterschwingung versetzen.

Der offene Winterwald

Nach eher schwachem Schneefall leuchten die nahen Wälder und atmen offen. Das Dickicht der zugewachsenen Partien erscheint wie ein lockerer Begleitschutz zum angenehm breiten Weg, den die dünne Schneeschicht als weißes Bandrelief zeichnet. So leicht und gelöst könnte es weiter gehen, immer geradeaus, dem in der Ferne allmählich durchbrechenden Blau hinterher.

Es weihnachtet sehr 2

Im zweiten Teil seiner Fotoserie Es weihnachtet sehr porträtiert der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil die adventliche Installation der Steckerlfisch-Schau. Die silbrig glänzenden, reduzierten Kopfformen entziehen sich den goldbraun schimmenden Häuten: Köpfe und Körper bilden zusammen ein manieristisches Ensemble, das die eisernen, heißen Stäbe über der Glut als Legion letzter, herausgeforderter Protuberanzen formieren.