Fragebögen

1972 veröffentlichte der Schweizer Schriftsteller Max Frisch (1911-1991) in seinem Tagebuch 1966-1971 elf Fragebögen mit jeweils 20 bis 25 Fragen, die seine Leserschaft aus dem Schlummer der bloß passiven Lektüren riss. Jeder Fragebogen zielte auf ein bestimmtes Thema (wie etwa Ehe, Freundschaft, Frauen, Heimat oder Tod).

Die Fragen regten zu einem offen erscheinenden, bohrenden Nachdenken an und umkreisten, ohne auf eindeutige, einsilbige Antworten zu zielen, das Profil der biografisch grundierten Einstellungen zum Leben („Welche Eigenschaften schätzen Sie an Ihren Freunden am meisten?“/ „Warum haben Sie geheiratet oder warum haben Sie es nicht getan?“/ „Möchten Sie wissen, wie Sie sterben werden?“ etc.).

Max Frisch Fragebogen
Max Frisch

 

Vor kurzem ist die junge Schweizer Schriftstellerin Julia Rüegger (geb. 1994) diesen Wegen nachgegangen, um sie zu aktualisieren und, da wo es notwendig erscheint, von manchen heute chauvinistisch erscheinenden Akzenten zu befreien. Methodisch ist sie dabei Max Frisch weitgehend gefolgt. Ihr Buch „Sind Ihre Wunden gut verheilt?“ enthält ebenfalls elf Fragebögen mit über zwanzig Fragen und behandelt hier und da auch die alten, bekannten Themen.

Aber es gibt eben auch neuere, gegenwärtigere Fragen aus der Jetztzeit („Worauf stehen Sie?“/ „Wann fühlen Sie sich näher bei sich selbst – als Single oder wenn Sie in einer Liebesbeziehung sind?“/ „Wann haben Sie angefangen, sich für Sex zu interessieren, oder damit aufgehört?“)

Julia Rüegger
Julia Rüegger

 

Lässt man sich auf solche Fragebögen ein, verwandelt man sich während ihrer Beantwortung in ein Wesen mit deutlichen Konturen – in eine Figur, eine Gestalt, eine Person. Genau darin liegen die literarisch hoch interessanten Valenzen der Fragen. Sie verführen dazu, Teil von Geschichten zu werden, Rollen zu spielen, Bekenntnisse zu formulieren.

So gesehen, sind sie Vorstufen zu Entwürfen oder Skizzen von Texten, im Stadium ihrer Entstehung.

Ich empfehle, ein solches Fragen selbst einmal auszuprobieren und zu beobachten, wohin es einen Schritt für Schritt bewegt und führt. (Vielleicht möchten Sie mir auch Beispiele der Fragen schicken, die Sie sich selbst stellen? ortheil.hannsjosef@gmail.com)