Italia 2026

(Am 17. Juni 2026 auch als Kolumne im „Kölner Stadt-Anzeiger“, S. 4)

Auch in diesem Jahr bin ich mit meiner berüchtigen Kölner Crew (wir sind allesamt 70+!) rechtzeitig zu Beginn der Vorsaison an die adriatischen Strände in den Süden aufgebrochen! Wie stehts und geht’s diesmal in Italien? Mal sehen!

Nach wir vor ist die Lebenserwartung so hoch wie sonst nirgends in Europa, besonders hoch ist sie aber in der Region der Marken, wo wir uns bereits gegen 10 Uhr zum „Salute al sole!“ mit anderen über Siebzigjährigen zur Gymnastik am Meer treffen. Exzellent ist hier besonders das Training der Hüften, was die Hüftoperationen in dieser Gegend nach unten hat schnellen lassen. „Uno, due, tre …“, wir machen begeistert bin und wirbeln mit den Hüften, was das Zeug hält.

Gegen 11 Uhr sind die Ragazzi gefordert, deren lange Sommerferien gerade begonnen haben. Giorgia Meloni hat in den Schulunterricht eingegriffen und das Schreiben mit der Hand (nach dem Vorbild von Schweden und anderen nordischen Ländern) wieder auf das Programm für die kommende Saison setzen lassen. Angetan beobachten wir, dass die jungen Leute gegen Mittag im Schatten der Strandbars mit Kuli und Feinliner Danteverse abschreiben und das sogar noch durch lautes Vorlesen toppen.

Die Eltern liegen dann längst am Strand und konzentrieren sich bereits auf die zentralen Mittagsfragen: Linguine con salmone oder Tortellini con ragù? Die Debatten verlaufen erregt und klammern jede politische Nuance aus. Was Giorgia bevorzugt, ist nämlich weitgehend egal. Egal ist aber nicht, welche Nudelsorte Herr Sinner laufend im Fernsehen empfiehlt. Die italienischen öffentlich-rechtlichen Programme senden Werbung den ganzen Tag, und Herr Sinner ist gegenwärtig der absolute Star, niemand cremt die Haut so dezent und nachsichtig mit der besten Sonnencreme ein und zupft die Pasta derart locker auf den Teller.

So ist die Vorsaison der Beginn einer unendlich nachwirkenden Gelassenheit, durch keine quertreibenden Feierdonnerstage gestört, die in Deutschland als Brückentagelemente dazu dienen, das halbe Land zu durchqueren, um am Tegernsee eine Weisswurst zu essen oder in Kampen auf Sylt ein vom Schriftsteller Christian Kracht kulinarisch getestetes Fischbrötchen zu kauen.

Selbst der Sport greift nicht störend ein, denn Italia hat sich in weiser Voraussicht, die Schönheit der stillen Tage zu bewahren, nicht für die Fussball-WM qualifiziert. Die Spiele interessieren hier kaum einen Menschen, und da das so ist, werden sie auch nur von speziellen Bezahlsendern angeboten. Die öffentlich-rechtlichen haben nur mit den Schultern gezuckt und angewidert mitgeteilt, dass man sich für eine WM in den USA sowieso nicht hergegeben hätte. Trump und mickriger Fussball?! Beides zusammen?! Oh nein, das ginge zuweit!

Nach der mehrstündigen Mittagssiesta schwimmen wir weit hinaus, bis zu den formschönen Riffen. Am späten Nachmittag ziehen am Himmel Scharen von Drohnen auf, die sämtliche Positionen der wagemutigsten Schwimmer exakt orten. Von kurzfristig eingeschalteten Hubschraubern aus sind stechende, warnende Pfiffe aus Soprantrillerpfeifen zu hören, allesamt auf Verdis bekannteste Opernmelodien gepolt. Wir winken kurz zurück und machen uns auf den Rückweg in unser Strandhotel, wo die neusten Sommerhits im Teesalon in angenehm kleiner Besetzung ohne Gesang intoniert werden. Wir schwingen wieder die Hüften, diesmal aber ohne Kommando, einfach so.

Linguine oder Tortellini? Am Abend stellen sich solche Fragen nicht. Wir geben uns dem Fisch- und vor allem dem Weingenuss hin. Angesagt sind die überaus seltenen Bomboletti, kleinste Meeresschnecken, die man mit spitzen, hölzernen Zahnstochern aus ihrem Gehäuse zieht und auf der Zunge mit einem Schuss Weisswein kombiniert. Das Meer, der Himmel und Spuren von Erde begegnen sich dadurch, und wir wiederholen die schönen Sentenzen des großen Pianisten András Schiff, der uns auf Instagram soeben versichert hat: Italien ist das schönste Land Europas, nirgends ist die Luft so fein, und nirgends flirren die Finger so emphatisch über die schwarzweißen Tasten! Alles ist prachtvoll, rundum …- wir stimmen zu!