Die Ursuppe

Es geschieht leider selten, dass ich von einer Leserin eine Rückmeldung darüber erhalte, wie sie eine meiner Ideen zum Kreativen Schreiben umgesetzt hat. Um so mehr habe ich mich über diese Mail gefreut, die mich vor kurzem erreichte:

Lieber Hanns-Josef, die Veranstaltung „Glück und Gnade des Schreibens – Zur Begegnung des Menschen mit seiner Sprache“ vor drei Wochen in der Glaskuppel des Staatstheaters Mainz hat mich tief beeindruckt. Das lag vermutlich an dem interessanten Gesprächsthema zwischen Dir und Bischof Kohlgraf. Im Laufe Eurer intensiven Unterhaltung zeigten sich, dank Deiner jahrzehntelangen Schreibforschung, viele, oft überraschende und keinesfalls vorhersehbare Berührungspunkte zwischen dem Schreiben im weiten Sinne und der christlichen Religion. Anschließend sprachst Du, ebenso anschaulich, wie zuvor, über das oftmalige Problem des leeren Blattes am frühen Morgen und wie es zu lösen sei. Dafür stelltest Du eine schlichte aber wirkungsvolle Strategie vor, nach der es für den Suchenden möglich ist, diejenige Schreibidee, die ihn persönlich zu inspirieren vermag, in der individuellen Ursuppe seiner gegenwärtigen Gedanken zu finden. Dieses hilfreiche Wissen betrachte ich für mich als den Clou des Abends. Ich wende es seither an, mache mich selbstständig zu jeder Zeit auf den Weg und finde tatsächlich in meinem aktuellen Denken rasch einen Gedanken, der mich zu pausenlosem Schreiben animiert und inspiriert. Was will ich mehr?! Lieber Hanns-Josef …, Du glaubst gar nicht, wie eifrig und erfolgreich ich seither in der Ursuppe meines Kopfes angle, mit dem Fang in den Händen rasch nach Hause in die Küche eile, wo ich ihn zunächst filetiere, dann würze und schließlich über dem offenen Herdfeuer in Töpfen und Pfannen zu einem knusprigen und schmackhaften Text gestalte. Bis bald …

Das Konzept der Ursuppe ist in meinem Buch „Nach allen Regeln der Kunst“ noch ausführlicher erläutert. Gleich zu Beginn entwickelt es eine Praxis, wie man vom leeren Blatt zu ersten Skizzen des Schreibens finden könnte.

Nach allen Regeln der Kunst

Allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs wünsche ich eine inspirierende Woche (und freue mich über weitere Rückmeldungen).

Rembrandt in Kassel

Entdeckte heute (eher zufällig), dass es in Kassel eine hoch interessante Rembrandt-Ausstellung gibt. Sie kreist um die frühe Neigung des Meisters, sich selbst zu porträtieren, in den unterschiedlichsten Kostümen. Rembrandt als Autobiograph. Wie genau hat er das gemacht? Ich werde nachschauen, sobald sich die Zeit findet (bis 9.8.2026).

https://www.heritage-kassel.de/besuch/ausstellungen/rembrandt-1632-entstehung-einer-marke

Die Biennale 2026 in Venedig

Meine Freundin, die Mainzer Galeristin Dorothea van der Koelen, hat ihre venezianische Galerie (La Galleria) zur Biennale mit einer fantastischen Ausstellung von Arbeiten ihrer Künstlerinnen und Künstler bestückt.

Daneben kümmert sie sich auch um die große Präsentation von Kunstwerken Lore Berts in der Kirche San Fantin

Hier erläutert sie ihre Projekte und lädt zu einem Besuch ein:

Venedig ist in diesen Tagen und Wochen das Mekka der Gegenwartskunst. Ich freue mich auf die vielen Präsentationen, die mich in dieser Traumstadt erwarten. Zuletzt habe ich sie mit Ernest Hemingways Träumen („Der von den Löwen trämte“) in eine enge Verbindung gebracht. Darauf einen Daiquiri an der Bar des Hotels Gritti!

Bar Gritti Palace

Mein Gespräch mit Bischof Peter Kohlgraf 2

Liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs. Hier finden Sie den Zugang zur gekürzten Aufzeichnung des Gesprächs (auf SWR Kultur), das ich im Mainzer Theater mit Bischof Peter Kohlgraf geführt habe.

Wie immer freue ich mich auf Ihre Kommentare und Reaktionen!

https://www.swr.de/kultur/literatur/glueck-und-gnade-ein-gespraech-ueber-schreibenund-inspiration-vor-ort-2026-05-08-100.html

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern am Wochenende sonnige Tage, in denen ich die Eröffnung der Biennale in Venedig verfolgen werde. (In der kommenden Woche darüber mehr.)

https://www.labiennale.org/en/art/2026

Wie steht es um den Gottesglauben?

Vor kurzem habe ich mit dem Mainzer Bischof Peter Kohlgraf über Berührungsmomente von Glauben, Schriftkultur und Schreiben gesprochen.

Im Anschluss daran hat mich eine Sendung der Sternstunden Philosophie auf 3sat interessiert, in der Detlef Pollack, Religionssoziologe am Centrum für Religion und Moderne der Universität Münster und Autor mehrerer Bücher zu diesen Themen, über die rasant nachlassende Kraft des Glaubens weltweit gesprochen hat.

Im dem hoch interessanten Gespräch mit Barbara Bleisch verfolgt er nicht nur die nachlassende Strahlkraft der traditionellen Religionen, sondern, weiter gefasst, auch die der spirituellen Erneuerungsbewegungen – und kommt dabei zu überraschenden Ergebnissen.

Ich empfehle die Sendung:

https://www.3sat.de/gesellschaft/sternstunde-philosophie/sternstunde-philosophie-270.html

Das Finale der Snooker-WM in Sheffield (aktualisiert)

Ich bin ein großer Snooker-Fan. Es ist der Sport, den ich am liebsten im TV sehe. Und warum?

Wegen der Stille, wegen der hohen Konzentration der Spieler, wegen der Eleganz der Bewegungen und des „schönen Moments“, der darin besteht, dass die weiße Kugel oder eine der farbigen Kugeln in eine Tasche fällt/ hüpft/ purzelt. Angetupft, angehaucht, angestoßen.

Dieses Wochenende ist ein besonderes, denn die Snooker-Saison endet mit der WM in Sheffield. Momentan sind noch zwei Spieler dabei, sie bestreiten das Finale.

Das Finale findet heute, am 3. Mai (ab 14 Uhr und ab 20 Uhr), und morgen, am 4. Mai (ab 14 Uhr und ab 20 Uhr) statt. Die Begegnungen werden live auf Eurosport übertragen.

Ich empfehle sehr, diese Meisterpartien zu sehen. Sie bestechen durch die Mischung von extremer Erregung und extremer Ruhe = Spannung und Gelassenheit.

Vorher sollten Sie sich kurz über die wenigen Regeln informieren. Die KI weiß wenigstens hier mal Bescheid, ohne die sonst üblichen Mängel und Fehler.

Viel Vergnügen und ein schönes Wochenende!!

snooker

Mein Gespräch mit Bischof Peter Kohlgraf

Mein Gespräch mit dem Mainzer Bischof Peter Kohlgraf über „Glück und Gnade des Schreibens“, moderiert von Alexander Wasner (SWR), war ein hoch interessanter Austausch über die Berührungspunkte von Glauben, Denken und Schreiben.

Einige Leserinnen und Leser dieses Blogs erlebten es live im Glashaus des Mainzer Staatstheaters (mit Blick auf den Mainzer Dom).

Wer nicht kommen konnte, kann eine Aufzeichnung am 8. Mai, 22.03 Uhr, in SWR Kultur hören.

Die Strasse von Hormus

Von keiner Region auf dem Globus ist in letzter Zeit häufiger die Rede gewesen als von der Straße von Hormus, die zum Zankapfel des Iran-Kriegs geworden ist. Viele meiner Freunde möchten davon längst nichts mehr hören, und es nervt sie nicht nur das ewige Hin und Her des Konfliktes zwischen dem Iran und der USA, sondern auch die unendlich oft repetierte Nennung der schlichten Tatsache, dass es sich um eine Meerenge handelt, die für den globalen Handel zentral ist.

Meerenge, okay – aber fällt niemandem mehr dazu ein? Die Meerenge muss doch eine Geschichte haben, und wie kann man sich die weitere Umgebung vorstellen? Es soll eine Insel Hormus geben, und auf dem Festland wohl eine gleichnamige Stadt. Leben dort Menschen? Wie geht es ihnen? Und – wer war außer den Einheimischen sonst schon mal da? Alltag und Geschichte der Region erscheinen in den neusten Nachrichten mit keinem Wort, und auf den Fernsehbildern erkennen wir nur eine fast unbewegte hellblaue Meeresfläche und still liegende Frachter im grellen Sonnenlicht.

Einer meiner deswegen gereizten und verärgerten Freunde weigert sich standhaft, sich die Meerenge nur als einen simplen geographischen Knick auf einer nautischen Seekarte vorzustellen. Er hat im Netz recherchiert, einige hoffentlich gesicherte Fakten gesammelt und träumt von ihr mit einem anderen, geweiteten Blick.

Als erstes erzählt er von der früheren Schönheit der Insel und der Stadt Hormus, die Marco Polo als eine der schönsten Gegenden der Welt beschrieben habe. Tiefrot sollen auch heute noch die von Eisenerzen gefärbten Strandflächen der „Regenbogeninsel“ sein, an deren Schimmern und Glänzen auf Fotografien sich mein Freund nicht sattsehen kann.

Marco Polo habe sich vor allem in der Stadt auf dem Festland umgesehen und beobachtet, wie die Bewohner mit den heißen, kaum erträglichen Winden zu kämpfen hatten. Viele hielten sich den Tag über im Wasser auf oder bauten Belüftungsschächte für ihre Häuser. Momentan ist das Wasser der Meerenge um die 25 Grad warm, im Sommer steigt die Temperatur oft auf 35 Grad.

Kaum vorstellbar indes sind die schon allein aus den Temperaturen resultierenden Überlebensprobleme der 20 000 Seeleute, die gegenwärtig auf ihren Schiffen festliegen. Die Klimaanlagen sind nur bedingt imstande, zur Abkühlung beizutragen, und die Tagesrationen von Trinkwasser gehen bis zu zehn Litern.

Meine wissbegierigen Freunde vergessen aber auch die historischen Fakten nicht. Zu Beginn der globalen Neuzeit haben die Portugiesen Hormus 1515 besetzt, etwa ein Jahrhundert später folgten ihnen die Perser, die von den Briten unterstützt wurden. Sie kontrollierten später den Seeweg nach Indien und gaben ihre lukrative Wächterfunktion erst 1971 auf, als das Schahregime des Iran sie übernahm.

Der Name Hormus kommt wohl aus dem Altpersischen und hat einen religiösen Hintersinn, indem er auf eine Gottheit verweist. Die Meerenge heisst demzufolge „Die Strasse Gottes“. Im Arabischen soll es ein bekanntes Sprichwort geben, das die Schönheit des alten Königreichs Hormus mit seiner Funktion als Handelszentrum verbindet: „Wenn die ganze Welt ein goldener Ring wäre, so wäre Hormus das Juwel darin“.

Ich bin meinen Freunden für ihre interessanten Recherchen dankbar, gebe aber zu, dass sie mich stark beunruhigen und meine nächtlichen Träume durchwandern. Offensichtlich ist die Meerenge ein sehr altes Streitobjekt, das sich raschen Konfliktlösungen hartnäckig entzieht.

Ahnen die Herren Merz und Pistorius, was die deutsche Marine dort erwartet? Die Rede ist von Seeaufklärung und Minenräumung durch das 3. Minensuchgeschwader aus Kiel mit zehn Minenjagdbooten sowie zwei Reservemodellen. Unterwasser- und Überwasserdrohnen sollen zum Einsatz kommen und die Motorengeräusche von Schiffen täuschend nachgeahmt werden, bis die Minen auf dem Meeresgrund explodieren.

Schon bei der bloßen Beschreibung solcher Einsätze versagt meine Vorstellungskraft, und ich drifte, momentan enorm durch weitere Meeresnachrichten verwirrt, zu Bildern ab, auf denen sich ein schwerer Meeressäuger unaufhörlich auf der Stelle dreht und Drohgeräusche von sich gibt. Ich warne davor, sich ihm zu nähern und trete lieber bis auf Weiteres die Flucht an, weil ich schlichtweg nicht weiterweiß und mich auch da nicht einmischen möchte.

Der große Gatsby

Morgen werden die Westerwälder Literaturtage 2026 um 19 Uhr in der Stadthalle von Altenkirchen mit einer Lesung aus dem von Bernhard Robben neu übersetzten Meisterwerk Der große Gatsby von Francis Scott Fitzgerald (1896-1940) eröffnet.

https://ww-lit.de/maxim-leo/

Die Goldenen Zwanziger sind diesmal das zentrale Thema der Literaturtage. Am Samstag 23. Mai 2025, 18 Uhr, erläutere ich (in der Sala Ortheil, Mittelstraße 16, 57537 Wissen/Sieg), wie der Roman entstanden ist und was wir Lesende und Schreibende aus Fitzgeralds Notebooks, mit deren Hilfe er den Roman geschrieben hat, lernen können.

Fitzgerald Der Moment