Ein Skizzenbuch mit Kinderspielen

Am 28. Juni 2022 habe ich von Francis Alÿs, dem belgischen Fotografen, Maler und Videokünstler berichtet, der jahrelang weltweit die Spiele von Kindern genau beobachtet hat. The Nature of the Game heisst das große Projekt, das momentan auch auf der Biennale in Venedig im belgischen Pavillon gezeigt wird.

Alÿs war mit einem Skizzenbuch unterwegs, in dem er zeichnend, schreibend, kommentierend die Kinderspiele eingefangen hat. In einem zweiten Schritt hat er einzelne skizzierte Momente oder Szenen in Bildern dargestellt (siehe oben). In einem dritten hat er sie in Videoaufnahmen festgehalten.

Inzwischen habe ich entdeckt, dass dieses sehr anregende Skizzenbuch (im Grunde auch ein Künstlerbuch) in einer faksimilierten Ausgabe als Buch erschienen ist (Dr. Cantz’sche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG).

Die Ausgabe hat das Original-Format des Skizzenbuchs. Man blättert durch ein kleines Album des Künstlerlebens, trifft fremde Menschen, Tiere, Häuser und Straßen, isst mit Francis Alÿs – und teilt also auf über zweihundert Seiten den bildlichen und textuellen Raum einer Welterfahrung aus der Nähe.

Solche Bücher liebe ich sehr. Sie dokumentieren den Werkprozess und erlauben den Leserinnen und Lesern, ihn genauer zu verstehen, ihn nachzuvollziehen und jene Anregungen zu erhalten, die (vielleicht) in eigene Skizzenbücher eingehen.

Eröffnung der Salzburger Festspiele

Heute werden die Salzburger Festspiele um 11 Uhr im Rahmen eines Festakts eröffnet. 3sat überträgt diese Eröffnung live!

Auf den besonderen Klangcharakter Salzburgs stimmt eine Dokumentation von Hannes M. Schalle mit dem Titel Der Klang Salzburgs ein, die in der 3sat-Mediathek abrufbar ist:

https://www.3sat.de/kultur/kultur-in-3sat/der-klang-salzburgs-110.html

Ein Sommer mit Francis Scott Fitzgerald

Manchmal lege ich Lesezeiten für eine einzige Autorin oder einen einzigen Autor ein. Dann widme ich mich ihnen mit Haut und Haar, lese – wenn möglich – alles, verschwinde in Tagebüchern, schreibe ihnen heimlich Briefe oder lasse mir Briefe schreiben. Mit anderen Worten: Ich versinke in einem Gesamtwerk.

Fast immer kontaktiere ich zunächst keine Sekundärliteratur, sondern lese nur die Primärliteratur, also das, was die Autorin oder der Autor selbst geschrieben haben. Ich hüte mich, gängigen Vor-Einschätzungen oder ausgetretenen Wegen zu folgen und lese (im Zug, in Cafés, unterwegs, im Garten) alles, was X oder Y für mich bereithalten.

In diesem heißen Sommer habe ich mir vorgenommen, mich dem Werk von Francis Scott Fitzgerald (1896-1940) hinzugeben…, ja,: hin-zu-geben, genau. Ihn umgibt eine Aura von Ekstase, Leidenschaft und Wildheit, und ich vermute, er hat die Roaring Twenties in den USA so genau beschrieben wie kaum ein anderer.

Die Roaring Twenties sind an diesen überhitzten Tagen genau die richtige Welt für mein illusionäres Leben. Mit Hilfe von Francis Scott und den übrigen Fitzgeralds (seine Frau Zelda gehört unbedingt dazu) möchte ich in eine aufgeregte, hemmungslose Zeit abtauchen, in der man nicht für jeden kleinen Griff ins Volle einen Shitstorm abbekam. Liebe, Trunksucht, Jazz? – Ich bin auf alles gefasst, wenn auch peinlicherweise oft nur im Liegestuhl. Mal sehen, was Francis Scott alles so mit mir vorhat.

Heute beginne ich mit der härtesten Dosis: Den Briefen, die F. Scott und Zelda einander geschrieben haben: Lover! – na, das ist doch mal ein Titel!!

„Liebster, bitte, bitte, sei nicht so niedergeschlagen – Bald sind wir verheiratet, und dann ist für immer Schluß mit diesen einsamen Nächten…“ – das sind die ersten Sätze Zeldas vom März 1919. Ich kann mir kaum einen reinziehenderen Anfang vorstellen…

Sommer-Solo mit Telemann

Frühmorgens, beim Gang durch die Wälder, ist das Sommer-Solo plötzlich da. Ich höre die Musik, sehe aber niemanden, der sie spielt.

Es sind aus den Wäldern hervordringende, sich zwischen den Bäumen hindurchschlängelnde Töne, die einen kleinen Raum ausloten: Munter und elegisch zugleich. Umsicht. Verbeugung, Tanz – alles ist darin.

Ich höre weiter und vermute, dass die Musik etwas Freies, Improvisiertes für Flöte-Solo ist.

Später dämmert es mir, und ich erkenne: es war eine Fantasie von Georg Philipp Telemann (1681-1767).

Verbunden mit der Flötistin Dorothee Oberlinger, wünsche ich allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs einen schönen Sonntag – (die zwölf Flöten-Fantasien von Telemann gibt es auch als CD, ein Sommer-Ereignis…, sage ich mal…, und empfehle diese CD für Solo-Stunden…)

Treue

In den fünfziger Jahren lebte ich eine Zeitlang in Wuppertal. Damals entstand dort aus dem Zusammenschluss zweier älterer Vereine ein neuer Fußballverein: Der Wuppertaler SV. Vom ersten Moment seiner Gründung im Jahr 1954 an (dem Jahr der Weltmeisterschaft in der Schweiz, wo die deutsche Mannschaft sehr überraschend Weltmeister wurde) war ich ein begeisterter Anhänger.

In der Nähe der elterlichen Wohnung gab es einen Fußballplatz, den Freudenberg, wo die Mannschaft dann und wann trainierte. Ich schaute mir das Training häufig an und wurde schließlich sogar selbst ein Fußballspieler und Mitglied der Jugendmannschaft des WSV.

Es waren die wenigen Jahre meines Lebens, in denen ich intensiv „Sport trieb“. Mehrmals in der Woche Training: langlaufen, Kondition „tanken“, schneller werden.

Als wir Wuppertal verließen, hörte ich damit auf. Was aber bis heute blieb, ist eine nicht zu erschütternde Anhänglichkeit an meinen Fußballverein. Mehrere Jahrzehnte habe ich die Spiele Woche für Woche fast immer aus der Ferne verfolgt und alle Höhenflüge und Abstürze mitgemacht.

Daran denke ich heute, denn heute ist Saisonbeginn der Regionalliga West, und mein Verein spielt zu Hause im Stadion am Zoo gegen Rot-Weiß-Ahlen. Anpfiff ist gegen 14 Uhr, ich werde (weiter aus der Ferne) mitfühlend, miterlebend „dabei sein“.

Ein Moment der Tour de France

In der gestrigen, 18. Etappe der Tour de France wurde die große Rundfahrt entschieden. Zwei Fahrer kämpften um den Sieg, der Däne Jonas Vingegaard und der Slowene Tadej Pogacar.

Während einer schnellen Abfahrt gerieten beide in gefährliche Situationen, der Slowene stürzte sogar und musste seinem Kontrahenten hinterher fahren. Der hätte sich mühelos absetzen und einen Vorsprung herausfahren können.

Tat er aber nicht. Vingegaard verlangsamte und wartete auf Pogacar, die beiden gaben sich kurz die Hand und setzten die Fahrt fort.

Was für ein fairer, unvergesslicher Moment!

Hier eine Zusammenfassung der dramatischen Etappe:

https://www.youtube.com/watch?v=pvM4XDhNMXs

Venezianische Hitze 2 -100 Wörter Venezianisch

Herr Ortheil?! – Hören Sie mich? Was machen Sie da im Schatten? – Ich horche und lausche. – Und auf was? – Auf venezianische Wörter, auf Wörter im venezianischen Dialekt. Sie schwirren zwischen den Rii, in den stillen Dunkelzonen, umher, dringen aus den geöffneten Fenstern und vermehren sich heimlich, sie haben etwas Ansteckendes. Die Einheimischen halten an ihnen fest und verständigen sich damit untereinander. Carlo Goldoni, der venezianische Hausdichter, hat das Venezianische den „weichsten und angenehmsten von allen italienischen Dialekten“ genannt: „Die Aussprache ist klar, fein, leicht.“ Und er hat recht, das Venezianische ist das schönste Italienisch überhaupt. – Notieren Sie venezianische Wörter? – Ja, das auch, aber vor allem lese ich gerade in dem wunderbaren Buch von Danilo Reato (100 Wörter Venezianisch, übersetzt von Ursula Sharma, Edition Bonn-Venedig 2021). – Was ist daran so wunderbar? – Die 100 venezianischen Wörter werden als kulturgeschichtliche Begriffe verstanden. Also geht es um die Herleitung ihrer Herkunft, aber auch um die Geschichte der Dinge, Personen, Speisen und Ereignisse, die sie bezeichnen. Jedes Wort generiert einen Artikel, dazu gibt es meist eine Abbildung und schließlich noch Literaturhinweise zum Weiterlesen. Unter fast jedem Artikel! Das liest sich sehr anregend, die Details der venezianischen Welten öffnen sich auf frische, neue Weise, von den Zacken des Gondelschnabels bis zu den Schnäbeln der Königsmöven, der Spazzini del mare (Straßenfegern des Meeres). Ein enormer Genuss! – Wollen Sie noch ein Beispiel nennen? – Ach, eine Auswahl fällt schwer. Man sollte dieses Buch langsam lesen, in Bruchstücken, wie rare und konzentrierte Kost. Schon bald wird es einen nach Venedig locken, etwa zu den frutaròli, den Obsthändlern, die ihre Ware am Rialto, aber auch auf zwei legendären Booten im Sestiere Dorsoduro und im Sestiere Castello, verkaufen. Manchmal verwandeln sie sich in herbaroli (Gemüsehändler) oder in naranzeri (Zitrusfrüchteverkäufer), die ihre Kundinnen und Kunden oft so burschikos anreden wie Kölner Köbesse ihre Gäste. – Was sagen sie denn so? – Sie verwenden das  kleine Füllwort ciò, was soviel bedeuten kann wie: eh!…los!..Ciò ist ein Ausruf des Erstaunens, auf den eine kleine Beobachtung oder Empfehlung folgt. – Ciò, Herr Ortheil, was machen Sie da im Schatten?! Wäre das typisch venezianisch? – Ja oder noch besser: Ciò, varda chi si vede! – Und das heißt? – Schau mal an, wen man da sieht…!

Einladung zu einer Lesung in München

Liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs,

am kommenden Mittwoch (20.7.2022), 19 Uhr, stelle ich in der Katholischen Akademie Bayern (Mandlstr. 23, in 80802 München) meine Bücher Ombra und Ein Kosmos der Schrift vor.

Nach der Lesung unterhalte ich mich mit dem Theologen Prof. Dr. Erich Garhammer, der ein exzellenter Kenner der deutschen Gegenwartsliteratur ist und über ihre Themen und Stoffe viel veröffentlicht hat (wie z.B. ein Theo-poetisches ABC).

Ich lade Sie herzlich zu dieser ganz besonderen Lesung ein. Ein sommerliches Wochenende wünsche ich Ihnen!

Rom am Rhein – eine Sommerfreude

Es gibt keine deutsche Stadt, in der die jahrtausendealte römische Vergangenheit in Dokumenten, Kunstwerken, Museen und Ausstellungen noch so gegenwärtig ist wie in Köln. Ihr alter lateinischer Name (Colonia Claudia Ara Agrippinensium) verweist auf ihre Gründung durch Kaiser Claudius, der seine in Köln geborene Frau Agrippina in den Gründungsnamen einbezog.

Ich erinnere mich gut an Schulzeiten, in denen diese römische Vergangenheit eine große Rolle spielte, im Unterricht, aber auch in der kindlichen Freizeit, als wir Kinder zum Beispiel im Karneval vor allem römische Kostüme trugen und uns aufführten wie elegante Römer, die am Rhein eine Stadtvilla besaßen, auf den Fluss schauten und Handel trieben.

Bis zum 9.10.2022 kann man die Schönheiten dieser großen Vergangenheit (auf die jeder wahre Kölner noch etwas stolz ist) in einer Ausstellung (Rom am Rhein) im Kulturzentrum am Neumarkt studieren. Ich empfehle einen sommerlichen Besuch in den gut temperierten Räumen und ein langes Abtauchen in die Dunkelheit, wo die ausgestellten Funde leuchten, dass es eine Freude ist.

Und ich empfehle, einen Besuch in dem italienischen Ristorante Luciano in der Marzellenstraße 68-70 anzuschließen, wo die Gäste (man sollte vorher einen Tisch draußen, im Freien, reservieren) bei Verzehr eines Gerichtes mein Buch Rom. Eine Ekstase als Geschenk erhalten. (Na, wenn das kein passendes Angebot ist…)