Auf Jagd

Vom Meer aus geht es im Herbst auch immer wieder hinauf in die Berge. Seit einigen Jahren treiben sich dort Bären herum, deren fettes Fleisch wir nach dem Erlegen eines Tiers kurz grillen. Wir reißen es wie wilde Jäger in kleine Stücke und kauen es schmatzend. Das Fett tropft aus den Mundwinkeln, während das blutige Fleisch einen Rauch- und Erdgeschmack entfaltet, wie wir ihn intensiver lange nicht erlebt haben.

 

Auf hoher See

Bin ich mit den Fischern der Stadt tagelang auf dem Meer unterwegs, ernähren wir uns von rohem Fisch (Foto 1). Oder wir werfen Teile des Fangs in eine große Pfanne, fügen Olivenöl, Weißwein, etwas Essig und Tomaten hinzu und lassen alles eine Weile köcheln (Foto 2). Wir sehen, wie unser Fang langsam Wasser ausdünstet und einbricht, bis wir die Gräten erkennen, die uns beweisen, dass die Substanz des Fangs sich vollends aufgelöst und eine starke Suppe ergeben hat. Diese Flüssigkeit löffeln wir, alles andere verschwindet gleich wieder im Meer.

Meeresgang 2

Das Meer der mittelgroßen Küstenstadt ist nichts für Schwimmer oder Sportler, sondern nur für Menschen geeignet, die den Boden unter den Füßen nicht verlieren. So etwa für den Meereswanderer mit Strohhut in weißem Hemd, der mit einer Mineralwasserflasche in der Rechten mitten im Wasser am Strand entlangwandert. An Feiertagen trägt er ein Jackett, bei Regen setzt er seine kilometerlange Wanderung mit einem Regenschirm fort. Niemand wundert sich noch über ihn, er ist eine bekannte Erscheinung. Er grüßt nicht, er hat nur die Ferne im Blick. In seinem Kopf entsteht während jeder Wanderung ein langes Gedicht. Nach seinem Weg hin und zurück rezitiert er es zum Abschluss seines Gangs, und alle, die dann zufällig in seiner Nähe sind, erschauern wegen der Schönheit des großen Meeresgesangs.

Meeresgang 1

Die Bewohner der mittelgroßen Küstenstadt, die wir von Cesare Pavese geerbt und übernommen haben, gehen nicht wirklich ins Meer. Sie betreten es höchstens bis zu den Knöcheln, den Knien oder dem Bauchansatz, danach verharren sie still und bilden kleine Gesprächsrunden. So übertragen sie die Szenen der städtischen Piazza ins Wasser und pflegen die Fortsetzung des Gesprächs oder der Unterhaltung. Niemand steht allein oder trennt sich von diesen Szenen, so dass Einzelschwimmer eine Seltenheit sind. Das Meer bleibt immer ein Teil des Landes, mit kleinem Erfrischungsfaktor an Füßen, Beinen oder Händen.

Der Schwimmer

Immer, wenn ich zum Schwimmen in ein größeres Gewässer gehe, denke ich an John von Düffel. John ist der beste Schwimmer unter den deutschsprachigen Gegenwartsautoren – und nicht nur das. Auch sein literarisches Werk fußt ausschließlich auf dem Schwimmen, seit seinem Debüt (Vom Wasser) ist das so, und es ist mit den Jahren immer mehr und deutlicher geworden. John hat auch das beste Sachbuch über dieses Thema geschrieben (Schwimmen), und wer als naiver Leser und Schwimmer denkt, er selbst habe irgendeine Ahnung vom Schwimmen, täuscht sich gewaltig, wenn er dieses Buch noch nicht gelesen hat. Natürlich habe ich es längst mehrmals studiert, denn ich möchte ja kaum etwas lieber sein als ein Schwimmer. Schwimmen enthält sehr gute Hinweise und Tipps für die richtige Ausübung der bekannten vier Grundschwimmarten. Jedes Mal, wenn ich in ein größeres Gewässer gehe, erinnere ich mich daran und versuche, diese Ratschläge in die Praxis umzusetzen. Es gelingt aber nie, niemals, noch nie ist es gelungen. Wer John von Düffel in dem Film Houwelandt einmal als Schwimmer gesehen hat, weiß dagegen genau, wie Schwimmen geht. In Houwelandt erholt sich John von Düffel von seiner harten schriftstellerischen Arbeit durch konzentriertes Laufen und danach durch Schwimmen. Er tritt, nur mit einer Badehose bekleidet, vor ein kleineres Gewässer und rauscht schwimmend einfach davon, bis ihn die Kamera aus dem Blick verliert. Gutes Laufen und perfektes Schwimmen hält John von Düffels Schriftstellerleben zusammen, darum beneide ich ihn. All die Joghurts und Müslis, die er sich nach Laufen und Schwimmen rasch reinhaut, sind allerdings nicht so mein Ding. Könnte ich jedoch einmal so gut laufen und so perfekt schwimmen wie John, würde ich sogar dieses Opfer bringen.

Kleine Breviere

Eine Leserin hat mich vor einiger Zeit auf den Gedanken gebracht, aus meinen Büchern kleine, handliche Breviere zusammenzustellen, die sich jeweils auf ein einziges Thema konzentrieren. Begonnen habe ich mit dem Thema „Glück“ (Glücksmomente. München 2015). Danach habe ich mich dem Thema „Glauben“ gewidmet (Glaubensmomente. München 2016). In diesem Jahr ist das Thema „Musik“ dran (Musikmomente. München 2017). Wie gehe ich dabei vor, welche Konzeption/Idee steckt dahinter? Ich wähle Passagen mit eindeutig autobiografischem Hintergrund aus meinen Romanen, Erzählungen und Essays aus und kommentiere sie. Dadurch wird sichtbar, wie sich „das reale Leben“ (mit seinen „realen Bezügen“) in Erzählung („das erzählte Leben“ mit seinen „erzählten Bezügen“) verwandelt. Die Leserin oder der Leser können diese Verwandlung studieren und ihre Schlüsse daraus ziehen. Angeordnet sind die Breviere chronologisch, so dass jeder Band zugleich auch die Biografie des jeweiligen Themas erzählt: Mein Glaube/Mein Umgang mit Musik etc. So entwickelt sich ein ganz eigenes Erzählgeflecht: Durch die chronologische Mixtur aus autobiografischem Text und Kommentar entsteht die doppelbödige Erzählung einer bestimmten Passion: die ihrer Wurzeln, ihres Wachstums und ihrer Ausprägungen.

Fischen

Ich fische des Nachts mit den Fischern der Stadt, die seit einem Jahrhundert ununterbrochen fischen. Ich schaue zu, packe mit an und erhalte am frühen Morgen, nach der Rückkehr in den rettenden Hafen, meine kleine Tagesration cozze e vongole. Ich bade sie in Weißwein, lasse sie aufspringen und beobachte, wie sie es sich in der Schalung bequem gemacht haben. Dann schlozze ich sie nacheinander in meinen Mund, lasse sie dort einen Moment ruhen und schicke sie in meinen Magen, wo sie für einen Moment glauben, das ewige Meer wiedergefunden zu haben.

Chief Design Officer

Als neuer Chief Design Officer des Luchterhand-Literaturverlages (München) habe ich für die Taschenbuchausgabe von Terezia Moras Die Liebe unter Aliens ein superpassendes Wahnsinnsmotiv entdeckt, das viel über meine neue Linie verrät: Streng und skurril, mit zartweichen Untertönen.

Von wegen

Neinnein, tut mir leid, ich bleibe als Juror für den regionalen Miss Italia-Wettbewerb unbestechlich… Höchstens auf einen Sprizz lasse ich mich mit Ihnen ein. Am frühen Abend? Oder doch eher in später Nacht?!

Stabile Dialektik

Angesichts der Weite des Meeres wirkt die stabile Dialektik von lettini und sede dauerhaft und verlässlich. Während der ombrellone im Flattern des Winds als Schiedsrichter fungiert und die Schatten gerecht verteilt.