Pauline blickt wieder in den Garten 2

Pauline hat angerufen und erzählt, sie blicke jetzt wieder lange in den Garten, weil sie den Blick von dem strahlend-weiß blühenden Azaleenstrauch nicht abwenden könne. Nein, sie könne es einfach nicht.

Kaum habe sie sich abgewendet, ziehe es sie wieder ans Fenster, sie sperre es auf und schaue erneut in den Garten. Der weiße Azaleenstrauch erscheine ihr wie eine Begleitung, eine Begleitung im Mai.

Was sie damit meine, fragte ich, und Pauline schwieg einen langen Moment. Dann sagte sie, der weiß blühende Azaleenstrauch habe etwas von einem Kleid, ja, von einem weit ausschwingenden Kleid. Manchmal komme es ihr so vor, als lade seine Erscheinung sie ein, in dieses Kleid zu schlüpfen.

Ob ich ihr folgen könne, fragte Pauline, und ich schwieg einen langen Moment und sagte dann: Doch, ja, Pauline, ich kann Dir folgen…

Einen schönen Sonntag wünsche ich den Leserinnen und Lesern dieses Blogs!

Der Wuppertaler SV in einem Endspiel

Heute spielt der Wuppertaler SV im Endspiel des Niederrhein-Pokals gegen den SV Straelen. Gewinnt die Mannschaft dieses Spiel, hat sie sich für die Hauptrunde des DFB-Pokals qualifiziert, in der attraktive Gegner auf sie warten.

Ab 16.15 Uhr verfolge ich das Endspiel, das leider nicht im alten Stadion am Zoo stattfindet, sondern in Duisburg.

Der Zoo lag auf einem Hügel oberhalb des Stadions, in dem der WSV seine Heimspiele austrug. Da wir Jungs uns diesen Besuch nicht leisten konnten, gingen wir in den Zoo. Für den besaßen wir Dauerkarten, und von dort konnten wir die Spiele gut verfolgen.

Wenn das Stadion sich füllte, befiel die Tiere in ihren Käfigen eine starke Unruhe, als trainierten sie. Die Elefanten trampelten auf der Stelle, die Aasgeier schlugen Flanken, und die Affen spielten Doppelpass. Nur die Seehunde mochten keinen Fußball, sondern Formel 1-Rennen, und so rasten sie im Kreis durch ihre viel zu kleinen Becken und ließen das Wasser überschwappen. Wir machten mit und begleiteten den Furor der Tiere mit einem großen Geschrei, das bis in die Stadionreihen hallte.

Um den Aufruhr Einhalt zu gebieten, wurde ein hoher, dunkler Zaun errichtet, der den Zoo vom Stadion trennte. Prompt drehten die Tiere den Spielen den Rücken zu und stellten jedes Interesse an deren Verlauf für immer ein. Stattdessen widmeten sie sich den Besuchern und verwickelten sie in seltsame Spiele, denen wir dann exotische Namen gaben: Nashornschweigen, Arahüpfen, Tigerkreisen.

Kamen wir am späten Abend erschöpft nach Hause zurück, erkannte man uns nicht wieder, so sehr hatten wir mit den Tieren sympathisiert, während wir die Spiele im Zoo ignorierten.

Mailandschaften

In diesen dunkelgrünen Tagen übertreffen die Mailandschaften alles Sichtbare sonst. An den Rändern der Landstraßen schäumen die gelben Ginsterhecken auf und ziehen schon von weitem Fluchten in die Ebenen.

Rhododendren und Azaleen werfen ihre Blüten dem Licht entgegen, und in den schattigen Zonen der Gehwege schaukeln sich im leichten Wind die Maiglöckchen ein.

Goldregen schüttelt sich an den Zäunen, und im diffusen Astlicht der Laubbäume, die stärker und dreister leuchten denn je, warten die stillen Seen auf die ersten Schwimmer.

Man möchte nirgendwohin, man möchte bleiben, ganz unbedingt bleiben. Genau hier. Genau jetzt – in  all den Wochen der schönen Mailandschaften.

Pauline blickt in ihren Garten

Meine allein lebende Freundin Pauline ist krank. Jeden Morgen blickt sie in ihren Garten, in dem das Gras angeblich bedrohlich wächst und sich zu dichten Grünmatten zusammentut. Pauline mag gar nicht mehr hinschauen, deshalb hat sie mich angerufen und vorsichtig gefragt, ob ich ihr helfen und Gras mähen könne. Nicht zuviel, aber doch so, dass aus dem Garten wieder eine übersichtliche Erscheinung werde.

Natürlich bin ich gleich zu Pauline geeilt, habe den Rasenmäher aus dem Geräteschuppen geholt, ihn angeworfen und mit dem Mähen begonnen.

Ich muss hinzufügen, dass ich Rasenmähen mit einem lauten Mäher nicht mag. In früheren Jahrzehnten war das noch anders, da wurde in unseren Gärten zweimal im Jahr mit der Sense gemäht, und ich war als Kind jedes Mal dabei und hielt den Wetzstein in der Hand. Mähen mit der Sense verläuft langsam und sinnlich, die Sense schwingt sich durchs Gras, wischt die Halme energisch zur Seite und lässt sie als lange Streifen ermüdet liegen.

Mähen mit einem lauten Benzinmäher dagegen verläuft anders. Der Mäher rattert gegen das Gras an, schleudert die klein geschnittenen Halme erregt zur Seite, bläst sie zusätzlich fort und hinterlässt eine kahle Spur.

Da das Gras im Garten meiner Freundin hoch stand, musste ich mich mit dem Mäher durch die Bestände kämpfen und Schleusen bahnen. Ich bemerkte, dass es um Akte roher Gewalt geht und dass ich, je länger ich mähte, immer dreister und besessener mähte. Der Garten sollte erbleichen und blass in seinen gemähten Spuren erstrahlen. Mich hatte ein Furor gepackt, und ich hörte nicht auf, bis der gesamte Rasen gemäht war.

Das ist also das Geheimnis des Mähens mit Benzinrasenmäher, dachte ich, das Ganze ist eine aggressive Orgie wahrscheinlich vor allem für Männer, die mal den Wüterich rauslassen wollen.

Pauline war mit mir sehr zufrieden. „Wenn wieder gemäht werden muss, bin ich hoffentlich gesund“, sagte sie. – „Bestimmt“, antwortete ich, „denn dann bin ich leider im Süden…“

Die westerwäldische Heimat in SWR 2

Vorgestern habe ich vor der Veranstaltung in Fellbach („Heimat-en“) mit der Moderatorin Mareike Gries ein Gespräch über meine „Urheimat“ im Westerwald und mein neues Westerwald-Buch („Unterwegs im Westerwald“) geführt. Es wird heute in „SWR 2 am Nachmittag“ gegen 15.08 Uhr gesendet (Länge etwa 15 Minuten). Hier ist es bereits jetzt zu hören:

https://www.swr.de/swr2/literatur/unterwegs-im-westerwald-hanns-josef-ortheil-100.html

Am Schluss dieses Gesprächs komme ich auf Domenico Scarlatti zu sprechen. Da diese Musik nicht in dem aufgezeichneten Beitrag erscheinen darf, stelle ich sie den Leserinnen und Lesern dieses Blogs hier zur Verfügung.

Viel Freude mit alldem und ein schönes, sonniges Wochenende!

Das Kuriosum der Ur-Heimat

Herr Ortheil, wo ist Ihre Heimat?

Ich habe eine Ur-Heimat, die befindet sich in dem westerwäldischen Ort Wissen/Sieg, in dem meine Großeltern und Eltern gelebt haben und später auch gestorben sind.

Die Häuser und Lebensräume meiner Ahnen und Urahnen bestehen alle noch und werden heutzutage von meinen Verwandten (Cousinen, Vettern etc.) bewohnt. Wenn ich mich in  den Biergarten meines Vetters setze, der neben dem Gasthof meiner väterlichen Großeltern liegt, setze ich mich an einen Ort, der bis ins frühe 20. Jahrhundert zurückreicht und fast unverändert ist. Die schönen Linden hat mein Großvater pflanzen lassen, das Landbrot mit feinem Schinken stand schon auf der Speisekarte von 1910.

Sie leben aber doch auch in Stuttgart und in Köln, ist das richtig?

Ich lebe etwa die Hälfte eines Jahres in der Ur-Heimat – in meinem in den fünfziger Jahren von meinen Eltern erbauten Elternhaus. Damit verbinde ich noch immer die stärksten Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend. Wenn ich an einem größeren Projekt arbeite, ziehe ich mich dorthin zurück, gehe viel spazieren und schwimmen und genieße die ländliche Ruhe der Höhenzüge des Westerwaldes.

In Köln habe ich eine kleine Wohnung, die ich zusammen mit anderen Bewohnern nutze. Köln ist die Großstadt meiner Kindheit, etwa eine Stunde Zugfahrt von der Ur-Heimat entfernt. Beide Welten stehen aber in engem Kontakt, auch in Köln kann ich sehr gut arbeiten und denken, nur anders als im Westerwald – schneller, gegenwärtiger, was dann meist zu aktuellen, journalistischen Texten führt, von denen viele im „Kölner Stadt-Anzeiger“ erscheinen.

In Stuttgart schließlich lebe ich in einem großen Gartengelände, das war und ist der Versuch einer Zweiten, Neuen Heimat – ein Anlauf, der sich aus familiären Konstellationen ergab. Stuttgart ist die Stadt, die ich seit vierzig Jahren durchlaufe und umkreise: eine Stadt ohne Kindheitserinnerungen, ein Studium der Fremde, die ich mir in Bruchstücken aneigne. Letztlich ist es ein Experiment der Beheimatung.

Gibt es eine Musik, die sie mit der Ur-Heimat verbinden?

Ja, das kleine Stück Kind im Einschlummern aus den Kinderszenen von Robert Schumann. Etwas mehr als zwei Minuten. Da ist alles drin: Das einsetzende Abdriften in die Fantasiewelten des Traums, das letzte Verweilen in den Tagesbildern, das Tröstliche beim Abschiednehmen von den vitaleren Lebenswelten – also das ganze heimatliche Bei-sich-Sein.

So ein Juwel konnte nur Robert Schumann komponieren, niemand sonst.

Die Suche nach Heimat

Am kommenden Donnerstag (12. Mai 2022), 19 Uhr, unterhalte ich mich in dem schön gelegenen Weinort Fellbach (bei Stuttgart) mit den Schriftstellerinnen Anna Katharina Hahn und Iris Wolff, moderiert von Silke Arning, über die Bedeutung, die sehr unterschiedliche Formen und Geschichten von Heimat für unser Schreiben haben. Bei dieser Gelegenheit spreche ich auch über mein neues Buch „Unterwegs im Westerwald“ (Insel-Taschenbuch). Dazu lade ich die Leserinnen und Leser dieses Blogs sehr herzlich ein:

Literatur und literarische Arbeit

Liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs,

gestern habe ich Ihnen in diesem Blog eines der neuen Bücher vorgestellt, das unsere Sicht auf Literatur und literarische Arbeit verändern und beleben könnte.

Am kommenen Montag, den 9. Mai 2022, spreche ich um 19.30 Uhr im Literaturhaus Stuttgart mit der Autorin Carolin Amlinger („Schreiben“, gerade bei Suhrkamp erschienen) und der Literaturagentin Karin Graf  genau über diese Themen.

Über Ihre Teilnahme vor Ort würde ich mich besonders freuen. Wer nicht anreisen kann, mag den Abend am Monitor/Bildschirm/Smartphone etc. verfolgen.

Ein schönes, kreatives Wochenende wünscht ihnen Hanns-Josef Ortheil- bis Montag!!

Die genaueren Informationen zu Montagabend finden Sie genau hier:

https://www.literaturhaus-stuttgart.de/event/schreiben-und-literarische-arbeit-5260.html

Wovon die Literatur (auch) lebt

Die Vorstellungen davon, wie Schriftstellerinnen und Schriftsteller existieren und wie sie ihr Leben finanzieren, sind noch immer stark idealisiert. Sie haben mit den schöngeredeten Fantasien über ein Leben zu tun, das sich in risikofreier Einsamkeit selbstbezogen organisiert.

Solche Träume sind Jahrhunderte alt, doch sie bestimmen auch noch immer die Fantasien des Lesepublikums, das die Literatur nur zu gern als ein Terrain genialen, kreativen Schaffens imaginiert.

Den kritischen Blick auf solche Fantasien schärft eine Anthologie, die nach den Lebensbedingungen der Schreibenden fragt und nach den Strukturen, mit deren Hilfe sie ihr Leben von Tag zu Tag organisieren.

Sie besteht aus konkreten Erfahrungs- und Erlebnisberichten von beinahe zwanzig Autorinnen und Autoren, die bestehende Schamschwellen überspringen und offen davon erzählen, wie sie das Schreiben als „Arbeit“ neben den Brotjobs anderer, meist nicht freiwilliger „Arbeiten“ betreiben. Ich empfehle:

Brotjobs & Literatur. Hrsg. von Iuditha Balint, Julia Dathe, Kathrin Schadt und Christoph Wenzel. Verbrecher Verlag 2021