Das Schreibwarenbuch

Ich entdeckte das Buch Schreibwaren aus dem Prestel Verlag, dessen Untertitel (Die Rückkehr von Stift und Papier) mir wie eine Ergänzung zu meinem Roman Der Stift und das Papier erscheinen musste. Was kehrt denn zurück? Die Spitzer, die Notizbücher, die Radierer, die Klebemittel, die Bleistifte und Füller – und das alles in den schönsten Ausführungen. Über zweihundert großformatige Seiten lang geht die Wanderung durch das Reich jener Produkte, die das handschriftliche Arbeiten und Schreiben auf gutem Papier gestalten. Roland Barthes hat einmal davon erzählt, dass er eine manische Verbindung zu Schreibwerkzeugen habe. Er wechsle sie oft, rein zum Vergnügen. Er probiere laufend neue aus. Und er habe so viele Füller, dass er nicht wisse, was er mit ihnen machen solle. Immer wenn er neue sehe, bekomme er Lust darauf und könne nicht umhin, sie zu kaufen. Genau das kenne ich auch, ich bin in Schreibwaren vernarrt. Manchmal reise ich mit einem kleinen Sack, in dem sich die Stifte, Spitzer, Klebstifte, Scheren und Radierer tummeln. Ich greife hinein und ziehe einige an Land und auf den Tisch. Dann geht das Schreiben los, immer mit einer neuen Mannschaft, in einmaliger Besetzung.

Die ideale Lesung

Lesungen beschäftigen mich mehr als ich zugebe, sie machen schließlich einen großen Teil meiner Zeit aus. In diesem Jahr werde ich (geschätzt) vierzig oder fünfzig Mal öffentlich lesen, und jede Lesung wird anders verlaufen. Die Anfahrt, der Rückzug in ein Hotelzimmer, der Auftritt, das Signieren, das „Danach“ mit den Veranstaltern – das sind Momente der Lesung, von denen jeder einzelne für sich steht. Wie sähe eine „ideale Lesung“ aus? Heute habe ich (zusammen mit meinem Lektor Klaus Siblewski) einige Autorinnen und Autoren per Mail eingeladen, sich so eine Lesung vorzustellen. Die Ergebnisse werden wir in einer Anthologie (mit dem Titel Die ideale Lesung) veröffentlichen. Erscheinen soll sie im Herbst, in der Dieterich’ schen Verlagsbuchhandlung (DVB) in Mainz. Das könnte zur Klärung der Frage, wie Autorinnen und Autoren Lesungen erleben und was sie von Lesungen erwarten, etwas beitragen.

Eine Lesung vorbereiten

Heute Abend ist Lesung in Ravensburg. Und wie bereite ich mich auf so etwas vor? Indem ich mittags spät esse und dann den ganzen weiteren Tag nichts. Kurz vor einer Lesung zu essen, würde müde und lustlos machen. Danach zu essen, würde mich in tiefer Nacht nicht einschlafen lassen. Die Kunst besteht darin, tagsüber überhaupt nicht an die Lesung zu denken. Selbst im Zug nach Ravensburg sollte ich noch etwas ganz anderes im Kopf haben. Niemand soll mich dort abholen, denn das würde mich unnötig früh an die Lesung erinnern. Ich werde allein zum Hotel schleichen, mich in mein Zimmer zurückziehen und etwas lesen, das nichts mit mir und der Lesung zu tun hat. Erst eine halbe Stunde vor Beginn werde ich eine kleine Liste von Lesepassagen anlegen, als hätte ich in den letzten Stunden genau darüber nachgedacht. Dann gehe ich zur Lesung und stehe wenig später in einem überfüllten Saal vor vierhundert Zuhörern, die mich so neugierig anschauen, als fragten sie sich wirklich: Na, was wird er denn lesen?

Buchfreunde und Buchnachbarn

Stark lebt mein Buch in mir weiter, wenn ich Buchfreunde und Buchnachbarn entdecke. Das sind Autoren und Texte, die an einem ähnlichen Projekt gearbeitet haben und arbeiten wie ich selbst. So zum Beispiel Juri Andruchowytsch in Kleines Lexikon intimer Städte (Aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr. Berlin 2016), in dem er von Aarau bis Zug von jenen Städten erzählt, die ihm aus den verschiedensten Gründen etwas bedeuten: Schutz, Frieden, Schönheit, Leben.

Korrekturen des Titels

Ich sollte festhalten: Mein letztes Buch hat den Titel Was ich liebe und was nicht. Es heißt also keineswegs: Was ich gerne mag und auch nicht Was ich esse und trinke und erst recht nicht Was ich häufig genieße und auf gar keinen Fall Was ich will und was nicht. All diese Versionen habe ich in den letzten Wochen zu hören bekommen – und das keineswegs nur von eiligen oder zerstreuten Menschen, sondern von Frauen und Männern, die um ein Interview nachfragen und eigentlich genaue Leserinnen und Leser sein sollten. Was hilft dagegen? Die kleine Rache in Form einer Korrektur, die nun wiederum den Namen des Interviewers unkenntlich macht: Ich danke Ihnen für Ihre Anfrage, Herr Sonnenbrod (wo es doch heißen müßte: Ich danke Ihnen für Ihre Anfrage, Herr Sommerschot)!

Das Hörbuch

Das vor drei Monaten erschienene Buch (Was ich liebe und was nicht) ist mir bereits so fern, dass ich es mir leisten kann, mein eigenes, von mir selbst eingelesenes Hörbuch während einer Autofahrt als CD laufen zu lassen. Die Stimme hört sich fremd an, es ist nicht meine Normalstimme, sondern die Stimme der Lesung. Sie kümmert sich um jedes Wort, jede Wendung und Phrase. Ich klinge so frisch, als wollte ich mit jedem Satz das Buch bestaunen und feiern. Und: Ja, es stimmt. Damals, als ich das Hörbuch in einem Stuttgarter Studio eingelesen habe, herrschte in mir nichts als Staunen, Feiern und eine geradezu überdrehte Begeisterung. Lies, dachte ich damals, leg Feuer, Dein Text soll glühen…

Reaktionen der Leserinnen und Leser

Die lebenspraktische Leserin schreibt eine lebenspraktische Mail: Sehr geehrter Herr O., auf Seite XY Ihres neuen, wunderbaren Werks wird eine Ochsenschwanzsuppe erwähnt. Dürfte ich um eine Liste mit den Zutaten bitten? Am Sonntag erwarte ich große Teile meiner Verwandtschaft und möchte gerne eine Ortheilsche Ochsenschwanzsuppe servieren. Es dankt Ihnen im Voraus – Ihre AB

Interviews

Interviews werden immer beliebter. Viele Rezensenten bemühen diese Form, um keine Rezensionen schreiben zu müssen. Mit dem Interview wird die Hauptarbeit auf den Autor zurückverlagert. Er muss dafür bereit sein, Rede und Antwort stehen – und er muss das Interview (nachdem es abgetippt und ihm zugeschickt wurde) „autorisieren“. Was bedeutet: Er muss es umschreiben, korrigieren und viel Zeit auf Texte verwenden, in denen er selbst über sein eigenes Buch spricht. Das Interview ist die Kurzversion einer Verdopplung: Das Buch als Instant-Mix. Sollte man, um ehrlicher zu sein, die Fragen nicht gleich dem Autor überlassen? Damit er auf Fragen antwortet, die ihn weiterbringen und nicht vom Erwarteten handeln?

Die Biographie eines Buches

Man könnte die Biographie eines Buches schreiben. Dann müsste man mit der Inkubationsphase (erste Ideen, Notate, Entwürfe, Planungen) beginnen. Wird die Inkubationsphase aktiviert, beginnt die Phase der Ausarbeitung (Entwürfe straffen, Textanfänge schreiben, sich auf eine Komposition festlegen, kontinuierlich weiterschreiben). Darauf folgt die Phase der Überarbeitung (Kürzungen, Reinschrift), die übergeht in die Phase des Lektorats (Korrekturen von außen). Es folgen der Druck und das Erscheinen des Buches an einem bestimmten, vom Vertrieb des Verlags seit langem festgelegten Tag. Mit dem Vorabexemplar ist das Buch in der Öffentlichkeit und schließlich auch im Handel. Die Phase der Lesungen und der Rezensionen beginnt. Begleitet wird sie von der Phase der Interviews und der internen und externen Gespräche über das Buch. Es folgt die intensive Phase der Rückmeldungen (aus dem Verlag, von einzelnen Lesern, von sogenannten „Experten“, die sich vertraulich, aber nicht öffentlich äußern). Längst arbeitet man am nächsten Buch, die Erinnerung an das gerade veröffentlichte verblasst. Es macht sich selbständig, reist, wird übersetzt, geht ein in die kulturellen Debatten, wird zitiert. Mit den ersten Zitaten im öffentlichen Diskurs ist seine Autonomie vollends erreicht.

Lesungen

Hoch interessant sind die Beobachtungen der direkten Leserreaktionen während der vielen Lesungen seit der Buchmesse: Die Zuhörer in Dresden reagieren in der Tat völlig anders als die in München, Osnabrück oder Paderborn. In Paderborn waren die Leser am Stillsten, so dass ich sie während meiner Lesung schon im Verdacht hatte, verschwunden zu sein. Doch ausgerechnet in Basel (wo ich mit einem ebenfalls ruhigeren Publikum gerechnet hatte) verlief die sogenannte „Interaktion“ zwischen lesendem Schriftsteller und zuhörenden Lesern so intensiv, vielstimmig und temperamentvoll, als hätten fast alle Zuhörer zu mir nach oben auf die Bühne springen wollen, um dort mit mir den Text zu tanzen.