morgen, am Wieverfastelovend (Weiberfastnacht), beginnt meine Kölsche Ekstase-Woche. Bis Aschermittwoch bin ich mit vielen Freundinnen und Freunden in meiner Geburts- und Heimatstadt unterwegs.
Ich hoffe, Sie haben Verständnis dafür, dass ich in diesem Zeitraum keine Blogeinträge schreiben kann.
Um Sie zumindet musikalisch auch aus der Ferne teilnehmen zu lassen, hier ein TV-Beitrag zum sehr speziellen „Sound of Kölle“:
Ich lese gerade Hanns Zischlers Buch „Der Bleistift“ (mit Illustrationen von Hanna Zeckau), das in der schönen Reihe „Dinge des Lebens“ im Residenz Verlag erschienen ist.
Zischler liebt Bleistifte, und er betrachtet sie mit einer beinahe rührenden Anhänglichkeit so genau, als wären es kleine Lebewesen. Seine Bleistifte machen nicht viel her und tun sich nicht hervor, anders als „die spratzende Tinte, der krakeelende Kugelschreiber oder der wichtigtuerische Filzstift“. Stattdessen bleiben sie treue und lebenslange Begleiter und sind immer zur Hand, um kurze Notizen, geheime Zeichen oder auch malerische Skizzen aufs Papier zu bringen.
Betreut man sie gut, sind ihre Minen stets einsatzbereit und werden in Notfällen von einem Radiergummi begleitet. Ihre Herkunft ist eine aus Zeiten der Kindertage, als sie die auf Schiefertafeln kratzenden Griffel ablösten und zu einem Gebrauchsinstrument für jeden Alltag und die Seitentasche wurden.
Je länger man in Zischlers Büchlein liest, umso stärker wird man verführt, wieder in diese Atmosphären der frühen Tage einzusteigen, um geduldig und vor allem mit der Hand zu schreiben, zu zeichnen und zu malen.
Das kommt wissenschaftlichen Entdeckungen unserer Zeit entgegen, die zu einer Wiederbelebung des handschriftlichen Schreibens an Schulen führten. Es verbindet auf motorisch intensive Weise die Buchstaben mit dem Gehirn und lässt ihnen genug Zeit, um fortgesponnen und erinnert zu werden: „…er war einfach überall, unscheinbar, doch unübersehbar. Kein Spielzeug und kein Zauberstab.“ Es lebe der Bleistift!
Welche Wettbewerbe schaue ich mir während der Winterspiele in Cortina d’Ampezzo an? Auf jeden Fall den Eistanz – und hier besondern den, der von Madison Chock und Evan Bates („Flamenco“ ) präsentiert wurde!
Lebende Bilder, gezielte Bewegung – und leitende Musik – das fügte sich zusammen, deshalb musste es mir besonders gefallen.
(Am 6.02.2026 auch als Kolumne im „Kölner Stadt-Anzeiger“, S. 4)
Die Olympischen Winterspiele in Cortina d’Ampezzo vor siebzig Jahren waren die ersten, die ich miterlebt habe. Ich sah die Fernsehbilder zusammen mit anderen Jungs in unserem Mietshaus, in dem es einen freundlichen Mieter mit dem einzigen Fernseher gab. In kleiner Runde saßen wir dicht nebeneinander und versuchten zu begreifen, was wir live in Schwarz-Weiß sehen, oft aber noch nicht ganz begreifen konnten.
So gab es eine große Schanze mit Namen Trampolino, von der aus todesmutige Männer ins Tal abhoben. Ein Trampolin stand in unserem Garten, aber wir wären nie auf den Gedanken gekommen, es zu derart waghalsigen Übungen zu benutzen. Wir hüpften auf der Stelle, aber wir sprangen oder segelten nicht hinab in den Sandkasten.
Noch interessanter ging es bei den Skirennen zu. Auch hier waren die Unterschiede zu unserem kindlichen Gleiten auf wackligen Holzbrettern beträchtlich. Es gab einen Läufer, der alle Rennen (Abfahrt, Slalom und Riesenslalom) mit zum Teil großem Zeitvorsprung gewann. Er hieß Toni Sailer und wurde „der schwarze Blitz von Kitz“ genannt, weil er dichte, dunkle Haare hatte, schwarz gekleidet war und aus Kitzbühel stammte. Dort kauften schon bald Verwandte von uns eine kleine Ferienwohnung, um in der Nähe von Toni Sailer Skifahren zu lernen.
Anders als Skiläufer früherer Generationen trug er nicht mehr altmodische Knickerbocker wie unsere Väter, sondern taillierte, enganliegende Skikleidung, die man in die Schuhe steckte. Wenn er etwas gefragt wurde, gab er munter und lebenslustig Antwort, er wirkte überhaupt nicht wie ein verbissener Sportsmann, der zäh und hart trainierte, sondern eher wie ein Lebenskünstler, dem das Skifahren in die Wiege gelegt worden war.
Wenige Jahre nach der Olympiade hörte er dann auch damit auf, er hatte bereits drei Goldmedaillen und viele Weltmeistertitel gewonnen, nun wollte er als Schauspieler in Filmen oder als Sänger auftreten, der mit Liedern wie „Immer wenn es schneit, hab ich keine Zeit, für ein Rendezvous“ die Herzen eroberte.
So verfolgte uns Toni Sailer noch lange, er war der erste Sportler, der mehrere Leben zugleich und nacheinander führte und sich dafür allein durch rasant vorgeführten Sport qualifiziert hatte. Daher war er auch der erste, dem manche von uns Buben nacheiferten, ohne dass wir ihn bereits als Pop-Star der bunten 60er Jahre erkannt hätten. Zu dieser Zeit trugen wir Jungs chice Skianzüge, wir verbrachten Ferientage in Tirol, und einige benutzen sogar Brillantine, um der Frisur jenen Sitz und Glanz zu verleihen, den wir an Toni Sailers Haarpracht bewundert hatten.
Die Olympischen Winterspiele von Cortina d’Ampezzo im Jahr 1956 bedeuteten für uns junge Fernsehzuschauer den Aufbruch in die Zeit der bewegten und modernen Bilder, die aus Sportlern Leitfiguren und Vorbilder machten. Möglich wurde das auch dadurch, dass wir die Schule während der Spiele vergaßen und uns eine Zeitlang für nichts anderes mehr interessierten als Ski Alpin, Langlauf und Skispringen, gefolgt vom Bobsport, den wir auf unseren kleinen Schlitten kopierten.
Die Nachfolgespiele 2026 werden sechzehn Tage dauern, und ich habe den Verdacht, dass viele von uns auch diesmal den Sport-Nachrichten eher folgen als jenen aus aller Welt, die in den bekannten Nachrichtensendungen angeboten werden. Wir alt gewordene Jungs werden wieder vor dem Fernseher sitzen und danach Ausschau halten, wem wir diesmal eine große Karriere zutrauen. Statt vier Sportarten und acht Disziplinen wird es diesmal acht Sportarten und sechzehn Disziplinen mit 116 Medaillenentscheidungen geben.
Skibergsteigen ist zum ersten Mal dabei, diesen Wettbewerb kennen wir noch nicht. Er soll hohe Anforderungen stellen: ein Bergaufstieg mit Skiern, ein Weitergehen zu Fuß mit den Skiern am Rucksack in besonders steilem Gelände und eine Abfahrt ins Tal. Wir haben vor, diese Trias zu trainieren, vorerst nur im Hochsauerland. Doch wir sind guter Hoffnung, dass die fernen Berge der Alpen uns bald rufen werden. Für Rendezvous haben wir daher vorerst keine Zeit, aber das kann sich nach den Spielen durchaus noch ändern.
Allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs wünsche ich ein olympisch beschwingtes Wochenende und weitere schöne Tage mit dem Blick auf Cortina!
Morgen beginnt die Art Karlsruhe (05.-8.2.2026), und auch diesmal ist Dorothea vander Koelen, die Mainzer Galeristin, wieder mitbeteiligt und zeigt die Arbeiten ihrer Künstlerinnen und Künstler auf ihrem Stand.
Wie sie dabei vorgeht und welche kreativen Formate dabei eine Rolle spielen, erklärt sie in einem Video, das Aufschluss darüber gibt, wie die visuelle Sichtung Inspirationen umsetzt.
Auf Lesereise fuhr ich nach Freising, einen alten Herzogs- und Bischofssitz, nördlich von München. Die 1300jährige Geschichte wirkt im Stadtbild nach, das ich an einem Sonntagmorgen zunächst in der Realität und danach im Stadtmuseum in seiner winterlichen Wahrnehmung entdeckte.
Während eines bayrischen Weisswurst-Frühstücks ging ich diesen Spuren nach und freute mich, als ich im „Bayrischen Hof“ einen Flügel vorfand, an dem ich in freien Stunden üben und spielen konnte.
Heute, am 2. Februar, ist der Festtag Mariä Lichtmess. 40 Tage nach Weihnachten erinnert er daran, dass Jesus von seinen Eltern Maria und Josef in den Tempel von Jerusalem gebracht wurde.
Ich erinnere mich, dass dieser Festtag das Ende der Weihnachtszeit markierte. Der Christbaum und die Krippe verschwanden, und stattdessen wurden kleine Kerzen an den Fenstern platziert, als Hoffnungsboten der helleren Tage und des erhofften Frühlings.
Es ist ein Tag der Lichtsymbolik, die eine Komposition von Thomas Tallis (1505-1585) heraufbeschwört: „O Nata Lux“ …
Seit ich als Kind mit dem Schreiben begonnen habe, schreibe ich täglich und meistens mit der Hand. Heutzutage mit Bleistift und Feinliner, selten mit Tinte. Ich kann nicht anders, es ist anscheinend eine Gewohnheit, die ich nie mehr loswerde.
Momentan arbeite ich daran, Dokumente aus meinem großen Handschriften-Archiv auch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Und warum? Um die Freude am Schreiben (sowie am Zeichnen, Malen, Skizzieren) mit der Hand zu beleben.
In einem Artikel der „Frankfurter Rundschau“ hat Aleida Assmann ein Plädoyer für die Handschrift verfasst. Hier kann man ihn nachlesen:
Am Samstag, 31.1.2026, 18 Uhr, lese ich im Diözesanmuseum Freising aus den „Schwebebahnen“ und spreche mit Prof. Dr. Erich Garhammer (Universität Würzburg) über die Tiefenbezüge des Romans.
Allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs wünsche ich ein intensives Wochenende!
Im November 2026 werde ich fünfundsiebzig Jahre alt. Seit Jahresbeginn erinnern mich viele Freundinnen und Freunde daran und fragen, wo und wie und mit wem ich feiern werde. „Ich weiss es noch nicht, sondern lasse lieber alles auf mich zukommen“, sage ich laufend und schlage mir weitere Überlegungen aus dem Kopf.
Nicht verheimlichen kann ich aber, dass die Zahl 75 mich irritiert und so nervös macht, wie es noch keine andere Geburtstagszahl getan hat. „75!! Im Ernst?!“
Manchmal gerate ich sogar schon an ein Fotoalbum, in dem frühere Stadien meines Lebens gesammelt sind. Ganz altmodisch, zum Blättern! Damit ich den Ernst besser spüre.
Eine freundliche Leserin aus Wuppertal schickte mir in diesen Tagen den Begleitband zu einer Ausstellung über die „FörderungspreisträgerInnen des Landes Nordrhein-Westfalen“, die 1989 in der Stadtbibliothek Bochum stattfand.
In diesem Band entdeckte ich ein Foto, das meinen damaligen Erlebnisstand fixiert. Die Fotografin Sissi Mann soll es gemacht haben, das steht im Nachspann.
Aber – aber ich erinnere mich weder an das Foto noch an die Hintergründe genau. Was war damals los? Wer war ich? Ich staune, betrachte das Foto oft und durchmesse ein wenig unruhig die biografischen Zusammenhänge …
Elmar Krekeler, Kulturredakteur der Tageszeitung Die Welt, hat eine sehr lesenswerte und begeisterte Hymne über das Akkordeon geschrieben, das gerade zum „Instrument des Jahres“ gewählt wurde. Hier der Artikel, für dessen Bereitstellung ich Herrn Krekeler herzlich danke!
Allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs wünsche ich ein akkordeonbeseeltes Wochenende!
Es war ja nicht immer sehr nett, was dem Akkordeon in seiner Geschichte nachgesagt wurde. Schon allein deswegen hat es eigentlich verdient, „Instrument des Jahres“ zu werden. Dass es „Dolmetscher des Gassenhauers“ sei, dass es Töne produziere wie eine einschmeichelnde Prostituierte und sein Klang jeden Adels, jeder Schönheit entbehre. Dass ein Gentleman ein Mann sei, der Akkordeon spielen kann, es aber nicht tut, hat Tom Waits einmal bemerkt. Was aber natürlich ein selbstreferenzieller Treppenwitz ist, weil Waits‘ Werk ihn aufgrund hoher Akkkordeonverwendung als wenig gentlemanlike erweist.
Den Landesmusikräten, die seit 2008 ein Gerät zur Klangproduktion auswählen und im folgenden Jahr in den Fokus stellen, geht es nicht ums Abarbeiten einer roten Liste demnächst aussterbender Musikinstrumente – Akkordeon spielen solo und in Orchestern gegenwärtig mehr als 100.000 Deutsche.
Den Musikräten ist vor allem an Musikalien gelegen, deren Licht gern unter den Scheffel gestellt wird, Instrumente des sogenannten kleinen Mannes, um die gutmütigen Geräte, die immer noch draußen vor den Türen der bürgerlichen Hochkultur warten müssen. Die Tuba war einmal Instrument des Jahres, die Mandoline, das Drumset. Das Akkordeon, in dessen Lobeshymnen die Erwähnung des berühmten kleinen Mannes nie fehlen darf, erfüllt derart das Lastenheft der Landesmusikräte, dass man sich wundert, warum es nicht längst ausgezeichnet wurde.
Wobei der kleine Mann, der sich kein Klavier leisten konnte und lieber in den Kneipen saß als in den Kirchen oder Konzerthäusern und da auch Musik machen wollte, genau die Zielgruppe war, für die Cyrill Demian (1772 bis 1847), Klavier- und Orgelbaumeister zu Wien, sein Spielgerät entwickelte. Und es am 6. Mai 1829, Schubert war gerade ein halbes Jahr tot, als Patent anmeldete.
Ein Ding, das, hat mal jemand geschrieben, aussah und immer noch aussieht wie eine Mischung aus Klavier, Faltenrock und Registrierkasse und in dessen Innerem Luft an Metallplättchen vorbeigepresst wird, „welche ein Schnarrwerk mit durchschlagenden Federn bilden“ (so steht es im Patent). Die rechte Hand bedient Tasten für die Melodie, die linke Knöpfe für die Harmonien.
Hatte nicht viele Tasten und Knöpfe am Anfang. Inzwischen sind es manchmal 220. Und das „Accordion“ hat von allen im 19. Jahrhundert erfundenen Instrumenten – und davon gab es viele – die auf allen Kontinenten, in beinahe allen Ländern der Vereinten Nationen, bis in alle Mikrokulturen durchschlagendste Karriere gemacht. Es hat mehr (Kose- und Hass-)Namen und Bauformen, als zu erwähnen hier Platz wäre.
Musette, Quetschkommode, Schifferklavier, Bandoneon, Ziach, Bajan, Concertina, Treckfidel – an dieser Stelle müssen wir leider die Aufzählung unterbrechen. Und versuchen zu erklären, warum das Akkordeon zum globalen Instrument der vielen Heimatländer werden konnte, das wie ein gefräßiges Musikwesen, sich, wo es hinkam und hingebracht wurde, das jeweilige musikalische Volksgut einverleibte und verändert wieder von sich gab.
Der Siegeszug des Schifferklaviers hat mit Fluchtrouten zu tun und mit Reiserouten und mit der geradezu unheimlichen Beweglichkeit und Chamäleonhaftigkeit von Demians genialer Erfindung. Und ein eigenes Kapitel in der noch zu schreibenden Universalgeschichte des musikalischen Kolonialismus, weil das Akkordeon in seiner Art, populäre Musik zu fressen und zu verdauen, dafür sorgte, dass, wo es wirkte, vieles an nichtwestlicher Stimmung planiert wurde.
Aber wir wollen ja jetzt keine Kulturpolitik betreiben, sondern Kulturgeschichte. Das Akkordeon war weitgehend leicht (Konzertinstrumente haben jedoch mit ihren bis zu fast 15 Kilogramm Gewicht schon diverse Musikerrücken ruiniert). Es war verhältnismäßig leicht zu lernen. Seit dem Beginn seiner industrialisierten Herstellung ab Mitte des 19. Jahrhunderts relativ billig zu haben – ein Borsini, wie es der „Instrument des Jahres-Botschafter“ Ulrich Tukur auf der Bühne spielt, kostet allerdings um die 12.000 Euro.
Es machte, wo es in Wirtshäusern hinkam, relativ rasch kleinere Tanzkapellen arbeitslos. Und es kam halt an Bord der Schiffe aus Frankreich, Deutschland, Italien überallhin, brachte die Musik der Heimat mit, war offen für alle musikalischen Dialekte. Assimilierte sich im argentinischen Tango – als Bandoneon, der vom Krefelder Heinrich Band in seine endgültige Form gebrachte Akkordeon-Ableger, im südafrikanischen Township-Jive, im brasilianischen Forró, im Cajun der Südstaaten, bei den Schrammeln und der Stubnmusi in Österreich natürlich.
In Israel ist es, auch weil es zum Klezmer-Instrumentarium gehört, Volksinstrument, wer nicht Mandoline lernt, erzählt Omer Meir Wellber, Hamburgs Generalmusikdirektor, der lernt Akkordeon. Wellber lernte Akkordeon und er wurde ein fabelhafter Virtuose.
Es gibt dem Menschen in der Ortlosigkeit eine Stimme, einen Ort. Es kann alles sein, allem Klang geben. Kann weinen, schreien, triumphieren, es atmet und singt. Eine Dramaqueen und ein emotionales Trampeltier ist das Akkordeon. Eine Schwermutswurlitzer. In der Lage, aus jeder Kneipe eine Kathedrale zu machen. Und die Seele seines Spielers, mit dem es atmet, den es umschlingt, riesengroß.
Es hat bis tief ins 20. Jahrhundert gedauert, bis die Handorgel mit eigenen, neuen Stücken Aufnahme fand in den klassischen Musikbetrieb. Inzwischen ist es – auch durch das erfolgreiche Werben und Wirken von Musikern wie Omer Meir Wellber, wie Ksenija Sidorova, wie Mie Miki – doch mit etlicher Literatur gesegnet, Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ gibt es als Bearbeitung, Mozart Klavierwerke, Rachmaninoffs „Vocalise“.
In den Jazz haben es Bandoneonistas wie Dino Saluzzi und Astor Piazzolla integriert, Joe Zawinul hat als Akkordeonist angefangen, was man dem Multikeyboardspiel des österreichischen Tastenklangwilden bis zum Schluss anhörte. Das Akkordeon baut Brücken überallhin und im Widerspruch zu seinem immer noch bräsigen Image gern in die Moderne.
In der Weltmusik begegnen einem Akkordeon-Ableger naturgemäß an jeder musikalischen Straßenkreuzung. Der Tiroler Herbert Pixner und der Oberösterreicher Hubert von Goisern revolutionierten an ihren Steirischen die Volksmusik, Lydie Auvray mit ihrem Knopfakkordeon die gute alte französische Musette-Tradition, mit der dann später Yann Tiersen in seiner musettelastigen Musik zur „Wunderbaren Welt der Amelie“ spielte.
Paul Simons „Graceland“ verdankt sich einer südafrikanischen Akkordeonkassette, und „Graceland“ wiederum verdankt das Akkordeon dem späten Gipfel einer ziemlich langen roten Klanglinie durch die Rock- und Popmusik. John Lennon hat es gelernt, Tom Waits hatten wir schon, sobald es folkig wird, wird am Balg gezogen. Bei Springsteen, zuletzt bei Arcade Fire. Wer mehr lesen will über die Kulturgeschichte des Wechselbalges lese nach in Christoph Wagners „Das Akkordeon und die Erfindung der populären Musik“. Eines der schönsten Bücher übers Instrument des Jahres ist E. Annie Proulx‘ „Das grüne Akkordeon“, das Stationendrama einer 1890 auf Sizilien gebauten Fisarmonica durch ein halbes Jahrhundert amerikanischer Sozialgeschichte. Ein Roman, der auf allen Knöpfen des Akkordeons spielt.
Wenn also demnächst Ihr Kind mit dem Beschluss um die Ecke kommt, statt Opas Geige, Omas Steinway oder Papas Oboe Quetsche lernen zu wollen: Seien Sie gnädig und froh. Es wird noch im letzten Winkel der Welt eine musikalische Heimat finden.