Die Erfindung der Eleganz

Im frühen 17. Jahrhundert entstehen in Paris die ersten Salons, die eine neue Gesprächs- und Lebenskultur begründen. Dafür entstehen eigene Räume und Umgangsformen, die den endgültigen Abschied von den Traditionen hierarchisch organisierter Gesellschaften einleiten.

„Bildung“ ist nicht mehr eine Sache des Wissens und der Überlieferung, sondern akzentuiert sich mehrsprachig, momentan und als flexibles Mixtum von aktuellen Themen, die Frauen wie Männer in gleichem Maße im Blick auf das Gegenüber gestalten.

Das Ideal dieses neuen, Europa bald prägenden Zeitgeistes ist Eleganz, die virtuose Beherrschung des eigenen, unverwechselbaren Ausdrucks und die Zurschaustellung dieser Eleganz durch die raffinierten Künste der Mode.

Trainiert werden solche Formen der Galanterie an den absolutistischen Höfen, bevor sie in späteren Jahrhunderten auch Eingang in die bürgerlichen Welten finden.

Kersten Knipp hat die Verzweigungen dieser bedeutenden Renaissance des alten Europa in fünfzehn Kapiteln beschrieben, die sich den zentralen Figuren des elementaren Wandels widmen. Ein Buch, das uns die Verkrampftheit der Gegenwart kontrastierend vor Augen führt und Ideale umkreist, die besonders Frankreich und Italien bis heute in ihren besten Statthaltern kultivieren.

  • Kersten Knipp: Die Erfindung der Eleganz. Europa im 17. Jahrhundert und die Kunst des geselligen Lebens. Reclam 2022

Die Ordensverleihung in Mainz

Gestern hat mir die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Frau Malu Dreyer, in einer bewegenden Feierstunde den Verdienstorden des Landes und damit die höchste Ehrung, die das Land zu vergeben hat, verliehen!

Hier ein  Ausschnitt aus dem Text der Begründung:

Hanns-Josef Ortheil gehört zu den bekanntesten und auflagestärksten Autoren im deutschsprachigen Raum. Als „bekennender Westerwälder“ lebt er einen Großteil des Jahres in seiner Heimatstadt Wissen an der Sieg. Seine Werke verweisen immer wieder auf den Westerwald, der dadurch seinen Leserinnen und Lesern zugänglich gemacht wird. Seit 2003 ist er Professor für Kreatives Schreiben an der Universität Hildesheim. Zudem engagiert er sich in seiner Heimat: Im Jahr 2001 hat er die „Westerwälder Literaturtage“ in Wissen gegründet, die mittlerweile neben dem Eifel-Literatur-Festival zu den bekanntesten Literaturfestivals gehören.

Eine Ordensverleihung in Mainz

Heute, am 7. Dezember 2022, wird die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Frau Malu Dreyer, mir in der Mainzer Staatskanzlei den Verdienstorden des Landes und damit die höchste Ehrung, die das Land zu vergeben hat, verleihen!

Darüber freue ich mich sehr, zumal ich mit Mainz und dem Land Rheinland-Pfalz seit den Kindertagen im Westerwald und den Jugendjahren in Mainz eng verbunden bin.

Die Gründung der „Westerwälder Literaturtage“ im Jahr 2001 sowie die Einrichtung der SALA ORTHEIL haben die engen heimatlichen Bindungen der frühen Jahre weiterentwickelt und in attraktiven Kulturformaten gestaltet.

Im Jahr 2023 sollen sie durch ein neues Format fortgeführt werden: WISSEN LIEST! Zusammen mit dem BUCHLADEN und dem KULTURWERK in Wissen/Sieg werden Lesungen, Abendgespräche, eine Schreibakademie und andere Veranstaltungen viele Besucherinnen und Besucher in meiner Heimatregion begeistern! (Weitere Informationen zu einem späteren Zeitpunkt in diesem Blog!)

Hans Süper ist gestorben

Kölsche Lieder – für jeden, der in Köln geboren wurde oder aus anderen Gründen besonders an dieser Stadt hängt, gehört die Kenntnis der schönsten Kölschen Lieder zum Leben. So kann es passieren, dass mitten im Alltag die Erinnerung an bestimmte Liedzeilen sich Bahn bricht und man unversehens zu summen oder zu singen beginnt.

Besonders häufig ist mir das mit Fritz Webers Ich bin ene Kölsche Jung passiert, es ist ein Lied, mit dem ich meine ganz persönliche Anthologie der schönsten Kölsch-Lieder eröffnen würde:

Als kleine Jung hatt‘ ich mich eins verlaufe,
ich glöv (ich glaube), ich wollt mir nur eh´ Rahmkamellsche kaufe,
ich fund ming Stross nit mi, ja dat war schwer,
ne Schutzmann frochte mich, Wo bist her?
Ich hat en Angst, er nöhm mich beim Schlawitsche,
im Jeist soh ich mich schon derektemang im Kittsche,
doch spoort (spürte) ich janz jenau,
er meint et jut mit mir, ich seht ihm dann: drei hetzich on mein Ihr.

Ich binne ne Kölsche Jung, watt willste mache?
Ich binne ne Kölsche Jung und dunn jern lache.
Ich bin och sonst nit schlecht, nee, ich bin brav,
ming Lieblingswörtsche, heiss Kölle Alaaf!

Ich tät och schwer an minger Mutter hänge,
wenn sie och menchesmol mit mir tät kräftig schenge,
doch war im Grund ich doch, de liebe Jong,
so leicht bracht ich sie nit us der Fassong (frz.fasson),
und hat ich eins en Sammeltass´ zerbroche´,
dann dach ich janz bestimmt jetzt häst de wat verbroche,
die Mam´ set nur für mich, du küsst net vor die Tür,
ich seht dann, Mam´ ich kann doch nix dafür.

Ich binne ne Kölsche Jung, watt willste mache?
Ich binne ne Kölsche Jung und tun jern lache.
Ich bin och sonst nit schlecht, ne ich bin brav,
min Lieblingswörtsche, heiss Kölle Alaaf!

Ich rode dir, loss niemals der Kopp hange,
lach doch im Leve nur dann wirst dich schon fange,
denn wenn de nit mi lachst, dat is verkeht,
sing doch dinn Muttersproch eh Kölsche Leed,
sing so wie ich, du bruchst dich nit zu schamme,
und hest de jrosse Forch (Furcht), dann singe mir zusamme,
wenn do dann einestags am Himmelspöötzje (Himmelpförtchen) stehst,
dann sag dem Petrus heimlich, still und leis:

Ich binne ne Kölsche Jung, watt willste mache?
Ich binne ne Kölsche Jung und tun jern lache.
Ich bin och sonst nit schlecht, ne ich bin brav,
min Lieblingswörtsche, heiss Kölle Alaaf!

Der Kölsche Jung, der hier scheu, ängstlich und schließlich doch selbstbewußt zu sprechen beginnt, ist in meinen Ohren ein Kind der Nachkriegsjahre. Er ist in bescheidenden, ja vielleicht sogar armen Verhältnissen aufgewachsen – die zerbrochene „Sammeltass“ deutet darauf hin. Ein Vater kommt nicht vor (wo ist er? Ist er im Krieg gefallen?), wohl aber die Mutter, an der er so hängt wie an keinem anderen Menschen. Die Umgebung, draußen auf der Straße, ist die der Furcht einflößenden „Schutzmänner“, denen man am besten aus dem Weg geht. Man entkommt ihnen, indem man mit ihnen spricht – einfach, ehrlich, aus dem Selbst heraus. Man flüstert Kölsche Wörtscher, und das mächtigste von ihnen ist „Kölle Alaaf!“. Es ist ein letztlich hilflos erscheinender, aber wirkungsvoller Seufzer, der zum Lachen und Singen einlädt und dem kleinen Bub die Scham der fehlenden Wertschätzung nimmt.

Kein Mensch hat dieses wunderbare Lied, das mich wie kein anderes an meine Kölschen Kinderjahre erinnert, so treffend und passend gesungen wie Hans Süper. Jedes Mal, wenn ich mir das Video seines offiziellen Abgangs von der großen Bühne anschaue, lockern sich  schon mit den ersten Zeilen die Tränen – ungehemmt, immer mehr, ein kleiner Strom, ich komme nicht dagegen an.

Gestern habe ich erfahren, dass Hans Süper im Alter von 86 Jahren gestorben ist. Ich werde mich immer an ihn erinnern – so lange, bis wir uns am „Himmelspöötzje“ wiedersehen:

Charaktere in meiner Nähe in SWR 2

Heute, am 3.12.2022, wird in der Sendung SWR 2 am Samstagnachmittag (ab 14.05 Uhr) eine Rezension meines neuen Buches Charaktere in meiner Nähe von Sina Weinhold gesendet.

Hier ist sie bereits zu hören:

Und hier meine Lesung aus diesem Buch: Ich lese die Erzählung „Die Auslöfflerin“

Allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs wünsche ich ein schönes Adventswochenende, verbunden mit der Solo-Partita in a-moll für Querflöte von Johann Sebastian Bach:

Kölner Advent 1

Der Advent ist eine Zeit der kleinen Präsente und Freuden, die auf das Weihnachtsfest vorbereiten.

Ich möchte in den nächsten Wochen einige Vorschläge machen, wie ein solcher Advent in meiner Geburtsstadt Köln zu erleben wäre.

Zum Beispiel durch einen Besuch der wunderbaren Ausstellung Magie Bergkristall im Museum Schnütgen, die anhand von 130 Ausstellungsstücken ein adventliches Leuchten kostbarer Steine inszeniert, wie man sie so noch nie gesehen hat:

https://museum-schnuetgen.de/Magie-Bergkristall

Nach dem Museumsbesuch könnte man in meinem italienischen Lieblingsrestaurant Luciano (Marzellenstraße 68-70) eine Mahlzeit bestellen und als Begleitung von meiner Seite ein Geschenk entgegennehmen: Die Hardcover-Erstausgabe meines Buches Venedig. Eine Verführung.

Fragen Sie Nunzio, den Besitzer, oder einen der Kellner danach, und er wird Ihnen ein von mir signiertes Exemplar aushändigen (eines pro Tisch). Viel Freude daran!

Papyrus

Als dieses Buch erschien, war die spanische Autorin Irene Vallejo vierzig Jahre alt. Sie hatte bereits mehrere Bücher veröffentlicht und vorher in Saragossa und Florenz Klassische Philologie studiert.

Begeistert, ja geradezu hingerissen von antiker Literatur schrieb sie für spanische Zeitungen Kolumnen, in denen sie ihr Wissen mit Erlebnissen des eigenen Alltags verband. Die Fähigkeit, Gelesenes so zu vermitteln, dass es wie ein Moment der Selbsterfahrung erscheint, hat danach zu diesem mit bedeutenden Preisen ausgezeichneten Buch geführt und viele Leserinnen und Leser geradezu sprachlos gemacht.

Was habe ich eigentlich auf den vielen Seiten alles gelesen? Und wie hat es diese scheherezadeartige Erzählerin geschafft, mich Seite für Seite zu unterhalten und gleichzeitig über vieles zu informieren, was ich bis dahin nicht wusste?

Die beiden Großkapitel widmen sich der Antike Griechenlands und Roms und springen zwischen kurzen Referaten, anekdotischem Erzählstoff und autobiografischen Geständnissen rasant hin und her.

Den Startschuss macht die große Bibliothek des alten Alexandria – und von dort geht es furios und rasant durch die Weltgeschichte des Buches im Altertum, mit überraschenden Ausblicken auf das Schreibmaterial, Schreibtechniken, Buchhändler, Frauenstimmen aus dem Bücherall und natürlich: Gegenwart und Zukunft des Buches.

Ein leidenschaftlich geschriebenes Buch, das kein „Sachbuch“ sein will – und gerade deshalb eine hoch interessante, packende Rarität!

  • Irene Vallejo: Papyrus. Die Geschichte der Welt in Büchern. Aus dem Spanischen von Maria Meinel und Luis Ruby. Diogenes 2022

Enzensbergers „TransAtlantik“

In der vergangenen Woche ist Hans Magnus Enzensberger gestorben. Marc Reichwein hat in einem Artikel in der Welt auf eines seiner ambitionierten Zeitschriftenprojekte aufmerksam gemacht: Die Zeitschrift TransAtlantik, die in den 80er Jahren so etwas wie ein deutscher New Yorker werden sollte:

https://www.welt.de/kultur/article242355049/Kai-Sina-ueber-Enzensbergers-Zeitschrift-TransAtlantik.html

Reichwein bezieht sich auf ein Buch von Kai Sina, das die Geschichte dieser Zeitschrift erzählt und gerade im Wallstein-Verlag erschienen ist.

Ich empfehle dieses Buch, und ich empfehle außerdem, antiquarisch eine der alten Nummern von TransAtlantik zu erwerben, die eine in Deutschland rare Eleganz ausstrahlen. Noch heute ist die Lektüre ein großes Vergnügen!

Vielleicht gelingt es sogar, die Juli-Nummer des Jahres 1981 zu kaufen. Dort finden Sie auf den Seiten 34-41 die Reportage eines damals noch jungen Schriftstellers: Erkundungen im Landesinneren…

Die Winterharten

In diesen kälter werdenden Tagen fallen die winterharten Pflanzen ins Auge. Man bückt sich zu ihnen herunter und fährt ihnen mit der Hand über Blätter und Stängel.

Mit ihren dominanten, monochromen und Beharrlichkeit ausstrahlenden Farben machen sie sich auf den trockenen, erstarrten Böden breit, als entlockten sie der Kälte eine fruchtbare Periode des winterlichen Atmens.

Sie ziehen sich nicht zusammen, sondern breiten sich aus, ihre Wurzeln reichen tief in die Erde und sondieren das  Gelände nach brauchbarer Nahrung.

Beständig gegen alle Widrigkeiten haben sie sich unauffälligen Schutz zugelegt – borstigen oder leicht stachligen Haarwuchs und den engen und nicht lösbaren Zusammenhalt ihrer Glieder.

Beinwell und Heiligenkraut – ihre Namen erinnern an alte Zauberformeln des Gesundbetens. Sie wollen sich vermehren, gleichgültig, wie kalt es ist. So überstrahlen sie die Erde mit ihrem ausufernden Wuchs.

Vor aller Augen

Was für eine fabelhafte Idee für eine Erzählerin! Die Schweizer Autorin Martina Clavadetscher hat sich neunzehn Porträts von Frauen angeschaut, die von bekannten Künstlerinnen oder Künstlern gemalt wurden.

In einem zweiten Schritt hat sie versucht, die Lebensgeschichten der Porträtierten zu erkunden. Wie hießen und wo lebten sie, wie kam es dazu, dass sie porträtiert wurden?

Solche Fragen führten zu ausführlichen Recherchen, zur Lektüre von reichlich Textmaterial, das sich im Hinter- oder Untergrund der Bilder angesammelt hatte.

Dieser genau recherchierte, faktische Stoff war die Grundlage für das eigentliche Erzählen: die Verwandlung des Faktischen ins Biografische, hier und da frei Erfundene!

Martina Clavadetschers Erzählungen machen die Porträtierten lebendig, sie führen aus der oft nur anonym gebliebenen Abbildung zu jenen Lebensprozessen, die auf den Bildern in vielsagenden Momentaufnahmen fixiert wurden.

Das Lesen der Bilder verwandelt sich in die Geschichten ihrer Entstehung – und die Porträtierten fangen „endlich“ (möchte man sagen) an zu sprechen und sich vom Dunkel der Geheimhaltung ihrer Herkunft und ihres Daseins zu befreien.

Was für ein gescheites, schönes Buch!

  • Martina Clavadetscher: Vor aller Augen. Unionsverlag 2022

(Allen Leserinnen und  Lesern dieses Blogs wünsche ich einen bedachten ersten Advent)