Michael Rutschky ist gestorben

Als ich heute früh lesen musste, dass Michael Rutschky gestorben ist, wollte ich es nicht glauben. Michael Rutschky kann nicht gestorben sein, dachte ich, nein, das darf nicht sein.

1979 hatte ich mein erstes Buch (den Roman Fermer) veröffentlicht. Kurze Zeit später las ich Rutschkys Erfahrungshunger, einen großen Essay über die achtziger Jahre. Ich war begeistert, von der Methode, vom Stil, vom Stoff. Rutschky erzählte fiktive Biografien von Menschen, deren Details er unter Zuhilfenahme von soziologischen oder philosophischen Theorien deutete. Der Trick bestand darin, die Theoriepartien ebenfalls in Erzählung aufzulösen und die beiden Erzählstränge (die der Lebenspraxis und die der Theorie) aufeinander zu beziehen und miteinander zu verknoten. Die Theorie konnte sich an der Lebenspraxis beweisen, wie umgekehrt die Lebenspraxis (offen, nach Deutung schreiend) die Theorie anzog, um erst ganz zu sich zu finden.

Über Erfahrungshunger schrieb ich eine meiner ersten längeren Rezensionen (für den Merkur, dessen Redakteur Rutschky einige Zeit war). Ich machte seine Bekanntschaft, besuchte ihn und wurde eingeladen, mich an einigen seiner im Suhrkamp-Verlag erscheinenden zeitdeuterischen Anthologien zu beteiligen. Mit ihm in seiner Wohnung zusammen zu sitzen oder in einer Stadt (München, später Berlin) unterwegs zu sein, war ein intellektueller Genuss, spannte er einen doch ohne Umstände in seine essayistischen Denkwege ein. Es bedurfte nur eines kleinen Details (einer Nachricht, einer biographischen Merkwürdigkeit) – und schon wurde dieses Detail, als wäre es Gegenstand einer literarischen Form von Psychoanalyse, auf seine Hintergründe hin befragt. Das ging nicht ohne Ironie und Humor ab, mit deren Hilfe sich Michael Rutschky den denkerischen Ernst vom Leib hielt. „Lebensromane“ zu studieren (geduldig, ohne fremd wirkendes Fachvokabular) – das war sein zentrales Thema, das er meisterhaft anging und variierte (so dass der Meister auch viele jüngere Schüler hatte).

Im Laufe der Jahre habe ich all seine Bücher, eins nach dem andern, gelesen, in meiner Bibliothek existiert eine Michael-Rutschky-Bücherschlange. Eines der letzten habe ich noch einmal besprochen und mich gefreut, als ich eine Mail von ihm erhielt. „Wann sehen wir uns? Melden Sie sich, wenn Sie in Berlin sind! Kommen Sie bald wieder vorbei!“

Nein, ich kann nicht glauben, dass Michael Rutschky gestorben ist.

 

 

Ferne Liebe

Von 1971 bis 1998 war Elisabeth Borchers Cheflektorin des Suhrkamp-Verlages. Am 3. Juni 1999 beginnt sie mit Aufzeichnungen, in denen sie vor allem auf diese Zeit zurückblicken will. „Kein Pardon soll gegeben werden“, schreibt sie, keine Rücksichten also, sie will Abstand und Zuneigung (zu bestimmten Autoren und Mitgliedern des literarischen Betriebs) ohne Umwege resümieren. Damals, im Juni 1999, lebt sie (ganz deutlich erfahrbar) immer noch mit Herz und Seele im Gehäuse des Verlages, den sie gerade erst ganz verlassen hat. Der Verlag und seine Autoren diktieren die Motive und Themen. Siegfried Unseld (der Großverleger) und Marcel Reich-Ranicki (der Großkritiker) wohnen in der Nähe, sie stecken die Extreme des literarischen Feldes „Suhrkamp“ ab, in dem die Autoren (meist überschätzt, Hochstapler, Wichtigtuer – so sieht die Lyrikerin Borchers das jetzt) irrlichternd herumgeistern.

Meine gestrige Lektüre war zunächst nichts als Neugierde und richtete sich auf die typischen Betriebsinterna. Martin Walser, Max Frisch, Uwe Johnson – abgewinkt, zur Seite geschoben. Marie Luise Kaschnitz – schwierig im Umgang, nicht bereit, sich den kritischen Überlegungen der Lektorin zu stellen oder gar zu unterwerfen. Ich las eine Weile und geriet in tiefste Melancholie. Was für aufgeblasene Welten … – so war das also in diesen Jahren, in denen die genannten Autorennamen noch Götterstatus hatten!

Irgendwann hätte ich aufgehört, mich weiter in diesen Dunkelzonen zu bewegen, die Melancholie hätte mir so zugesetzt, dass ich die Aufzeichnungen von Elisabeth Borchers (die in ihrem Nachlass gefunden und nun veröffentlicht wurden – siehe gestrigen Eintrag) beiseite gelegt hätte. Dann aber veränderten sich Ton, Motive und Themen. Die Verlagsinterna verblassten, die Lyrikerin Elisabeth Borchers befreite sich (unmerklich, unter dem Sog einer Liebesemphase) von ihnen. Plötzlich irrlichterten nicht die vielen Namen, sondern geisterte die Gestalt (oder Figur) eines einzelnen Menschen in diesen knappen Zeilen herum: Wo bist Du? Wann kann ich Dich erreichen? Warum rufst Du nicht an? Wann sehen wir uns wieder? Ich folge Dir in Gedanken und Träumen, und Du ahnst es vielleicht nicht einmal …

Als aus Elisabeth Borchers Aufzeichnungen ein Buch der verfehlten Liebesemphase wurde, habe ich es (bis in die Nacht) zu Ende gelesen. Was macht man, wenn man so etwas gelesen hat? Einen so „andächtigen“, „sehnsüchtigen“, nicht enden wollenden Hymnus auf die eine Liebe, die sich nicht mehr zeigen darf und erst recht nicht vollenden will? Ja, was macht man, wenn einen die Trauer um diese Vergeblichkeit am Ende voll erwischt hat und nicht mehr loslässt?

Ich fuhr durch die die Nacht, stundenlang, wie ich es so gern mache, wenn der Schlaf kein Ausweg mehr ist …

 

Nein, liebe Freundin …,

ich bin nicht in Leipzig, keinen einzigen Tag, nicht mal ein paar Stunden. Ich verfolge auch die Interviews und Gespräche dieser Buchmesse nicht, nein, ich tue es nicht. Es ist unerwartet kälter geworden, die wenigen Vorfrühlingsspuren verblassen. Ich bin unterwegs und schaue nach den kleinsten Erstblühern, als hätten sie sich raffiniert vor mir versteckt, damit ich sie suche und finde. Sie mischen sich unter das alte, geflochtene Herbstlaub oder drücken sich in die porösen Ritzen der Trockenmauern. Die meisten halten engen Bodenkontakt, ein Kauern, Hocken, Lauern, kaum kenntliche Farbwucherungen, Tupfer in Halbfarben, blasse Nasen, Stielaugen, wacklige Ohren, nichts darunter, was sich hervortraut. Und: Ach ja, in der Uralttasche trage ich Elisabeth Borchers Nicht zur Veröffentlichung bestimmt (Weissbooks 2018) mit mir herum, ein gerade erschienenes Buch, von dem mir gestern jemand erzählte und das mir heute jemand geschenkt hat. Ein Fragment …- lese ich … und lese und lese … – und weiß schon nach wenigen gedehnten Minuten: dabei bleibe ich bis tief in die Nacht … – bei diesem Fragment.

 

Elena Ferrante – Leipziger Buchmesse 2

Meine Freundin K. ist seit dem Erscheinen von Elena Ferrantes Neapel-Tetralogie mit kaum etwas anderem als diesen Büchern beschäftigt. Schon dem ersten Band war sie so verfallen, dass sie alles weitere Leben einstellte, bis sie das Buch gelesen hatte. Das Warten auf den zweiten Band erwies sich als eine Qual, und das Warten auf den dritten und vierten war die Hölle. Kaum eine Lektüre hat meine Freundin in ihrem Leben derart in Atem gehalten und hingerissen wie diese vier Bände. Ihre Ferrante-Faszination hat den ganzen Freundinnen- und Freundeskreis angesteckt, die Bücher wanderten unaufhörlich von der einen zur anderen Leserin, und wenn ich mich mit einem Mitglied dieser Kreise zufällig in der Stadt traf, war von nichts anderem die Rede. Bisher habe ich noch keine einzige Zeile dieser Romane gelesen, ich habe mich zurückgehalten, obwohl mich allein schon die vielen ausgefallenen Kommentare der Leserinnen in meiner Umgebung längst überzeugt hatten, dass ich sie lesen müsse. Unbedingt! Sofort! Und alle vier hintereinander!

Zwischendurch habe ich Filme über das Ferrante-Neapel gesehen, und ich erfuhr nebenbei, dass Hillary Clinton die Lektüre dieser Bücher zu einem der kostbarsten Ereignisse ihres Lebens gezählt hat. Auch der amerikanische Starkritiker James Wood (ausgerechnet, ich schätze seine hypergescheiten Essaybücher sehr) soll schließlich in einer seiner Starkritiken so von den Fähigkeiten dieser Autorin geschwärmt haben,  dass ihre Bücher in den USA zu Hunderttausenden verkauft wurden. Mein Interesse konzentrierte sich auf die Interviews, die Elena Ferrante in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften gegeben hat – alles, ohne Ausnahme, hochgradig kluge und nirgends verschwafelte Kommentare dazu, wie ihre Romane entstanden sind. Kein Wort aber zu ihrer Biografie, „Elena Ferrante“ ist ein Pseudonym, die Schriftstellerin dieses Namens möchte unerkannt bleiben, denn ihre Bücher sollen ganz für sich selbst sprechen. (Dass irgendein Journalist inzwischen alles daran gesetzt hat, dieses Geheimnis zu lüften, hat mich nicht weiter beschäftigt, ich habe, als ich von den abstoßenden Methoden und Absichten dieser „Enthüllungen“ erfuhr, nichts davon zur Kenntnis genommen.)

Natürlich ist Elena Ferrante während der diesjährigen Leipziger Buchmesse d a s große Betriebsgesprächsthema (siehe meinen gestrigen Kommentar zum Thema „Betriebsgespräche“). Im Eingangsbereich von Halle 4 versammeln sich ab 10 Uhr täglich die unter dem Ferrante-Fever Leidenden zum Austausch über die Fotoreportage Wo ist Elena Ferrante? des neapolitanischen Fotografen Ottavio Sellitti. Vorläufig kann ich mich nicht intensiver an diesen Suchbewegungen beteiligen, natürlich nicht, ich habe (wie schon gesagt) von den Romanen noch keine Zeile gelesen. Stattdessen habe ich mir aber einen anderen Weg zu diesem zentralen Betriebsgesprächsthema ausgedacht.

Wie wäre es, mit der Lektüre von Ferrantes Debütroman (Lästige Liebe) zu beginnen, der 1994 ins Deutsche übersetzt wurde und kaum Leser fand? Wie wäre es, diesen kaum betretenen Pfad zu begehen, anstatt den nahe liegenden Wegen zu folgen? Die erste deutsche Übersetzung von Lästige Liebe ist allerdings nicht mehr im Handel, Suhrkamp wird den Roman in neuer Übersetzung jedoch bald veröffentlichen. Soll ich so lange warten? Ältere Ausgaben von Lästige Liebe werden (etwa bei Amazon) für um die 100 Euro gehandelt – das ist nichts anderes als unverschämt. Was also bleibet? Die Fernleihe! Ja, ich habe, um nicht länger zu zögern, den Roman Lästige Liebe unverzüglich, sofort, über die Fernleihe einer großen Bibliothek bestellt. In wenigen Tagen werde ich das Buch in Händen halten. Sollte das Ferrante-Fever auch mich infizieren, werde ich wohl bald für die Lektüre sämtlicher Ferrante-Bücher abtauchen müssen. Wie wäre es mit Neapel?

Betriebsgespräche – Leipziger Buchmesse 1

Vier Tage Leipziger Buchmesse – der harmlose Besucher schlendert durch die Gänge der Messehallen mit den Verlagskojen, blättert hier und da in einem der neuen Bücher, lauscht einem von einer Fernsehanstalt aufgezeichneten Gespräch zwischen einer Autorin und einer Kritikerin, sammelt Verlagsprospekte und trinkt ab und zu einen Schluck Kaffee oder Tee. Abends beugt er sich über die Kritiken, die in den Literaturbeilagen der überregionalen Tageszeitungen erschienen sind und überfliegt sie, auf der Suche nach Neuerscheinungen, die er in einer Buchhandlung anlesen/kaufen oder in einer Bibliothek ausleihen wird.

Der harmlose Besucher lebt von der Vorstellung, dass Literaturkritiken das geradlinige Denken eines Literaturkritikers abbilden, der sich über die Inhaltsangabe sowie über kurze Ausblicke auf Biografie und Werk eines Autors einen nachvollziehbaren Weg zu einem überzeugenden Urteil bahnt. Solche Literaturkritiken, wie sie in den überregionalen Zeitungen seit Jahrzehnten erscheinen, kommen ihm wie Schulaufsätze von früher vor. Sie präsentieren in abgerundeter Form über die Einleitung (den Aufhänger), den Hauptteil (meist die Inhaltsangabe) bis zum Schluss (der Empfehlung oder Nichtempfehlung eines Titels) einen kleinen Gedankenfaden, knotenfrei und übersichtlich.

Muss das so sein? Könnte es nicht auch andere Formen der Kritik geben? – hat sich ein Literaturkritiker gefragt, der eigentlich kein richtiger Literaturkritiker ist und sich deshalb einen „Gelegenheitskritiker“ nennt. In dieser Rolle ruft er bei diversen Redakteuren von Rundfunkanstalten an, um Aufträge für Rezensionen zu erhalten. Er wählt bestimmte Titel aus und schlägt sie vor. Während der Telefongespräche mit den diversen Redakteuren muss er eine knifflige Überzeugungsarbeit leisten. Meist hat er Glück und erhält den Auftrag, das aber erst, wenn er sich (zusammen mit dem jeweiligen Redakteur) einen Weg durch das Dickicht des Betriebsdenkens gebahnt hat. Was aber ist das – das Betriebsdenken?

Der literarische Betrieb besteht in seinen innersten Kreisen und Zonen aus lauter Autoren, Verlags- und Medienleuten, die mit der „Arbeit am Betriebsdenken“ beschäftigt sind. Diese Arbeit schlägt sich in unendlich vielen Betriebsgesprächen nieder, die in Verlagen und Redaktionen unermüdlich, Tag für Tag, stündlich und minütlich, über die neusten Themen, Titel und die Informationen aus dem Backstagebereich des literarischen Lebens geführt werden.

Autor X hat gerade geheiratet, was nichts Gutes für die Arbeit an seinem dritten Roman verheißt. Schon der angekündigte Titel ist daneben, ganz zu schweigen von seinen Versuchen, die Medien mit Hilfe von knochentrockenen Debattenbeiträgen zu den üblichen „Themen des Tages“ auf sich aufmerksam zu machen. Seine Frau soll er übrigens nach einer Lesung kennen gelernt und dieses banale Motiv bereits im ersten Kapitel seines neuen Romans verarbeitet haben. Kritiker Y von der SZFA ist bereits scharf darauf, ihn zu besprechen, er hasst ja alles, was Autor X von sich gibt, egal was, während Autor X mit den Kritikern Q und R engere Kontakte aufgenommen hat, seine Frau soll angeblich hervorragend kochen und die Rolle der „perfekten Gastgeberin“ perfekt beherrschen, was wiederum Autor Z dazu verleitet hat usw. usw.

Analysiert man das Betriebsgespräch des literarischen Betriebs, so erkennt man rasch, dass es sich aus Klatsch, voreilig geäußerten Meinungen und wild zirkulierenden Gerüchten, aber keinerlei begründeten Urteilen über Bücher und ihre Inhalte zusammensetzt. Diese Mischung ergibt sich aus der Tatsache, dass die wenigsten Gesprächsteilnehmer jene Bücher gelesen haben, die sie unaufhörlich erwähnen oder umkreisen. Die frisch erschienenen Bücher sind also von einem Dickicht von Vorurteilen und Gerüchten umgeben, das in den bekannten Literaturkritiken nirgends auftaucht. Solche Kritiken spielen vielmehr die naive Unschuld vom Lande, schließlich sind sie ja auch für harmlose Leser geschrieben.

Klaus Siblewski ist jener Literaturkritiker, der sich einen „Gelegenheitskritiker“ nennt und dessen Kritiken von den verschiedensten Rundfunkanstalten gesendet werden. In seinem gleichnamigen Buch (Residenz Verlag 2017) versammelt er aber nicht seine Kritiken, sondern die (teilweise saukomischen und abgedrehten) Betriebsgespräche, in die der Gelegenheitskritiker und die von ihm angerufenen Redakteure verwickelt werden. Dem harmlosen Leser, der so etwas liest, gehen plötzlich die Augen auf, denn vor jeder abgerundeten Kritik scheint es das Vorleben einer unsortierten Kritik zu geben, in der aus allerhand krausem, ungeformtem, angedeutetem und nicht verstandenem Aufeinandereinreden erst langsam die Kontur einer möglichen Kritik entsteht. So gesehen ist Siblewskis schlitzohriger, gewitzter und vitaler „Gelegenheitskritiker“ das ideale Buch zur diesjährigen Leipziger Buchmesse.

Der Autor (gemeint ist natürlich jetzt: Klaus Siblewski) liest daraus heute (Donnerstag, 15. März 2018,  20 Uhr) im Fürstenzimmer der Universitätsbibliothek Leipzig/ Biblioteca Albertina. Es geht das Gerücht, dass Siblewski (auch in seiner Rolle als erfahrener Lektor begnadeter Autorinnen und Autoren) im Anschluss an seine Lesungen zu munter geführten Betriebsgesprächen im kleinen Kreis bereit ist. Der harmlose Leser sollte mutig auf ihn zugehen, ihn zu einem Glas Wein einladen und darauf achten, dass der keineswegs harmlose Gelegenheitskritiker mehr als nur ein einziges trinkt …

Kurze Auszeit

Liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs, ich weiß, für viele von Ihnen ist es hart, aber ich muss es leider ankündigen: Etwa eine Woche werden Sie meine täglichen Texte vermissen. Ich bin dann in weiter Ferne und habe keinen Zugang zu elektronischen Medien. Den nächsten Eintrag finden Sie am 15. März 2018 (Beginn der Leipziger Buchmesse).

Sollte Sie das bis dahin zur Verzweiflung treiben, schicken Sie mir (zum Beispiel) ein Foto (plus Text) von einem Ding des Lebens. Wie immer unter ortheil.hannsjosef@gmail. com. Ich freue mich auf jeden Text von Ihrer Seite!

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Schaute auf Empfehlung eines Freundes, der ein typischer Kinogeher ist (von so einem Typus erzählt etwa Walker Percy in seinem Roman The Moviegoer), den Film Three Billboards Outside Ebbing, Missouri. Ich war überrascht, wie genau sich der Regisseur und Drehbuchautor Martin McDonagh an die klassischen Regeln des amerikanischen Creative-writing-Drehbuchs gehalten hat, um sie dann konsequent auf den Kopf zu stellen und zu unterlaufen.

Der Film beginnt mit einem starken, auslösenden Motiv, in das eine Rückblende (als eigene Geschichte) integriert ist. Eine Frau hat vor einigen Monaten ihre Tochter verloren. Sie wurde vergewaltigt, ermordet und verbrannt. Da die örtliche Polizei keine besonderen Anstalten zeigt, diese Verbrechen aufzuklären, lässt die Mutter außerhalb der Ortschaft drei große Werbeplakate anbringen, auf denen die Polizei zum Recherchieren und Handeln aufgefordert wird. Soweit die Disposition.

Nicht die (eventuell) einsetzenden Recherchen stehen danach aber im Mittelpunkt, sondern die Dramen, die das Aufstellen der Plakate bei allen Betroffenen (den Polizisten, der Mutter und ihren Nächsten) auslöst. Klassisches Creative-writing besteht darin, sich auf diesen engeren Kreis der Betroffenen zu konzentrieren und deren psychische Veränderungen (Figur für Figur, abwechselnd von der einen zur anderen und wieder zurück springend) einzufangen. Solche schleichenden Veränderungen treiben auf harte Konfrontationen und Auseinandersetzungen zu, die (ebenfalls eine nach der andern, sich steigernd) in Gewaltszenen explodieren.

Das wäre das Übliche. Die Brillanz des Films besteht nun aber darin, die angelegte Disposition laufend zu drehen und wenden. So geraten die Polizisten ebenso aneinander wie die Mitglieder der betroffenen Familie – wobei (mit geradezu penibler Gründlichkeit) die Kehrseiten jeder einzelnen Figur durchleuchtet werden. Die Mutter (Frances McDormand erhielt für die Rolle der Mildred Hayes gerade den Oscar als beste Hauptdarstellerin) ist von diesen Drehungen ebenso betroffen wie die Polizisten, jede einzelne Figur (und sei sie anfänglich noch so positiv oder negativ disponiert) gerät in die sich fortschreibende Psychodynamik des ersten starken Signals: Drei blutrote Werbeplakate mit lauter Fragen werden aufgestellt. Sie leuchten Tag und Nacht, sie werden verbrannt, sie werden erneuert – und das sogar zu einem Zeitpunkt, als der angeklagte Polizist sich längst das Leben genommen hat. (Er hat – grandiose Idee – die erneute Aufstellung der Plakate nach seinem Tod finanziert …)

Das Bild der drei hintereinander (gestaffelt) aufgebauten Werbeplakate in freier Landschaft wird man nie vergessen. Es ist ein Urbild der Angst: Dreimal wird die Geschichte sich wenden, bis sie alle zu Beginn konstruierten „Identitäten“ vollständig gelöscht hat. Es gibt kaum etwas Irritierenderes.

 

 

Die Dinge des Lebens 2

Friederike Schilbach hat hundert Frauen eingeladen, ihr ein Foto mit einem kleinen Begleittext zu schicken. Das Foto soll ein Detail des Badezimmers zeigen, meist ist es ein Gegenstand, den man durchaus auch als „Ding des Lebens“ bezeichnen könnte. In so einem Fall ist er kein Gegenstand des täglichen Gebrauchs, sondern eine kleine Ikone, die an eine eigene Lebensszene, eine bestimmte Stimmung oder einen anderen Menschen erinnert. Das Badezimmer, schreibt Friederike Schilbach, sei ein Ort, „an dem man sich selbst begegnet, im Spiegel, beim Zähneputzen, Eincremen, Haare zurechtmachen, auf dem Weg in den Tag oder in die Nacht“. Eben deshalb sei es ein besonders intimer Raum, „vielleicht der intimste der ganzen Wohnung“.

Genau diese Intimität, denke ich, macht das Badezimmer auch zu einem literarischen Raum, in dem Selbstgespräche, Monologe oder aus dem Stegreif improvisierte Dialoge (mit wem?) geführt werden. Im Badezimmer werden aber nicht nur Sprechen und Denken aktiviert, sondern auch Entwurf und Strukturierung der Körperbilder. Beide „Aktionen“ können einander begleiten, sich aber auch im Weg stehen. Sie können zu jenem schönen Schwung beitragen, der einen dann ins Freie, nach draußen, befördert, oder auch jene Verstimmung auslösen, die den ganzen weiteren Tag als tiefgrau erscheinen lässt.

The Bathroom Chronicles (100 Frauen. 100 Bilder. 100 Geschichten, hrsg. von Friederike Schilbach. Suhrkamp Verlag 2017) ist ein ganz wunderbares Buch geworden. Immer wieder blättere und lese ich darin, nicht mehr als ein paar Seiten. Dabei fange ich jedes Mal an, die auf den Fotos und in den Kurztexten angedeuteten Details weiter zu spinnen. Warum hängt im Bad der (von mir verehrten Schriftstellerin) Leanne Shapton ein Foto von Monica Vitti? Oder: Sollte ich mir auch ein weißes Duschradio von Sony mit hellblauem Bügel anschaffen, wie es im Badezimmer von Julia Knolle steht? Oder: Warum gibt es in unserem Badezimmer nicht etwas Ähnliches wie die kleine Qualle („aus dem Sea-Life Center in Berlin“), die im Badezimmer von Kaori Kuniyasu an einer Wand baumelt und angeblich „ein Gefühl von Ruhe und Zufriedenheit“ verleiht?

 

 

 

Literarische Ohrwürmer

Literarische Ohrwürmer melden sich, wenn ein kleines Detail der Umgebung sie urplötzlich weckt und erinnert. Man hat sie seit ewigen Zeiten im Kopf, dort schlummern sie und warten darauf, erneut rezitiert  oder deklamiert zu werden. Ja, sie wollen heraus, in die frische Luft, sie wollen gesprochen (und vielleicht sogar inszeniert) sein.

Während eines Spaziergangs erscheint derart plötzlich und zufällig das Bildmotiv der „hohlen Gasse“. Und sekunden-, blitzschnell regt sich die Erinnerung und der Ohrwurm aus Friedrich Schillers Wilhelm Tell (Vierter Aufzug, dritte Szene). Es spricht Wilhelm Tell:

Durch diese hohle Gasse muss er kommen,/ Es führt kein andrer Weg nach Küssnacht – Hier/ Vollend ichs. – Die Gelegenheit ist günstig./ Dort der Holunderstrauch verbirgt mich ihm,/ Von dort herab kann ihn mein Pfeil erlangen,/ Des Weges Enge wehret den Verfolgern./ Mach deine Rechnung mit dem Himmel, Vogt,/ Fort musst du, deine Uhr ist abgelaufen.

Der „Kracher“ dieser packenden, verhetzten und genialen Zeilen ist natürlich: Des Weges Ende wehret den Verfolgern … – zehnmal das E, zehnmal dieser nörgelnde, schärfer werdende, treibende Vokal – und außerdem nur ein offenes O. Eeeeeeee – O!

Den ganzen Tag über initiiert diese Zeile das Drama eines Lebens, laufend, als stünde der Abschuss des Pfeils wirklich unmittelbar bevor …

Die Dinge des Lebens 1

Dinge des Lebens – das sind solche Dinge, die wir immer wieder in die Hand nehmen und jahrelang benutzen. Während ihres fast täglichen Gebrauchs bilden sie schließlich einen nicht unbedeutenden Teil unseres Treibens, obwohl wir sie oft kaum bemerken. Sie wachsen mit uns zusammen, zeigen schon bald Spuren dieses Kontakts und begleiten uns durch die Jahre, bis wir sie irgendwo ablegen und uns von ihnen trennen.

Beim Abschiednehmen könnte man solche Dinge des Lebens fotografieren und auf diese Weise eine Spurensammlung unserer Biografie anlegen. Der Fotograf Claus Goedicke hat das in einem schönen Buch (Dinge. Schirmer/Mosel 2017) getan. Er zeigt einen einzelnen Bleistift, eine Blockflöte, ein Fieberthermometer, ein Glas Wasser und vieles andere mehr. All diese Dinge wirken ernst und verschlossen, als brüteten sie über ihre Vergangenheit. Sie haben eine ganz eigene Würde und erscheinen so autark, als hätten sie sich zu großen Teilen längst von uns gelöst und ihre eigene Biografie geschrieben.

Ein Ding meines Lebens ist das Mäppchen mit den zwei Pelikanfüllern, die ich seit der Schulzeit benutze. Einer der beiden Füller ist mit schwarzer, der andere mit blauer Tinte gefüllt. Tägliche Notizen schreibe ich nicht mit ihnen, wohl aber längere Texte, Briefe oder Karten. Im alten Mäppchen wirken sie wie Zwillinge oder wie zwei treue Gesellen – und wahrhaftig, sie haben mich in all den Jahrzehnten noch nie enttäuscht oder im Stich gelassen. Deshalb denke ich auch nicht daran, von ihnen Abschied zu nehmen. Nein, sie werden mich weiter begleiten, so lange, bis sie meiner überdrüssig geworden sind.