Aufbruch in den Mai – 3

Am kommenden Sonntag, den 5. Mai 2024, werden die 23. Westerwälder Literaturtage in meinem Heimatort Wissen/Sieg (Kulturwerk), 18 Uhr, eröffnet.

Die neue Programmleiterin, die Buchhändlerin Katharina Roßbach, hat ein vielfältiges, abwechslungsreiches Programm zusammengestellt.

Hier alle notwendigen Information – zum Start in den Mai, bevor wir unsere Reise mit dem Rad fortsetzen:

ww-Lit 2024

Aufbruch in den Mai – 2

Aus dem Süden geht es nach Nordosten, wo wir im Deutschen Technikmuseum in Berlin ebenfalls dem Fahrrad als musealem Objekt begegnen, jetzt akzentuiert durch Werbeplakate, auf denen die Freiheit auf zwei Rädern gefeiert wird!

 

Auf den französischen Plakaten der Belle Époque sind vor allem Rad fahrende Frauen zu sehen. Wir erfahren, warum…

 

https://technikmuseum.berlin/ausstellungen/sonderausstellungen/freiheit-auf-zwei-raedern/

 

…und folgen an diesem Wochenende Katharina Kollmann, der Sängerin und Songwriterin, die mit ihrer Band Nichtseattle und dem neuen Album Haus in Berlin unterwegs ist.

Eine schöne Woche wünsche ich allen Leserinnen und Lesern des Blogs!

 

Eine Begegnung mit Umberto Eco

Vor kurzem bin ich Umberto Eco begegnet. Ich sah Davide Ferrarios Film La biblioteca del mondo, in dem Eco vom Urphänomen seines Schreibens und Denkens spricht: Der Bibliothek.

Zunächst ist es die eigene in seinen Privaträumen. Für Besucher ist die Parade der Zigtausend Bücher unübersichtlich, Eco aber kennt den genauen Platz jedes einzelnen Buches, und so sieht man ihn zu Beginn des Films viele Meter zurücklegen und Gänge durchstreifen, bis er genau vor dem gesuchten steht und es zielsicher aus der Regalmeute zieht.

Dann aber geht es um das Denken in Bibliotheken schlechthin. Eco beschäftigt sich nicht mit Büchern, sondern mit ihren Welten. Sie sprechen miteinander, man kann sie nicht einzeln befragen, sie bilden einen vielstimmigen, überwältigenden Chor, dem man sich am besten in großen Bibliotheken nähert.

Man „stöbert“ nicht in ihnen, sondern badet in ihren Wellen und Fluten. Gelingt das, verwandelt sich das Gehirn, es denkt in Bildern, Zeichen und Rätseln, zu denen man Texte erfindet. Sie hinken meist etwas hinterher, aber sie sind fleißig und hilfsbereit, muntere Gesellen und Dienstboten, die einem auf die Sprünge helfen.

Das können Abhandlungen sein, Essays, Parodien, Kolumnen, aber auch umfangreiche Romane. Es gehört zum Schönsten des Films, wie leicht und beseelt Eco vom Schreiben dieser Texte spricht. Nicht wie der schriftstellernde, leidende Lastenträger, sondern wie ein gut gelaunter Mensch, dem das Schreiben Freude macht.

Einmal kommt er auch auf sein meistverkauftes Buch, den Roman Der Name der Rose, zu sprechen. Wie kam er dazu, einen Kriminalroman zu schreiben? Wie denn bloß?, wird er gefragt, und die Frage klingt wie ein verkappter Vorwurf. Ah, antwortet Eco, ganz einfach, da gab es einen Verleger, der einige seiner gelehrten Freunde einlud, sich einmal in einer scheinbar trivialen Gattung zu versuchen und eine spannende Geschichte zu erzählen. Das hat mir gefallen, sagt Eco, ich habe mich gleich hingesetzt und mit der Arbeit begonnen!

Man sieht in diesem Film auch einige Ausschnitte aus Interviews, die er in der halben Welt gegeben hat. Er wirkt immer ironiebereit und lauert geradezu auf seinen nächsten, ihn selbst überraschenden Einfall. Als Zuschauer gerät man mit in Lauerstellung und verlässt das Kino als einer, der die Welt nicht mehr ganz ernst nehmen kann. Wo steht die nächste Bibliothek? Und was mache ich mit der eigenen? Weiter im Kopf mit herumtragen und Texte ins Freie flirren lassen? Oder sich mit wenigen Büchern zurückziehen ins Land der letzten Weisheiten? Altersgesättigtes Philosophieren?!

Zum Glück bin ich Umberto Eco begegnet. In meinen Träumen werde ich ihn um Rat bitten. Wie kamst Du dazu, einen Liebesroman zu schreiben? könnte er zu Beginn unseres Gesprächs fragen. Wie denn bloß? – und warum? – Ich wollte in einer scheinbar trivialen Gattung eine Geschichte erzählen, die ganz und gar nicht spannend ist, werde ich antworten. Und Eco könnte lachen: jep, das gefällt mir!

(Der Film ist jetzt in unseren Kinos angelaufen!)

Biennale 2024 – Ideen und Vorschläge

Heute eröffnet also die Biennale in Venedig. Hier findet man hilfreiche Informationen:

https://www.labiennale.org/it/arte/2024

Drei kleine Empfehlungen für Venedigreisende, die gerne venezianisch essen möchten: 1) Im Ristorante Corte Sconta sollte man bei gutem Wetter im Innenhof Plätze reservieren (es gibt vor allem Fisch). 2) Im Ristorante Ai Gondolieri sollte man Plätze für den Abend reservieren (es gibt vor allem Fleisch). 3) In der Enoteca Ai Schiavi sollte man am Vormittag einkehren und die besten, mit der Hand vor Ort angefertigten Cicchetti der Stadt im Stehen probieren. Dort erhält man auch das ins Deutsche übersetzte Cicchettario der Wirtin Alessandra de Respinis, das die Rezepte dazu enthält.

Sollten Sie besondere Wege durch Venedig einschlagen, könnten Sie dem Venedig-Enthusiasten Henry James (1843-1916) folgen, den ich in einem sehr schön ausgestatteten Buch durch die Stadt und seine Venedigjahre begleitet habe.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs ein wie immer gestaltetes venezianisches Wochenende, musikalisch inspiriert durch Etta Scollo, die vor kurzem ein wunderbares neues Album vorgelegt hat: Ora!

La Galleria in Venedig

Morgen beginnt in Venedig die Biennale. Wir sind aber bereits heute vor Ort und gehen am Nachmittag in La Galleria (Calle Calegheri, 2556), jene moderne und schöne Galerie, die meiner Mainzer Freundin Dorothea van der Koelen gehört.

In meinem Venedig-Buch (Venedig. Eine Verführung) habe ich auf den Seiten 122ff. von einem Besuch in ihrer Galerie erzählt, die in der Nähe des Teatro La Fenice liegt. Heute Nachmittag werden sich viele Gäste dort versammeln und sich auf die morgige offizielle Eröffnung der Biennale einstimmen.

Kommen Sie zumindest in Bildern schon einmal mit, Dorothea lädt Sie ein und erwartet Sie zu Visions of Beauty:

Morgen ist auch noch ein Tag

Jetzt habe ich den italienischen Spielfilm Morgen ist auch noch ein Tag auf Anraten einer italienischen Freundin endlich gesehen – und was soll ich sagen? Ich werde ihn bald noch einmal sehen! Es ist jener Film, der mir seit langem am besten gefallen hat. Und warum?

Mehrere Momente spielen zusammen und machen aus ihm etwas Einzigartiges. Zunächst, dass Paola Cortellesi die Hauptdarstellerin, aber auch die Regisseurin und Co-Autorin ist. Diese seltene Konstellation ist in allen Szenen spürbar. Sie wirken frisch, authentisch, in einer fein abgestuften Balance zwischen Ernst und Humor so perfekt inszeniert, als seien es Szenen mitten aus dem Leben. Dann, dass der Film auf Farbe verzichtet und in Schwarz-Weiß gedreht wurde, was an italienische Filme der Nachkriegszeit erinnert. Drittens, dass er genau in dieser Zeit spielt, nämlich im Jahr 1946 und nicht zufällig auch in der Hauptstadt des italienischen Nachkriegsfilms, nämlich in Rom.

Es ist nicht das triumphale und mit seinen Prachtbauten auftrumpfende Rom, sondern ein Rom der Hinterhöfe, Durchgänge und dunklen Zonen, wo sich vor allem die weiblichen Parteien der Miethäuser vom Morgen bis in den Abend treffen. Sie zischen sich Sottisen und Frechheiten zu, wie sie schärfer und treffender kaum denkbar sind, so dass man auch die Dialogkunst Paola Cortellesis bewundert.

Sie spielt Delia, eine von ihrem Mann oft gedemütigte Frau und Mutter, die sich trotz aller Gewalt und dem Stumpfsinn, der von diesem Mann ausgeht, ihren Stolz und ihren Eigensinn bewahrt. Ab der ersten Szene hängt das Publikum an ihr und kommt ihr während des Films immer näher. Wie sie einen am Ende dann aber völlig unerwartet überrascht, gehört nun wiederum zum Besten, was man über den Plot sagen kann. Er geht nicht die erwarteten geraden Wege, sondern verblüfft sich selbst.

Geschickt lullt der Film einen geradezu hingebungsvoll und verschwenderisch ein, indem er Szenen des italienischen Alltags präsentiert, von denen einem viele vertraut vorkommen. Fühlt man sich dabei aber zu wohl, zieht einem Paola Cortellesi den Teppich unter den Füßen weg und lässt einen allein auf der Straße stehen.

Das alles hat genau das richtige Tempo, nicht übereilt, aber unmerklich rascher und entschiedener werdend, bis hin zur späten Erlösung von allem Unglück, einem nicht pathetisch, sondern konsequent entwickelten Fanal weiblicher Autonomie.

Während ich im Kino saß, glaubte ich mich zurückversetzt in die frühen siebziger Jahre, als ich selbst zum ersten Mal nach Rom kam. Herrgott, Du bist wieder zu Hause!, dachte ich und fühlte mich in genau solche Szenen gebeamt, wie ich sie in den römischen Straßen nahe der Via Bergamo und dem Markt  der Via Alessandria als junger Mann erlebt hatte. Damals war ich von einer älteren Südtirolerin fast täglich zum Einkaufen geschickt worden und kam, ohne zunächst ein einziges Wort Italienisch zu sprechen, mit Hunderten von Menschen in Kontakt.

Ciao! hätte ich fast geflüstert und musste mich beherrschen. Der Film verzauberte durch die Wiederbelebung jener Szenen, deren Bilder noch immer in mir stecken. C’é ancora domani heißt er auf Italienisch – und, na klar, man sollte ihn unbedingt in der Originalversion (notfalls mit deutschen Untertiteln) sehen. Bitte sofort und mehrmals!!

Das Grundgesetz ist aktueller denn je

(Am 20.4.2024 auch als Kolumne im „Kölner Stadt-Anzeiger“, S. 4)

Ich erinnere mich noch gut an den Politiker Hermann Höcherl, der in den sechziger Jahren Bundesinnenminister war. Er stammte aus Regensburg, war ursprünglich Jurist und ging in die Geschichte mit einem legendär gewordenen, flapsigen Satz ein. Als der Verfassungsschutz gegen das Telefongeheimnis verstoßen und alliierten Stellen Abhörmaßnahmen erlaubt hatte, stellte er lakonisch fest, „Beamte könnten nicht den ganzen Tag mit dem Grundgesetz unter dem Arm herumlaufen“.

Heutzutage würde so eine Bemerkung zu zähen Debatten in den Social-Media-Kanälen führen, mindestens ein Untersuchungsausschuss und die Entlassung des Ministers würden gefordert. Damals galt sie als bayrischer Joke aus den Reihen der CSU, leicht überdreht, nicht ernst zu nehmen, eher Komödienstadl.

Anlässlich der 75Jahr-Feier des Grundgesetztes kann man jetzt erstaunt feststellen, dass unser Grundgesetz in ein schmales, gelbes Reclam-Bändchen passt, was ein Tragen unter dem Arm zwar nicht einfacher macht, durchaus aber ein lockeres Mitführen in der Hand ermöglicht.

Auf übersichtlich wenigen Seiten kann man die 146 Artikel Revue passieren lassen. Sie werden von dem Staatsrechtler Alexander Thiele außerdem noch „verständlich erklärt“, so dass man die reine Freude an dem haben kann, was momentan Tag für Tag als „freiheitlich-demokratische Grundordnung“ in allen Medien beschworen wird.

Was damit wiederum genau gemeint ist, bleibt nicht selten im Dunkeln, dabei lassen die 146 präzise formulierten Artikel in Verbindung mit den gut nachvollziehbaren Erklärungen an Klarheit nichts zu wünschen übrig. Bereits die Präambel zum Beispiel verpflichtet die gesetzgebenden Institutionen darauf, sich für ein vereintes Europa einzusetzen.

In den darauffolgenden Artikeln findet man viele solcher eindeutigen Festlegungen, die momentan wie sprachliche Bollwerke gegen zersetzende Umtriebe verfassungsferner Gruppierungen oder Parteien erscheinen. Dazu gehört die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz ebenso wie der Schutz der Freiheit des Glaubens und der religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisse.

Widmet man sich dem Studium der Grundrechte, entdeckt man ebenfalls viele Details, die heute geradezu brennend aktuell wirken, wie etwa, dass die deutsche Staatsangehörigkeit nicht entzogen werden, oder, dass kein Deutscher an das Ausland ausgeliefert werden darf. Wer als Deutscher oder Deutsche im Sinne des Grundgesetzes zu betrachten ist, ist ebenfalls eindeutig geregelt. Dieser Status ist nämlich nicht an ethnische, religiöse oder kulturelle Voraussetzungen gebunden, sondern viel schlichter daran, ob man die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt oder nicht.

Eine entspannte Lektüre des Grundgesetzes ist also durchaus als hilfreiches Mittel gegen Anders- und Querdenkerei auf den Straßen zu empfehlen. Von den Artikeln geht eine sachliche Ruhe und Entschiedenheit aus, die im Grunde nur entschlossener Bejahung bedarf, um rundum Gutes zu bewirken. In den letzten Zeilen des Reclam-Bandes konstatiert Alexander Thiele, dass alle, die nach der durch das Gesetz formulierten Ordnung leben wollen, eine Mitverantwortung für ihre Funktionsfähigkeit tragen: „Es lohnt also nicht nur die Lektüre seiner 146 Artikel, sondern auch, sich für deren Wirksamwerden im täglichen Leben zu engagieren.“

Mit dem Grundgesetz leben, heißt also die konkrete Devise. Nicht mit dem Text unter dem Arm und nicht in verstaubten Büros, sondern in der Öffentlichkeit, auf unseren Straßen und Plätzen. Und mit einem handlichen Reclam-Band in der Hand, der helles Licht in viel Dunkles bringt.