Anekdoten (nach Heinrich von Kleist) 2

Palettentransport

Der Gabelstaplerfahrer eines Großhändlers im Rems-Murr-Kreis war vom Transport der vielen täglich zu transportierenden Europaletten derart besessen, dass er viele von ihnen abzweigte und von einem befreundeten Lastwagenfahrer fortfahren ließ. Dieser brachte die alle paar Tage anfallende Ware zu einem geheimen Versteck, wo sie bald überhand nahm, so dass sie in einem größeren Geheimversteck untergebracht werden musste. Die dafür gemietete alte Scheune war nach wenigen Wochen jedoch derart voller Paletten, dass sie nicht mehr zu bändigen waren, das Versteck sprengten und sich auf den Weg zu einer zünftigen Palettenprozession durch das gesamte Remstal machten. Der Gabelstapler und sein Komplize flohen unterdessen in die Schweiz, wo der Transport von Paletten allerdings noch weitaus höhere Anforderungen an besessene Gabelstaplerfahrer stellt.

Die Botinnen und Boten des Frühlings 2

Im zweiten Teil seiner Fotoserie  Die Botinnen und Boten des Frühlings porträtiert der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil die orgelpfeifenähnlichen Troddeln jener scheinbar aus dem Indischen importierten Pollenkulturen, die sich zu phantastischen schmalen Vorhängen verdichten. Die irritierend vielfältigen Strukturen ergeben ein an östliche Curryfarbkompositionen angelehntes Ockergelbspiel, das den Vordergrund für die Durchblicke zum blauen Bildhintergrund abgibt. Die robusten Dunkeltöne der dahinter sichtbar werdenden Äste dagegen greifen wie Gabelungen auf den Bildern Van Goghs aus, um eine Tiefenwirkung des flüchtigen Ensembles zu bewahren.

Das Endspiel

Gegen 7 Uhr sind wir zum Warmlaufen in die nahen Wälder aufgebrochen. Kein Mensch war unterwegs, wir hatten es nur mit den Vögeln, einem Fuchs sowie ein paar Eichhörnchen zu tun, die ebenfalls mit Aufwärmübungen beschäftigt waren. Dehnen, Strecken, vor allem der Rücken muss fit sein, wenn das große Match beginnt. Zu Hause tranken wir leicht erwärmtes Wasser und schluckten zwei Vitamintabletten, dann heißes und kaltes Duschen, mehrmals, bis der Kopf so präsent ist, dass er nur noch „Spiel, Satz und Sieg“ denkt. Keinen Kaffee, stattdessen eine Tasse Tee sowie getoasteten Rosinenplatz mit ein wenig Waldhonig. Niemand wird es jetzt wagen, uns anzusprechen, wir befinden uns genau da, wo wir uns sowieso am liebsten befinden: bei uns selbst. Dann ist es soweit. Wir legen unsere Australian Open-Handtücher (in den Blautönen des blauen Plexicushion-Belags) exakt nebeneinander, stellen unsere drei Wasserflaschen mit den unterschiedlichen Elektrolyt-Mischungen in Reih und Glied daneben, binden unsere Tennisschuhriemen noch zweimal neu, streifen unser Stirnband über, lassen den Schläger in der Rechten rotieren und begeben uns auf den Platz. Mit genau zwölf Schritten sind wir an der Grundlinie, das machen wir immer so, denn die Zahl Zwölf steht für die Jünger Jesu – und das bedeutet uns viel. Zum ersten Mal nehmen wir den Gegner ins Auge, den wir bisher komplett ignoriert haben. Unseren scharfen Blicken entgeht nicht, dass seine Schuhriemen nicht richtig sitzen, das begreifen wir rasch als gutes Zeichen. Der Kerl uns gegenüber ist extrem nervös, wir werden das Match also mit einem As eröffnen. Oder?! Fragen sind jetzt nicht mehr zugelassen, wir sind Bestien der Konzentration. Kurz nach neun Uhr mitteleuropäischer Zeit beginnt das Endspiel der Australian Open: Roger Federer gegen Marin Čilić … –  6:3, 6:7, 6:3, 3:6, 6:1 …

Anekdoten (nach Heinrich von Kleist)

In den Jahren 1810/1811 hat Heinrich von Kleist eine fast täglich erscheinende Zeitung, die Berliner Abendblätter, herausgegeben. In ihr veröffentlichte er viele seiner Anekdoten, in denen er bereits vorliegende Nachrichten und Fakten mit Abgewandeltem oder dazu Erfundenem mischte. Manchmal stoße ich in den Kurznachrichten der Stuttgarter Zeitung auf Meldungen, die mich erstaunen oder zum Lachen bringen. Wenn das Vergnügen anhält, schreibe ich sie um – und es entstehen Anekdoten im Gestus und Ton des großen Heinrich von Kleist. Hier ein erstes Beispiel (und darunter eine Seite mit aus der Stuttgarter Zeitung ausgeschnittenen Nachrichten aus meinem Archiv):

Die Uhr

Ein älterer Mann in guter Laune wurde in der Landeshauptstadt Stuttgart während eines Rundgangs von einer Frau auf die Tageszeit angesprochen. Er streifte Mantel und Hemd zurück und gab den Blick auf eine mehrere tausend Euro werte Armbanduhr frei, von der er bedächtig die Zeit ablas. Die Frau war von diesem Anblick derart gefesselt und hingerissen, dass sie den älteren Flaneur heimlich verfolgte und diese Verfolgung schließlich in ihrem eigenen Wagen fortsetzte. Selbst viele Kilometer Fahrweg konnten sie nicht dazu bringen, die Verfolgung einzustellen, die sie erst vor dem Haus des Uhrenbesitzers beendete, indem sie seine Wagentür öffnete, ihn laut und dankend in einer fremden Sprache ansprach und ihm die Uhr von der Hand riss. Daraufhin verschwand sie mit dem teuren Schmuckstück, das sie in ihrer prekären Not in eine bekannte Dorfkirche brachte und im Opferstock unter lauten, um Hilfe rufenden Stoßgebeten versenkte.

 

Reanimation

Nach der anstrengenden Kurztournee in den äußersten Süden unseres Landes empfangen wir Monsieur zur raschen Reanimation in unserem französischen Markthallenensemble. Wir servieren nach Wunsch frische Austern oder bretonische Fischsuppe oder andere kleine Fischspezialitäten, nichts Großes, sondern etwas, das belebt, erfrischt und dem Körper eine beschwingte Leichtigkeit verleiht. Trinken Sie dazu einen gekühlten Pouilly Fumé und hinterlassen Sie die Austernschalen nach Verzehr der Austern in unserem malerischen Depot. Wir freuen uns auf Sie!

Namedropping

F. rief mich am Vormittag an und erwähnte begeistert, es gebe eine neue CD von Till Brönner und dem Bassisten Dieter Ilg (Nightfall), von den beiden im Studio eines Alpenhotels eingespielt! Brönner und Ilg – endlich! Wenig später recherchierte ich die neue CD, vertippte mich aber und geriet auf Till Brönners Best Of The Verve Years, auf der ich (als zweite Nummer: High Night) eine Aufnahme entdeckte, die Brönner zusammen mit Melody Gardot eingespielt hatte. Wieso, fragte ich mich, hatte ich mich lange nicht mehr um die neusten Aufnahmen von Melody Gardot gekümmert, deren frühe CD My One And Only Thrill ich doch jedem, der sie noch nicht gehört hatte, von A bis Z empfohlen hatte? Ich recherchierte weiter und sah, dass in wenigen Tagen eine Doppel-CD von Melody Gardots Live-Mitschnitten ihrer spektakulären Auftritte in ganz Europa erscheinen wird (Live in Europe), worauf ich gleich weiter recherchierte und erstaunt wahrnahm, dass Melody Gardot am 13. Juli 2018 ausgerechnet in der Mainzer Zitadelle singen wird. Ich reservierte gleich Karten, um kurz darauf festzustellen, dass Till Brönner und Dieter Ilg mit Nightfall am 25. Februar 2018 in der Kölner Philharmonie konzertieren werden, worauf ich …

Liszt hören

Hörte „in tiefer Nacht“ (und völliger Abgeschiedenheit) Ausschnitte aus den Années de pèlerinage von Franz Liszt, in der Einspielung von Arcadi Volodos (Volodos Plays Liszt). Beinahe erschreckend, wie die Musik zu diesem Sitzen und Horchen passte! Als wäre sie nie für ein Publikum komponiert worden, sondern höchstens für einen entlegenen extraterrestrischen Raum. Das Sentiment dieser Stücke besteht nämlich nicht nur aus „Alleinsein“ oder gar „Einsamkeit“, sondern aus einer rigiden Entfernung von allen geschäftigen oder unterhaltenden Menschendingen. Ein Sich-Fallenlassen ins Abseitige, Grottenartige, bis hin zum Frösteln, zernagt von Momenten des Aufbäumens. Reinstes Kreisen im Psychotischen, ohne Verkleidung, ohne jede Handreichung. Wer wollte den ganzen Zyklus im Konzertsaal spielen, wer? Am Ende säße er allein auf der Bühne und die Zuhörer wären, weil sie der tiefe Schrecken gepackt hätte, längst ins Weite enteilt.

 

Die Innenwelt der Außenwelt der Drinnenwelt

Julia Klöckner, CDU-Chefin in Rheinland-Pfalz, hat mal wieder mit Formulierungen überrascht, die uns Literatinnen und Literaten freuen. Ein interessanter Satz zu den bevorstehenden Koalitionsverhandlungen hat uns sofort aufhorchen lassen: „Das Haus steht sozusagen“, hat Julia Klöckner gesagt – und weiter: „die Koalitionsgespräche werden die Innenarchitektur sein, aber es werden keine Wände mehr verrückt, das gefährdet sonst die Statik.“ Gerne würden wir uns mit Julia Klöckner über ihre Ideen zum Thema „Innenarchitektur“ länger unterhalten. Ist, würden wir fragen, „Innenarchitektur“ etwas, das man mal so nebenbei erledigt, wenn das Haus steht? Oder steht das Haus nicht erst, wenn die Innenarchitektur virtuos geplant ist? Und zwar so, dass jederzeit (und genau das ist hausbautechnisch gerade angesagt) Wände verrückt und verschoben werden können? Zwischen Haus, Innenarchitektur und Wänden kann man nach unserer Meinung längst nicht mehr trennen. Früher hat man das so gemacht, aber in den früheren Zeiten standen die Wände dort, wo sie nun mal zu stehen hatten. Das Haus jedoch veränderte und belebte sich ein Leben lang nicht, weil Oma und Opa sich nicht um die Innenarchitektur gekümmert hatten, sondern Innenarchitektur für etwas hielten, das mit einem Bild über dem Sofa abgetan war. Wir empfehlen Julia Klöckner intensive Lektüren der für all diese Themen zuständigen Zeitschrift Domus – und warten gespannt auf den Platz, den sie im neuen Kabinett Merkel einnehmen wird. Landwirtschaftsministerin (wie manche munkeln)? Bitte nicht! In den großen Ställen unserer Agrarregionen ist „Innenarchitektur“ gegenwärtig so ziemlich das Wichtigste, während die Wände überhaupt keine Rolle mehr spielen.