Literarische Cookies der Leserinnen und Leser

Ich hatte die Leserinnen und Leser dieses Blogs gebeten, den Beispielen von Francis Scott Fitzgeralds „Notebook“-Eintragungen zu folgen und mir kurze Notate (Cookies) zu schicken. Das haben auch einige getan. Ich habe sie sacht lektoriert und veröffentliche hier eine kleine Auswahl:

Literarische Cookies

Der Geruch von frisch gemähtem Gras drang durch das weit geöffnete Fenster.

Die Sonne spiegelte sich im Wasser der Lagune und erhellte die Fassaden der Palazzi.

Der Bahndamm – jetzt ist dort der Sommer los. Unartiges Kraut, Gräser, Wildnis, die mit wenig Humus auskommt. Glockenblumenblau, Storchschnabelrot, Schafgarbenweiß.
Becherblüten, Dolden und Rosetten. Am Bahnhof angekommen, auf den Zug wartend, eine Frau mit blauem Auge. Der Mann neben ihr mit sommererhitztem Gesicht.

Beim Blick in das Rezeptheft der Großmutter ist mir, als ob sie ganz nah hinter mir stünde. Beherzt schlägt sie Eier auf. Jeder Griff sitzt so sicher wie ihre Zeilen auf den Linien.

Graupelschauer im Mai. Ich steige vom Rad und erwarte das Schauspiel unter
einem Baum. Eiskörner schlagen auf den Asphalt. Kleine Geschosse,
wenige, dann immer mehr. Jedes springt einmal auf und flitzt dann pfeilgerade ein Stück weiter, um danach urplötzlich liegen zu bleiben. Nach wenigen Augenblicken ein dunkelgrauer feuchter Fleck, der langsam trocknet.

Das seltsame Gefühl beim Beobachten alter Leute – und man selbst ist plötzlich kaum jünger als sie.

Im Stadtpark zwei laut schnatternde junge Frauen mit wehenden Röcken in ihrer Mittagspause: „…und stell dir vor: Da habe ich das Glück meines Lebens – und stehe im falschen Haus… “

Einem alten, fast vergessenen Lebensstädtchen impulsiv um den Hals fallen – wie einer wiedergefundenen heimlichen Liebe.

Durstig vom Wandern, führt mich der Weg in einen Klosterhof mit Trinkbrunnen. Für einen Augenblick das größte Glück!

Immer wenn ich an den Waldsee komme, strahlt er viel Ruhe aus, und fast jedes Mal läßt mich das leicht gewellte Wasser an Aquarelle denken: Kann man die Stimmung malen?

Der Blick eines fünfjährigen Mädchens aus dem Fenster des Steineren Hauses auf den gerade erst von Trümmern befreiten Römerberg der sechziger Jahre.

Beim Abschied wünscht die ältere Frau mit dem blonden Kurzhaarschnitt an der Kasse des Supermarktes der Käuferin einer hellroten Eckspannmappe in DIN A4 Format freundlich „Frohe Pfingsten“.

Diese rätselhaften Kreationen auf dem Teller – enthusiastisch machte ich mich an das Entschlüsseln.

Glaubensbekenntnis (auf brauner Kraftpapiertüte): Wir glauben an gute Getreidemahlung, ein Handwerk, das Himmel und Erde vereint.

Beim ersten Morgenlicht lauschen die wilden Sittiche den Liedern anderer Vögel. Später kreischen sie, forte.

Überfüllte U-Bahn – ein Mann mit Sitzplatz, dunklem Teint und weißem Hemd markiert Sätze seiner Lektüre neongelb.

Sonntagmorgen, und ich stehe um sechs Uhr auf, weil ich meinen Magnet nicht finde.

Vielen Dank – das war eine beachtliche Folge!