(Am 20.3.2026 auch als Kolumne im „Kölner Stadt-Anzeiger“, S. 4)
Bei keinem anderen Thema sind meine Freunde und ich derart einig wie bei der Frage danach, ob Köln sich in ferner Zukunft an der Ausrichtung olympischer Spiele beteiligen sollte: Natürlich, unbedingt, welche deutsche Stadt denn sonst? Etwa Berlin oder München oder Hamburg?
Schon wenn die Namen genannt werden, schütteln wir verständnislos den Kopf. Dabei geht es zunächst gar nicht darum, was Köln bereits jetzt alles an erprobten Sportstätten zu bieten hat. Es geht eher um schöne Traum- und Fantasiebilder, die zum Beispiel zeigen, wie elegant der olympische Marathon links- und rechtsrheinisch am Ufer entlang und über die Kölner Brücken führen wird, während die Seilbahnen voyeuristisch über die Zoobrücke schaukeln. Die Brückenläufe könnten jene des olympischen Paris noch übertreffen und ein Rheinpanorama vorstellen, das bereits im Mittelalter bei den meisten Besuchern aus fernen Ländern für große Begeisterung sorgte.
Mit Antike und Mittelalter sind auch bereits die stärksten historischen Argumente für unsere Kölner Heimat genannt. Die Geschichte Kölns ist europäisch, sie beginnt in der Römerzeit und wird im Mittelalter dadurch gekrönt, dass der aus Mailand importierte Sarkophag der Heiligen drei Könige die Stadt zur bedeutendsten Pilgerzentrale nördlich der Alpen machte. Hunderttausende strömten zum Dom und in die Kölner Kirchen, die in ihrer romanischen Vielfalt ihresgleichen suchen.
Diese große und weit angelegte Geschichte hat Köln seither zu einer der gast- und menschenfreundlichsten deutschen Städte überhaupt gemacht. Die jährlich eintrudelnden Fremdenscharen werden schon bald kölsch infiziert, durch ein einzigartiges schwach alkoholisches Getränk gleichen Namens und durch Lieder, die um nichts anderes kreisen als die unbedingte Liebe der Einheimischen zur Stadt.
Sie vermitteln ein Glücksgefühl, das niemand von ihnen hinterfragt oder zerredet, weil es die preußischen Anomalien von Rechtfertigung hierzulande nie gegeben hat. Gefestigt und fast täglich erneuert wird es durch den Gang in ein Brauhaus und die vielen Gespräche im heimischen Veedel, die dort bis in die Nacht zwanglos verlaufen. All diese Umstände haben sich seit langem wie durch einen rheinischen Zauber ergeben, der selbst Menschen, die den kölnischen Dialekt nicht gekonnt sprechen, überfällt, sobald sie die erste Bäckerei betreten.
Marietta Slomka, wegen ihrer Heimatverbundenheit seit 25 Jahren besonders beliebte ZDF-Moderatorin des „heute journals“, hat von den inspirierenden Gesprächen in diesen Bäckereien erzählt. Sobald sie am Morgen eine von ihnen betritt, schaltet die innere Moderatorinnenstimme auf Offenheit und Zugänglichkeit, so dass sie sich in Acht nehmen muss, Mainz am Studio-Abend nicht mit Köln zu verwechseln.
Das verweist letztlich darauf, was einen erwartet, wenn es Köln wirklich schaffen sollte, zusammen mit einigen Nachbarregionen olympische Spiele zu organisieren. Das Ergebnis könnte ein Freudenfest sein, das vor allem von der Nähe der Bewohner zu ihrer Stadt angefacht und gestaltet wird. Im Zentrum dieser bald überspringenden Nähe könnte das olympische Dorf stehen, das sich in Köln im Handumdrehen in ein kölsches Veedel eigener Art verwandeln würde.
Als der italienische Humanist Francesco Petrarca Köln im Spätsommer 1333 besuchte, fand er kaum genug Worte für seine sich überschlagenden Eindrücke. Zum Johannisfest hatten sich am Rheinufer viele Mädchen und Frauen versammelt, um das jährliche Ritual der körperlichen Waschung von Armen und Händen zu begehen: „Ich rief, nicht ohne innigen Anteil des frohen Gefühls: Wie beneide ich euch, ihr glücklichen Anwohner des Rheins, dass der Fluss eure Klagen und euren Kummer so wegschwemmt!“
Petrarca war einer der ersten aufmerksamen Beobachter des in Köln überspringenden Zaubers – das beweist der „innige Anteil des frohen Gefühls“, und er war zugleich auch einer der ersten, die sich von der verblüffenden Gelassenheit eines kölschen Grundgesetzes beeindrucken ließen: „Wat fott es, es fott.“