Es weihnachtet sehr 3

Im dritten Teil seiner Fotoserie Es weihnachtet sehr porträtiert der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil die adventliche Performance der Kupferzuckerschmelze. In Aktion nähern sich Schöpfkellen dem kristallinen Zuckerberg, der unter dem Einfluss von reichlich Rum langsam taut, schmilzt und sich unter metallisch-hellem Tropfen im dunklen Rotweingewürzteich auflöst, dessen Essenz dann dem standfesten Trinker eingeschenkt wird.

Transsibirisches Kinderbild

Noch vor wenigen Jahren gehörte zum Winter die Fantasie einer transsibirischen Dampfeisenbahnfahrt, die durch tief verschneites Gelände verlief. Ich saß hinter dem Lokführer und Heizer, und ich fuhr viele Runden mit dieser Bahn, während ich meinen treuen, kleinen Begleitern von der sibirischen Steppe erzählte und davon, dass wir es schaffen würden, das ferne Wladiwostok noch vor Weihnachten zu erreichen.

Der Winterkopf

Ich mag keine Wollmützen, ich mag keine Ohrenwärmer, ich mag keine Winterschals, ich mag keine Winterhandschuhe, und erst recht mag ich keine Fäustel … – aber ich mag diese dichten Schneelagen auf Haar und Haupt, die bis zur Schädeldecke durchdringen und das Gehirn in eine Winterschwingung versetzen.

Der offene Winterwald

Nach eher schwachem Schneefall leuchten die nahen Wälder und atmen offen. Das Dickicht der zugewachsenen Partien erscheint wie ein lockerer Begleitschutz zum angenehm breiten Weg, den die dünne Schneeschicht als weißes Bandrelief zeichnet. So leicht und gelöst könnte es weiter gehen, immer geradeaus, dem in der Ferne allmählich durchbrechenden Blau hinterher.

Es weihnachtet sehr 2

Im zweiten Teil seiner Fotoserie Es weihnachtet sehr porträtiert der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil die adventliche Installation der Steckerlfisch-Schau. Die silbrig glänzenden, reduzierten Kopfformen entziehen sich den goldbraun schimmenden Häuten: Köpfe und Körper bilden zusammen ein manieristisches Ensemble, das die eisernen, heißen Stäbe über der Glut als Legion letzter, herausgeforderter Protuberanzen formieren.

Es weihnachtet sehr 1

In seiner Fotoserie Es weihnachtet sehr porträtiert der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil den Weihnachtsrausch in deutschen Innenstädten. Dabei konzentriert sich der Blick auf Architekturen und Baukomplexe von Weihnachtsmärkten, Marktplätzen und adventlichen Installationen. Deutlich erkennbar ist Ortheils Anlehnung an die Ästhetik der Becher-Klasse, über die man sich in einem gerade erschienenen Ausstellungskatalog gut informieren kann (Martin Engler: Fotografien werden Bilder. Die Becher-Klasse. Hirmer Verlag 2017).

Die SPD-Basis

Am Vorabend des SPD-Parteitags war die rote SPD-Basis mit lauten Protesten gegen die drohende GroKo weithin vernehmbar unterwegs. Durch regelmäßiges Absingen des Weihnachtsliedes „O Tannenbaum, o Tannenbaum/ wie grün sind deine Blätter./ Du grünst nicht nur zur Sommerzeit,/ nein auch im Winter, wenn es schneit …“ wurde an die alte Liebe der roten Basis zu den Grünen in ergreifender Weise erinnert.

Hundert Jahre Finnland

Vor genau hundert Jahren wurde Finnland ein unabhängiger, selbständiger Staat. Und da unsere besonderen Vorlieben schon lange den Finnen gehören, feiern wir heute, was das Zeug hält. Mit unseren finnischen Freunden treffen wir uns in einem typisch finnischen Zelt, lesen gemeinsam (finnisch-deutsch) Ausschnitte aus dem Nationalepos Kalevala, trinken Kalevala-Gin und essen Flammlachs, den wir draußen vor dem Zelteingang in offenem glühendem Birkenholzfeuer gegart haben. Keiner ahnt, wie wir in tiefem Dunkel wieder nach draußen fanden, irgendwann aber muss es uns gelungen sein …

Studiotermine

Guten Tag, es ist früher Nachmittag, Sie sitzen im Studio eines Senders. Im Aufnahmeraum sind Sie allein, durch die Trennscheibe erkennen Sie die Aufnahmeleiterin im Raum gegenüber, die alles im Blick behält. Auch Sie selbst, den Schriftsteller, der gleich über sein Buch Musikmomente sprechen soll, das am kommenden Montag im Handel erscheinen wird. Konzentrieren Sie sich jetzt nur auf das Mikrofon direkt vor Ihnen, sitzen Sie bitte entspannt, versuchen Sie, glasklar, ohne Hänger und ohne Weitschweifigkeiten, zu formulieren. Sprechen Sie lebendig, aber nicht überbetont, seien Sie ganz „bei sich“, ohne an anderes zu denken. Der Moderator der Sendung ist Ihnen in wenigen Sekunden zugeschaltet. Sie werden seine Stimme über Kopfhörer hören. Antworten Sie ruhig und gelassen auf seine Fragen. Die Zuhörerinnen und Zuhörer können Ihre Antworten später jederzeit über die Webseiten der jeweiligen Sender abrufen. Was Sie sagen, erhält uns das Netz. Toi toi toi! (WDR 3 Tonart, Sendung am 05. 12. 2017/ BR-Klassik,  Meine Musik, Sendung am 09.12.2017, 11.05 Uhr bis 11.55 Uhr).

Das winterliche Leuchten

Liegt genug Schnee, werden die Waldwege zu winterlich leuchtenden Spuren. Die Fußabdrücke bilden schmale Pfade, gereiht wie ein Schlingern. Rückblickend erkennt man, wem man ausgewichen ist: dem Astwippen eines verschneiten Baums, einer vereisten Senke, einem schwerem Holz, das ein Hund quer auf dem Weg hinterlegt hat. Je länger man geht, um so besser gewöhnen sich die Augen daran, vom Leuchten des Bodens und den rückstrahlenden Himmeln geleitet zu werden. Solche Gänge führen in ein befriedetes Schweigen, das sich seine Musik wie von selbst sucht. Heute mischt sie sich in das späte Gehen, windet sich zwischen die Baumreihen, tritt unbemerkt wieder hervor, summt dem Gang hinterher. Alexandre Tharaud spielt Couperin: Les Barricades Mystérieuses.