Kölner Geistesblitze

Für mich hat Köln ein Fluidum, das auf der ganzen Welt einzigartig ist. Nirgends habe ich so viele Ideen wie in Köln. Und nirgends denke ich schneller. Meine Erklärung: Alles hier ist mir so vertraut, dass die Aufmerksamkeit durch nichts abgelenkt wird. Durch Köln gehe ich quasi schlafwandelnd, was in anderen Städten nicht so ist. In Berlin bin ich dauernd beschäftigt mit dem Beobachten. Der Kopf ist absorbiert, das Denken wie gelähmt. Hier in Köln muss ich mich überhaupt nicht orientieren, und das einzige Schlimme, was mir passieren kann, ist, dass ich versehentlich eine Station zu lang in der KVB sitzen bleibe. (Aus einem Gespräch mit Joachim Frank im Kölner Stadtanzeiger, 17. August 2017)

Die Biografie eines Buches 3

Kurz vor Erscheinen des neuen Romans bin ich mit einem Kölner Journalisten in meiner Geburtsstadt unterwegs. Wir schauen uns zusammen einige der Orte und Räume an, an denen der Roman spielt. Die Gegend um den Dom, die Antoniterkirche in der Schildergasse, die Umgebung der Neusser Straße in Nippes. Ich kann Details erläutern und etwas über die Verbindung sagen, die ich selbst (aufgrund meiner eigenen Geschichte) zu diesen Räumen habe. Im Roman eröffnen sie den Prozess einer „Vertiefung“. Was meint das? Die Hauptfigur (Matteo) „vertieft“ sich in Kölner Szenen. Er betrachtet sie nicht flüchtig, sondern „nimmt sich ihrer an“, indem er sie auf sein Innenleben und seine eigene Geschichte bezieht. Dadurch „vertieft“ er sich gleichsam auch in sich selbst – und gibt anderen Menschen Anstöße, sich ebenfalls in Details der Umgebung (und damit in sich selbst) zu „vertiefen“.

Die Biografie eines Buches 2

Viele Vorabexemplare meines neuen Romans (Der Typ ist da) wurden inzwischen an Freunde, Bekannte oder Rezensenten verschickt. Was bekomme ich davon zu hören? Meist nur kurze Reaktionen wie „Danke, ich lese es auf jeden Fall in den Ferien“ oder „Das Cover ist schon mal sehr gut“ oder „Die ersten Seiten sind prima, ich habe sofort hineingefunden“. Warum macht mich das so gereizt? Weil ich eigentlich hören will, dass all diese Leserinnen und Leser sich „mit Haut und Haaren“ in das Buch gestürzt und es in einem Zug gelesen haben. Mit höchstens einer einzigen nächtlichen Pause. Sonst aber am Stück. Der Typ ist da hat Karussell-Charakter, das sollte man nach den ersten Seiten gemerkt und sofort darauf reagiert haben: Aufspringen – und Runde für Runde drehen, immer schneller, bis zum retardierenden Schlusskapitel, in dem diese Runden ausklingen.

Mais

In den frühen Kindertagen wurde an den hohen Maisstauden Maß genommen: Um wie viel war ich gewachsen? Die grünen Stauden haben bis heute ihre geheimnisvolle Materialität behalten. Sie bilden eine eigene, unglaublich dicht bewachsene Zone. Nicht zu durchdringen, nicht zu übersehen. Geht man an ihnen entlang, wirken sie asiatisch fremd. Welche Texte haben sie jemals zum Leben erweckt?!

 

Träumereien

„Die Meistersinger von Nürnberg“ sind als Oper das, was die Mondfische für das Meer sind. Und als wollten beide mir genau das bestätigen, träume ich von ihnen. Und höre, wie jemand flüstert: „Herr Ortheil, Sie sind in erheblichem Maße und in bestem Sinn ein Mondfisch!“ – Worauf ich mitten im Traum mit dem (romantischen) Wagnergesang beginne: „Ha, welch ein Mut! Begeisterungsglut!“ – Während die Flüsterstimme leise kommentiert: „Mondfische sind Romantiker im allerbesten Sinn, aber in leicht überheblichem Maße!“

Fermers Wanderungen 6

In den Wäldern begegnete er merkwürdigen Zeichen von nahen oder auch fremden Stämmen . Wohin führten diese Spuren? Der Starkregen der letzten Zeit hatte das Pilzwachstum beschleunigt. So früh im Jahr hatte er noch selten derart große Pilzkulturen entdeckt. Sie verliehen dem frühen August bereits etwas tief Herbstliches.

Hochwasser in Hildesheim

Der Kulturcampus der Domäne Marienburg in Hildesheim, wo ich seit vierzehn Jahren unterrichte, wurde vom Hochwasser der Innerste überflutet. Die Landschaft ringsum erscheint wie eine Seenplatte, in der sich die Dämonen von Wilhelm Raabes Erzählung („Die Innerste“) herumtreiben. Das Wasser verwandelt diese Gegend in eine Urlandschaft, in der Menschen ein paar untergehende Behausungen errichtet haben. Man hat das Gefühl: Mit den nächsten Unwettern treibt alles davon und wandert weiter, aufs Meer zu, wo diesen Gewalten ein Ende gemacht wird.

Die Meistersinger von Nürnberg

3sat sendet die Bayreuther Neuinszenierung der Meistersinger von Nürnberg. Im Alter von Mitte Zwanzig war ich geradezu vernarrt in diese Oper. Und noch heute kenne ich meine damaligen, ausgesprochen komischen Lieblingsmomente („Der Sänger sitzt.“ – „Fanget an!“) auswendig. Ich habe das Stück aber lange nicht mehr ganz gesehen und gehört. Und fasse es heute Abend nicht: wie langsam diese Geschichten vorankommen! Und was für ein unverdauliches Wagner-Deutsch sie mit sich schleppen! Und das stundenlang! Als Zuschauer möchte man irgendwann auf die Bühne springen und jeder Figur einen Schubs versetzen: Herrgott, nun aber los! Die Festwiese liegt gleich da drüben! Und der Chor wartet schon seit zwanzig Uhr! Dass da komme der Abgesang, nicht zu kurz und nicht zu lang. Nicht zu lang – haben Sie das jetzt verstanden, meine Herren?

Die Meistersinger von Nürnberg

3sat sendet die Bayreuther Neuinszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“. Im Alter von Mitte Zwanzig war ich geradezu vernarrt in diese Oper. Und noch heute kenne ich meine damaligen, ausgesprochen komischen Lieblingsmomente („Der Sänger sitzt.“ – „Fanget an!“) auswendig. Ich habe das Stück aber lange nicht mehr ganz gesehen und gehört. Und fasse es heute Abend nicht: wie langsam diese Geschichten vorankommen! Und was für ein unverdauliches Wagner-Deutsch sie mit sich schleppen! Und das stundenlang! Als Zuschauer möchte man irgendwann auf die Bühne springen und jeder Figur einen Schubs versetzen: Herrgott, nun aber los! Die Festwiese liegt gleich da drüben! Und der Chor wartet schon seit zwanzig Uhr! Dass da komme der Abgesang, nicht zu kurz und nicht zu lang. Nicht zu lang – haben Sie das jetzt verstanden, meine Herren?