Als ich 1966 die deutsche Übersetzung von Ernest Hemingways Paris-Buch (Paris – ein Fest fürs Leben) las, erfuhr ich zum ersten Mal von Gertrude Stein. Hemingway erzählte davon, dass sie in den frühen Pariser Jahren seine Mentorin gewesen sei und dass er von ihr viel über das Schreiben gelernt habe.
Seither ist sie mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen, und ich habe oft an sie gedacht. Vor ein paar Jahren habe ich sogar vor ihrer Pariser Wohnung gestanden und habe die Umgebung erkundet (in Paris, links der Seine).
Kein Wunder also, dass mich das gerade auf Deutsch erschienene Buch von Deborah Levy (Mein Jahr in Paris mit Gertrude Stein) geradezu angesprungen hat. Wie erwartet, erzählt die Autorin u.a. davon, wie sie in Paris unterwegs gewesen und den Spuren von Gertrude Stein gefolgt ist.
Sie erzählt außerdem aber auch von den konkreten Lebensumständen ihrer eigenen Paris-Existenz und damit von ihren Freundinnen, deren Katzen und überhaupt von allem, was ihr durch den Kopf gegangen ist, während sie an einem Essay über Gertrude Stein schrieb.
All diese Themen und Linien nennt sie „Bewusstseinsströme“, und sie ist sehr virtuos darin, diese Ströme abzurufen, zu mischen und in Bewegung zu versetzen.
Letztlich führen sie dazu, dass man nicht nur über Gertrude Stein laufend Neues erfährt, sondern auch über ihre Lehrer, andere Schriftsteller, ihr Jahrhundert, die USA, das Schreiben, das Fantasieren, das Denken und und und …
In Kapitel 10 begegne ich etwa William James, dem Lehrer, der ein Buch mit dem Titel Prinzipien der Psychologie schrieb, sowie seiner Schwester Alice James, die durch ihr Tagebuch berühmt geworden ist und über die Susan Sontag ein Stück mit dem Titel Alice im Bett geschrieben hat – und schließlich auch Katharina Peabody Loring, eine „frühe Kämpferin für Frauenbildung“, die Alice James pflegte und liebte.
Nebenbei erscheinen auch einige Männer, etwa Jack Kerouac, der Unterwegs schrieb und dieses Schreiben als „spontane Prosa“ ähnlich begriff wie André Breton das „automatische Schreiben“, ganz zu schweigen von Walt Whitman, dem breitschuldrigen „Vater des freien Verses“, dessen Grashalme den weiten amerikanischen Himmel besingen.
So schwimme ich mit Deborah Levy (sie wurde in Südafrika 1959 geboren und lebt heute in London) in den Strömen um Gertrude Stein und mache mir alle paar Minuten eine Notiz. Ich notiere die Titel all jener Bücher und Titel, die Deborah Levy nennt und die ich noch nicht kenne, so entsteht eine sich laufend füllende Booklist.
Und was sage ich nun dazu? „Mal kucken!“
