Die Strasse von Hormus

Von keiner Region auf dem Globus ist in letzter Zeit häufiger die Rede gewesen als von der Straße von Hormus, die zum Zankapfel des Iran-Kriegs geworden ist. Viele meiner Freunde möchten davon längst nichts mehr hören, und es nervt sie nicht nur das ewige Hin und Her des Konfliktes zwischen dem Iran und der USA, sondern auch die unendlich oft repetierte Nennung der schlichten Tatsache, dass es sich um eine Meerenge handelt, die für den globalen Handel zentral ist.

Meerenge, okay – aber fällt niemandem mehr dazu ein? Die Meerenge muss doch eine Geschichte haben, und wie kann man sich die weitere Umgebung vorstellen? Es soll eine Insel Hormus geben, und auf dem Festland wohl eine gleichnamige Stadt. Leben dort Menschen? Wie geht es ihnen? Und – wer war außer den Einheimischen sonst schon mal da? Alltag und Geschichte der Region erscheinen in den neusten Nachrichten mit keinem Wort, und auf den Fernsehbildern erkennen wir nur eine fast unbewegte hellblaue Meeresfläche und still liegende Frachter im grellen Sonnenlicht.

Einer meiner deswegen gereizten und verärgerten Freunde weigert sich standhaft, sich die Meerenge nur als einen simplen geographischen Knick auf einer nautischen Seekarte vorzustellen. Er hat im Netz recherchiert, einige hoffentlich gesicherte Fakten gesammelt und träumt von ihr mit einem anderen, geweiteten Blick.

Als erstes erzählt er von der früheren Schönheit der Insel und der Stadt Hormus, die Marco Polo als eine der schönsten Gegenden der Welt beschrieben habe. Tiefrot sollen auch heute noch die von Eisenerzen gefärbten Strandflächen der „Regenbogeninsel“ sein, an deren Schimmern und Glänzen auf Fotografien sich mein Freund nicht sattsehen kann.

Marco Polo habe sich vor allem in der Stadt auf dem Festland umgesehen und beobachtet, wie die Bewohner mit den heißen, kaum erträglichen Winden zu kämpfen hatten. Viele hielten sich den Tag über im Wasser auf oder bauten Belüftungsschächte für ihre Häuser. Momentan ist das Wasser der Meerenge um die 25 Grad warm, im Sommer steigt die Temperatur oft auf 35 Grad.

Kaum vorstellbar indes sind die schon allein aus den Temperaturen resultierenden Überlebensprobleme der 20 000 Seeleute, die gegenwärtig auf ihren Schiffen festliegen. Die Klimaanlagen sind nur bedingt imstande, zur Abkühlung beizutragen, und die Tagesrationen von Trinkwasser gehen bis zu zehn Litern.

Meine wissbegierigen Freunde vergessen aber auch die historischen Fakten nicht. Zu Beginn der globalen Neuzeit haben die Portugiesen Hormus 1515 besetzt, etwa ein Jahrhundert später folgten ihnen die Perser, die von den Briten unterstützt wurden. Sie kontrollierten später den Seeweg nach Indien und gaben ihre lukrative Wächterfunktion erst 1971 auf, als das Schahregime des Iran sie übernahm.

Der Name Hormus kommt wohl aus dem Altpersischen und hat einen religiösen Hintersinn, indem er auf eine Gottheit verweist. Die Meerenge heisst demzufolge „Die Strasse Gottes“. Im Arabischen soll es ein bekanntes Sprichwort geben, das die Schönheit des alten Königreichs Hormus mit seiner Funktion als Handelszentrum verbindet: „Wenn die ganze Welt ein goldener Ring wäre, so wäre Hormus das Juwel darin“.

Ich bin meinen Freunden für ihre interessanten Recherchen dankbar, gebe aber zu, dass sie mich stark beunruhigen und meine nächtlichen Träume durchwandern. Offensichtlich ist die Meerenge ein sehr altes Streitobjekt, das sich raschen Konfliktlösungen hartnäckig entzieht.

Ahnen die Herren Merz und Pistorius, was die deutsche Marine dort erwartet? Die Rede ist von Seeaufklärung und Minenräumung durch das 3. Minensuchgeschwader aus Kiel mit zehn Minenjagdbooten sowie zwei Reservemodellen. Unterwasser- und Überwasserdrohnen sollen zum Einsatz kommen und die Motorengeräusche von Schiffen täuschend nachgeahmt werden, bis die Minen auf dem Meeresgrund explodieren.

Schon bei der bloßen Beschreibung solcher Einsätze versagt meine Vorstellungskraft, und ich drifte, momentan enorm durch weitere Meeresnachrichten verwirrt, zu Bildern ab, auf denen sich ein schwerer Meeressäuger unaufhörlich auf der Stelle dreht und Drohgeräusche von sich gibt. Ich warne davor, sich ihm zu nähern und trete lieber bis auf Weiteres die Flucht an, weil ich schlichtweg nicht weiterweiß und mich auch da nicht einmischen möchte.