Das kleine Feuer (Haiku)

Meine Ganzjahreslektüre des Japanischen Taschenkalenders 2017 kommt langsam ans Ende. In den Tagen vom 18. – 24. Dezember 2017 verweist er auf eine Haiku-Dichtung des japanischen Haiku-Meisters Ôshima Ryôta (1718-1787): Zur Lampe schauend/ merke ich, dass Wind aufkam;/ Schnee in der Nacht (übersetzt von Ekkehard May). Berühren, frage ich mich, diese alten Verse nicht meine eigenen, gegenwärtigen Zeilen vom „kleinen Feuer“, die ich gestern notiert habe? Ryôta spricht von einem einsam, allein dasitzenden Menschen, der zur brennenden Lampe schaut. Ein Windzug weht (von draußen?) herein ins schlichte Haus – und lenkt diesen Blick unvermutet in die weitere Umgebung, wo der Einsame den Schnee der Nacht vermutet.

Das kleine Feuer

Der Blick auf das kleine Feuer der schmucklosen Kerze erinnert ihn an die Winterfeuer auf den verschneiten Feldern in seiner Kindheit. Die Flamme zieht den Blick an und hält ihn, er kann nicht mehr wegschauen. Sehr leise, im Dunkel des Hintergrunds, spielt Bugge Wesseltoft It´s Snowing on My Piano. Die Szene ist die eines Wartens und der baldigen, schönen Erwartung: In wenigen Tagen wird er die Stimmen und den Gesang hören, die Chöre, Trompeten und auch die Posaunen.

Es weihnachtet sehr 6

Im sechsten (und letzten) Teil seiner Fotoserie Es weihnachtet sehr porträtiert der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil eine Diskursentfaltung asiatisch anmutender Schriftzeichen, deren ockergelbe Tönung durch eine feine Streuung von Zuckerkristallen betont und bereichert wurde. Das so entstandene textuelle Gewebe arbeitet mit einer gewellt-weißen, leuchtenden Hintergrundfolie zusammen, die den Textzeichen eine irritierende Plastizität in Reihenformationen kurz vor dem allmählichen Zerfall und Verzehr (jeweils einzeln, nach einer Badephase im Mund) verleiht.

Es weihnachtet sehr 5

Im fünften Teil seiner Fotoserie Es weihnachtet sehr porträtiert der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil die skulpturalen Ritz- und Schnitztechniken an durch Überhitzung matt gewordenen Kleindärmen, deren Faltungen durch das aufgerissene Löwenmäulchen des Brötchenbehälters gedehnt und gehalten werden. Deutlich sichtbar sind Ortheils Anleihen bei den Skulpturen von Claes Oldenburg, unterstrichen durch die kunstvoll gesetzte Linie des gelben, auffangbereiten Bettlakens.

Das Weihnachtsgeschenk 2017

Meinen Freundinnen und Freunden schenke ich in diesem Jahr eine Kombination von DVD und Buch. Die DVD bringt den schönsten Film, den ich in diesem Jahr mehrmals gesehen habe, ins Haus. Paterson heißt er, und Jim Jarmusch ist sein Regisseur. Paterson ist auch der Titel eines Zyklus von Gedichten, den einer der größten amerikanischen Lyriker (William Carlos Williams) früher einmal über die gleichnamige Stadt geschrieben hat. Und genau diese Stadt in New Jersey bildet die Kulisse für die täglichen Fahrten eines Busfahrers durch ihre Straßen. Vor diesen Touren und in den Pausen schreibt er kurze Notizen oder erste Zeilen von Gedichten, die er zu Hause ausarbeitet. Der Film begleitet ihn eine Woche, in der nichts Spektakuläres passiert. Man erlebt einen unauffälligen Menschen, dessen nur verhalten gezeigte große Leidenschaft die Poesie ist. Das alles ist von enormer Einfachheit und auf minimalistische Weise „schön“. Die Bilder strahlen eine Gelassenheit aus, die einen Betrachter sofort erreicht. Man wird immer ruhiger und konzentrierter und beobachtet einen empfindlichen, hoch aufmerksamen (und absolut uneitlen) Menschen beim Schreiben. Bald hört und sieht man sogar die Zeilen, die er schreibt – und fängt an, insgeheim selber derart alltäglich und doch „lyrisch-genau“ zu dichten. Jim Jarmusch hat seinen Dichter-Freund Ron Padgett gebeten, die Gedichte für seinen Film beizusteuern. Und genau diese Gedichte (und noch viele weitere aus dem Gesamtwerk von Ron Padgett, übersetzt von Jan Volker Röhnert) hat die Dieterisch´sche Verlagsbuchhandlung (Mainz) gerade unter dem Titel Die schönsten Streichhölzer der Welt veröffentlicht. Die DVD von Paterson – und beigefügt : Die Gedichte von Ron Padgett – das ist mein Weihnachtsgeschenk im Jahr 2017.

Es weihnachtet sehr 4

Im vierten Teil seiner Fotoserie Es weihnachtet sehr porträtiert der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil die Perlenbildung an tropisch erscheinenden, parasitären Wildpflanzen, die ihren Wirten entrissen und auf freie Wanderschaft geschickt wurden. Das durchsichtig gallertartige Weiß der Perlen, die sich zu Paaren, Trauben oder Gesellschaften zusammentun, überwuchert mit seinen exzentrischen Andeutungen von Graupel und Schnee das ins Gelbliche changierende Grün der Äste und Blätter, das früher, in den vollmundigen Hochzeiten im Verein mit seinen Wirten, noch etwas geradezu Bissiges und Bezwingendes hatte.

Schenken 2

O weia, nun habe ich aber reichlich Kritik zu meinen altklugen Bemerkungen über das „Schenken“ erhalten. Und nicht nur Kritik, sondern lautstarken Protest. Man muss mir nichts schenken, mir nicht?! Und warum bin ausgerechnet ich oft so hingerissen, wenn ich beschenkt werde? Als mir vor kurzem gute Freunde eine Erstausgabe meines Lieblingsautors Jean Paul schenkten und nicht irgendein Buch ausgewählt hatten, sondern ausgerechnet (und absolut „treffsicher“, geradezu genial): den „Jubelsenior“?! Wer saß da freudenstumm und „überglücklich“ an seinem Freudentisch und blätterte und las einen halben Tag lang in dem Jean Paulschen Meisterwerk? Ganz zu schweigen von meinen Reaktionen auf die Köln-Fotos meiner Kölschen Lieblingsorte, die jemand eigens für mich fotografiert hatte! Und weiter: Wie war das mit der Konzertkarte für ein Konzert einer meiner Lieblingspianistinnen (Kathia Buniatishvili), in der sie als Zugabe Händels „Menuett“ aus der Suite in B-Dur so spielte, dass ich später die halbe Nacht davon erzählte? Waren das alles keine „Treffer“ und „Umspielungen“ in meinem Sinn?! Aber ja, genau das waren es: perfekte „Treffer“ und „Umspielungen“ meiner Passionen, ich gebe es sofort zu! Und schenke den Leserinnen und Lesern dieses Blogs reumütig die Empfehlung, sich auf Youtube Kathia Buniatishvili anzuschauen und anzuhören, wie sie Händels „Menuett“ aus der Suite in B-Dur (Händel-Werke-Verzeichnis 434) spielt. Damit wir gemeinsam beschenkt sind.

Schenken 1

Seit dem ersten Advent schicke ich verstärkt Karten, Briefe, Päckchen in alle Welt. Nicht unbedingt an sehr gute Freunde, sondern auch an Bekannte, die durch solche Grüße vielleicht überrascht werden. Für jede Adressatin oder Adressaten schreibe ich einen eigenen Text, meistens erzähle ich davon, wie ich auf das jeweilige Geschenk oder all das gekommen bin, was ich unbedingt mitteilen möchte. Seltsamerweise führt der Advent aber in meinem eigenen Fall zu einer gegenläufigen Bewegung und fortschreitenden Zurücknahme von Ansprüchen. Ich könnte gut und gerne auch ohne Geschenke auskommen, sie müssen wirklich nicht sein, manche sind nur hilflose Gesten oder haben etwas Peinliches, Aufdringliches. Man muss mir also nichts schenken – vor allem nicht in der Weihnachtszeit, wenn die meisten an Geschenke denken. Andererseits beschenke ich selbst aber gern andere Menschen, das ganze Jahr über,  jetzt aber (zugegeben) besonders intensiv. Ein gutes Geschenk ist im besten Fall ein gelingender kleiner „Treffer“. Ich habe ein Moment oder ein Detail an jemand anderem entdeckt, das mich fasziniert und beschäftigt. Darauf reagiere ich und denke mir etwas dazu aus, das diese Faszination anspricht oder umspielt. „Umspielt“ ist ein sehr passendes Wort: Geschenke sollten die Welten des Gegenüber umspielen, etwas davon zitieren, verwandeln und ihnen einen zusätzlichen, neuen Akzent verleihen. Nun gut, das alles ist vielleicht etwas abstrakt, ich sollte von Beispielen erzählen, dann kann man sich genauer vorstellen, was ich meine.