Olympische Momente 6

Allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs

wünsche ich einen erholsamen Sonntag –

verbunden mit einer Shigin-Lesung einer japanischen Rezitatorin,

die ein Gedicht in traditioneller Weise vorträgt –

und der Empfehlung eines Kochbuchs über japanisches Kochen

(Tim Anderson: Japan Easy Vegan. Südwest Verlag),

in dem auch über die Rituale, Regeln und Besonderheiten

japanischer Mahlzeiten in kleineren oder größeren Runden

nachgedacht wird.

Olympische Momente 5

Gestern dachte ich über Sportarten nach, in denen die Sportlerin oder der Sportler allein mit sich selbst sind  und der Körper in einem zeitlich begrenzten Verlauf solistisch zum Einsatz kommt.

Das zeigte heute besonders schön der belarussische Trampolinspringer Iwan Litwinowitsch, der für seine Kür die Goldmedaille erhielt.

Seine Bewegungen vermessen den Raum: Extreme Höhe, Rückkehr auf das zentrale Kreuz – und die Plastik des Körpers verschwindet zugunsten einer Animation, die den Körper ausblendet und ihn als ein Raumobjekt erscheinen lässt. Was man sieht, ist Bewegung an und für sich, losgelöst von subjektiven Spuren, Schwerelosigkeit im All einer Halle.

(Meine Empfehlung: Den wiederum miserablen Kommentar vor der Präsentation ausschalten…)

https://tokio.sportschau.de/tokio2020/videos_audios/videoaudioindex166_archiveID-videoarchiv512_page-2_videoID-olympia8990.html

Olympische Momente 4

Die Vielfalt der Sportarten, die in Tokio gezeigt werden, lässt mich darüber nachdenken, wie sie sich unterscheiden.

Es gibt solche, in denen die Sportlerin oder der Sportler allein mit sich selbst sind (Bodenturnen, Laufen, Schwimmen etc.). In einem zeitlich begrenzten Verlauf kommt der Körper solistisch zum Einsatz. Die Konfrontation mit seinen Regungen und Widerständen führt zu einer hohen Form der Selbstbeobachtung, die sich in einer konzentrierten Gestik niederschlägt.

Die Zuschauer erleben solche Auftritte als Aktionen mit einem mehr oder minder starken theatralischen Gestus, der unterschiedliche, äußerliche Gradi der Präsentationen erlaubt.

Es gibt aber auch Sportarten, in denen die Sportlerin oder der Sportler mit einem dinglichen Gegenüber agieren (Kanufahren, Rudern, Bogenschießen etc.). Hier kommt der Körper in einem zeitlich begrenzten Verlauf im dualen Zusammenspiel zum Einsatz.

Solche Sportarten zeigen im idealen Fall besondere Formen von Eleganz: in der Beherrschung der Sportgeräte und in den Gradi ihrer „Einverleibung“.

Als einen Höhepunkt solcher Darbietungen habe ich den Kanu-Slalom der Kanutin Ricarda Funk erlebt, der mit einer Goldmedaille belohnt wurde.

Der Einsatz des Kanus vervielfältigt die körperlichen Aktionen und wird von den starken Wasserströmungen auf extreme Weise herausgefordert. Dadurch entsteht ein virtuoser Tanz inmitten der Wellen und Strudel, den man als Zuschauer sprachlos verfolgt (hier leider mit einem miserablen Kommentar der Reporterin, der zeigt, wie man sportliche Schönheit totreden kann…):

 

Olympische Momente 3

Die Rhetorik der Sportkommentare kann auf mehreren Ebenen verlaufen.

Die erste ist die informative, neutrale (oder auch wertende): Daten, Raum- und Zeitangaben, Benennungen und Beschreibungen von Bewegungsabläufen (in sachlichem, beobachtendem Gestus).

Die zweite ist die emotionale: Das Erfassen und Signalisieren der„spannenden“, bewegenden, das Publikum psychisch aktivierenden Momente (in mitgehendem, zuspitzendem Gestus).

Die dritte ist die literarische: Die Wahrnehmung des sportlichen Geschehens aus einer sich in Metaphern, Umschreibungen und Lyrismen artikulierenden Distanz (in erzählendem, retardierendem Gestus).

Die vierte ist eine zusätzliche, eher selten vorkommende: Das Einbetten des Geschehens in die Biographien und Lebenswelten der Sportlerinnen und Sportler (in epischem, ausholendem Gestus).

Gestern hat Sportkommentator Carsten Sostmeier auf allen vier Ebenen während der Kommentierung des Dressurwettbewerbs der Reiterinnen geglänzt. Ich folge seinem Kommentar und zitiere teilweise wörtlich…:

Zu Beginn  wird auf das kleine Gut Aubenhausen nördlich von Rosenheim gezoomt, wo die Reiterin Jessica von Bredow-Werndl lebt. Gleich kommt ihr großer olympischer Moment, wo sie zusammen mit ihrem Pferd Queen zur Königin des Abends werden könnte.

Die Stute trägt sie nicht nur auf dem Rücken, sondern auch im Herzen. So geht sie mit dem Pferd tanzen und macht das Pferd zur Tänzerin… – und wir bewundern (wunderschön!) das Wechselspiel von Schubkraft, Tragkraft und Schubkraft, während die Reiterin erscheint: wie gemalt!

Die Hürden kommen mit den unvorhersehbaren Schrecksmomenten, die der Kommentar elegant pariert: Schulterfreier, starker Trab, huch, ein kleiner Vertreter. Und, meisterhaft: Schade, das Pferd muss etwas abwerfen, schade, dass es die Einerwechsel im Entréebereich etwas veräppelt, ein natürlicher Vorgang im unpassenden Moment…, doch dieses Mißgeschick lächelt Jessica von Bredow-Werndl einfach aus dem Viereck!

So etwas Fantastisches gab es noch nie in der Geschichte des olympischen Mannschaftssports, haucht der Kommentator am Ende, die Emotionen galoppieren durch seinen Körper, und er schließt als Hymnuschorknabe: Ihr seid die Königinnen des Abends, Deutschland ist weiterhin das Königreich in der Mannschaftsdressur!

Dafür steht man schon mal auf von seinem Kommentatorplatz und verneigt sich, vor den Reiterinnen, ihren Pferden und nicht zuletzt: vor sich selbst…

https://tokio.sportschau.de/tokio2020/videos_audios/videoaudioindex166_archiveID-videoarchiv512_page-3_videoID-olympia8356.html

Auf Deutschlandreise 11 – Ausstellungen im Sommer 2021 (4)

Liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs, ich hatte Sie gebeten, meine Listen zu interessanten Ausstellungen in diesem Sommer um eigene Vorschläge zu erweitern. Das haben Sie in großer Zahl getan, vielen Dank!

Hier ist die Zusatzliste der Leserinnen und Leser:

Bärnau, Deutsches Knopfmuseum: Knopfkunst und Historische Knöpfe (Bis 31.10.)

Dresden, Zwinger: Edward Hopper (25.9. bis 9.1.)

Düren, Papiermuseum: Strange Papers – Die seltensten handgeschöpften Papiere der Welt (Bis 26.9.)

Eichenau, Pfefferminzmuseum: Peter Blab (6.6. bis 26.12.)

Essen, Museum Folkwang: Global Groove. Kunst, Tanz, Performance und Protest (13.8. bis 14.11.)

Frankfurt, Deutsches Filmmuseum: Katastrophe. Was kommt nach dem Ende? (14.7. bis 9.1.)

Frankfurt/Main, Städel: Frei. Schaffend. Die Malerin Ottilie W. Roederstein (20.7. bis 16.10.)

Freiburg, Museum für Neue Kunst: Piktogramme, Lebenszeichen, Emojis. Die Gesellschaft der Zeichen (7.5. bis 12.9.)

Hamburg, Kunsthalle: Toyen (10.9. bis 13.1.)

Hildesheim, Dommuseum: Leere und Form (Bis 15.8.)

Kassel, Schloss Wilhelmshöhe: WasserLust. Badende in der Kunst (16.5. bis 12.9.)

Köln, Museum für Ostasiatische Kunst: 100 Ansichten des Mondes (17.9. bis 9.1.)

Leipzig, Deutsches Buch- und Schriftmuseum: Kunst und Protest und das Ende der DDR (Bis 30.12.)

Mainz, Dom- und Diözesanmuseum: Die Macht der Mainzer Erzbischöfe. Von Bonifatius zum Naumburger Meister (verlängert bis 31.10)

Mainz, Gutenberg-Museum: Noten für die Welt (16.7. bis 7.11.)

Schefflenz, Literatur-Museum: Augusta Bender 1846 – 1924

Wiesbaden, Museum: Von Kühen, edlen Damen und verzauberten Landschaften Oder Von der Liebe zur Malerei. Neues aus dem 19. Jahrhundert (30.4. bis 26.9.)

Worms, Museum der Stadt im Andreasstift: Hier stehe ich. Gewissen und Protest 1521-2021 (3.7. bis 30.12.)

Zülpich, Museum der Badekultur: Kinder, Kinder! Vom Badefrust zur Badelust (13.3. bis 5.9.)

Olympische Momente 2

Der schöne Moment gestern Morgen, als es beim Wettbewerb der Bogenschützinnen auf den letzten Schuß ankam. Lisa Unruh musste als dritte der Mannschaft schießen und die Zehn treffen. Man schaute in ihr hochkonzentriertes Gesicht, erlebte den Augenblick, als sie den Pfeil losließ und sah, dass er genau in den mittleren Kreis der Scheibe traf! Die Zehn! Michelle Kroppen, Charline Schwarz und Lisa Unruh hatten die Bronzemedaille gewonnen.

Und es passte wenig später dazu, von Michelle Kroppen zu hören, dass sie vor Jahren eine eher unruhige Person gewesen sei und das Bogenschießen ihr Leben verändert habe. Sie sei viel gelassener geworden und könne das Leben stärker wahrnehmen als zuvor.

Das erinnerte mich an Zen in der Kunst des Bogenschießens, ein sehr lesenswertes Buch des Philosophen Eugen Herrigel, der vor fast hundert Jahren nach Tokio gereist war und dort mehrere Jahre gelehrt hatte. Vor Ort hatte er das japanische Bogenschießen studiert und mit seinen Erkenntnissen über Grundlagen der Mystik verbunden.

Noch heute ist Herrigels Buch (nach über vierzig Neuauflagen) ein Klassiker über das japanische Denken und daher eine ideale Begleitlektüre zu den Einzelwettbewerben im Bogenschießen, die bevorstehen…

Hier der Zeitplan:

https://de.wikipedia.org/wiki/Olympische_Sommerspiele_2020/Bogenschie%C3%9Fen

Olympische Momente 1

Was waren die starken Momente während der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Tokio?

Der Einzug der argentinischen Mannschaft? Die Szenen des Kabuki-Theaters (über die Roland Barthes u.a. in Das Reich der Zeichen geschrieben hat)? Die leuchtenden Drohnen einer imaginierten Weltkugel am nächtlichen Himmel? Die Entzündung des olympischen Feuers durch Naomi Osaka? …

All das waren starke Momente, besonders berührt hat mich aber der plötzliche und unerwartete Auftritt der japanischen Jazzpianistin Hiromi an einem Flügel: als habe sie sich in die Feier verirrt, als wollte sie ein Konzert geben…

Hiromi hatte das Glück, schon in der Kindheit zweigleisig unterrichtet zu werden. Sie spielte klassische Musik, lernte aber auch die Traditionen des Jazz kennen. 2009 hat sie ihr erstes Solo-Album (Place to Be) veröffentlicht, 2019 das zweite (Spectrum).

Daraus hier ein Ausschnitt…, um den olympischen Moment zu vertiefen:

Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele

Heute überträgt das ZDF von 12.10 Uhr bis 17.00 Uhr die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Tokio.

Eine Annäherung an das japanische Denken und Fühlen hat der französische Schriftsteller und Philosoph Roland Barthes (1915-1980) in seinem Buch Das Reich der Zeichen (edition suhrkamp) entworfen. In vielen miniaturhaften Essays konzentriert er sich jeweils auf ein einziges Detail des japanischen Alltags, das er während einer Japan-Reise beobachtet und studiert hat: Das japanische Schreiben, die japanische Küche, das traditionelle japanische Theater – und viele mehr.

Dieses Buch lebt von der reinen Freude des Kennenlernens. Barthes lässt sich sehend und meditierend auf Objekte und Szenen ein, ohne sie mit westlicher Begrifflichkeit zu überziehen. Seltener Fall: Die asiatischen Welten „sprechen für sich“…

Führe ich heute nach Japan (wann tue ich es endlich?), würde ich das Buch von Roland Barthes fortsetzen. Schreiben würde ich dann zum Beispiel über die Shakuhachi, eine japanische Bambusflöte, deren Töne so anders klingen als die westlicher Flöten. So entstehen keine Melodien, sondern Klangvolumen.

Die Töne der Shakuhachi füllen den echolosen Raum Ton für Ton. Sie tragen ihn lange, lassen ihn schweben und dehnen ihn fortschreitend, bis er sich hält.

Kall, Eifel

Manchmal, wenn ich im Kölner Hauptbahnhof auf den Zug nach Wissen, Sieg wartete, fuhr noch eine andere Regionalbahn ein, Kall, Eifel war der Zielbahnhof. Jedes Mal, wenn ich das las, dachte ich an den Schriftsteller Norbert Scheuer, der in meinen Augen so etwas wie ein literarischer Verwandter ist.

Er lebt seit ewigen Tagen in Kall, und er hat über die Menschen und die Landschaften seines Heimatortes viele Bücher geschrieben. Ein Band mit Erzählungen heisst wirklich Kall, Eifel, so dass der Zielbahnhof der Regionalbahn zugleich ein Buchtitel ist.

Norbert Scheuer fährt von Köln nach Kall, Eifel – so wie ich von Köln nach Wissen, Sieg fahre – das habe ich oft gedacht.

Gestern hat Norbert Scheuer in der Süddeutschen Zeitung einen langen, sehr eindrucksvollen Bericht darüber veröffentlicht, wie er das Hochwasser in und um Kall erlebt hat. Am Schluss hat er auch von der Buchhandlung Pavlik erzählt, in der seit Jahren immer seine Bestellungen abgeholt hat.

Nobert Scheuer schreibt:

Die Buchhandlung Pavlik in der Bahnhofstraße existiert nicht mehr. Am Montag habe ich noch dort angerufen, mir die Reclam-Ausgabe der Lieder von Sappho bestellt. „Natürlich, Sie können das Buch morgen hier abholen“, war die freundliche Auskunft von Thomas Pavlik, der tatsächlich die meisten Bücher, die er verkauft, gelesen hat, so auch das von Sappho, denn er zitiert gleich einige Zeilen. Pavlik und seine Frau waren vor einigen Jahren in die Eifel gezogen und wagten es, in unserem Städtchen eine Qualitätsbuchhandlung mit Beratung aufzumachen. Bald konnten sie die Ladenräume vergrößern, dann kamen die Viruswellen. Aber sie überlebten die erste, die zweite und die dritte dieser Wellen relativ gut, doch diese ganz reale Flutwelle wird die kleine Buchhandlung wahrscheinlich nicht überstehen. Das Einzige, was sich noch im Schlamm der Ladenräume findet, ist eine dicke, fette Kröte, die sich hier ganz wohl zu fühlen scheint, ansonsten wurde alles fortgeschwemmt.

Dass die Buchhandlung Pavlik das Unwetter nicht überleben wird, darf nicht sein. Auf ihrer Homepage ist immerhin von einem „geplanten Neubeginn“ die Rede, verbunden mit der Bitte, diesen Neubeginn durch eine Spende zu unterstützen:

https://buchhandlung-pavlik.buchhandlung.de/shop/

Liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs – helfen Sie den Pavliks beim Neuaufbau, das ist meine herzliche Bitte!