Franz Grillparzer

Heute vor einhundertfünfzig Jahren ist in Wien der Schriftsteller Franz Grillparzer (1791-1872) gestorben. Er war ein Freund Ludwig van Beethovens, porträtierte ihn in einem berühmt gewordenen Erinnerungstext und schrieb die Trauerrede, die bei der Beisetzung Beethovens in Wien durch einen Schauspieler vorgetragen wurde.

Grillparzer beschäftigt mich, weil er in seinen privaten Aufzeichnungen (Tagebüchern etc.) sehr grundsätzlich über die Nähe von Musik und Literatur nachgedacht hat.

Diese Gedanken sind in seine bekannteste Erzählung Der arme Spielmann eingegangen, die ich anlässlich seines Todestags noch einmal lesen und hören werde.

http://www.digbib.org/Franz_Grillparzer_1791/Der_arme_Spielmann_.pdf

Ein Liebesgedicht von Ron Padgett

In der Frankfurter Anthologie der FAZ, die jeden Samstag erscheint, hat Ulrich Greiner am 15.01.2022 über ein Liebesgedicht von Ron Padgett nachgedacht. Hier die Übersetzung von Jan Volker Röhnert:

Wir haben jede Menge Streichhölzer daheim.
Wir haben sie immer zur Hand.
Im Moment ist Ohio Blue Tip unsre Lieblingsmarke,
früher mochten wir Diamond sehr.
Das war, eh wir Ohio Blue Tip entdeckten.
Sie sind erstklassig verpackt, kompakte
kleine Schachteln mit dunkel- und hellblauem und weißem
Etikett mit Worten gesetzt in Form eines Megaphons,
als wollten sie umso lauter in die Welt posaunen:
„Hier ist das schönste Streichholz der Welt,
sein weicher anderthalb Zoll langer Kiefernstab auf
dem ein raues Purpurkäppchen sitzt, so schlicht und
wild darauf aus sich zu entflammen,
vielleicht um zum ersten Mal der Geliebten
die Zigarette anzuzünden, und danach war nichts
mehr so, wie es mal war. Das alles will ich dir geben.“
Und du hast es mir gegeben, ich
wurde die Zigarette und du das Streichholz oder ich
das Streichholz und du die Zigarette, entflammt
zu Küssen, die himmelwärts verglühen.

Erschienen ist dieses wunderbare Gedicht in einem Band der Dieterich’schen Verlagsbuchhandlung:

Ron Padgett: „Die schönsten Streichhölzer der Welt“. Gedichte Englisch – Deutsch. Aus dem Amerikanischen und mit einem Nachwort von Jan Volker Röhnert.

Ich mag die Gedichte Ron Padgetts sehr. Sie nähern sich den alltäglichen Dingen, staunen über sie und bringen sie zum Leuchten – und das alles in einer schlichten, beinahe demütigen, jedem Ding oder Menschen den Vortritt lassenden Sprache.

Das kommt meiner Vorstellung von „guter Lyrik“ sehr nahe. Sie orientiert sich am Sehen und wacht darüber, dass das Gesehene nicht gleich in den Himmel einer metaphorisch aufgeplusterten Transzendenz abhebt. Gedichte, die mit einer solchen herbei geredeten und künstlich inszenierten Transzendenz spielen, gefallen mir meistens nicht.

Hier noch der Zugang zu Ulrichs Greiners Lesart, verbunden mit weiteren Informationen…:

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/frankfurter-anthologie/frankfurter-anthologie-ulrich-greiner-ueber-ron-padgetts-liebesgedicht-17732057.html

Altern in der Pandemie

(Am 18.01.2022 auch als Kolumne im „Kölner Stadt-Anzeiger“, S. 4)

Viele meiner älteren Freunde erleben die nicht endende Pandemie als einen Bruch mit ihren bisherigen Plänen und Lebensvorstellungen. Das Alter hatten sie sich als eine ruhige Epoche ausgemalt und damit Ideen für ein entspanntes Leben verbunden. In Notfällen würde die eigene Familie aushelfen, so hatten manche sich das gedacht. Fernreisen standen auf der Wunschliste, auch längere Aufenthalte in der Fremde, der Nachholbedarf erschien groß, und nichts deutete darauf hin, dass er nicht befriedigt werden konnte.

In ihrem Klassiker über das Alter hat die Schriftstellerin Simone de Beauvoir zentrale Komponenten dieser Lebensphase untersucht. Die körperlichen Erfahrungen der Alternden hatte sie mit den psychischen einer anderen Zeiterfahrung verknüpft und daraus Strategien einer Alltagsbewältigung abgeleitet. In der Pandemie aber stehen alle diese Komponenten auf dem Prüfstand und müssen notgedrungen neu gedacht werden.

Der Körper erlebt keine normale Spät-, sondern eine extreme Angstphase, er kommt kaum noch zur Ruhe. Zeit zerfällt in eine sich wiederholende Folge von hilflos wirkenden Anläufen und Aktionen, um dem Virus nicht nur zu entgehen, sondern es nach bestem Wissen für längere Zeit außer Kraft zu setzen. All diese Aktionen bringen aber keine Ruhe, sondern vermehren sich ununterbrochen weiter, so dass man in kurzen Zeiträumen ganze Lebenspläne neu entwerfen und durchdenken muss: Wie weiter? Wohin? Mit anderen? Mit der Familie?

Die körperlichen Erfahrungen verbinden sich daher nicht mehr mit denen einer vorhersehbaren Zeit und münden nicht mehr in einen Alltag, der Stabilität und einen überschaubaren Verlauf bieten würde. Hinzu kommen die großen ökonomischen Ungewissheiten. Welche Branchen wird es nach der Pandemie noch geben, welche werden ganz neue Arbeitsfelder anbieten – und wird man die vielleicht notwendigen Umorientierungen mit den früher in Aussicht stehenden finanziellen Rücklagen auch schaffen?

Mit den vertrauten Altersstrukturen zerfallen auch die Traditionen der alten Familienverbände. Firmen, Betriebe und vertraute Berufe können oft nicht mehr  weitergeführt werden, sondern bedürfen veränderter Impulse und eines Umdenkens. Das wird nicht nur von jungen, sondern auch von älteren Menschen  in immensem Maß verlangt. Die Musik und die Gebote dazu liefert momentan die Ampelkoalition, die von den melancholischen Abschiedswalzern der Merkel-Ära auf digitale Kraftwerk-Rhythmen der Habeck-Future umgeschaltet hat.

„Die Pandemie hat mir mein Alter geraubt“, ist der Satz, den mein Freund Kurt alle paar Tage wiederholt. Selbst die früheren Ruhe- und Erholungszeiten in Brauhäusern wirken jetzt wie Phasen eines unruhigen Inseldaseins, während dem man lauter dunkle Stürme am Horizonz aufziehen sieht. Wann kommt die nächste Corona-Variante? Wer zahlt die riesigen staatlichen Schuldenberge?

Die Gegenwart hat etwas Gespenstisches, und die Gespenster sind die Geister der Pandemie, die immer mehrere Schritte voraus zu sein scheinen. Man holt sie nicht ein, und wenn man sich auf ihrer Höhe glaubt, tauchen sie anderswo wieder auf, begleitet von einem Vokabular, das sich aus dem Nichts drohend aufschraubt und alle Alarmglocken läutet: „Kritische Infrastruktur“ ist das neuste Droh- und Trendwort. Die Pandemie hat längst eine eigene Sprache entwickelt, die auf den Straßen von morgens bis abends gemurmelt wird: Heinz spielt sich jetzt als „Impfbotschafter“ auf, und Marion ist eine ausgewiesene „Impfdränglerin“, die schon Daten mit dem Hausarzt für die vierte Impfung vereinbart hat. Hier und da erregt das den Phantomschmerz eines „Impfneids“, den auch eine mögliche „Impfpflicht“ leider nicht beseitigen wird.

Der heilige Antonius

Ich verfolge auch diesmal das Neue Jahr anhand mehrerer Kalender, die es durch eine jeweils eigene Brille betrachten. Einer heisst Immerwährender Heiligenkalender (von Albert Christian Sellner). Er erzählt die Geschichten der Tagesheiligen, heute ist der Hl. Antonius von Ägypten (251-356) dran.

Die Heiligengeschichten beschäftigen mich seit langem. Weniger als „fromme Legenden“, wie man sie Kindern präsentiert, sondern als Geschichten von meist sehr exzentrischen und dezidiert lebenden Menschen, die Entwürfe für eine unbedingte Existenz im Blick auf religiöse Erfahrungen entwickelt haben.

Der heilige Antonius zum Beispiel hat sich von seiner vertrauten Umgebung entfernt und sich in der thebaischen Wüste, im Süden Ägyptens, in einer Höhle niedergelassen. Als einer der Ersten hat er eine Konzeption des Mönchtums erfunden, die aber zunächst nicht an eine klösterliche Gemeinschaft (wie später beim heiligen Benedikt) gebunden war, sondern den mönchischen Eifer einsiedlerisch isolierte und ihn dadurch nicht zuletzt vielen Bewährungsproben aussetzte.

Erst als er diese Versuchungen abgewehrt und überstanden hatte, öffnete er seine Lebensform für viele Schüler, die ein solches Leben teilen wollten. Danach entstanden die ersten Klöster.

Ich habe den heiligen Antonius manchmal im Blick (es gibt unzählige bildliche Abbildungen bekannter Künstlerinnen und Künstler), weil ich das von ihm entwickelte asketische Lebensmodell oft in der Existenz der Schreibenden wiederfinde. Der Rückzug, das einsiedlerische Dasein, die passionierte Hingabe an das Kreisen um spirituelle Erfahrungen – da gibt es viele Parallelen. Schreiben ist dann eine Wüstenschrift, mal etwas pathetisch und übertrieben gesagt. Franz Kafka würde diese Einschätzung wohl teilen, oh ja, ich sehe ihn nicken und auf einem Blatt Papier etwas kritzeln…(Darüber bald…)

Mein Hamburger Komponistenfreund Wolfgang-Andreas Schultz hat die „Versuchungen des heiligen Antonius“ in einer Fantasie für zwei Klaviere eingefangen. Hier die Introduktion…:

Wie Friederike Mayröcker notierte

Am 6.01.2021 und am 07.12.2022 habe ich aus Anlass des neuen Buches von Hektor Haarkötter über Notizzettel auf die grosse Bedeutung des Notierens für die Entstehung literarischer Werke hingewiesen.

Der norwegische Schriftsteller Tomas Espedal hat im Logbuch Suhrkamp nun auf sehr begeisterte und auch anrührende Weise davon erzählt, wie die Schriftstellerin Friederike Mayröcker mit ihren Notizzetteln verfuhr und aus ihnen einen Motiv-Vorrat für ihre Werke anlegte.

Hier kann man den schönen Text nachlesen:

https://www.logbuch-suhrkamp.de/tomas-espedal/mayroeckerzettelnotierungsmethode/

Krautwelten

Die Schriftstellerin Angelika Overath hat in der Insel-Bücherei einen sehr anregenden Band über Krautwelten veröffentlich, geradezu ideal für diese Jahreszeit!

Anregend?! Wieso? Anregend gleich in mehrfacher Hinsicht. Es geht um Kraut in allen nur denkbaren Facetten und Hinsichten. Natürlich erscheinen Krautrezepte (Krautsalat, Kimchi!, Sauerkraut, Kohlsuppe etc.), dann aber auch Hinweise und Erläuterungen über die Heilkräfte von Kraut (wie etwa Umschläge mit Kraut).

Besonders gefallen haben mir die Krautporträts (von Weißkraut, Spitzkraut, Rotkraut, Wirsing, Blumenkohl, Rosenkohl, Grünkohl etc.), die jeder Kohlsorte einen kleinen Teppich ausrollen und sie in ihrer Eigenart und besonderen Schönheit präsentieren und auftreten lassen.

Dann geht es in die Kunstabteilung und zu Gemälden, auf denen der Kohl nicht nur in all seiner Nützlichkeit, sondern auch in seiner ästhetischen Erscheinung gewürdigt wird. Zum Glück werden die Gemälde (Cotáns Stilleben mit Quitte, Kohl, Melone und Gurke von 1601 oder Aertsens Marktfrau mit Gemüsestand von 1567 oder die geradezu triumphalen Kohlpflanzen Segantinis von 1880) auch in Farbe abgebildet.

Daneben sind wir als Leserinnen und Leser mit Kraut auf hoher See, und während wir immer begeisterter Kraut essen und nochmal essen, erfahren wir, wie „Kraut und Liebe“ (ja, doch…) zusammengehören (es geht um Krautfilme, gebauschte Kohlblätter und Krautkleider aller Art…).

Angelika Overath erzählt im Vorwort, wie sie auf das Thema „Kohl“ gekommen ist. Am Anfang stand eine Wanderung im Oberengadin von Muottas Muragl (2453 m) hinauf zum Schafberg, wo sich die Segantini-Hütte befindet (2731m). Früher hat sie nach diesem Anstieg eine Schmerztablette genommen, jetzt würde sie es – den Heilkräften des Kohls sei Dank! – wohl auch ohne schaffen.

Was soll ich sagen und gestehen? Dass ich genau diesen Anstieg vor kurzem nicht geschafft, sondern aufgegeben habe, um mit der Seilbahn hinab ins Tal nach Sils-Maria zu Nietzsches anstiegsfreien Wanderwegen zu flüchten. Ach…

Fermers Wanderungen 26

Ab ca. 8.15 Uhr brachen die Sonnenwetter durch, legten sich auf die Bergspitzen und liefen später wie ein goldener Guss an den Steinmassiven herab (zu verfolgen über das Alpenpanorama  von 3sat)…

Er nahm die Bergbahn zur vertrauten Station Ellmau-Going und blickte auf die Flanken des Wilden Kaiser.

Nach etwa einer halben Stunde schnallte er die Skier an und fuhr in lang gezogenen Kehren ins Tal…

 

 

 

Zugfahrten/Zugreisen

Jaroslav Rudiš (geb. 1972) ist ein tschechischer Schriftsteller, von dem zunächst mehrere Bücher in deutscher Übersetzung erschienen sind. Der Piper-Verlag hat jetzt seine Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen veröffentlicht, die mir wieder so richtig Lust darauf gemacht hat, bald wieder lange mit dem Zug zu fahren und zu reisen.

Rudiš ist durch und durch Eisenbahner, er wollte es bereits als Kind werden, konnte diesen Traum aber wegen einer Sehschwäche nicht verwirklichen. Sein Großvater und sein Onkel waren Eisenbahner und heirateten in Uniform, und der kleine Jaroslav spielte mit nichts lieber als mit Dampfloks. Später wohnte er bevorzugt in Zimmern mit Bahnblick, sammelte Kursbücher und hielt sich gerne in Bahnhofskneipen auf, um sich die Zeit bis zur erträumten Abreise zu vertreiben.

Von solchen Aufenthalten erzählt er in seinem passionierten Eisenbahnbuch, von seinen Fahrten mit berühmten Zügen, von den Freuden des Studiums der Fahrpläne, vom Speisen und Getränken auf Schienen – mit anderen Worten: Jaroslav Rudiš nimmt sich Zeit für seine Ekstasen! Er ist ein genauer und liebevoller Beobachter und ein Satiriker dazu, der auch die komischen Seiten des langsamen Fahrens zu schätzen weiß.

Ihm zuliebe habe ich eine Besonderheit als Begleitvideo zum Buch ausgewählt: Die Fahrt des Lichtraummesszugs LIMEZ von Ulm Hbf bis Wendlingen über die ICE-Neubaustrecke: eine fast dreistündige Testfahrt mit nicht mehr als 20 km/h…