So, hier folgt jetzt die von mir lektorierte Version des Textes „Kopfsteinpflaster“, den eine freundliche Leserin mir geschickt hatte. Sie haben jetzt ausreichend Zeit, die beiden Versionen miteinander zu vergleichen und daraus Ihre Erfahrungen abzuleiten. Viel Vergnügen!
Das Kopfsteinpflaster des Priesterwegs gibt mir Rätsel auf. Jeder Pflasterstein entwirft ein modernes abstraktes Bild. Die Farben eines ins Visier genommenen Steins: altrosa mit anthrazitfarbenen Einsprengseln und einer Ablagerung in Form einer schwarzen Diagonalen. Bei längerem Draufschauen wird das Muster größer, dann wieder kleiner, es flackert. Die Farben eines grauen Steins entwickeln sich nach und nach zu einem hellen Blau mit schwachen teegelben Schattierungen. Breite Moospolster zwischen den Steinen. Auf manchen kleine grünweiße Flechten, die sich mit ihrem Untergrund unlösbar verbinden. Die Flechte scheint den Stein zu beherrschen, nicht umgekehrt. In der wohltuenden Ungleichmäßigkeit einzelner Exemplare zeigt sich die Intuition von Steinbrecher und Steinklopfer, und es zeigt sich allmählich auch der einzelne Handwerker. Hatte er genug zu essen? Liebte er Frau und Kinder? Lebten sie beengt, alle in einem Raum? War er abends völlig erschöpft, todmüde, fühlte er sich krank? Wie ging es seinen Knien, seinem Rücken? Scherzte er mit den Kollegen? Blickt man etwas nach oben, sieht man das gleichmäßige Muster der Straße, das schräg zwischen den Einfassungen rechts und links verläuft. Die Wegränder bestehen aus besonders sorgfältig ausgewählten gleichmäßig hintereinander gestapelten Steinen, wie Randmaschen von einem gestrickten Schal. Steht man aufrecht und schaut in die Ferne, sieht man eine geschlossene Decke, die das Auge als eintönigen Asphalt interpretiert. … Am Horizont ein Heer von Arbeitern … * * * Je trockener das Wetter, desto unansehnlicher und monotoner das Pflaster. Die Steine sind meist glatt, manche jedoch auch aufgeraut, oder sie zeigen Werkzeugspuren, z. B. von einem Keil, Ecken und Kanten uneben oder abgebrochen. Einigen sieht man an, dass sie sich auch für Skulpturen oder hochwertige Hauswände eignen. Sie sind elegant und machen was her. Ein Stein ist durchtrennt, aber der Steinklopfer hat das abgetrennte Stück sorgfältig angefügt, sodass der ganze Stein in seinem Zustand vor dem Bruch erkennbar ist. Ich kann mir vorstellen, wie er die kleine Ecke nimmt, sie in den Stand neben das große Puzzlestück presst und mit wenigen gezielten Schlägen festsetzt. Die ruhige Gegenwärtigkeit des Arbeiters hat sich dem Kopfsteinpflaster eingegraben. Nach getaner Arbeit dann sein sofortiges Vergessen. * * * Das Kopfsteinpflaster öffnet sich mit jedem Tag mehr. Ein Stein, durch den sich ein blutroter Strom windet, einer, grau wie die Dämmerung, anthrazitfarbene Wolken, etwas Licht in der Spitze ganz oben rechts. Winzige weiße Einschlüsse in einem sonst ebenmäßigen Hellgrau. Pusteln und Entzündung auf einem dunklen Rücken. Ein farblich herausragender sehr heller Stein, etwas uneben, wellig. Letztendlich lassen sich Steine mit nichts vergleichen außer mit sich selbst. Man hat ihnen Gewalt angetan, aber sie sind unempfindlich dafür. Man hat sie zerkleinert und zurechtgehauen und an einen anderen Ort verbracht. Ein gleichmäßig Dunkelgrauer, Schieferfarbener, durch den sich ein Fluss gegraben hat, ein Tal, und ein kleiner See, alle Vertiefungen sind beige, mit feinem Sand gefüllt. Ein Farbloser, der gar nicht auffällt, der die gleiche Farbe hat wie der schmutzige kiesdurchsetzte Sand, der ihn umgibt. Was wohl dabei herauskommen würde, wenn man die Steine ausgraben und nach Form, Farbe, Beschaffenheit sortieren würde? Wahrscheinlich wurden sie nach der Anlieferung mit einem Pferdefuhrwerk auf einen Haufen gekippt, dann von den Steinhauern wahllos herausgegriffen und nach Gespür in den Boden gelegt. Die Fachsprache der Geologen kenne ich nicht. Lohnt es sich, sie zu lernen? Ich könnte dann klangvoller darüber schreiben, über Porphyre oder Grauwacke zum Beispiel. Käme ich dadurch der Sache näher? Goethe hatte beruflich mit Gestein zu tun. Beiläufig lässt er sich während der Fahrt in seiner Reisekutsche auf dem Weg gen Süden über Dolomit aus. Sich mit dem vermeintlich Leblosen befassen, vielleicht ist das die Botschaft der Steine? Die Beschäftigung damit beruhigt mich. Aber die Ableitungen, die sich aus der stillen Betrachtung der Steine ergeben, katapultieren mich aus der Gegenwart. * * * „Thomas“, sage ich zu meinem Begleiter beim nächsten gemeinsamen Spaziergang, „kannst du bitte kurz innehalten und mir deine Gedanken zu dem Untergrund sagen?“ „Was?! Das ist halt Kopfsteinpflaster.“ „Ja, und weiter?“ „Jeder Stein ist ein Unikat, was nicht gleich erkennbar ist.“
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