Aperitivo

Ich lese gerade, ach nein, ich schaue und blättere gerade in Aperitivo. Die Kunst des guten Essens vor dem Essen“, bei Dumont erschienen.

Ohne mich vorerst in Ideen zu dieser Kunst zu vertiefen, lasse ich die bunte Galerie der kleinen fotografierten Essobjekte an mir vorüberziehen – und bei jeder einzelnen mache ich einen kurzen Halt, weil ich sie am liebsten sofort auf einen schmalen Tisch im Freien zaubern würde. Um sie zunächst nur lange zu betrachten, dann vorsichtig zu kosten, ganz vorsichtig, nicht gleich zuviel – denn es handelt sich um nichts anderes als Minimal Art.

Die mit Ricotta, Basilikum, Knoblauch und getrockneten Tomaten gefüllten und gegrillten Auberginenröllchen! Der fermentierte schwarze Knoblauch auf strahlendweißer Burrata, gekrönt von einer eingelegten Sardelle! Oder die winzigen Mozzarelline mit Petersilienbesatz, Zitronenabrieb, Knoblauch und einem Schuss Peperoncino!

Die Rezepte tun einfach und erinnern an die Elternsprüche bei Betrachtung abstrakter Kunst: Das kann mein Kind auch! Von wegen! Jede Nuance ist hier ein starker Akzent, und der Zusammenklang dieser Akzente ergibt jeweils einen vollen, eigenständigen Raumkörper und die Erfahrung eines unvorstellbar verführerischen und nachwirkenden Genießens.

Hinter all diesem Zauber stecken Mercedes Lauenstein und Juri Gottschal, die vor vielen Jahren das Onlinemagazin Splendido gegründet und schon mehrere Bücher veröffentlicht haben (darunter welche mit den passendsten Speisen zum Erleben der vier Jahreszeiten auf italienische Art).

Jedes Mal geht es keineswegs nur um eine Mahlzeit oder nur um das Essen, sondern um die Einheit von Stimmung und Freude an reduzierter Intensität. „Aperitivo“ beschert alles, was man am späten Nachmittag, im Kreis einer gut gelaunten Gesellschaft, auf der Zunge langsam zergehen lassen kann, bevor der schwerere Abend die Glocken läutet.

Aperitivo
Aperitivo

Italia 2026

(Am 17. Juni 2026 auch als Kolumne im „Kölner Stadt-Anzeiger“, S. 4)

Auch in diesem Jahr bin ich mit meiner berüchtigen Kölner Crew (wir sind allesamt 70+!) rechtzeitig zu Beginn der Vorsaison an die adriatischen Strände in den Süden aufgebrochen! Wie stehts und geht’s diesmal in Italien? Mal sehen!

Nach wir vor ist die Lebenserwartung so hoch wie sonst nirgends in Europa, besonders hoch ist sie aber in der Region der Marken, wo wir uns bereits gegen 10 Uhr zum „Salute al sole!“ mit anderen über Siebzigjährigen zur Gymnastik am Meer treffen. Exzellent ist hier besonders das Training der Hüften, was die Hüftoperationen in dieser Gegend nach unten hat schnellen lassen. „Uno, due, tre …“, wir machen begeistert bin und wirbeln mit den Hüften, was das Zeug hält.

Gegen 11 Uhr sind die Ragazzi gefordert, deren lange Sommerferien gerade begonnen haben. Giorgia Meloni hat in den Schulunterricht eingegriffen und das Schreiben mit der Hand (nach dem Vorbild von Schweden und anderen nordischen Ländern) wieder auf das Programm für die kommende Saison setzen lassen. Angetan beobachten wir, dass die jungen Leute gegen Mittag im Schatten der Strandbars mit Kuli und Feinliner Danteverse abschreiben und das sogar noch durch lautes Vorlesen toppen.

Die Eltern liegen dann längst am Strand und konzentrieren sich bereits auf die zentralen Mittagsfragen: Linguine con salmone oder Tortellini con ragù? Die Debatten verlaufen erregt und klammern jede politische Nuance aus. Was Giorgia bevorzugt, ist nämlich weitgehend egal. Egal ist aber nicht, welche Nudelsorte Herr Sinner laufend im Fernsehen empfiehlt. Die italienischen öffentlich-rechtlichen Programme senden Werbung den ganzen Tag, und Herr Sinner ist gegenwärtig der absolute Star, niemand cremt die Haut so dezent und nachsichtig mit der besten Sonnencreme ein und zupft die Pasta derart locker auf den Teller.

So ist die Vorsaison der Beginn einer unendlich nachwirkenden Gelassenheit, durch keine quertreibenden Feierdonnerstage gestört, die in Deutschland als Brückentagelemente dazu dienen, das halbe Land zu durchqueren, um am Tegernsee eine Weisswurst zu essen oder in Kampen auf Sylt ein vom Schriftsteller Christian Kracht kulinarisch getestetes Fischbrötchen zu kauen.

Selbst der Sport greift nicht störend ein, denn Italia hat sich in weiser Voraussicht, die Schönheit der stillen Tage zu bewahren, nicht für die Fussball-WM qualifiziert. Die Spiele interessieren hier kaum einen Menschen, und da das so ist, werden sie auch nur von speziellen Bezahlsendern angeboten. Die öffentlich-rechtlichen haben nur mit den Schultern gezuckt und angewidert mitgeteilt, dass man sich für eine WM in den USA sowieso nicht hergegeben hätte. Trump und mickriger Fussball?! Beides zusammen?! Oh nein, das ginge zuweit!

Nach der mehrstündigen Mittagssiesta schwimmen wir weit hinaus, bis zu den formschönen Riffen. Am späten Nachmittag ziehen am Himmel Scharen von Drohnen auf, die sämtliche Positionen der wagemutigsten Schwimmer exakt orten. Von kurzfristig eingeschalteten Hubschraubern aus sind stechende, warnende Pfiffe aus Soprantrillerpfeifen zu hören, allesamt auf Verdis bekannteste Opernmelodien gepolt. Wir winken kurz zurück und machen uns auf den Rückweg in unser Strandhotel, wo die neusten Sommerhits im Teesalon in angenehm kleiner Besetzung ohne Gesang intoniert werden. Wir schwingen wieder die Hüften, diesmal aber ohne Kommando, einfach so.

Linguine oder Tortellini? Am Abend stellen sich solche Fragen nicht. Wir geben uns dem Fisch- und vor allem dem Weingenuss hin. Angesagt sind die überaus seltenen Bomboletti, kleinste Meeresschnecken, die man mit spitzen, hölzernen Zahnstochern aus ihrem Gehäuse zieht und auf der Zunge mit einem Schuss Weisswein kombiniert. Das Meer, der Himmel und Spuren von Erde begegnen sich dadurch, und wir wiederholen die schönen Sentenzen des großen Pianisten András Schiff, der uns auf Instagram soeben versichert hat: Italien ist das schönste Land Europas, nirgends ist die Luft so fein, und nirgends flirren die Finger so emphatisch über die schwarzweißen Tasten! Alles ist prachtvoll, rundum …- wir stimmen zu!

Fragebögen

1972 veröffentlichte der Schweizer Schriftsteller Max Frisch (1911-1991) in seinem Tagebuch 1966-1971 elf Fragebögen mit jeweils 20 bis 25 Fragen, die seine Leserschaft aus dem Schlummer der bloß passiven Lektüren riss. Jeder Fragebogen zielte auf ein bestimmtes Thema (wie etwa Ehe, Freundschaft, Frauen, Heimat oder Tod).

Die Fragen regten zu einem offen erscheinenden, bohrenden Nachdenken an und umkreisten, ohne auf eindeutige, einsilbige Antworten zu zielen, das Profil der biografisch grundierten Einstellungen zum Leben („Welche Eigenschaften schätzen Sie an Ihren Freunden am meisten?“/ „Warum haben Sie geheiratet oder warum haben Sie es nicht getan?“/ „Möchten Sie wissen, wie Sie sterben werden?“ etc.).

Max Frisch Fragebogen
Max Frisch

 

Vor kurzem ist die junge Schweizer Schriftstellerin Julia Rüegger (geb. 1994) diesen Wegen nachgegangen, um sie zu aktualisieren und, da wo es notwendig erscheint, von manchen heute chauvinistisch erscheinenden Akzenten zu befreien. Methodisch ist sie dabei Max Frisch weitgehend gefolgt. Ihr Buch „Sind Ihre Wunden gut verheilt?“ enthält ebenfalls elf Fragebögen mit über zwanzig Fragen und behandelt hier und da auch die alten, bekannten Themen.

Aber es gibt eben auch neuere, gegenwärtigere Fragen aus der Jetztzeit („Worauf stehen Sie?“/ „Wann fühlen Sie sich näher bei sich selbst – als Single oder wenn Sie in einer Liebesbeziehung sind?“/ „Wann haben Sie angefangen, sich für Sex zu interessieren, oder damit aufgehört?“)

Julia Rüegger
Julia Rüegger

 

Lässt man sich auf solche Fragebögen ein, verwandelt man sich während ihrer Beantwortung in ein Wesen mit deutlichen Konturen – in eine Figur, eine Gestalt, eine Person. Genau darin liegen die literarisch hoch interessanten Valenzen der Fragen. Sie verführen dazu, Teil von Geschichten zu werden, Rollen zu spielen, Bekenntnisse zu formulieren.

So gesehen, sind sie Vorstufen zu Entwürfen oder Skizzen von Texten, im Stadium ihrer Entstehung.

Ich empfehle, ein solches Fragen selbst einmal auszuprobieren und zu beobachten, wohin es einen Schritt für Schritt bewegt und führt. (Vielleicht möchten Sie mir auch Beispiele der Fragen schicken, die Sie sich selbst stellen? ortheil.hannsjosef@gmail.com)

Literarische Cookies der Leserinnen und Leser

Ich hatte die Leserinnen und Leser dieses Blogs gebeten, den Beispielen von Francis Scott Fitzgeralds „Notebook“-Eintragungen zu folgen und mir kurze Notate (Cookies) zu schicken. Das haben auch einige getan. Ich habe sie sacht lektoriert und veröffentliche hier eine kleine Auswahl:

Literarische Cookies

Der Geruch von frisch gemähtem Gras drang durch das weit geöffnete Fenster.

Die Sonne spiegelte sich im Wasser der Lagune und erhellte die Fassaden der Palazzi.

Der Bahndamm – jetzt ist dort der Sommer los. Unartiges Kraut, Gräser, Wildnis, die mit wenig Humus auskommt. Glockenblumenblau, Storchschnabelrot, Schafgarbenweiß.
Becherblüten, Dolden und Rosetten. Am Bahnhof angekommen, auf den Zug wartend, eine Frau mit blauem Auge. Der Mann neben ihr mit sommererhitztem Gesicht.

Beim Blick in das Rezeptheft der Großmutter ist mir, als ob sie ganz nah hinter mir stünde. Beherzt schlägt sie Eier auf. Jeder Griff sitzt so sicher wie ihre Zeilen auf den Linien.

Graupelschauer im Mai. Ich steige vom Rad und erwarte das Schauspiel unter
einem Baum. Eiskörner schlagen auf den Asphalt. Kleine Geschosse,
wenige, dann immer mehr. Jedes springt einmal auf und flitzt dann pfeilgerade ein Stück weiter, um danach urplötzlich liegen zu bleiben. Nach wenigen Augenblicken ein dunkelgrauer feuchter Fleck, der langsam trocknet.

Das seltsame Gefühl beim Beobachten alter Leute – und man selbst ist plötzlich kaum jünger als sie.

Im Stadtpark zwei laut schnatternde junge Frauen mit wehenden Röcken in ihrer Mittagspause: „…und stell dir vor: Da habe ich das Glück meines Lebens – und stehe im falschen Haus… “

Einem alten, fast vergessenen Lebensstädtchen impulsiv um den Hals fallen – wie einer wiedergefundenen heimlichen Liebe.

Durstig vom Wandern, führt mich der Weg in einen Klosterhof mit Trinkbrunnen. Für einen Augenblick das größte Glück!

Immer wenn ich an den Waldsee komme, strahlt er viel Ruhe aus, und fast jedes Mal läßt mich das leicht gewellte Wasser an Aquarelle denken: Kann man die Stimmung malen?

Der Blick eines fünfjährigen Mädchens aus dem Fenster des Steineren Hauses auf den gerade erst von Trümmern befreiten Römerberg der sechziger Jahre.

Beim Abschied wünscht die ältere Frau mit dem blonden Kurzhaarschnitt an der Kasse des Supermarktes der Käuferin einer hellroten Eckspannmappe in DIN A4 Format freundlich „Frohe Pfingsten“.

Diese rätselhaften Kreationen auf dem Teller – enthusiastisch machte ich mich an das Entschlüsseln.

Glaubensbekenntnis (auf brauner Kraftpapiertüte): Wir glauben an gute Getreidemahlung, ein Handwerk, das Himmel und Erde vereint.

Beim ersten Morgenlicht lauschen die wilden Sittiche den Liedern anderer Vögel. Später kreischen sie, forte.

Überfüllte U-Bahn – ein Mann mit Sitzplatz, dunklem Teint und weißem Hemd markiert Sätze seiner Lektüre neongelb.

Sonntagmorgen, und ich stehe um sechs Uhr auf, weil ich meinen Magnet nicht finde.

Vielen Dank – das war eine beachtliche Folge!

Eine aktuelle Bücherliste

Ein Leser dieses Blogs hat mich gebeten, zum Sommerbeginn mal wieder eine kleine Liste der Bücher zu veröffentlichen, die ich gerade lese. Möglichst bunt, Sachbücher und Belletristik gemischt, ohne lange Kommentare. Das mache ich gern:

  1. Padgett Powell: Roman in Fragen. Übersetzt von Harry Rowohlt.
  2. Dirk von Petersdorff: Wir Kinder der Leichtigkeit.
  3. Robert Seethaler: Die Straße.
  4. Lukas Bärfuss: Königin der Nacht.
  5. Daniela Dröscher: Sprechen.
  6. Anne Weber: Jumping Mouse.
  7. Gilles Deleuze: Über die Malerei. Aus dem Französischen von Bernd Schwibs
  8. Francis Scott Fitzgerald: Drei Stunden zwischen zwei Flügen. Ausgewählt und mit einem Nachwort von Daniel Kampa.
  9. Dolores Prato: Unten auf der Piazza ist niemand. Übersetzt von Anna Leube.
  10. Simone de Beauvoir: Die Zeremonie des Abschieds und Gespräche mit Jean-Paul Sartre. Übersetzt von Uli Aumüller und Eva Moldenhauer.

Medtner

Nikolai Medtner war ein russischer Pianist und Komponist (1879-1951), der in Moskau geboren wurde, am dortigen Konservatorium studierte und später auch lehrte, nach der Oktoberrevolution aber seine Heimat verließ und in Berlin, Paris und London lebte.

In letzter Zeit haben viele bekannte Pianisten seine Werke für Klavier wieder entdeckt und nehmen sie in ihr Programm auf. So auch Daniil Trifonow, der ein Stück von Medtner (aus den „Fairy Tales“/Märchen) als Zugabe spielte.

Damit verbunden, wünsche ich allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs ein märchenhaftes Wochenende!

Kopfsteinpflaster 2 (lektoriert)

So, hier folgt jetzt die von mir lektorierte Version des Textes „Kopfsteinpflaster“, den eine freundliche Leserin mir geschickt hatte. Sie haben jetzt ausreichend Zeit, die beiden Versionen miteinander zu vergleichen und daraus Ihre Erfahrungen abzuleiten. Viel Vergnügen!

Das Kopfsteinpflaster des Priesterwegs gibt mir Rätsel auf. Jeder Pflasterstein entwirft ein modernes abstraktes Bild. Die Farben eines ins Visier genommenen Steins: altrosa mit anthrazitfarbenen Einsprengseln und einer Ablagerung in Form einer schwarzen Diagonalen. Bei längerem Draufschauen wird das Muster größer, dann wieder kleiner, es flackert. Die Farben eines grauen Steins entwickeln sich nach und nach zu einem hellen Blau mit schwachen teegelben Schattierungen. Breite Moospolster zwischen den Steinen. Auf manchen kleine grünweiße Flechten, die sich mit ihrem Untergrund unlösbar verbinden. Die Flechte scheint den Stein zu beherrschen, nicht umgekehrt. In der wohltuenden Ungleichmäßigkeit einzelner Exemplare zeigt sich die Intuition von Steinbrecher und Steinklopfer, und es zeigt sich allmählich auch der einzelne Handwerker. Hatte er genug zu essen? Liebte er Frau und Kinder? Lebten sie beengt, alle in einem Raum? War er abends völlig erschöpft, todmüde, fühlte er sich krank? Wie ging es seinen Knien, seinem Rücken? Scherzte er mit den Kollegen? Blickt man etwas nach oben, sieht man das gleichmäßige Muster der Straße, das schräg zwischen den Einfassungen rechts und links verläuft. Die Wegränder bestehen aus besonders sorgfältig ausgewählten gleichmäßig hintereinander gestapelten Steinen, wie Randmaschen von einem gestrickten Schal. Steht man aufrecht und schaut in die Ferne, sieht man eine geschlossene Decke, die das Auge als eintönigen Asphalt interpretiert. … Am Horizont ein Heer von Arbeitern … * * * Je trockener das Wetter, desto unansehnlicher und monotoner das Pflaster. Die Steine sind meist glatt, manche jedoch auch aufgeraut, oder sie zeigen Werkzeugspuren, z. B. von einem Keil, Ecken und Kanten uneben oder abgebrochen. Einigen sieht man an, dass sie sich auch für Skulpturen oder hochwertige Hauswände eignen. Sie sind elegant und machen was her. Ein Stein ist durchtrennt, aber der Steinklopfer hat das abgetrennte Stück sorgfältig angefügt, sodass der ganze Stein in seinem Zustand vor dem Bruch erkennbar ist. Ich kann mir vorstellen, wie er die kleine Ecke nimmt, sie in den Stand neben das große Puzzlestück presst und mit wenigen gezielten Schlägen festsetzt. Die ruhige Gegenwärtigkeit des Arbeiters hat sich dem Kopfsteinpflaster eingegraben. Nach getaner Arbeit dann sein sofortiges Vergessen. * * * Das Kopfsteinpflaster öffnet sich mit jedem Tag mehr. Ein Stein, durch den sich ein blutroter Strom windet, einer, grau wie die Dämmerung, anthrazitfarbene Wolken, etwas Licht in der Spitze ganz oben rechts. Winzige weiße Einschlüsse in einem sonst ebenmäßigen Hellgrau. Pusteln und Entzündung auf einem dunklen Rücken. Ein farblich herausragender sehr heller Stein, etwas uneben, wellig. Letztendlich lassen sich Steine mit nichts vergleichen außer mit sich selbst. Man hat ihnen Gewalt angetan, aber sie sind unempfindlich dafür. Man hat sie zerkleinert und zurechtgehauen und an einen anderen Ort verbracht. Ein gleichmäßig Dunkelgrauer, Schieferfarbener, durch den sich ein Fluss gegraben hat, ein Tal, und ein kleiner See, alle Vertiefungen sind beige, mit feinem Sand gefüllt. Ein Farbloser, der gar nicht auffällt, der die gleiche Farbe hat wie der schmutzige kiesdurchsetzte Sand, der ihn umgibt. Was wohl dabei herauskommen würde, wenn man die Steine ausgraben und nach Form, Farbe, Beschaffenheit sortieren würde? Wahrscheinlich wurden sie nach der Anlieferung mit einem Pferdefuhrwerk auf einen Haufen gekippt, dann von den Steinhauern wahllos herausgegriffen und nach Gespür in den Boden gelegt. Die Fachsprache der Geologen kenne ich nicht. Lohnt es sich, sie zu lernen? Ich könnte dann klangvoller darüber schreiben, über Porphyre oder Grauwacke zum Beispiel. Käme ich dadurch der Sache näher? Goethe hatte beruflich mit Gestein zu tun. Beiläufig lässt er sich während der Fahrt in seiner Reisekutsche auf dem Weg gen Süden über Dolomit aus. Sich mit dem vermeintlich Leblosen befassen, vielleicht ist das die Botschaft der Steine? Die Beschäftigung damit beruhigt mich. Aber die Ableitungen, die sich aus der stillen Betrachtung der Steine ergeben, katapultieren mich aus der Gegenwart. * * * „Thomas“, sage ich zu meinem Begleiter beim nächsten gemeinsamen Spaziergang, „kannst du bitte kurz innehalten und mir deine Gedanken zu dem Untergrund sagen?“ „Was?! Das ist halt Kopfsteinpflaster.“ „Ja, und weiter?“ „Jeder Stein ist ein Unikat, was nicht gleich erkennbar ist.“

*

Kopfsteinpflaster 2 – Lektorieren

Bevor ich die von mir lektorierte Fassung des Textes Kopfsteinpflaster morgen in diesem Blog veröffentliche, einige kurze, einleitende Überlegungen zum Lektorieren und Nachdenken!

1) Ich mache mich durch mehrmaliges langsames Lesen mit dem Text vertraut. 2) Ich versuche, ihn von Inhalt und Struktur her zu erfassen. In diesem Fall ist es ein kurzer Prosatext als innerer Monolog einer Ich-Erzählerin. 3) Wie ist das Verhältnis von Inhalt und Struktur? Das Verhältnis beruht auf fortlaufender, punktueller Beobachtung eines Weltausschnitts, wodurch ein steter, gleichmäßig verlaufender Erzählrhythmus entsteht. 4) Wohin führt das als ganzes? Es führt zu dem Versuch, das gleichmäßige Beobachten auf einen Sinn zu befragen. 5) Der könnte am Ende darin bestehen, nichts Übergeordnetes zu fixieren, sondern das schweifende Beobachten von Stein zu Stein als „sinn-voll“ zu begreifen.

Wie könnte das Lektorat auch anders verlaufen? Ich könnte der Verfasserin des Textes Varianten vorschlagen (Erzählen in der 3. Person?/ Sprunghafteres Erzählen?/ Einbeziehen von menschlichen Figuren?/ Ausbauen des Dialogs am Ende als Resumé des Ganzen? etcetc.)

Das alles aber werde ich bei dem vorliegenden Text nicht tun. Ich möchte ihm als Lektor folgen (und ihn nicht umformen etc.). In seiner jetzigen Struktur gefällt er mir genau deshalb, weil er ein konkretes Beobachtungsfeld berührt und nicht springt.

Deshalb widme ich mich ihm. Ich mache mit und streiche höchstens hier und da kleinere Passagen/Stellen, die der Homogenität des Textes entgegenstehen (wie etwa die Einführung einer Figur).

Resumé: Ein förderndes Lektorat sollte entstehen, das den guten Text ein wenig schlanker, straffer und energischer macht, seine schweifende Struktur aber beibehält.

So, jetzt kennen Sie einige Anregungen für das Lektorieren und können sich selbst an die Arbeit machen, um den Text „Kopfsteinpflaster“ zu lektorieren.

Kopfsteinpflaster 1 (unlektoriert) – ein Experiment

Eine Leserin hat mir den folgenden Text („Kopfsteinpflaster“) geschickt. Ich habe ihr vorgeschlagen, ihn in diesem Blog zunächst unlektoriert zu veröffentlichen und an einem der nächsten Tage meine lektorierte Fassung zu bringen. 

Damit war sie einverstanden, wofür ich herzlich danke. Denn auf diese Weise entsteht ein Experiment: Als Leserinnen und Leser dieses Blogs können Sie unlektorierte und lektorierte Version miteinander vergleichen und erkennen, wie ein Textlektorat vorgeht (wonach ich häufig gefragt werde). 

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Das Kopfsteinpflaster des Priesterwegs gibt mir Rätsel auf. Jeder Pflasterstein, einzeln betrachtet, ergibt ein modernes abstraktes Bild. Die Farben eines ins Visier genommenen Steins: altrosa mit anthrazitfarbenen Einsprengseln und einer Ablagerung in Form einer schwarzen Diagonalen. Bei längerem Draufschauen wird das Muster jeweils größer, dann wieder kleiner. Es flackert. Die Farben eines grauen Steins entwickeln sich nach und nach zu einem hellen Blau mit schwachen teegelben Schattierungen. Breite Moospolster zwischen den Steinen. Auf manchen Steinen kleine grünweiße Flechten, die die Kraft haben, sich mit ihrem Untergrund schier unlösbar zu verbinden. Die Flechte scheint den Stein zu beherrschen, nicht umgekehrt. Geht der Blick langsam vom Einzelnen zum Allgemeinen, geht er vom Ästhetischen zum Uniformen: In der wohltuenden Ungleichmäßigkeit einzelner Steine zeigt sich die Intuition, das Gefühl und die Erfahrung von Steinbrecher und Steinklopfer. Es zeigt sich allmählich der einzelne Handwerker, der Mensch. Hatte er genug zu essen? Liebte er Frau und Kinder? Lebten sie beengt, alle in einem Raum? War er abends völlig erschöpft, todmüde, fühlte er sich krank? Wie ging es seinen Knien, seinem Rücken? Scherzte er mit den Kollegen? (Sein Name war Martin und er trank zu viel.) Hebt man die Augen sieht man das gleichmäßige Muster der Straße, das schräg verläuft zwischen Einfassungen rechts und links. Die Wegränder ihrerseits bestehen aus besonders sorgfältig ausgewählten gleichmäßig hintereinander gestapelten Steinen. Wie Randmaschen von einem gestrickten Schal. Steht man ganz aufrecht und sieht in die Ferne, sieht man eine geschlossene Decke, die das Auge im Zusammenspiel mit dem Gehirn als eintönigen Asphalt interpretiert. … Am Horizont ein Heer von Arbeitern als gesichtslose historische Masse … * * Der Pfad schwingt sich – wie im Großen ein Pass um die Berge im Gebirge – um die Unebenheiten in der Fläche. Je trockener das Wetter wird, desto unansehnlicher und monotoner wird das Pflaster. Die Steine sind im allgemeinen ganz glatt, manche von ihnen sind jedoch auch aufgeraut oder zeigen Werkzeugspuren, z. B. von einem Keil, Ecken und Kanten sind uneben, abgebrochen. Einigen der Steine sieht man an, dass sie sich auch für Skulpturen oder hochwertige Hauswände, sogar für repräsentative Gebäude eignen. Sie sind elegant. Machen was her. Ein Stein ist ganz durchtrennt, aber der Steinklopfer hat das abgetrennte Stück sorgfältig angefügt, sodass der ganze Stein in seinem Zustand vor dem Bruch vorhanden und erkennbar ist. Ich kann mir vorstellen, wie er die kleine Ecke nimmt, sie in den Stand presst neben das große Puzzlestück und sie mit wenigen gezielten Schlägen festsetzt. Die ruhige Gegenwärtigkeit des Arbeiters (Martins), sein Instinkt, hat sich dem Kopfsteinpflaster eingegraben. Nach getaner Arbeit dann sein sofortiges Vergessen. * * * Das Kopfsteinpflaster öffnet sich mit jedem Tag mehr und zeigt sein Wesen. Ein Stein rötlich, durch den sich ein blutroter Strom windet, einer, grau wie die Dämmerung, anthrazitfarbene Wolken, etwas Licht in der Spitze ganz oben rechts. Winzige weiße Einschlüsse in einem ansonsten ebenmäßigen Hellgrau. Pusteln und Entzündung auf einem dunklen Rücken. Es gibt einen Stein der danach benannt ist. Nach einer Tierhaut (Bezeichnung leider vergessen). Ein farblich herausragender sehr heller Stein, vergleichbar mit – einem Stein, wahrscheinlich Granit, etwas uneben, wellig. Letztendlich lassen sich Steine mit nichts vergleichen außer mit sich selbst. Man hat ihnen Gewalt angetan, aber sie sind unempfindlich dafür. Glaube ich. Man hat sie zerkleinert und zurecht gehauen und an einen anderen Ort verbracht. Ein gleichmäßig Dunkelgrauer, Schieferfarbener, durch den sich ein Fluss gegraben hat, ein Tal, und ein kleiner See, alle Vertiefungen sind beige. Mit feinem Sand gefüllt. Ein Farbloser, einer der gar nicht auffällt, der die gleiche Farbe hat wie der schmutzige kiesdurchsetzte Sand, der ihn umgibt. Was wohl dabei herauskommen würde, wenn man die Steine ausgraben und nach Form, Farbe, Beschaffenheit sortieren würde? Wahrscheinlich wurden sie seinerzeit nach der Anlieferung mit einem Pferdefuhrwerk einfach auf einen Haufen gekippt, dann von den Steinhauern wahllos herausgegriffen und nach Gespür in den Boden gelegt. Die Fachsprache der Geologen ist mir völlig unbekannt, auch unverständlich. Lohnt es sich, sie zu lernen? Ich könnte dann wohlklingender darüber schreiben, über Porphyre, Grauwacke usw. Käme man dadurch der Sache näher? Goethe hatte beruflich mit Gestein zu tun. Beiläufig lässt er sich über Dolomit aus während der Fahrt in seiner Reisekutsche auf dem Weg gen Süden (wahrscheinlich häufig über Kopfsteinpflaster). Sich mit dem vermeintlich Leblosen befassen, vielleicht ist das die Botschaft der Steine? Die Beschäftigung damit beruhigt mich. Aber die Ableitungen, die sich aus der stillen Betrachtung der Steine ergeben, katapultieren mich aus der Gegenwärtigkeit. * * * „Thomas“, sage ich zu meinem Begleiter beim nächsten gemeinsamen Spaziergang, „kannst du bitte kurz innehalten und mir deine Gedanken zu zu dem Untergrund hier sagen?“ „Was? Das ist halt – Kopfsteinpflaster?“ „Ja? – Und weiter?“ „….jeder Stein ist ein Unikat…was durch die Verstreutheit nicht gleich erkennbar ist.“

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Ich wünsche ein schönes Wochenende!

Literarische Cookies

Am vergangenen Samstag (23. Mai 2026) habe ich in der ausverkauften SALA ORTHEIL in Wissen/Sieg (www.salaortheil.de) Francis Scott Fitzgeralds geniales „Notebook“ („Der Moment der Schönheit“, übersetzt von Helmut Moysich) vorgestellt. Darin hat er jahrzehntelang seine Eindrücke und Beobachtungen von Charakteren, Atmosphären, Emotionen, Handlungen, Dialogen, Ideen u.a gesammelt und in knapper Notatform festgehalten.

Einige Beispiele. Atmosphären: „Im Sommer war Musik im Haus etwas Merkwürdiges; gestört vom lauten Summen der Ventilatoren legte sie sich unruhig über die vibrierende Hitze.“ (S. 45) Gefühle: „Die prickelnde Staccato-Freude der Begegnung.“ (S. 74) Beschreibungen: „Ein Stirnrunzeln, ein haarfeiner Schatten zeigte sich zwischen ihren Augen.“ Ideen: „Weit verstreute, getrennt lebende Familie erbt ein Haus, wo jetzt alle zusammenleben müssen.“ (S. 113) Charaktere: „Einmal versuchte ich, auf einer Fähre eine echte Schiffsparty steigen zu lassen.“ (S. 139)

Die knappen, hochgradig verdichteten Sequenzen sind eine ideale Schatz- und Übungskiste für das eigene Schreiben.

Fitzgerald hat diese skizzenhaften literarischen Details (ich nenne sie „literarische Cookies“) später in Segmente seiner Romane verwandelt.

Der Moment der Schönheit

Für Fitzgeralds Techniken begeistere ich mich seit langem, auch deshalb, weil sie meinem eigenen Notizverfahren ähneln. Darüber schreibt der Journalist Elmar Hering in seinem Feuilleton über den Abend in Wissen (Rhein-Zeitung): Fitzgeralds Arbeitsweise „ist Ortheil  nicht völlig fremd. Er selbst fertigt seit vielen Jahren Notizen an, sichert somit Gedanken und Alltägliches. Auch als Professor für Kreatives Schreiben vermittelte er diese Methode. Kein Wunder, dass er prädestiniert war, den „Moment der Schönheit“ mit einem Essay einzuleiten.“

Liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs. Jetzt ist Zeit, dass Sie auch einmal aktiv werden. Schicken Sie mir doch bitte bis zum Wochenende zwei bis drei Cookies, jeweils in einem Satz oder in wenigen Sätzen! (ortheil.hannsjosef@gmail.com)

Ich freue mich darauf und werde einige Ihrer Texte (ohne Namen zu nennen) veröffentlichen!