Der Westerwälder Wolf

Im Landschaftsmuseum Westerwald in Hachenburg ist der Westerwälder Wolf zu sehen, der im April 2013 von einem aus dem Kölner Raum stammenden Jäger für einen streunenden Hund gehalten und erschossen wurde. Er ist etwa zwei Meter lang und wiegt dreißig Kilo.

Daneben findet man in diesem Museum sehenswerte Installationen früherer Lebensformen und Kulturen: Wohnräume, Küchen, Schlafstätten, Scheunen, Dorfschulen. Der Rundgang führt anhand vieler originaler Objekte tief in die Geschichte zurück, illustriert den westerwäldischen Raum und regt viele Rückschlüsse auf die in dieser Landschaft entstandenen Mentalitäten an, die erst langsam ins Bewusstsein der dort lebenden Menschen gedrungen sind.

Hachenburg ist nicht weit von meinem westerwäldischen Heimatort Wissen/Sieg entfernt. Sollte man sich entschliessen, an der im dortigen Kulturwerk stattfindenden Geburtstagsfeier und Präsentation meiner beiden neuen Bücher (Ombra und Ein Kosmos der Schrift) am 5.11.2021 (18 Uhr) teilzunehmen, könnte man das mit einem Abstecher nach Hachenburg verbinden.

Ortheil in „Kunscht“!

Heute Abend (14.10.) sendet der SWR (Fernsehen) in Kunscht! (22.45 – 23.15 Uhr) einen Beitrag über den Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil!

Hier auch in der Mediathek:

https://www.ardmediathek.de/video/kunscht/persoenlichstes-werk-hanns-josef-ortheil-und-sein-roman-ombra/swr-fernsehen/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzE1NDc5NzU/

Auf meinem Nachttisch 4

Ende August/Anfang September 2021 habe ich mit den Leserinnen und Lesern dieses Blogs über Nachttisch-Lektüren nachgedacht (siehe die drei Einträge dieses Zeitraums).

Inzwischen hat der WDR auch eine Aufnahme über eine meiner eigenen Lektüren gesendet. Dabei geht es um ein Lieblingsbuch: Sherwood Andersons „Winesburg, Ohio“!

Alles Weitere kann man hier nachhören:

 

 

Ein Kosmos der Schrift 1

Heute, am 11. Oktober 2021, erscheint Ein Kosmos der Schrift. Das Buch besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil (Una vita – Herr Ortheil, wie haben Sie das gemacht?) erzähle ich auf mehr als 150 Seiten von den Schreibideen meines Lebens und bringe sie in Verbindung mit den Erlebnissen, die ihnen zugrunde liegen.

Allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs empfehle ich dieses Buch besonders. In der Vorbemerkung heißt es:

Seit 1979 hat der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil über siebzig Bücher veröffentlicht. Fast täglich geschrieben und notiert hat er aber bereits seit seinem achten Lebensjahr. Entstanden ist auf vielerlei Wegen das, was er selbst einen „Kosmos der Schrift“ nennt.

Er besteht zum größten Teil aus unveröffentlichten Texten, die sich in einem Archiv befinden. Die veröffentlichten wiederum sind den verschiedensten Gattungen zuzurechnen. Es gibt Romane, Sachbücher, Essays, literarische Tagebücher, journalistische Texte, aber auch Dramen, Drehbücher und Libretti.

Drei Tage lang hat sich Klaus Siblewski, Ortheils Lektor im Luchterhand-Verlag, mit seinem Autor über diesen raren und materialreichen Kosmos unterhalten. Schon allein die Dauer dieses intensiven Austauschs erinnerte an den Klassiker unter den Werkstattgesprächen: das 50stündige Gespräch, das der französische Filmregisseur François Truffaut im Jahr 1962 mit Alfred Hitchcock führte und in dem Buch „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ dokumentierte.

Den Titel des Buchs haben Klaus Siblewski und Hanns-Josef Ortheil leicht variiert übernommen. In ihrem Gespräch „Una vita – Herr Ortheil, wie haben Sie das gemacht?“ ging es neben den klassischen Werkstattthemen des Making of aber noch um etwas anderes. Die biografischen und emotionalen Hintergründe des Kosmos sollten in einer „Graphoanalyse“ zutage treten. Sie bringt die psychischen Konstellationen mit denen des Schreibens in Verbindung, das in einer westerwäldischen Jagdhütte in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts begann.

Mein japanisches Jahr

Das Jahr 2021 war für mich, was Japan (meine Fernliebe) betrifft, ein besonders intensives. Das rührte von den olympischen Spielen in Tokio her, die mich dazu verführten, viele Dokumentationen über Japan zu sehen und die japanische Literatur noch aufmerksamer als sonst zu verfolgen.

Nach Japan gereist bin ich aber noch immer nicht (habe es aber weiter vor). Im kommenden Jahr wird mich der Japanische Taschenkalender für das Jahr 2022 (DVB) begleiten, den ich schon in den letzten Jahren immer zur Hand hatte, um Japans Festtage, Rituale und die altjapanische Haiku-Literatur im Blick auf die in Japan besonders intensiv wahrgenommenen Jahreszeiten zu verfolgen.

Jede Woche wird hier durch ein Haiku (samt Bildmotiv) gerahmt, Ekkehard May hat diese Haikus übersetzt und kommentiert (ohne diesen Kommentar sind sie für Europäer kaum verständlich, er gehört also unbedingt dazu). Mit ihrer Hilfe studiert man die japanischen Texte und erfährt die Tiefennuancen der Verse.

So werde ich also im Jahr 2022 zumindest lesend, schauend und begreifend Japan im Blick haben. (Von meinen weiteren Japan-Lektüren werde ich in diesem Blog  sukzessiv berichten.) Die Anschaffung des Japanischen Taschenkalenders empfehle ich vorerst sehr, seine Lektüre erweitert die Welt- und Denkperspektiven erheblich und macht die Zeit in einem asiatisch inspirierten Rhythmus erkennbar.

Das grosse Nichts

(Am 6. Oktober 2021 auch als Kolumne im „Kölner Stadt-Anzeiger“, S. 4)

Was für ein Vakuum! Die sondierenden Parteien reden von den Inhalten, die sie (natürlich „auf Augenhöhe“, „mit viel Demut“ und Selfie-Gedöns) inszenieren. Was dabei entsteht, ist eine seltene Form von Journalismus: einer ohne Inhalte, der laufend dieselben Fragen stellt und weder etwas erfährt noch sonstwie vorankommt.

Also berichtet man einfach mal über das große Nichts, es besteht aus dem leichten, direkten oder indirekten Lächeln von Annalena A. oder Robert B., aus der Untersuchung ihrer Hosennähte oder der Schwere der Aktentaschen, die herumgetragen werden. Unglaublich vielsagend soll auch sein, auf welchem Gelände sich wer mit wem im Einzelnen wozu verabredet hat. Als Sensation erscheint es bereits, wenn Markus S. einmal einen Schritt schneller geht als sein Generalsekretär.

Wie sieht das Leben all dieser Politiker gerade wohl aus? Das fragen sich meine Freunde und schütteln den Kopf. War es nötig, sich so zu bescheiden und vor den Journalisten eine solche Farce zu inszenieren, als bewegten die sich im Kraftfeld des Grals und seines Hüters Amfortas, der bekanntlich erlöst wird, wenn er das Richtige gefragt wird? Die Volksvertreter sagen nichts und winden sich stattdessen vor Mikrofonen, obwohl ihnen die erlösenden Sätze längst auf der Zunge brennen.

Um sich zumindest ein wenig voneinander zu unterscheiden, hat sich das Spiel zu einem Panoptikum mit verschiedenen Rollen entwickelt. Olaf S. bevorzugt die des Untertauchers, der auch einmal für ein paar Augenblicke von den Bildflächen verschwindet, um nach den Blumen in seinem Garten zu sehen, während Armin L. die Rolle des Mannes übernommen hat, der unter einer tiefen Max Frisch-Krise leidet: Ich weiß nicht mehr, wer ich bin. Homo faber? Stiller? Oder ein ganz anderer? Christian L. träumt in den Pausen des Schweigens von den Automobilen der Zukunft, mit denen er schon als junger Azubi so gerne gefahren wäre, und Annalena B. hat eine Gymnastik entdeckt, die das Reden im hohen Sopran mit leidenschaftlich wirkender Körpersprache verbindet.

Vollends komisch wird dieses Theater, wenn es als Talkshow aufgeführt wird. Zu Beginn lächeln die Moderatorinnen noch wohlgemut, dann aber geht ihnen in den sich endlos hinziehenden Phasen des inhaltlichen Stillstands allmählich jede Puste aus, und man beobachtet Journalistinnen, die wie in Trance vieles durcheinander bringen. Welche Partei vertritt, verflixt nochmal, der Herr in Blau, der sich gerade so vielsagend kratzt? Und was will die mir gegenübersitzende Dame in Rot uns allen damit sagen, dass sie sich über ihr Knie streicht?

In den Sendern liest man rasch noch einmal die Klassiker zur Körpersprache. Samy Molchos Bücher nahmen es sogar mit pantomimischen Darstellungen auf, und Geheimagenten des FBI haben darüber geschrieben, wie man Menschen liest, die etwas Böses vorhaben. Von links nach rechts? Von oben nach unten? Oder quer, einfach mal quer, gescannt?

Das deutet an, wohin sich die Politik zurückgezogen hat – ein Leben in Verstecken und im Dunkel hinter Vorhängen, die höchstens mal kurz rascheln dürfen. Meine italienischen Freunde lachen darüber. Sie nennen es aus alter Erfahrung eine Frühform der Commedia dell´arte. Gute Idee, sagen meine deutschen Freunde, daraus soll ja einmal Kunst entstanden sein. Hoffen wir wenigstens das!

Die nächsten vier Wochen

Starker Regen, Kühle, Herbst – all das zeigt an, dass jetzt für mich ein neuer Abschnitt des Jahres beginnt. Sein fernes Ziel ist auch fixierbar: In ca. vier Wochen feiere ich meinen 70. Geburtstag, die Arbeiten, Ideen und Unternehmungen laufen auf diesen Tag zu.

Als vorausblickendes Ereignis erlebe ich die Gegenwart meiner beiden neuen Bücher (Ombra und Ein Kosmos der Schrift), die seit wenigen Tagen auf meinem Arbeitstisch liegen. Es sind Vorabexemplare, die ein Schriftsteller für kurze Zeit als erster besitzt, bevor sie in den Buchhandlungen auftauchen.

Das wird bei Ein Kosmos der Schrift schon in der kommenden Woche (ab dem 11. Oktober 2021)  und bei Ombra in zwei Wochen (ab dem 18. Oktober 2021) der Fall sein.

Vorerst blättere ich in ihnen. Seltsam, sehr seltsam. Ich lese nicht kontinuierlich darin, sondern freue mich über ihr bloßes Vorhandensein. Die Kontaktaufnahme genügt, um solche Freude zu empfinden – und manchmal reicht schon ein einziger, kurzer Blick, um erstaunt zu begreifen: Da sind sie! Sie sind noch da! Es gibt sie! (Aber was für ein kindliches Reden ist das…?)

Die Schönheit der Heimkehr

Worin besteht (nach einer Zeit weiter Fahrten fern von Zuhause) die Schönheit der Heimkehr?

Gärten, Zimmer und Haus haben eine merkliche Patina angelegt. In den Gärten dominiert jetzt der Herbst mit seinen Farben, Beeren und dem schwächer werdenden Grün.

In den Zimmern sind die sonst nahen Dinge auf Distanz gegangen und blicken leicht entfremdet zurück. Liegen sie noch am richtigen Ort? Wollen sie Veränderung? Am liebsten würde ich sie eine Weile nicht berühren, sondern ihnen das Stillleben-Dasein noch etwas gönnen.

Das Haus hat sich zu einem beharrlich wirkenden, langsamer atmenden Gebilde entwickelt. Ich gehe durch die Räume, als müsste ich jeden einzeln begrüßen und nach einem Zusammenhang suchen. Habe ich hier gelebt? Sind das meine Bücher? Und die Blätter auf dem Schreibtisch – habe ich sie (aber mit welchen Texten?) beschrieben?

Die Schönheit der Heimkehr besteht in der Rekonstruktion der gewesenen Tage und einer möglichen Korrektur ihrer Gestaltung. Soll alles so bleiben, wie es war? Oder hat der Aufenthalt in der Ferne eine Verschiebung der Proportionen bewirkt, nicht im ganzen, wohl aber an dieser oder jener Stelle? Rekonstruktion und Korrektur suchen nach einer Vermittlung. Wie könnte sie aussehen?

In einem Unterstand liegen in gelben Postkisten die Zeitungsberge und die Post der letzten Wochen. In der Ferne habe ich keine deutschen Zeitungen gelesen und nur selten Nachrichten aus Deutschland verfolgt. Ich habe mit und in den Kulturen eines anderen Landes gelebt, ganz und gar, mit seiner Sprache, seinen Ritualen und seinen Texten und Klängen.

Schaue ich jetzt auf die deutschen Bilder, begegnen mir lauter Menschen, die mir fremd geworden sind. Ach ja, da ist er wieder, der Nachrichtensprecher, wie heisst er doch gleich? Und da sind sie, die Bilder des Alpenpanorama in 3sat, in das ich früher manchmal hineinschaute, um den Bergen und Gipfeln nahe zu sein. Soll ich damit fortfahren oder mir andere Welten suchen, die den Aufschwung der Fantasie nähren?

Und – welche neuen Musikaufnahmen gibt es? Die Schönheit der Rückkehr besteht auch aus Recherchen des lange nicht Wahrgenommenen und urplötzlich neu Auftretenden.

Und – hui! Da ist sie schon, die erste Entdeckung!! Víkingur Ólafssons Mozart & Contemporaries! Am besten höre ich gleich einmal rein…