Eine Leserin hat mir den folgenden Text („Kopfsteinpflaster“) geschickt. Ich habe ihr vorgeschlagen, ihn in diesem Blog zunächst unlektoriert zu veröffentlichen und an einem der nächsten Tage meine lektorierte Fassung zu bringen.
Damit war sie einverstanden, wofür ich herzlich danke. Denn auf diese Weise entsteht ein Experiment: Als Leserinnen und Leser dieses Blogs können Sie unlektorierte und lektorierte Version miteinander vergleichen und erkennen, wie ein Textlektorat vorgeht (wonach ich häufig gefragt werde).
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Das Kopfsteinpflaster des Priesterwegs gibt mir Rätsel auf. Jeder Pflasterstein, einzeln betrachtet, ergibt ein modernes abstraktes Bild. Die Farben eines ins Visier genommenen Steins: altrosa mit anthrazitfarbenen Einsprengseln und einer Ablagerung in Form einer schwarzen Diagonalen. Bei längerem Draufschauen wird das Muster jeweils größer, dann wieder kleiner. Es flackert. Die Farben eines grauen Steins entwickeln sich nach und nach zu einem hellen Blau mit schwachen teegelben Schattierungen. Breite Moospolster zwischen den Steinen. Auf manchen Steinen kleine grünweiße Flechten, die die Kraft haben, sich mit ihrem Untergrund schier unlösbar zu verbinden. Die Flechte scheint den Stein zu beherrschen, nicht umgekehrt. Geht der Blick langsam vom Einzelnen zum Allgemeinen, geht er vom Ästhetischen zum Uniformen: In der wohltuenden Ungleichmäßigkeit einzelner Steine zeigt sich die Intuition, das Gefühl und die Erfahrung von Steinbrecher und Steinklopfer. Es zeigt sich allmählich der einzelne Handwerker, der Mensch. Hatte er genug zu essen? Liebte er Frau und Kinder? Lebten sie beengt, alle in einem Raum? War er abends völlig erschöpft, todmüde, fühlte er sich krank? Wie ging es seinen Knien, seinem Rücken? Scherzte er mit den Kollegen? (Sein Name war Martin und er trank zu viel.) Hebt man die Augen sieht man das gleichmäßige Muster der Straße, das schräg verläuft zwischen Einfassungen rechts und links. Die Wegränder ihrerseits bestehen aus besonders sorgfältig ausgewählten gleichmäßig hintereinander gestapelten Steinen. Wie Randmaschen von einem gestrickten Schal. Steht man ganz aufrecht und sieht in die Ferne, sieht man eine geschlossene Decke, die das Auge im Zusammenspiel mit dem Gehirn als eintönigen Asphalt interpretiert. … Am Horizont ein Heer von Arbeitern als gesichtslose historische Masse … * * Der Pfad schwingt sich – wie im Großen ein Pass um die Berge im Gebirge – um die Unebenheiten in der Fläche. Je trockener das Wetter wird, desto unansehnlicher und monotoner wird das Pflaster. Die Steine sind im allgemeinen ganz glatt, manche von ihnen sind jedoch auch aufgeraut oder zeigen Werkzeugspuren, z. B. von einem Keil, Ecken und Kanten sind uneben, abgebrochen. Einigen der Steine sieht man an, dass sie sich auch für Skulpturen oder hochwertige Hauswände, sogar für repräsentative Gebäude eignen. Sie sind elegant. Machen was her. Ein Stein ist ganz durchtrennt, aber der Steinklopfer hat das abgetrennte Stück sorgfältig angefügt, sodass der ganze Stein in seinem Zustand vor dem Bruch vorhanden und erkennbar ist. Ich kann mir vorstellen, wie er die kleine Ecke nimmt, sie in den Stand presst neben das große Puzzlestück und sie mit wenigen gezielten Schlägen festsetzt. Die ruhige Gegenwärtigkeit des Arbeiters (Martins), sein Instinkt, hat sich dem Kopfsteinpflaster eingegraben. Nach getaner Arbeit dann sein sofortiges Vergessen. * * * Das Kopfsteinpflaster öffnet sich mit jedem Tag mehr und zeigt sein Wesen. Ein Stein rötlich, durch den sich ein blutroter Strom windet, einer, grau wie die Dämmerung, anthrazitfarbene Wolken, etwas Licht in der Spitze ganz oben rechts. Winzige weiße Einschlüsse in einem ansonsten ebenmäßigen Hellgrau. Pusteln und Entzündung auf einem dunklen Rücken. Es gibt einen Stein der danach benannt ist. Nach einer Tierhaut (Bezeichnung leider vergessen). Ein farblich herausragender sehr heller Stein, vergleichbar mit – einem Stein, wahrscheinlich Granit, etwas uneben, wellig. Letztendlich lassen sich Steine mit nichts vergleichen außer mit sich selbst. Man hat ihnen Gewalt angetan, aber sie sind unempfindlich dafür. Glaube ich. Man hat sie zerkleinert und zurecht gehauen und an einen anderen Ort verbracht. Ein gleichmäßig Dunkelgrauer, Schieferfarbener, durch den sich ein Fluss gegraben hat, ein Tal, und ein kleiner See, alle Vertiefungen sind beige. Mit feinem Sand gefüllt. Ein Farbloser, einer der gar nicht auffällt, der die gleiche Farbe hat wie der schmutzige kiesdurchsetzte Sand, der ihn umgibt. Was wohl dabei herauskommen würde, wenn man die Steine ausgraben und nach Form, Farbe, Beschaffenheit sortieren würde? Wahrscheinlich wurden sie seinerzeit nach der Anlieferung mit einem Pferdefuhrwerk einfach auf einen Haufen gekippt, dann von den Steinhauern wahllos herausgegriffen und nach Gespür in den Boden gelegt. Die Fachsprache der Geologen ist mir völlig unbekannt, auch unverständlich. Lohnt es sich, sie zu lernen? Ich könnte dann wohlklingender darüber schreiben, über Porphyre, Grauwacke usw. Käme man dadurch der Sache näher? Goethe hatte beruflich mit Gestein zu tun. Beiläufig lässt er sich über Dolomit aus während der Fahrt in seiner Reisekutsche auf dem Weg gen Süden (wahrscheinlich häufig über Kopfsteinpflaster). Sich mit dem vermeintlich Leblosen befassen, vielleicht ist das die Botschaft der Steine? Die Beschäftigung damit beruhigt mich. Aber die Ableitungen, die sich aus der stillen Betrachtung der Steine ergeben, katapultieren mich aus der Gegenwärtigkeit. * * * „Thomas“, sage ich zu meinem Begleiter beim nächsten gemeinsamen Spaziergang, „kannst du bitte kurz innehalten und mir deine Gedanken zu zu dem Untergrund hier sagen?“ „Was? Das ist halt – Kopfsteinpflaster?“ „Ja? – Und weiter?“ „….jeder Stein ist ein Unikat…was durch die Verstreutheit nicht gleich erkennbar ist.“
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Ich wünsche ein schönes Wochenende!