(Am 6.02.2026 auch als Kolumne im „Kölner Stadt-Anzeiger“, S. 4)
Die Olympischen Winterspiele in Cortina d’Ampezzo vor siebzig Jahren waren die ersten, die ich miterlebt habe. Ich sah die Fernsehbilder zusammen mit anderen Jungs in unserem Mietshaus, in dem es einen freundlichen Mieter mit dem einzigen Fernseher gab. In kleiner Runde saßen wir dicht nebeneinander und versuchten zu begreifen, was wir live in Schwarz-Weiß sehen, oft aber noch nicht ganz begreifen konnten.
So gab es eine große Schanze mit Namen Trampolino, von der aus todesmutige Männer ins Tal abhoben. Ein Trampolin stand in unserem Garten, aber wir wären nie auf den Gedanken gekommen, es zu derart waghalsigen Übungen zu benutzen. Wir hüpften auf der Stelle, aber wir sprangen oder segelten nicht hinab in den Sandkasten.
Noch interessanter ging es bei den Skirennen zu. Auch hier waren die Unterschiede zu unserem kindlichen Gleiten auf wackligen Holzbrettern beträchtlich. Es gab einen Läufer, der alle Rennen (Abfahrt, Slalom und Riesenslalom) mit zum Teil großem Zeitvorsprung gewann. Er hieß Toni Sailer und wurde „der schwarze Blitz von Kitz“ genannt, weil er dichte, dunkle Haare hatte, schwarz gekleidet war und aus Kitzbühel stammte. Dort kauften schon bald Verwandte von uns eine kleine Ferienwohnung, um in der Nähe von Toni Sailer Skifahren zu lernen.
Anders als Skiläufer früherer Generationen trug er nicht mehr altmodische Knickerbocker wie unsere Väter, sondern taillierte, enganliegende Skikleidung, die man in die Schuhe steckte. Wenn er etwas gefragt wurde, gab er munter und lebenslustig Antwort, er wirkte überhaupt nicht wie ein verbissener Sportsmann, der zäh und hart trainierte, sondern eher wie ein Lebenskünstler, dem das Skifahren in die Wiege gelegt worden war.
Wenige Jahre nach der Olympiade hörte er dann auch damit auf, er hatte bereits drei Goldmedaillen und viele Weltmeistertitel gewonnen, nun wollte er als Schauspieler in Filmen oder als Sänger auftreten, der mit Liedern wie „Immer wenn es schneit, hab ich keine Zeit, für ein Rendezvous“ die Herzen eroberte.
So verfolgte uns Toni Sailer noch lange, er war der erste Sportler, der mehrere Leben zugleich und nacheinander führte und sich dafür allein durch rasant vorgeführten Sport qualifiziert hatte. Daher war er auch der erste, dem manche von uns Buben nacheiferten, ohne dass wir ihn bereits als Pop-Star der bunten 60er Jahre erkannt hätten. Zu dieser Zeit trugen wir Jungs chice Skianzüge, wir verbrachten Ferientage in Tirol, und einige benutzen sogar Brillantine, um der Frisur jenen Sitz und Glanz zu verleihen, den wir an Toni Sailers Haarpracht bewundert hatten.
Die Olympischen Winterspiele von Cortina d’Ampezzo im Jahr 1956 bedeuteten für uns junge Fernsehzuschauer den Aufbruch in die Zeit der bewegten und modernen Bilder, die aus Sportlern Leitfiguren und Vorbilder machten. Möglich wurde das auch dadurch, dass wir die Schule während der Spiele vergaßen und uns eine Zeitlang für nichts anderes mehr interessierten als Ski Alpin, Langlauf und Skispringen, gefolgt vom Bobsport, den wir auf unseren kleinen Schlitten kopierten.
Die Nachfolgespiele 2026 werden sechzehn Tage dauern, und ich habe den Verdacht, dass viele von uns auch diesmal den Sport-Nachrichten eher folgen als jenen aus aller Welt, die in den bekannten Nachrichtensendungen angeboten werden. Wir alt gewordene Jungs werden wieder vor dem Fernseher sitzen und danach Ausschau halten, wem wir diesmal eine große Karriere zutrauen. Statt vier Sportarten und acht Disziplinen wird es diesmal acht Sportarten und sechzehn Disziplinen mit 116 Medaillenentscheidungen geben.
Skibergsteigen ist zum ersten Mal dabei, diesen Wettbewerb kennen wir noch nicht. Er soll hohe Anforderungen stellen: ein Bergaufstieg mit Skiern, ein Weitergehen zu Fuß mit den Skiern am Rucksack in besonders steilem Gelände und eine Abfahrt ins Tal. Wir haben vor, diese Trias zu trainieren, vorerst nur im Hochsauerland. Doch wir sind guter Hoffnung, dass die fernen Berge der Alpen uns bald rufen werden. Für Rendezvous haben wir daher vorerst keine Zeit, aber das kann sich nach den Spielen durchaus noch ändern.
Allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs wünsche ich ein olympisch beschwingtes Wochenende und weitere schöne Tage mit dem Blick auf Cortina!