Eine Guarneri del Gesù

Mit dem Wagen unterwegs – und plötzlich, nach dem Einschalten des Autoradios (und ich wäre fast stehen geblieben): Der warme, strahlende, ekstatische Ton einer Geige, deren Saiten von einem begeisterten Bogen bespielt werden. Das ist Prokofjew, ja, das ist der Tanz der Ritter aus seinem Ballett Romeo und Julia. Noch nie habe ich dieses bekannte Stück derart „heiß“ intoniert gehört, als wäre es genau für diese eine Geige und diese eine Geigerin komponiert worden. Die Geige ist, wie ich bald erfahre, eine Guarneri del Gesù von 1739 – und die Geigerin ist Lisa Batiashvili. Vor wenigen Tagen ist ihr neues Album (Visions of Prokofiev) erschienen. Sie spielt die beiden Violinkonzerte und einige kürzere Stücke – und als ich wieder zu Hause bin, höre ich mir das gleich an und setze das Hauskonzert später mit ihrer Einspielung des Sibelius-Violinkonzertes fort. Heute Abend konzertiert sie mit diesem Stück in München – das schaffe ich so schnell nicht. Am Wochenende aber spielt sie das zweite Prokofjew-Violinkonzert an drei aufeinander folgenden Tagen (ausgerechnet) in Rom. Ich könnte sie also dreimal hintereinander hören… Was wären das für Abende?! Dreimal … – hintereinander … – in Rom! Wie sind die Flugzeiten? Und – bekomme ich noch drei Karten, für drei Abende hintereinander?

Frühlingsbeginn in Japan

Ein Blick in unseren Japanischen Taschenkalender für das Jahr 2018 sagt uns, dass morgen nach traditioneller Vorstellung in Japan der Frühlingsbeginn gefeiert wird. Am Vortag (also heute) leiten Feste den ersehnten Beginn der neuen Jahreszeit ein. Ähnlich wie bei den Feiern zu Mariä Lichtmess sind auch hier viele Lichter im Spiel, die bei einbrechender Dunkelheit angezündet werden. Wir sind von unseren japanischen Freunden eingeladen und genießen eine letzte winterliche Nudelsuppe (mit Frühlingsakzenten: viel frischem Gemüse). Im Japanischen heißt sie Ramen, und wir wissen, dass solche Suppen in Japan ganz außerordentlich beliebt sind. Sie tauchen (beinahe wie eine Kultnahrung) auch in der Literatur, vor allem in japanischen Comics, auf. Das erinnert uns an das wunderbare Buch  von Masayuki Kusumi (dem Texter) und Jiro Taniguchi (dem Zeichner): Der Gourmet. Von der Kunst allein zu genießen (Carlsen Comics 2014). In achtzehn Kapiteln erzählt es von den Streifzügen eines Mannes durch japanische Garküchen, Imbisse und Restaurants. In jedem Kapitel wird ein bestimmtes Gericht (in einer bestimmten Umgebung) genossen: Gebratenes Schweinefleisch in Sanya (einem als gefährlich eingestuften Viertel in Tokio), Takoyaki (eine Teigkugel mit Oktopus) in einem Viertel von Osaka oder Gegrillte Manju (Dampfnudeln) in Takasaki.

Mariä Lichtmess

Heute früh haben wir die Krippe und den leicht nadelnden Weihnachtsbaum endgültig abgebaut. Vierzig Tage nach Weihnachten feiern wir das schöne Fest Mariä Lichtmess so, wie wir es als Kinder immer gefeiert haben. In den Kirchen sind vor Schulbeginn Prozessionen unterwegs, denen schließen wir uns gerne an. Die Kinder halten brennende Kerzen in Händen und balancieren sie mit glühenden Gesichtern durch den dunklen Kirchenraum. Dann erklärt Pfarrer Grone, was es mit Mariä Lichtmess auf sich hat. Das klingt nach Theologie (und ist deshalb wie immer, wenn etwas nach Theologie klingt, kompliziert). Lieber bleiben wir bei den einfachen Grundwahrheiten, und die sagen uns, dass Maria und Joseph vierzig Tage nach Jesu Geburt mit dem Kleinen in den Tempel gegangen sind. Jesus sollte einen ersten Blick in ein Gotteshaus werfen und sich schon einmal umschauen dürfen. Er wurde den Ältesten vorgestellt, er stellte sich selbst vor – und alle, die Zeugen waren, hatten das Gefühl, einen besonderen, hellen, leuchtenden Moment zu erleben. Heiterkeit. Licht. Zukunft. Das meint Mariä Lichtmess – und es ist (wieder einmal) ganz einfach. Nach dem Kirchgang und weiteren Feierlichkeiten bat uns Meisterkoch Nico zu einem kleinen Lichtmess-Teller. Leuchtende Vorfrühlingsfarben, Weiß– und sogar Rot-Töne – und viel Natur: mit einem Löffelchen haben wir dieses Gemälde in kleinste Partikel zerlegt und genossen. Aus dem Hintergrund schallten Gesänge der Schola Cantorum Basiliensis, gedämpft, aus drei Jahrhunderten.

Die hasel blühen – kleiner Hymnus auf ein großes Gedicht

Noch einmal zurück zu den blühenden Haselnusssträuchern. Sie erscheinen in einem Gedicht, das in meinen Augen eines der nicht nur schönsten, sondern auch gelungensten deutschen Gedichte ist. Geschrieben hat es der Dichter Stefan George (1868 – 1933), dessen einhundertfünfzigsten Geburtstag wir am 12. Juli 2018 feiern.

An baches ranft
Die einzigen frühen
Die hasel blühen.
Ein vogel pfeift
In kühler au.
Ein leuchten streift
Erwärmt uns sanft
Und zuckt und bleicht.
Das feld ist brach ∙
Der baum noch grau . .
Blumen streut vielleicht
Der lenz uns nach.

Ich kenne diese Zeilen seit vielen Jahren auswendig, beim Anblick von blühenden Haselnusssträuchern fallen sie mir wie von selbst wieder ein. Auf ein paar Details möchte ich aufmerksam machen: Zu Beginn heißt es nicht „An baches rand“, sondern „An baches ranft“ … „Ranft“ ist präziser und lässt uns schmale Eis- oder Gefrierspuren am Bachrand sehen. „Ranft“ hat dazu noch eine etwas altertümliche Patina und macht aus dem Gesehenen ein Detail im Sepia-Ton. Was aber ist an „Baches ranft“ zu sehen? Es sind „Die einzigen frühen“! Die einzigen, genau, die einzigen Sträucher, die bereits blühen, genauer: „die hasel“ (und eben nicht: „die haselnusssträucher“). „Sträucher“ – das wäre zuviel, zu schwer, zu platt, während „Die hasel“ in seiner verknappten Form die dünnen Zweige sichtbar macht, an denen die Blüten baumeln. Die drei ersten Zeilen skizzieren ein erstes Bild, die zwei darauf folgenden bilden die Intonation. „Ein“ Vogel „pfeift“, ein einziger, keine Scharen oder Völker, kein Gezwitscher, sondern ein „Pfeifen“! Und wo: „In kühler au!“ „Au“ setzt in seinem wiederum altertümlichen Duktus die Sepia-Farbigkeit fort und knüpft daran an. Dann die Mitte des Ganzen, der Höhepunkt, die Ekstase im ganz, ganz Kleinen: „Ein leuchten streift“ … Kein Sonnenstrahl … (auch das wäre bereits zuviel), sondern eine kurze Erhellung! Sie „Erwärmt uns sanft“ (also nur für einen Moment, aber doch immerhin), dann vergeht sie: „Und zuckt und bleicht“ – Punkt. Aus. Zwei minimale Einzelbilder setzen das Lied fort: „Das feld ist brach“ – „Der baum noch grau“ – bis hin zum grandiosen Schluss, dem wunderbar verhaltenen Blick in die Zukunft (die so kommen könnte, aber noch nirgends auch nur zu ahnen ist): „Blumen streut vielleicht“/„Der Lenz uns nach.“ Ein geflüstertes, in jeder Silbe melodisch und rhythmisch vollkommenes Gedicht (man folge nur einmal den Vokalmelodien: Vom mehrfach wiederholten A über das mehrfach wiederholte Ü … etc.), ein Wunder von einem Gedicht! Man sollte es oft vor sich hinsagen (und jede Nuance noch einmal bedenken, sehen, hören), bis man es wirklich für immer auswendig kann! Man sollte sich immer wieder an seine Zeilen erinnern – und in ruhigen Momenten (irgendwo unterwegs) wie in einem Akt der Meditation aus dem Kopf hinschreiben! Man sollte es in Schönschrift auf besonders gutem Papier aufmalen – und dann verschenken – und man sollte (als Krönung) unbedingt die Vertonung dieses Liedes durch Anton von Webern hören (in 5 Lieder, op.3).

Der Held und sein Wetter

Hörte in den Nachrichten, der Januar 2018 sei der dunkelste Winter seit meiner Geburt (also seit 1951, ausgerechnet). Es stimmt: Noch nie habe ich so viele Freunde und Bekannte über „Dunkelheit“ reden hören. Dass es „gar nicht mehr hell werde“, dass es „zum Verzweifeln sei“, dass man „Depressionen bekomme“. Ich aber merke nichts, rein gar nichts. Der angeblich so dunkle Winter macht mir nicht zu schaffen, und ich sehne mich auch keineswegs nach mehr Sonne. Die wird früh und reichlich genug kommen. Fast sieht es so aus, als lebte ich im Einklang mit dem Wetter zum Zeitpunkt meiner Geburt. Dass ich aufs Wetter überhaupt nicht reagiere, ist dagegen auch nicht richtig. Mein Debütroman Fermer (1979) beginnt zum Beispiel mit einer Wettermeldung: „An einem Vorfrühlingsabend kehrte der junge Fermer nicht mehr in die Kaserne zurück. Es war noch recht kühl, doch waren die ersten Anzeichen des nahenden Frühlings zu bemerken …“ Na bitte, eindeutig Wahrnehmungen, die hoffen lassen! Der 2. Februar (und damit das schöne Fest Mariä Lichtmeß) ist nahe. Bis dahin werde ich noch einen Blick in den Klassiker der literarischen Wetteranalyse werfen – Friedrich Christian Delius: Der Held und sein Wetter. München 1971. Am 2. Februar weiß ich dann mehr und werde auf diesen Tag hoffentlich angemessen reagieren …

Anekdoten (nach Heinrich von Kleist) 2

Palettentransport

Der Gabelstaplerfahrer eines Großhändlers im Rems-Murr-Kreis war vom Transport der vielen täglich zu transportierenden Europaletten derart besessen, dass er viele von ihnen abzweigte und von einem befreundeten Lastwagenfahrer fortfahren ließ. Dieser brachte die alle paar Tage anfallende Ware zu einem geheimen Versteck, wo sie bald überhand nahm, so dass sie in einem größeren Geheimversteck untergebracht werden musste. Die dafür gemietete alte Scheune war nach wenigen Wochen jedoch derart voller Paletten, dass sie nicht mehr zu bändigen waren, das Versteck sprengten und sich auf den Weg zu einer zünftigen Palettenprozession durch das gesamte Remstal machten. Der Gabelstapler und sein Komplize flohen unterdessen in die Schweiz, wo der Transport von Paletten allerdings noch weitaus höhere Anforderungen an besessene Gabelstaplerfahrer stellt.

Die Botinnen und Boten des Frühlings 2

Im zweiten Teil seiner Fotoserie  Die Botinnen und Boten des Frühlings porträtiert der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil die orgelpfeifenähnlichen Troddeln jener scheinbar aus dem Indischen importierten Pollenkulturen, die sich zu phantastischen schmalen Vorhängen verdichten. Die irritierend vielfältigen Strukturen ergeben ein an östliche Curryfarbkompositionen angelehntes Ockergelbspiel, das den Vordergrund für die Durchblicke zum blauen Bildhintergrund abgibt. Die robusten Dunkeltöne der dahinter sichtbar werdenden Äste dagegen greifen wie Gabelungen auf den Bildern Van Goghs aus, um eine Tiefenwirkung des flüchtigen Ensembles zu bewahren.

Das Endspiel

Gegen 7 Uhr sind wir zum Warmlaufen in die nahen Wälder aufgebrochen. Kein Mensch war unterwegs, wir hatten es nur mit den Vögeln, einem Fuchs sowie ein paar Eichhörnchen zu tun, die ebenfalls mit Aufwärmübungen beschäftigt waren. Dehnen, Strecken, vor allem der Rücken muss fit sein, wenn das große Match beginnt. Zu Hause tranken wir leicht erwärmtes Wasser und schluckten zwei Vitamintabletten, dann heißes und kaltes Duschen, mehrmals, bis der Kopf so präsent ist, dass er nur noch „Spiel, Satz und Sieg“ denkt. Keinen Kaffee, stattdessen eine Tasse Tee sowie getoasteten Rosinenplatz mit ein wenig Waldhonig. Niemand wird es jetzt wagen, uns anzusprechen, wir befinden uns genau da, wo wir uns sowieso am liebsten befinden: bei uns selbst. Dann ist es soweit. Wir legen unsere Australian Open-Handtücher (in den Blautönen des blauen Plexicushion-Belags) exakt nebeneinander, stellen unsere drei Wasserflaschen mit den unterschiedlichen Elektrolyt-Mischungen in Reih und Glied daneben, binden unsere Tennisschuhriemen noch zweimal neu, streifen unser Stirnband über, lassen den Schläger in der Rechten rotieren und begeben uns auf den Platz. Mit genau zwölf Schritten sind wir an der Grundlinie, das machen wir immer so, denn die Zahl Zwölf steht für die Jünger Jesu – und das bedeutet uns viel. Zum ersten Mal nehmen wir den Gegner ins Auge, den wir bisher komplett ignoriert haben. Unseren scharfen Blicken entgeht nicht, dass seine Schuhriemen nicht richtig sitzen, das begreifen wir rasch als gutes Zeichen. Der Kerl uns gegenüber ist extrem nervös, wir werden das Match also mit einem As eröffnen. Oder?! Fragen sind jetzt nicht mehr zugelassen, wir sind Bestien der Konzentration. Kurz nach neun Uhr mitteleuropäischer Zeit beginnt das Endspiel der Australian Open: Roger Federer gegen Marin Čilić … –  6:3, 6:7, 6:3, 3:6, 6:1 …

Anekdoten (nach Heinrich von Kleist)

In den Jahren 1810/1811 hat Heinrich von Kleist eine fast täglich erscheinende Zeitung, die Berliner Abendblätter, herausgegeben. In ihr veröffentlichte er viele seiner Anekdoten, in denen er bereits vorliegende Nachrichten und Fakten mit Abgewandeltem oder dazu Erfundenem mischte. Manchmal stoße ich in den Kurznachrichten der Stuttgarter Zeitung auf Meldungen, die mich erstaunen oder zum Lachen bringen. Wenn das Vergnügen anhält, schreibe ich sie um – und es entstehen Anekdoten im Gestus und Ton des großen Heinrich von Kleist. Hier ein erstes Beispiel (und darunter eine Seite mit aus der Stuttgarter Zeitung ausgeschnittenen Nachrichten aus meinem Archiv):

Die Uhr

Ein älterer Mann in guter Laune wurde in der Landeshauptstadt Stuttgart während eines Rundgangs von einer Frau auf die Tageszeit angesprochen. Er streifte Mantel und Hemd zurück und gab den Blick auf eine mehrere tausend Euro werte Armbanduhr frei, von der er bedächtig die Zeit ablas. Die Frau war von diesem Anblick derart gefesselt und hingerissen, dass sie den älteren Flaneur heimlich verfolgte und diese Verfolgung schließlich in ihrem eigenen Wagen fortsetzte. Selbst viele Kilometer Fahrweg konnten sie nicht dazu bringen, die Verfolgung einzustellen, die sie erst vor dem Haus des Uhrenbesitzers beendete, indem sie seine Wagentür öffnete, ihn laut und dankend in einer fremden Sprache ansprach und ihm die Uhr von der Hand riss. Daraufhin verschwand sie mit dem teuren Schmuckstück, das sie in ihrer prekären Not in eine bekannte Dorfkirche brachte und im Opferstock unter lauten, um Hilfe rufenden Stoßgebeten versenkte.

 

Reanimation

Nach der anstrengenden Kurztournee in den äußersten Süden unseres Landes empfangen wir Monsieur zur raschen Reanimation in unserem französischen Markthallenensemble. Wir servieren nach Wunsch frische Austern oder bretonische Fischsuppe oder andere kleine Fischspezialitäten, nichts Großes, sondern etwas, das belebt, erfrischt und dem Körper eine beschwingte Leichtigkeit verleiht. Trinken Sie dazu einen gekühlten Pouilly Fumé und hinterlassen Sie die Austernschalen nach Verzehr der Austern in unserem malerischen Depot. Wir freuen uns auf Sie!