Tempus clausum – die Osterruhe

Die Kanzlerin hatte einen guten Vorschlag gemacht: Sich für einige Tage in die Osterruhe zu verabschieden. Im Grunde griff sie damit eine alte Idee für die Gestaltung der Karwoche auf: Sich still zu verhalten, Feste und Vergnügungen in geselligem Rahmen zu meiden, sich in die „geschlossene Zeit“ (tempus clausum) einer wie auch immer gearteten Meditation zu begeben.

Ich habe solche Zeiten aus der Kindheit gut in Erinnerung. Die Hinwendung auf Ostern begann am Palmsonntag mit der Lesung der Passionsgeschichte, sie setzte sich drei weitere Tage fort, zelebrierte den Gründonnerstag und den Karfreitag, schlug am Karsamstag durch das Färben der Ostereier in latente Vorfreude um und kulminierte in den beiden Osterfesttagen.

Der Vorschlag der Kanzlerin ließ etwas von diesen alten Exerzitien der Selbstbesinnung aufleuchten, deshalb gefiel er mir sehr. Leider war er nicht durchsetzbar, aus den verschiedensten Gründen. Das bedeutet aber nicht, dass er im eigenen, privaten Raum nicht verwirklicht werden könnte.

Ich werde mich daher ab morgen, Palmsonntag, in die Osterruhe begeben. Statt längerer Beiträge werde ich täglich einen Text- und Musikhinweis in den Blog stellen. Sie könnten als Anregungen dienen, mit dem tempus clausum ernst zu machen. Kommentieren werde ich die Beiträge nicht.

Zum Auftakt hier das Video der Einspielung einer Sonate von Domenico Scarlatti durch den Pianisten Christoph Ullrich, der gerade dabei ist, alle 555 Scarlatti-Sonaten aufzunehmen. Er ist in der siebten CD-Folge angekommen, die Aufnahme ist Mitte Januar 2021 in der Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem entstanden.

1600 Jahre Venedig (2)

Gestern, um 16 Uhr, läuteten die Glocken Venedigs: Die Feierlichkeiten hatten begonnen…

Kurz nach 16 Uhr konnte ich nur einen flüchtigen Eindruck vom Glockengeläut in den Blog stellen, heute kann ich die offizielle Version der Stadt anbieten:

 

1600 Jahre Venedig (1)

Morgen, am 25. März 2021, dem Festtag von Mariä Verkündigung, feiert die Stadt Venedig ihr 1600-jähriges Bestehen. Der Legende nach soll an genau diesem Tag im Jahre 421 der Grundstein für die kleine Kirche San Giacomo di Rialto gelegt worden sein. (Sie befindet sich nahe der Rialtobrücke, direkt neben dem großen Markt und ist, nebenbei gesagt, eine meiner Lieblingskirchen – siehe: Venedig. Eine Verführung…). Auf die höher als die Nachbarinseln gelegene Rialtoinsel sollen sich die Ureinwohner vor den Westgoten Alarichs in Sicherheit gebracht haben.

Wie auch immer: Venedig begeht das runde Fest seines Bestehens ein ganzes Jahr lang: www.1600.venezia.it – morgen werden zur Eröffnung sämtliche Glocken der Stadt ab 16 Uhr läuten (ich hoffe, das in diesem Blog präsentieren zu können).

Momentan ist die Stadt jedoch „zona rossa“, die Geschäfte und Restaurants wurden wieder geschlossen. Also sonnen sich viele Venezianer draußen, auf den Calli und Campi der Stadt, und trinken nun dort im Stehen den obligatorischen Sprizz oder ein Glas Weißwein, begleitet von kleinen Cicchetti.

Von einem schönen, positiven Detail des Umgangs der Stadt mit ihren Kostbarkeiten erzählt die Kunsthistorikerin Petra Schaefer gerade in einem sehr informativen Artikel. Es geht um das Gold der Mosaiken von San Marco:

https://www.weltkunst.de/kunstwissen/2021/03/1600-jahre-venedig-mosaik-markusdom-gold-von-san-marco

 

Die Raststätte

Als Kind habe ich Raststätten geliebt und mich meist gefreut, wenn ich in einem Auto saß, das sie anfuhr. Das ist längst anders, denn jetzt stürze ich meist in eine Raststätte, trinke und esse rasch etwas (das ich sonst nie trinke und esse), eile auf die Toilette und sitze schwuppdiwupp wieder am Steuer: Nix wie weg!

Das ist sehr schade, flüstert das Buch von Florian Werner, das der Raststätte als Liebesobjekt für die Sensibelchen unter den autofahrenden Frauen und Männern huldigt. Damit das gelingt, quartiert sich Werner in der Raststätte von Garbsen Nord ein und kümmert sich um alle Details: Die Bauten, das Essen, die Toiletten, die Kunden, die Gespräche, ja, sogar um das Drumherum sämtlicher Pflanzen.

Und?! Was passiert?! Man lernt eine Raststätte verstehen, man schaut ihr in die Augen, man sieht ihr fast alles nach, und man trennt sich von seinem Liebesobjekt nur, weil man weiß, dass man sich bald wiedersehen wird.

Ein Buch der „Umwertung aller Werte“: Das Unterschätzte feiert Triumphe! Und das auch gerade jetzt, wo Raststätten eher ferne Inseln in unseren Träumen als Orte realer Aufenthalte sind!

  • Florian Werner: Die Raststätte. Eine Liebeserklärung. Hanser Berlin 2021