Der modrige Geschmack von KI

(Am 12.12.2025 auch als Kolumne im „Kölner Stadt-Anzeiger“, S. 4)

Die „Gesellschaft für deutsche Sprache“ (GfdS) hat sich den Zeichen des Wandels unterworfen und „KI-Ära“ zum „Wort des Jahres 2025“ gekürt. Auch den traditionellsten Sprachwissenschaftlern in ihren Reihen blieb nicht verborgen, dass die Felle der Tradition davonschwimmen und die neuen Textformate der KI allgegenwärtig geworden sind. Sie durchleuchten längst jeden Krümel und sondieren den Lebensraum um uns herum als einen Spielplatz für Fragen, wobei man für die konkretesten angeblich die ausführlichsten Antworten erhält.

Wer vor kurzem noch mit Hilfe von Google nach Fraglichem suchte, dem wurde mitgeteilt, dass zum Beispiel die Feige eine der ältesten domestizierten Nutzpflanzen aus dem Mittelmeerraum ist. Google hat nun aber zugelegt und bietet einen KI-Modus an, mit dessen Hilfe man leicht und unkompliziert weitere Fragen stellen kann.

Auf der untersten, praktischen Sprosse der Fragenleiter könnte man etwa fragen: Wo und wann sollte man Feigen anpflanzen? Auf einer mittleren Stufe klänge das bereits anspruchsvoller: Gibt es Erzählungen oder gar Romane, in denen Feigen vorkommen? Und auf der höchsten Sprosse ginge es endlich auch um Kreatives: Wie würde eine Feige von ihrem Feigenleben erzählen?

So gesehen, wird die neue Ära, was Sprache, Frage und Antwort betrifft, zu einem nimmermüden Gesellschaftsspiel, das Aufgaben aus allen Lebensbereichen zu lösen scheint und im Handumdrehen scheinbar verblüffend klare Rückmeldungen anbietet. Misstrauisch sollte uns jedoch stimmen, dass wir geduzt werden. Wir sollen uns von vornherein mit der KI unter die große Decke der Daten kuscheln und ihren Auswahlverfahren brav folgen, erwecken sie doch zunächst den Eindruck informativer Sachlichkeit und bemühter Übersicht. Was wir selbst im Kopf haben, darf keine Rolle spielen, wir sollen es vielmehr rasch vergessen, denn die KI bietet uns ein weites Geröllfeld des Recherchierten an.

Schauen wir leicht verblüfft hin und lassen uns von den eigenen Eindrücken und Erfahrungen nicht abhalten, riechen wir unter dem Deckmantel der vielen Textangebote jedoch bald einen penetranten Geruch. Es riecht nach Altbackenem sowie nach Tante Herta und Onkel Frieder, die mal lustige Typen aus der Verwandtschaft waren, mit den neusten Entwicklungen in Styling & Feeling aber längst nichts mehr zu tun haben.

Die KI hat, einfacher gesagt, einen penetrant modrigen Geschmack und erst recht keine Eleganz. Was sie uns vorsetzt, ist motorisch geerntetes Sprachmaterial, das keine Menschenseele je auf seine Originalität hin geprüft hat. Deshalb entstammen ihre Kurztexte einem muffigen Wartesaal der öffentlichen Durchsagen und warten auf jedwede Belebung.

Eine oder einer von uns müsste vorbeikommen und dem coolen Getue etwas Unerwartetes entgegen, so dass mehr gefragt wäre als abrufbares Wissen. Wie bringt man der KI etwas an Rhythmus oder Takt bei, und wie verbinden wir sie mit einem klangvollen musikalischen Gestus? Wir erwarten das Neue, Originelle und verblüffend Kreative, statt der totgekauten Phrasen von gestern.

Das aber kann die KI nicht verstehen, so dass sie uns laufend auf ihr „Ich überlege“ verweist. Sie überlegt aber nicht, sondern hakt ab, sammelt, ohne Unkraut von neuem Pflanzenwuchs unterscheiden zu können. Was fehlt ihr? Anscheinend jemand, der sein Wissen mit jenen Erfahrungen koppelt, die er in einem kunterbunten Leben einmal machte. Solche Erfahrungsinhalte kann jedoch kein automatisiertes Fragen und Antworten abrufen, denn sie bleiben versteckt und sind die eigentliche Lebenssubstanz.

Wenn die KI also eine Feige erzählen lässt, so endet das damit, dass die fein geaderte Mittelmeerfrucht zu der Bestimmung findet, Freude zu bringen: „Mein Leben war kurz, aber intensiv süß.“ Toll! Woher hat sie diese umwerfende Einsicht?

In den letzten Tagen ist all diese dreiste Einfalt auch der europäischen Kommission zuviel geworden. Sie hat den Verdacht, dass Google seinen KI-Modus rechtswidrig mit Online-Inhalten Dritter füttert, ohne dafür zu zahlen oder den eigentlichen Rechteinhabern die Möglichkeit zu geben, ihre Inhalte für sich zu behalten.

Das könnte mit einem hohen Bußgeld enden. Auch Präsident Trump meldet sich in dieser Sache. „Sehr unfair“ sagt er (meldet die KI) und mit Strafzöllen gegen die EU droht er zusätzlich. Das nun wiederum hatten wir wirklich nicht erwartet, nein, das wirklich nicht …