Literaturfestival Potsdam

Im Brandenburgischen Literaturbüro halte ich einen Vortrag über das Thema Wie ich arbeite. Ich zeige Fotos, Manuskripte, Notizhefte, Alben und Skizzenbücher. All die gezeigten Texte sind nicht veröffentlicht und mit der Hand geschrieben. Seit fast sechzig Jahren arbeite ich so, ununterbrochen, und was dabei entsteht, ist ein „Archiv der Zeit“. Darin ist alles Bedeutsame enthalten, das mir begegnet und durch den Kopf gegangen ist: von den chronikalischen Fixierungen der „Tagesverläufe“ über Kommentare zu Zeitungsartikeln bis hin zu den Fotostrecken, die besonders leuchtende (und meist „positiv erlebte“) Momente abbilden. Ich arbeite daran, von dieser persönlichen Werkstatt zu abstrahieren und einige ihrer Elemente auch anderen Schreiberinnen und Schreibern zum Probieren und Testen zu empfehlen. Das Buch, das diese Übungen enthält, soll „Mit dem Schreiben anfangen“ heißen. Es wird im Herbst 2017 erscheinen.

Max Frisch

Ich las einige Interviews und Gespräche mit Max Frisch (Max Frisch: „Wie Sie mir auf den Leib rücken!“ Interviews und Gespräche. Ausgewählt und herausgegeben von Thomas Strässle. Berlin 2017). Und ich dachte, dass dieser Schriftsteller als einer der ersten überhaupt die Selbstbefragung zu seinem zentralen Thema und seiner ureigensten Methode gemacht hat. Sich selbst befragen, von anderen befragt werden, das gesamte Fühlen und Denken der Befragung unterwerfen. Morgens aufstehen und beim ersten Blick in den Spiegel schon eine Frage mitdenken. Die Seife in der Hand als etwas betrachten, das den Körper befragt. Das Frühstück minimieren, weil Brötchen, Marmelade und Joghurt unangenehme Morgenfragen stellen. Pfeife rauchen, unablässig, weil man beim Pfeife rauchen den Mund weitgehend geschlossen hält und höchstens vorsichtig oder verkniffen fragt. Aber: Warum das alles? Wer ist hinter ihm her? Was treibt und verfolgt ihn? Es muss eine seltsame, noch kaum erforschte Spielart des schlechten Gewissens gewesen sein, nichts Religiöses, nichts Philosophisches, sondern etwas ganz Schlichtes. Die Empfindung, immerzu am falschen Ort zu sein, nicht da, wo man hingehört – und das außerdem noch mit den falschen Menschen, also nicht mit denen, zu denen man gehört. So dass er sich vorgehalten haben könnte, eigentlich woanders leben und sich rasch dorthin verändern zu müssen – das schlechte Gewissen als Form einer unstillbaren Sehnsucht, die fortwährend an ihm nagte und immer wieder diese starken Wellen der Selbstbefragung auslöste.

 

Böttingers Bücher 2

Ich bin gespannt. Böttingers Bücher, das neue Sendeformat des WDR, läuft am Montag, 3. Juli 2017, zum ersten Mal (22.40-23.10 Uhr). Bettina Böttinger hat sich mit Frank Schätzing und mir getroffen und an verschiedenen Orten unterhalten. Ich habe den exzessiven Dreh noch sehr gut in Erinnerung (siehe meinen Text vom 3. April 2017), kenne den Film aber noch nicht. Gespannt bin ich darauf, ob man dem filmischen Endergebnis den Dreh ansieht. Tauche ich fertig und kaputt aus den Tiefen der Erde unter dem Dach des Kölner Doms auf? Und wie wurde mein rasendes Beobachten und Schreiben auf dem Kölner Wallrafplatz (Studium der Passanten) in Szene gesetzt?

Rukurukuku

Frühmorgens: Wie viele Vögel in der grünen Wildnis ringsum zu hören sind!! Singen oder schreien, rufen oder schlagen sie – oder wie soll ich ihre Laute sonst nennen? Peter Krauss hat ein „Handwörterbuch der Vogellaute“ geschrieben und ist darin den „Lautäußerungen“ der Vögel nachgegangen, so wie sie in alten Enzyklopädien, Lexika oder Vogelbüchern festgehalten wurden. Die Goldammer (emberiza schoeniclus) zirpt oder ruft (zipzizi zizizizi). Die Amsel (turdus merula) pfeift und flötet, kann aber auch schnirpen, schackern und zetern. Der Bussard (buteo buteo) bust, hiäht oder miaut, während die Elstern (pica pica) eindeutig zetschen oder schättern. Mit Hilfe einer App, die mir diese Vogelstimmen präsentiert, kann ich das Lautorchester aus dem Grünen noch weiter durchdringen. Nach und nach erkenne ich wahrhaftig einzelne Stimmen und kann noch genauer entscheiden, ob etwa der Buchfink gerade an diesem heutigen Morgen pinkt, binkt oder finkt oder (vor zu erwartendem Regen oder Sturm) doch eher schirkt oder schilkt. Ich verstehe die Kompositionen besser und weiß sie sogar ein wenig zu deuten. Einige handeln vom Wetter, andere von Zuneigung, und manche sind auf Parodie und Nachahmung anderer Stimmen aus. Und nun sag: Welche sind Dir am liebsten?

Fermers Wanderungen 4

In den Traumbildern kehrte das helle Maigrün zurück. Er verließ die schmale Landstraße und bog ab auf die Felder und Wiesen. Sie streckten sich bis zum Horizont, und der blaue Himmelsquerstrich erschien wie ein Meer in sehr weiter Ferne. Er stand still und schaute…

Noch schönere Ablenkungen

Eine noch schönere Ablenkung nach langer Arbeit an einem Buch besteht in einem einwöchigen Aufräumen sämtlicher Räume, in denen sich Bücher, Texte und andere Hinterlassenschaften des jeweiligen Buchprojekts befinden. Sie müssen rigoros beseitigt, abtransportiert, verschenkt oder vernichtet werden. Die Räume beginnen dann wieder zu atmen – und gieren sofort nach dem nächsten Buchprojekt, das sie beherbergen wollen. Übertroffen wird eine so schöne Ablenkung noch durch den Besuch eines Tennisturniers mit sehr guten Spielern. Man ist acht, neun Stunden auf dem Gelände, sitzt unbeweglich auf einem blauen Plastiksitz, wird von der Sonne beinahe verbrannt und erlebt einen seltsamen Sport. Zwei Menschen treibt es nach jedem Ballwechsel zu ihrem Handtuch und nach jedem zweiten Spiel unter einen Sonnenschirm, den ein Balljunge für sie bereithält. Während der Ballwechsel ist es mucksmäuschenstill, und die Pausen zwischen den Ballwechseln sind fast fünfmal so lang wie die Ballwechsel selbst. Anfeuerungsrufe gibt es nur selten, stattdessen gibt es Zuschauer, die all die viele Zeit in einer merkwürdigen Trance verbringen und am Ende von den Tribünen taumeln, als kämen sie aus einem langen Traum ohne Sieger und Besiegte. Zum Schluss schütteln sich alle die Hände und wünschen sich ein paar gute Tage bis zum nächsten „Match“.

Teetrinken

Pfefferminztee war der einzige Tee, den ich in der Kindheit getrunken habe. Meine Eltern dagegen haben gar keinen Tee getrunken, die näheren Verwandten auch nicht, ich habe überhaupt niemanden in unserem Umfeld gekannt, der Tee trank oder ein einziges Wort über das Teetrinken verloren hätte. Tee existierte eigentlich gar nicht, und wenn jemand in ein Kölner Brauhaus ging und Tee bestellte, schickte ihn der Köbes in die nächste Apotheke. Noch immer trinke ich fast keinen Tee, höchstens manchmal ein oder zwei Tassen. In diesen seltenen Momenten erinnere ich mich an die vielen passionierten Teetrinker, die ich in meinem Leben kennengelernt habe. Sollte ich nicht auch in einen guten Teeladen gehen, mich beraten lassen, eine Teekanne, ein Sieb und viele seltene Sorten kaufen und mich damit auf den Teeweg begeben? Seit einigen Tagen lese ich Christoph Peters Buch „Die wunderbare Bitterkeit. Leben mit Tee“, für mich genau die richtige Lektüre. Peters hat als Kind und vermehrt als Jugendlicher viel Tee getrunken. Er ist auf den Teegeschmack gekommen und hat sich schon früh in den großen Teegegenden der Welt (Orient, Asien) umgesehen. Sein Buch vermittelt mir den Glauben, dass meinem Leben ohne Teegenuss etwas fehlt. So könnte Christoph Peters mein Teemeister werden, ich sollte nur noch den nächsten Teeladen betreten und mit meiner neu erworbenen Teepassion Ernst machen. Bald wird es soweit sein, sehr bald, ich bin drauf und dran…

Schöne Ablenkung

Eine schöne Ablenkung nach langer Arbeit an einem Buch ist ein Tag auf der Galopprennbahn Köln-Weidenpesch. Zuschauen, wie die Pferde vor den Rennen herumgeführt werden. Nachlesen, welcher Jockey in letzter Zeit besonders viele Rennen gewonnen hat. Hinzu addieren, aus welchem Rennstall das Pferd kommt. Und das alles durch die letzten Rennen, die das Pferd gelaufen hat, dividieren. Wodurch man eine ungefähre Summe des eigenen Wetteinsatzes erhält. Und fast nie gewinnt.

Beim Friseur

Jedes Mal, wenn ich ein größeres Manuskript beendet habe, gehe ich kurz darauf zum Friseur. Warum? Um rasch wieder „als ein anderer“ zu erscheinen, na klar. Könnte sein. Eher wohl aber, um frische Texte zu hören, die von den vielen Freiheiten und Vergnügungen der Welt handeln. Von ihren Freuden. Von dem ganzen Lebenstamtam. Etwa in der Art: „Ich empfehle Ihnen das kleine Café unten neben dem XY, setzen Sie sich da mal gegen 21 Uhr rein und schauen Sie, wie … Sie müssen da hin, unbedingt, da müssen Sie hin …“ Und ich denke „ja! ja!“ – alles ist besser als Schreibtisch und Stuhl, fast alles …